Krallen am Arm

Grossbritannien Die muslimische Community wehrt sich gegen den Generalverdacht, unter dem sie seit den U-Bahn-Attentaten vom Juli steht

Direkt neben der Metro-Station Finsbury Park in Nordlondon, wo die Gleise der Vorortbahn die Seven Sisters Road überqueren, steht etwas zurück gesetzt der verschachtelte Komplex des Muslim Welfare Houses. Links das dreistöckige Bürogebäude, dahinter die Gebetshalle, am Ende des Hofes ein großer Bau, in dem die Bibliothek untergebracht ist, rechts die Bahnlinie.

Es ist Freitag, 17 Uhr, und wieder hasten Hunderte in Richtung Halle. "It´s prayer time", Gebetsstunde, sagt einer, der heute schon drei Mal hier war und durch das grün gestrichene Eingangstor tritt. Dort hängt seit Wochen ein Plakat mit dem Spruch "Not in Our Name!". Der Slogan ist durch die stürmische Bewegung gegen den Irak-Krieg bekannt geworden. Hier bezieht er sich allerdings nicht auf den britischen Anteil am US-Feldzug, sondern auf die Bomben von London; unterzeichnet haben ihn 74 muslimische Organisationen.

Von der Yellow Press geliebt

Vom Muslim Welfare House am Finsbury Park, einer der größten gemeinnützigen Einrichtungen für Muslime in England, haben die meisten Londoner noch nie gehört - die Finsbury-Park-Moschee schräg gegenüber hingegen kennen alle, sie war eine Art Asyl für Abu Hamza, einen der berühmtesten "Hassprediger", den die Boulevardpresse über alles liebte, weil er sämtliche Klischees bediente. Er wetterte gegen die Ungläubigen, sprach öffentlich von Gewalt, blickte mit seinem Glasauge starr in die Kameras und war für die Metallkrallen am rechten Unterarm bekannt (die Hand hatte er angeblich in Afghanistan verloren). Das perfekte Ebenbild des Bösen. "Es gab Zeiten, da wurde die Finsbury-Park-Moschee von den Weltmedien regelrecht belagert", sagt Moadh Kheriji. "Zu uns kamen nur Reporter, die sich verirrt hatten. Wir interessierten sie nicht."

Moadh Kheriji ist Programm-Manager des Muslim Welfare Houses, das vor 30 Jahren gegründet wurde und anfangs nur als religiöses Zentrum diente. Mittlerweile ist es auch Volkshochschule und Konsultationspunkt für viele, die Hilfe bei der Arbeitssuche oder bei Behördengängen brauchen und das Angebot an Sprach-, Computer- oder Kochkursen schätzen. Das Haus kooperiert mit der Stadt wie mit der Polizei, es wird größtenteils von der öffentlichen Hand finanziert und von Menschen aus 15 Ländern genutzt. "Wir wollen Brücken schlagen", versichert Kheriji, der aus Tunesien stammt, "laden Nichtmuslime ein, bieten ein Refugium." Das können nach den Bomben vom 7. Juli, den fehlgeschlagenen Attentaten vom 21. Juli und der Hetze des Medien-Mobs viele Muslime gebrauchen. "Wir tun, was eigentlich alle Moscheen tun sollten", sagt Kheriji. "Weder isolieren wir uns, noch wollen wir die Not um uns herum ignorieren. Wer den Nachbarn hungern lässt, während er isst, kommt nicht ins Paradies, heißt es im Koran."

Jahrelang habe Abu Hamza die Finsbury-Park-Moschee dominiert, aber bestenfalls 50 Menschen seien erschienen, um seine Predigten zu hören. "In dieser Zeit mussten wir im Muslim House freitags zwei Gottesdienste hintereinander abhalten, weil in der Gebetshalle und auf dem Hof nur Platz für 1.000 Gläubige ist. Es war eine Abstimmung mit den Füssen", erinnert sich Kheriji.

"Wir als Muslime haben diese Extremisten verjagt, nicht die Polizei", lässt Ihtisham Hibatullah, Sprecher der Muslim Association of Britain (MAB), keinen Zweifel. Die Vereinigung hat zuletzt oft für Schlagzeilen gesorgt - durch ihr Wort gegen den Irak-Krieg, ihr Zusammengehen mit dem Stop-the-War-Bündnis, die Demonstration am 15. Februar 2003, zu der allein in London über eine Million Menschen kamen, oder eben die Aktion gegen die Abu-Hamza-Anhänger in der Finsbury-Park-Moschee.

