Pipi

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RE: Vorsicht, kein Nachruf! | 14.04.2012 | 05:29

Eine Show für die zu machen, “die mit ihm alt werden“, hätte vorausgesetzt, dass Schmidt menschlich gereift wäre. Das hat Zyniker Schmidt, der aussichtslos versuchte, zu seinem Jugend-Quatsch als “Dirty Harry“ zurückzukehren, leider verpasst. Zumal Zynismus sowieso jegliche Reife und Reifung durchkreuzt. So ist mir leider auch völlig entgangen, was denn der -Zitat- “Bildungsroman“ Schmidts gewesen sein soll, an dem Zuschauer hätten teilhaben sollen. Bildung ist wesentlich Persönlichkeitsbildung, dafür taugt Zyniker Schmidt ja schon mal garnicht als Vorbild und “Rule Model". Insofern ist seine TV-Karriere Opfer seines eigenen Zynismus geworden - der hat ihn menschlich und in der Folge künstlerisch leider aus der Bahn geworfen.

RE: Vorsicht, kein Nachruf! | 05.04.2012 | 23:31

@Michael Angele Comment I: Könnte was dran sein. Die Shows sind zwar nicht besser geworden, aber der kaltschnäuzig-abgestumpfte Zynismus (insbesondere im vorbereiteten Standup) ist ja z.T. noch der selbe wie früher. Nur das Publikum hat sich mittlerweile offenbar weiterentwickelt und nimmt diesen betont gleichgültigen Zynismus viel weniger an als noch vor einigen Jahren. Schmidt hat zu seinen Hochzeiten als eine seiner bekannten witzigen Losungen mal rausgehauen “Nach der Ironie kommt das Pathos“. Das Pathos muss es zwar nicht gleich sein, mehr Ernst und Ernsthaftigkeit aber “vielleicht“ schon, vielleicht auch etwas mehr Echtheit, Herz und Aufrichtigkeit. Also lauter Eigenschaften, die der zynisch-kalten Kunstfigur Schmidt weitgehend abgehen (“Gefühl ekelt mich.“). Schmidt wäre damit nicht nur kulturell in der vergnügungsbesoffenen wie zynischen Spaßgesellschaft der 90er/00er Jahre stehen- und zurückgeblieben, sondern zugleich auch menschlich und mental. Das zynische Kunstprinzip Schmidts hat sich - auch wegen der viel größer gewordenen angehäuften gesellschaftlichen Probleme - m.M weitgehend überholt und überlebt und wirkt wegen dieser tiefer liegenden Ursachen auf viele nur noch abgestanden und immer weniger inspirierend.

RE: Vorsicht, kein Nachruf! | 05.04.2012 | 20:20

Gründe für den m.M. weit fortgeschrittenen Niedergang Harald Schmidts gibt es viele. Einen Hauptgrund sehe ich in der Unproduktivität und ja auch im Artikel kurz angeschnittenen Kälte seines Zynismus. Zynismus ist ja, habe ich auch verschiedentlich gelesen, bereits eine Art Kapitulation. Man findet alles, vermutlich zuallererst sich selbst, beschi**en - will aber trotzdem leben. Also macht sich der Zyniker wenigstens eine Lebensfreude und Lebenssinn daraus, alles um sich herum zu verspotten und anzuschwärzen. Der Zyniker will nichts - nichts über sein Einkommen hinaus schaffen, nichts bewirken, niemanden aufbauen, niemanden anregen - er will nur eins: entlarven, beschmutzen und anschwärzen und sich damit selbst hervortun. Solch begrenzter künstlerischer Anspruch gerät schnell an die Grenzen seiner Möglichkeiten. Der genaue Beobachter konnte eigentlich schon zur Zeit kurz vor seiner Kreativpause 2003 zunehmende Auszehrung seiner Kreativität spüren. Harald Schmidt hat danach trotz einiger weiterer Kabinettstückchen im Prinzip nur noch vom Restkapital einstigen künstlerischen Vermögens und von alten Meriten gezehrt. Dieses künstlerische “Kapital“ ist nach fast zehn Jahren unentwegter Kapitalentnahme weitgehend aufgezehrt - aber leider kein neues hinzugekommen.
Einen Unterschied zu früher hat heute ein Autor der Augsburger Allgemeinen ganz gut umschrieben: Schmidt wurde vom Ironiker zum Zyniker. www.augsburger-allgemeine.de/meinung/Kommentare/Sie-sind-nicht-nur-Opfer-der-Quote-id19509861.html
War er früher ein geschliffener, gelegentlich auch zynischer Ironiker mit vielzitierten Sottisen, ist er heute ein fader Brachialzyniker mit z.T. plattesten Flachwitzen, Zoten und mit origineller Ironie nur noch in Spurenmengen.

