Die moderaten Taliban?

Spurensuche Afghanistan Am Hindukusch bricht ein neues Zeitalter an, Trump steht als Held da, man geht mit Frauen pfleglicher um als vor 20 Jahren und die Chinesen haben einen Fuß in der Tür.
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Dass man Afghanistan nicht dauerhaft besetzen kann, weiß jeder strategische Lehnstuhlgeneral und das gilt auch dann, wenn die ferngesteuerten Neocons der Bush-Junta es nicht wussten.

Entsprechend war das Bestreben des Präsidenten Trump, die amerikanischen Truppen abzuziehen, natürlich richtig oder doch zumindest vom Grundsatz her nachvollziehbar. Darüber verhandelte er, auch mit den Taliban. Man kam zu einem Ergebnis.

Doch was aus Sicht der Amerikaner an sich richtig war, demoralisierte jene Afghanen, die im Dienst ihres clownesk-kleptokratischen Marionettenregimes standen.

Biden hätte Trumps Verhandlungsergebnis revidieren, es "kündigen" können und natürlich tat er es nicht. Man hätte ihm zu Recht vorgeworfen, auf ungewinnbarem Gebiet als unversöhnlicher Eskalator und Kriegstreiber in einem geschundenen Land zu agieren.

Also zog "der Westen" seine Truppen ab und ließ seine Kasperregierung allein, die natürlich sofort implodierte. Warum? Sie war unafghanisch, den inszenierten Werten nach (99% befürworten die Scharia) wie auch der Form (eine narrische Republik (!), wo Loya Jirga und Stämme herrschen), sie war im Banana-Republic-James-Bond-Bösewicht-Style korrupt (der frühere Präsident Ghani ist inzwischen mit einem Hubschrauber voller Geld in den Emiraten gelandet, über 150 Millionen Dollar hat er unterschlagen, gewiss auch die 2 Millionen Zuschuss aus der goldigen BRD für Genderprojekte) und vor allem sind jene Regimesoldaten, die nur einen Job machten wie sie in Chicago Pizza ausgefahren hätten und die Taliban - Landsleute. Die Fremden sind raus, die Regierung offen lächerlich - warum also aufeinander schießen?

Entsprechend tat man es nicht.

Dass der westliche Blutimperialismus fest an seine eigene Propaganda glaubte, änderte am Ergebnis exakt gar nichts, denn auf dem Boden der Wirklichkeit zählen Tatsachen, kein hohles Winselgesäusel von Menschenrechten und Demokratie, mit dem man sich selbst zu Hause am steilsten hinter die Fichte führt.

Nun werden die Taliban ein paar Verräter richten; das wird häßlich, doch auch weitgehend symbolisch bleiben, denn sie haben - natürlich - eine Generalamnestie ausgesprochen.

Im Allgemeinen wird diese Talibanregierung moderater - oder "moderater" - als die letzte vor 2001, und das meine ich unabhängig von der Dicke der Anführungszeichen, die Sie frei bestimmen mögen, durchaus Ernst.

Damals war man isolationistisch, nun wollen die Taliban ein Teil der Welt sein. Sie signalisieren Interesse an einem Pakt mit China - das binnen Stunden über sein Außenministerium (!) zusagt in Richtung der bösen Terroristen, die den halben Weg zu Politikern zurückgelegt haben. Was man schon daran sieht, dass man neuerdings mit ihnen verhandeln kann. Trump in den großen Linien, durchaus gekonnt, auch wenn die deutsche Presse das Gegenteil schreibt, Biden in der Umsetzung, sehr holprig zwar, aber es klappt ja bisher, dass die Taliban nicht auf den Flughafen schießen.

Auch wollen die Taliban nicht allein regieren, das würde aus ethnischen Gründen - sie sind wesentlich Paschtunen - dazu führen, dass im Norden wieder eine Allianz aus Usbeken und Tadschiken entsteht (die frühere Nordallianz von Dostum und Massoud) und der Krieg wieder ausbricht. Ob das gelingt? Zweifelhaft. Der Sohn des großen Massoud ist im Pandschirtal unterwegs und wird in westlichen Medien, natürlich, gefeiert. Ob er das Format seines Vaters hat, wird sich zeigen.

Auch schleift man Frauen nicht mehr in Ketten zum Erschießen, weil die Burqa verrutscht war, sie sollen ein paar Rechte erhalten. Dass es überall auf der Welt (viel) mehr sind, ändert nichts daran, dass Fortschritt immer Richtung bedeutet.

Die Taliban waren schon unsympathischer, auch wenn das keiner versteht.

21:48 18.08.2021
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Geschrieben von

Pilsold

Pilsold der Schalker
Pilsold

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