Vor etwa sieben Jahren hatte der 1979 aus Ägypten eingewanderte Prediger dieses Gebetshaus okkupiert, indem er sich dort mit ein paar Anhängern festsetzte. Der schwache Aufsichtsrat der Moschee ließ ihn gewähren. Im Unterschied zur katholischen Kirche können im Islam Andersdenkende nicht einfach mit einem Bann belegt werden. Die Polizei stürmte dann zwar Anfang 2003 mit über 1.000 Mann das Gebäude und verhaftete ein paar Männer, musste die aber wenig später wieder freilassen. Erst als die Behörden die muslimische Gemeinschaft um Hilfe baten und Hunderte von Muslimen an einem Freitagmorgen im Februar 2005 die Moschee besetzten und für sich reklamierten, gelang der Coup.

"Nur wir sind in der Lage, etwas zu ändern", glaubt Ihtisham Hibatullah, "aber dazu brauchen wir eine Politik, die unseren Protest ernst nimmt - auch den gegen die Besetzung des Irak." Er kann sich noch gut an ein Treffen mit Bürgermeister Ken Livingstone erinnern, bei dem die Wirkungen des Irak-Krieges auf die Muslime in London besprochen wurden. "Draußen standen junge Leute mit Flugblättern, auf denen stand: Wer an diesem Gespräch teilnimmt, verrät den Islam, weil er mit Nichtmuslimen verhandelt. Wir haben mit den Flugblattverteilern lange gestritten. Sie vertreten extreme Ansichten, aber sie legen keine Bomben." Wer dann?

Nach den Anschlägen vom 7. Juli sind die Muslime in London sichtbar geworden. Jahrzehntelang lebten sie im Schatten, in den heruntergekommenen Vierteln im Osten oder im etwas wohlhabenderen Nordwesten. Nun rücken die Weißen von ihnen ab, beäugen misstrauisch jeden mit dunkler Hautfarbe und Bart, verlassen den U-Bahn-Waggon oder setzen sich lieber neben einen Mitfahrer aus der schwarzen Community, die Anfang der Achtziger - nach Unruhen im Quartier Brixton - ihrerseits unter Generalverdacht stand.

Nach Nordengland verschoben

"Am 8. Juli haben mich plötzlich alle mit anderen Augen angesehen", sagt Ibrahim Jamar, der in Wembley, im Nordwesten Londons, lebt. Seine Eltern sind 1947 (bei der Teilung des indischen Subkontinents) von Indien nach Pakistan geflohen und 1968 nach Britannien ausgewandert. Seit seiner Jugend hat sich der tief religiöse Ingenieur für seine Idee von einem sozial orientierten, offenen Islam eingesetzt. Er war am Kampf um die Finsbury-Moschee beteiligt und scheut keine Fehde mit muslimischen Isolationisten.

Jamar kennt so ziemlich alle Strömungen innerhalb der Community und hat auch gute Verbindungen nach Yorkshire und Leeds. "Die Attentäter vom 7. Juli hatte ich nicht auf dem Radar. Sie kamen einfach aus dem Nichts. Wenn du mit Leuten redest, weißt du, wo sie stehen." Bei den Bombenlegern sei das anders gewesen, sie waren nach außen hin nie engagiert, hatten Jobs, waren allseits geachtete Lehrer wie Mohammad Sidigue Khan, Sportstudenten wie Shehzad Tanweer, gute Schüler wie Hassib Hussain. Sie hatten Frau und Kind wie Germain Lindsay. "Manche werfen uns vor, wir Muslime hätten sie früher ausfindig machen können und seien daher mitschuldig", erzählt Jamar. "Das stimmt nicht. Nicht einmal ihre Eltern und Partner wussten von ihrer Einstellung. Sie sollen bis vor kurzem nicht einmal sonderlich religiös gewesen sein."

Dennoch könnten die vielen Gräben zwischen britischen Muslimen dazu beigetragen haben, dass niemand die Anschläge kommen sah. Die meisten sind aus dem ehemals britisch beherrschten Teil Asiens eingewandert - aus Pakistan, Bangladesch, Indien, Sri Lanka. Aber die Pakistani aus Lahore und Karatschi, den Metropolen des Landes, haben nur wenig gemein mit den Einwanderern aus Mirpur, einer abgelegenen Region im Kaschmirgebiet. Wer von dort stammt - und das sind etwa 70 Prozent der Migranten aus Pakistan - zog anfangs in die pakistanischen Städte und wurde, weil er dort nicht wohlgelitten war, von der Regierung in Islamabad an britische Textilfirmen vermittelt. In Britannien angekommen, wurden die neuen Arbeiter von den Behörden in die schäbigsten Quartiere Nordenglands gepfercht, in denen sie heute noch leben - lange nach dem Kollaps der Textilindustrie. Sie fahren Taxi, betreiben einen Imbiss oder sind arbeitslos.

