Gegen den schönen Schein

NEUES TSCHECHISCHES KINO Filme, die das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und den Generationen aufs Korn nehmen

Die tschechische Filmfamilie ist alarmiert. Die Erfolgssträhne, die dem Kinopublikum seit 1994 jährlich um die 20 Spielfilme bescherte und die 1997 mit einem Oskar für Jan Svéraks Kolja bestätigt wurde, ist gerissen. Gerade noch einmal 14 Spielfime wurden im vergangenen Jahr produziert. Die Zahl der Kinobesucher ging spürbar zurück. Schafften vor kurzem noch vier tschechische Filme den Sprung unter die Top Ten, findet sich dort jetzt nur noch ein einziger - auf Platz 9.

Die Jahresproduktion tschechischer Filme, die soeben fast komplett auf dem 34. Internationalen Filmfestival Karlovy Vary gezeigt wurde, wirkte unter diesen Umständen erstaunlich unbeeindruckt, selbstsicher, wenn nicht sogar selbstzufrieden. Die Werke der großen Regisseure enttäuschten nicht, die der jungen begehrten erwartungsgemäß auf. Es fehlten auch nicht die mißglückten Filme, und, im ganzen gesehen, blieb die thematische Kontinuität gewahrt.

Einer der wenigen Gegenwartsfilme sprengte diesen Rahmen. Véra Chytilovß - die bedeutendste unter den tschechischen Filmregisseurinnen - lieferte in ihrem siebzigsten Lebensjahr mit Fallen eine ebenso komische wie zornige Abrechnung mit dem heutigen Geschlechterverhältnis. Der Clou an ihrer Geschichte ist, daß sie eine von zwei erfolgsverwöhnten Männern vergewaltigte Frau nicht als Opfer stehen läßt. Lenka kennt sich in der Veterinärmedizin aus, betäubt die beiden Männer und kastriert sie fachgerecht. Zurück bleiben zwei lächerliche, um ihre Potenz besorgte Gestalten.

Indem Chytilova den Spieß einmal umdreht, gelingt ihr zweierlei. Zum einen kann sie klarmachen, daß selbst eine starke Frau wie Lenka noch lange seelisch und sozial unter den Folgen einer Vergewaltigung leidet. Eine Vergewaltigung endet für das Opfer eben nicht, wie es oft in Filmen zu sehen ist, zusammen mit der Tat. Zum anderen stellt sich die Regisseurin mit dem Film entschieden gegen eine von Männern dominierte Welt, in der Frauen keine echte Chance haben, gehört zu werden. Die Männlichkeit, die sie meint, fängt bei Lenkas Freund an, der ihr großzügig vergibt, was sie erlitten hat, und endet bei den Geschäften, die die Herren der Schöpfung auf Kosten ihrer Mitmenschen und der Umwelt machen.

So erfindungsreich und amüsant auch jede Form der Männlichkeit in dem Film bloßgestellt wird, seine Botschaft ist bitter: Eine Frau wie Lenka landet eher in der Psychiatrie, als ernstgenommen zu werden. Das ist am Ende bestimmt keine leicht verdauliche Kost, aber vielleicht ein Stück der unverdaulichen Wahrheit.

Um Wahrheiten ganz anderer Art geht es bei den im tschechischen Kino beliebten Geschichten vom »kleinen Mann«, die in diesem Jahr gleich mehrfach bedient wurden. Daß der Titel des gelungensten Beitrags Pelisky etwa mit »Unser gemütliches Nest« nur annähernd zu übersetzen ist, trifft den Kern des Films. Der 32jährige Regisseur Jan HrŠebejk ist nämlich dem Bild auf der Spur, das sich die tschechische Familie gerne von sich selbst machen würde.