Sein Zynismus machte auch ein weiteres Hauptmanko, bzw. er wurde als zwei Seiten einer Medaille auch zum Zyniker wg. diesem Manko: HS ist fast ausschließlich Verspotter Anderer und so gut wie unfähig, etwas Eigenes allein für sich und für ihn selbst Stehendes zu schaffen. So bezeichnete er sich selbst auch mal als völlig unfähig, neue Fernsehkonzepte zu entwickeln. Harald Schmidt steht fast ausschließlich - und das in der Regel höchst aufreizend und aggressiv - gegen Andere aber kaum für sich selbst und für etwas Eigenes von sich selbst. HS hat das Fernsehen mit vielen seiner Mätzchen nach Strich und Faden demontiert, “dekonstruiert“, viele seiner Formen großteils aufgelöst, konnte aber selbst wenig Eigenes mit diesem Medium anstellen. Man kann es ganz einfach auch so auf den Punkt bringen: Schmidt kann nur zerstören, aber leider nichts eigenes Neues aufbauen.
Dieser zynische “Anspruch“ gepaart mit eigenem schöpferischem Unvermögen im Entertainment-Bereich ist jetzt und eigentlich schon lange absehbar endgültig ans Ende seiner Möglichkeiten gekommen und kann damit auch immer weniger Zuschauer anziehen. Dass Schmidt sich mit diesen Defiziten überhaupt so lange im Fernsehen halten konnte, hat er seiner glänzenden Rhetorik und abgebrühten Kaltschnäuzigkeit zu verdanken, mit denen er über diese Schwachstellen großteils auch gut hinwegtäuschen konnte. Diese gute Rhetorik mit viel Wind um wenig bis nichts trägt nur leider immer weniger, wenn immer weniger Substanz dahintersteckt und die rhetorische Fassade quasi kurz vor vorm Einsturz steht.

RE: Finden, nicht ­suchen | 07.01.2011 | 17:25

Facebook in seiner Relevanz und seinem Gewicht auf eine Stufe mit Google stellen zu wollen, halte ich für einen Witz. Es frage sich jeder, der die derzeit heiße Luft um Facebook mit aufbläst, ob er nicht zugleich auch Google nutzt und das in welchem Ausmaß.
Bei den hohen finanziellen Beteiligungen an Facebook handelt es sich um Gewinnerwartungen in die Zukunft und nicht um bereits realisierte Gewinne.
Mir sind der Hype um und die hohen Erwartungen in Facebook ziemlich rätselhaft. Facebook ist in seinem Network-Zweck m.M. viel zu speziell, um in seiner Bedeutung und seinem Gewicht im Internet jemals mit einem viel allgemeineren, universellen Such-Riesen Google gleichziehen zu können.
Der Unterschied zwischen Google und Facebook ist, es gibt viel weniger Nutzer, die Google nicht nutzen als Nutzer, die Facebook nicht nutzen. Ein universelles offenes Suchgerät wie Google (ge-)brauchen (fast) alle, einen abgeschlossenen Kasten wie Facebook brauchen längst nicht alle. Fängt bereits damit an, dass der Zugang zu Google ein viel einfacherer ist. Bei Facebook muß man sich anmelden, bei Google nicht. Außerdem ist der Zweck Googles ein viel umfassenderer. Etwas suchen zu können im Internet (Web, Branchenadressen, Landkarten, Fotos, Straßenfotos, Videos, Blogs, News, Foren usw.) plus die unzähligen Tools von Google braucht fast jeder, ein Netzwerk braucht längst nicht jeder. Ich verstehe den Hype um ein schwer durchschaubares, viel schwerer zugängliches und noch recht unausgereift wirkendes Labyrinth wie Facebook überhaupt nicht. Erschwerend kommt hinzu der allgemeine internationale Fokus des Networks und die geringe Ausrichtung auf nationale Eigenheiten. Hat Facebook wie Google überhaupt schon eine nennenswerte Filiale in Deutschland?
Ich lasse mich gerade von Internetentwicklungen gerne eines besseren belehren, zumal das bei mir schon paar mal passiert ist. Aber Facebook steht, wenn es denn jemals ganz große Brötchen im Internet backen sollte, noch ziemlich am Anfang. Von Google gibt es bereits ein riesiges gewinnbringendes "Backimperium" im Netz, das ungefähr im Wochentakt neue wegweisende Anwendungen und Projekte ankündigt (wie zuletzt den Google-Kiosk oder Funkpayment per Android).

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 27.02.2010 | 12:47

Die von mir gewünschte funktionalere Informationsverarbeitung ist im übrigen auch im Interesse der Autoren, wenn man ihnen unterstellt, dass sie gelesen und verstanden werden wollen. Was nützt es, wenn man riesige Textwüsten mangels Leserlichkeit angesichts der Textmengen im Internet nur noch vage überfliegen kann oder gleich ungelesen wegklicken muß.