Anders die indischen Muslime: Sie kamen via Ostafrika, waren in Uganda und Kenia Händler oder Kaufleute. Oder sie nahmen den direkten Weg von Bombay, Uttar Pradesh oder Gujarat, waren allesamt gut ausgebildet und des Englischen mächtig. Die Bangladeschi wiederum haben in etwa die gleiche Geschichte wie die Pakistani im Lebensgepäck.

All diese Muslime definierten sich anfangs über ihre geografische Herkunft - nicht die Religion. Dies änderte sich erst durch einen bizarren Vorgang, der die Migranten einerseits in Verruf brachte, ihnen andererseits zu neuer Identität verhalf: die Salman-Rushdie-Affäre. Rushdie hatte 1988 in einem Kapitel seines Buches Die Satanischen Verse dem Propheten eine Offenbarung Allahs durch den Satan einflüstern lassen - für die Muslime eine grobe Beleidigung. Die iranische Führung verstieg sich zu einem Mordaufruf gegen den Autor. Im nordenglischen Bradford verbrannten Muslime den umstrittenen Roman.

Heute, sagt Ajmal Masroor von der Islamic Society of Britain, würde das nicht wieder passieren. "Die erste Generation der Einwanderer sah keinen anderen Weg, ihren Protest auszudrücken; sie versicherten sich dadurch ihrer Identität." Rückblickend gäben auch so manche der Alten zu, Morddrohung und Bücherverbrennung seien Fehler gewesen. "Sie dachten damals, sie müssten Gott schützen. Heute sagen wir: Nicht Gott muss geschützt werden, sondern der Mensch. Früher verstanden die Muslime in Britannien ihren Glauben als Regelwerk aus Dogmen und Ritualen - heute sehen wir darin eher ein Wertesystem, zu dem auch soziale Verantwortung gehört."

Dieser Wandel hat den Glauben für viele Muslime belebt. Dazu kamen der Afghanistan-Feldzug, der Irak-Krieg, die Unterstützung der israelischen Besatzungspolitik durch den Westen, die Stigmatisierung der Muslime nach dem 11. September 2001. So begreift sich die zweite Generation der südasiatischen Migranten zunehmend als muslimisch - der Glaube, nicht mehr die geografische Herkunft, stiftet ein Gefühl von Identität.

Von Olympia vertrieben

Noch gehört der Londoner Borough Newham zu einem der ärmsten Quartiere der britischen Metropole, der Anteil der weißen Bevölkerung liegt unter 40 Prozent. Doch das dürfte sich bald ändern: Stratford im Norden des Boroughs wird für die Olympischen Spiele 2012 hergerichtet, die Wohnungspreise steigen, die ethnischen Minderheiten werden verdrängt. Das glaubt zumindest Raksha Dattami vom Newham Monitoring Project (NMP), das seit 1981 im Borough die Polizei beobachtet und rassistische Überfälle registriert. "In den vergangenen Jahren hat hier der klassische Rassismus gegen Menschen anderer Hautfarbe nachgelassen. Zudem sind die ethnischen Minderheiten mittlerweile im ganzen Borough präsent, die Menschen kennen ihre Rechte."

Das dürfte sich mit dem ökonomischen Druck, der von den Olympia-Investoren ausgeht, bald ändern. Schon heute wandern Leute ab Richtung Barking, Dagenham und Essex - in Gebiete, die derzeit noch vorwiegend weiß sind. "Der Rassismus zieht gen Osten und nimmt gleichzeitig eine neue Form an, die wir Islamophobie nennen", meint Raksha Dattami, die freilich noch etwas anderes beobachtet: Immer mehr Angehörige anderer Glaubensgemeinschaften rücken von den Muslimen ab, zum Teil aus Selbstschutz. Denn die Übergriffe auf Minderheiten - nach dem 7. Juli stiegen sie um das Fünffache - treffen alle Asiaten, nicht nur Muslime. Die Folge schierer Ignoranz: Ein Teil der weißen Bevölkerung glaubt im Turban der Sikhs das Symbol besonders radikaler Muslime zu erkennen. Und so sieht man Sikhs mit dem Spruch: "Don´t freak, I´m a Sikh!"* auf T-Shirts herumlaufen oder hört sie laut vom Biertrinken reden. Indische Frauen wiederum verlangen beim Metzger demonstrativ nach Schweinefleisch und malen ihr Pottu, den roten Punkt auf der Stirn, auffallend groß. Zugleich entsteht eine neue Front, mittlerweile treten anti-muslimische Asiaten der faschistischen British National Party bei, und unter den Hindus finden chauvinistisch-hinduistische Organisationen wie der Welthindurat VHP oder die indische Volkspartei BJP zunehmend Anhänger mit dem Slogan: Haben wir nicht schon immer vor den Muslimen gewarnt?

* "Flipp nicht aus, ich bin ein Sikh!"


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