Unter einem Dach vereint, leben und streiten in der traumareichen Zeit 1967/68 die Sebeks und die Krauses; das heißt vor allem die jeweiligen Oberhäupter der beiden Familien, ist doch der eine ein linientreuer Offizier und der andere ein verbohrter ehemaliger Widerstandskämpfer mit christlichen Ambitionen. Nun ist weder diese Gegenüberstellung noch das Haus als verbindender Ort besonders originell. Was den Film hervorhebt, ist die Liebe, mit der die Autoren diese Gestalten entwickeln und ihnen mitsamt ihrer Verrücktheiten eine menschliche Dimension zu geben verstehen. Es macht einfach Spaß, Hrebejks einfallsreicher Einführung in das tschechische Gefühlsleben zuzuschauen, zumal auch die emotionalen Höhepunkte Weihnachten sowie eine Hochzeit und eine Beerdigung nicht fehlen.

Und trotzdem drängen sich Zweifel am überaus soften Umgang mit der Historie auf. Denn er verwandelt die einschneidenden Erlebnisse, die eine Generation mit dem Prager Frühling 1968 machte, in eine Hintergrundfolie für eine Komödie. Man muß ziemlich abgeklärt - oder so jung wie der Regisseur sein, um diesen milden Blick auf die Vergangenheit zustande zu bringen.

Marek Dobes, ein 28jähriger Journalist, fand im Team mit zwei Kollegen eine ebenso witzige wie auf Anhieb erfolgreiche Kinoantwort auf den Konflikt zwischen den Generationen. In ihrer nur 17minütigen Persi flage Ich war ein junger Intellektueller gerät ein junger Mann auf dem Weg in die Videothek in die Fänge einer Gruppe wilder Intellektueller. Sie saugen ihm wie Vampire das Blut aus den Adern und traktieren ihn mit Hegeliana und anderen Abscheulichkeiten. Im letzten Augenblick vor seiner endgültigen Transformation in einen Intellektuellen kommt ihm sein Popidol wie der leibhaftige Batman zu Hilfe, und er darf wieder seine geliebten Hamburger essen ...

Als Werbefilm für McDonald's will Dobes das Werk freilich nicht verstanden wissen. Dobes: »Es stimmt, der Film soll dem Publikum vor allem Spaß machen. Aber er hat auch eine Botschaft. Ob superintellektuell oder superdumm, alle Extreme sind schlecht.« Hier artikuliert sich eine neue Generation, deren ästhetischer Bezugspunkt längst nicht mehr ausschließlich aus tschechischen Filmen und Stilen besteht. »Meine Generation ist ja nicht mehr unter dieser Glasglocke aufgewachsen. Wir verstehen uns als Teil Europas, der Welt.«

Nicht anders als in Deutschland ist das Fernsehen in Tschechien der mit Abstand größte Filmproduzent. In drei Vierteln aller Spielfilme - die oben genannten eingeschlossen - steckt Fernsehgeld. Von der tschechischen Spielfilmproduktion bliebe ohne das Engagement der öffentlich-rechtlichen und privaten Anbieter nicht viel übrig. Die Kosten eines Films können in dem kleinen Land an der Kinokasse normalerweise nicht wieder eingespielt werden, und der Verkauf von Filmlizenzen ins Ausland ist ein vergleichsweise unsicheres Geschäft.

Das Wohl und Wehe des dokumentarischen Films hängt nach dem Kollaps seines größten Partners Kratky film Praha vollständig vom Fernsehen ab. Das liest sich hierzulande schlimmer, als es tatsächlich ist. Denn das dokumentarische Verständnis der Welt genießt im tschechischen Fernsehen eine ungewöhnlich hohe Wertschätzung. Wo sonst in Europa kann man in einem öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal wie CT 2 fast täglich zur besten Sendezeit abends um acht Uhr Dokumentarisches sehen?

Der Programmpolitik entsprechend, entwickelten sich auf diesem Feld unterdessen eine ganze Reihe von interessanten Fernsehzulieferern, allen voran »Febio« und »Film Soziologie«. Selbst die berühmte Prager Filmhochschule FAMU findet sich darunter. Die Frage, wohin sich der dokumentarische Film samt seinem Publikum in dieser Konstellation entwickelt, ist offen. Auf die Antwort warten wir umso gespannter, als ARD und ZDF die dokumentarischen Filme inzwischen auf schlechte Programmplätze nach 23 Uhr verbannt haben, sie wie ungeliebte Kinder geradezu verstecken und glauben, damit ganz auf der Höhe der Zeit zu sein.

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