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 27.02.2010 | 12:30

Die "Welt der Funktionalitäten" ist keine neue Welt, sondern gibt es, seit es Medien und sämtliche andere Gerätschaften gibt. Auch die raschelnde Papierzeitung hat Funktionen und Funktionalitäten, leider viel geringere als das Internet. Wodurch sie jetzt überhaupt nur in Bedrängnis gerät.
"Fettdruck der wichtigsten Kernpunkte und Stichworte, mehr Stichpunkte, Heraushebungen und Strukturen", eine schnelle und funktionale Informationsverarbeitung sind im Internet viel nötiger, weil im Internet viel mehr Texte verfügbar sind. Also auch im Interesse von Onlinemedien selbst, um überhaupt noch gelesen und nachgefragt zu werden.

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 26.02.2010 | 18:21

Platte und Kassette und auch nichtdigitale Fotoapparate sind heute bereits weitgehend überflüssig. Platte und Kassette nur noch was für Liebhaber, Sammler und Archivare, manuelle Fotodingens ebenfalls noch was für Liebhaber und einige Profis. Beim gedruckten Buch wird man das noch abwarten müssen. Dass wird ebenfalls an den neuen Qualitäten und Vorteilen von E-Books liegen. Gruslig? - Nur in Übergangszeiten, wo viele Leute noch mit den Vorgängermedien aufgewachsen und groß geworden sind. Die heutige Jugend saugt das Internet mit der Muttermilch auf, spätere Generationen vielleicht auch E-Books.

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 26.02.2010 | 13:12

Die Atmosphäre eines Mediums und deren Wertschätzung ist viel mehr mit dessen Funktionalität verbunden, wenn nicht gar weitgehend von ihr abhängig, als man allgemeinhin, auch der Autor denkt. Mit besseren Funktionalitäten neuer Medien schwindet auch die Wertschätzung der Atmosphäre früherer Medien, die von jenen neuen Medien verdrängt werden. Wenn man sich online besser, schneller und mehr an Informationen "ernähren" kann, schwindet auch der ästhetische Nährwert des Zeitungsraschelns schnell.
Wobei ich gerne einräume, dass Onlinenews in ihren Funktionalitäten und Formen noch in ihren Anfängen stecken und der weitgehende Übergang von Print zu Online längere Zeit, m.M. noch mindestens zehn Jahre braucht.

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 26.02.2010 | 11:47

So eisig finde ich meine Mediennutzung am PC garnicht. Der Vorteil des heimeligen wie mobilen Geklickers und Geklackers ist schließlich, er schafft mir die gesamte Informationswelt dieses Globus' ins Haus, inklusive des gesamten Journalismus der Welt. Dieser millionenfach größere Umfang an Informationen und der mit ihm einhergehende u.a. interaktive Informationsvorsprung, schafft eine ganz eigene Atmosphäre, die ich nicht als eisig empfinde. Nur weil etwas, hier der Verbreitungsweg journalistischer Informationen, besser, komplexer, umfangreicher, interaktiver usw. usf. wird, muß man es und seine Nutzer nicht gleich als "eisig" bezeichnen.
Das Internet + PC schafft in der Tat auch ein Gefühl von einer neuen eigenen Atmosphäre, die von ihren Nutzern in den wenigsten Fällen als eisig, sondern als angenehm vielfältig, komplex, universal, schnell, disponibel, anregend, reizvoll usw. empfunden wird.

RE: Die Leiden des Zeitungssüchtigen | 26.02.2010 | 10:29

@Reinard: Einen Artikel wie diesen nachempfinden zu können oder nicht, hat nicht nur was mit dem Alter zu tun, jedenfalls nicht nur was mit dem numerischen. Sagen wir es polemisch: vielleicht auch etwas mit dem geistigen.
Was ich vor allem sagen will: Die Wertschätzung von Artikeln richtet sich vor allem nach dem eigenen Anspruch, den man an sie hat. ICH lese keine Zeitungen, weil ich es toll finde, eine zu ergattern, sie rascheln zu hören oder sonst was für eine Atmosphäre dabei zu verspüren, sondern um mich zu informieren und z.T. auch anregen zu lassen von Kommentaren usw. Dieser meiner Anspruch wird für mich auch mit diesem sentimentalen Geschwa°WArtikel kaum erfüllt.
Wenn man so will, will der Autor des Artikels die Zeitung tatsächlich mit Gefühlen, Atmosphären usw. einer vergangenen Zeit retten. Ich glaube, das KANN im Zuge des stetigen Generationenwechsels langfristig nicht funktionieren.