Wochenende der langen Messer

Tod und Strafe Großbritannien verliert den Kampf gegen die Jugendkriminalität, weil es auf amerikanische Rezepte setzt

Samstagabend im Ostlondoner Stadtteil Hackney. Shaquille Smith, seine Schwester Tahira und ein Freund sitzen auf einer Parkbank, als sich eine Gruppe Jugendlicher auf Mountainbikes nähert. Es kommt zum Wortwechsel, dann zu einer Rangelei; am Ende liegt Shaquille auf dem Boden. Einer der Velofahrer hat ihm ein Messer in den Bauch gestoßen. Eine Ambulanz bringt die Geschwister ins Krankenhaus; die 16-jährige Tahira hat ebenfalls Stichwunden, doch sie überlebt. Ihr Bruder stirbt noch in der selben Nacht. Er war gerade 14 geworden.

Shaquille Smith ist nicht nur das bis dahin letzte Opfer in einer schier endlosen Serie von Gewalttaten, die Jugendliche an Jugendlichen begehen (am gleichen Wochenende wurde in Liverpool ein 16-Jähriger auf einer Party erstochen) - Shaquille ist auch das jüngste Opfer seit Jahresbeginn. Zumindest in London könnten 2008 mehr Teenager sterben als im Vorjahr mit seinen 27 Toten. Bereits am Neujahrstag war der 18-jährige Henry Bolombi erstochen worden. Fünf Tage später verblutete Faridon Alizada (ebenfalls 18) nach einem Messerstich. Dann starben Boduka Mudianga (18, erstochen), Fuad Buraleh (18, erstochen), Sunday Essiat (15, erstochen), Tung Lee (17, erstochen), Ofiye Nmezu (16, erschlagen), Nicholas Clark (19, erschossen), Amro Elbadawi (14, erstochen) und 14 weitere - die meisten von ihnen afrokaribischer Herkunft und in den Inner-City-Ghettos aufgewachsen. Auch Shaquille Smith, das 25. Opfer, war schwarz.

Für die meisten Medien stand von Anfang an fest, wer für seinen Tod verantwortlich war. Das Boulevardblatt Daily Mail schrieb vom Krieg der Drogengangs, der Daily Mirror wusste von einer "Bandenfehde" und Sky News berichtete, Shaquille Smith sei ins "Kreuzfeuer rivalisierender Gangster" geraten. Fast alle wiederholten das alte Lied von den viel zu nachsichtigen Richtern.

Mit Küchenmessern

"Die These von den Gangs, die Territorialkriege führen, ist völlig abwegig", sagt hingegen Micheal Gordon vom 409-Project im Südlondoner Viertel Brixton. Er arbeitet seit 25 Jahren mit schwarzen Jugendlichen. Eine Gang habe ein gemeinsames Ziel und eine klare Struktur. "Die meisten Jugendlichen bilden lockere Gruppen, weil sie nur so das harte Leben auf der Straße, die Armut, die täglichen Demütigungen verkraften können."

Diese Gruppen, deren Anführer wechseln, seien für die Kids der Ersatz für die Familie, die es oft nicht mehr gebe, und die sich das holen wollten, was ihnen die Gesellschaft versagt: "Etwas Geld für Designerklamotten, Anerkennung und vor allem Respekt." Im letzten Jahr, erzählt der Sozialarbeiter, habe die Regierung eine Liste aller Londoner Gangs publiziert. "Aber viele der dort namentlich Aufgeführten hat es da schon lange nicht mehr gegeben." Gegen die Gang-These spreche auch die Bewaffnung: "Gangs operieren meist mit Schusswaffen. Die kann man hier seit dem Ende der Balkankriege problemlos beschaffen. Ich kann dir innerhalb von zwei Stunden eine Pistole organisieren." Doch in Brixton und anderswo würden die meisten Jugendlichen mit billigeren Waffen getötet - mit Küchenmessern.

Einsperren hilft nicht

Auch eine Studie der Universität Manchester lässt durchblicken, dass Politik und Behörden von völlig falschen Annahmen ausgehen: Die so genannten Gangs seien nicht rigide strukturiert, sondern oft ein lockerer Verbund, dessen Mitglieder durch einen Mix aus bezahlter Arbeit, Sozialhilfe, Gelegenheitsdiebstählen, Cannabisverkauf oder Straßenraub überleben könnten. Hauptursache der Gewalt seien nicht Quartier-Kämpfe, sondern Streitereien innerhalb der Gruppen, bei denen oft der Wunsch nach Anerkennung im Vordergrund stehe. Die Mitglieder der meisten Gruppen seien auch nicht, wie die Polizei annehme, schwarz; sie spiegelten vielmehr die ethnische Melange des Quartiers, in dem sie operieren.

Dennoch geht die Regierung von organisiertem Bandenwesen aus und forciert ihre Law-and-Order-Politik, obwohl die dabei möglichen Sanktionen fast ausgeschöpft sind. Nirgendwo sonst in Westeuropa werden so viele Straftäter eingesperrt wie in Britannien, nirgendwo sonst sitzen so viele Jugendliche in Haft (s. Dossier), nirgendwo sonst werden so viele rückfällig. Selbst Zwölfjährige können verwahrt werden, in besonderen Fällen sogar Zehnjährige.

Doch funktioniert das Allheilmittel Knast offenbar immer weniger - es ist sogar kontraproduktiv, sagt jedenfalls der Kriminologe Rod Morgan, der drei Jahre lang Leiter des Youth Justice Boards war, der für die Jugendkriminalität zuständigen Behörde, und vor einem Jahr aus Protest gegen die Regierungspolitik zurückgetreten ist. Dass heutzutage doppelt so viele Jugendliche eingesperrt würden wie noch vor 15 Jahren, sei "unhaltbar", schrieb Morgan jüngst für die Tageszeitung Independent: "Es gibt doch heute nicht doppelt soviel kriminelle Jugendliche."

Vor 15 Jahren konnten jugendliche Rabauken Jüngeren oder Schwächeren bestenfalls das Fahrgeld für den Bus abnehmen; heute sind es - wie eine Untersuchung der Kriminologin Marian Fitzgerald von der Universität Kent ergab - vor allem Handys und MP3-Player. Diese Verbrechen seien ein "Wohlstandssymptom" und Folge des tiefgreifenden Wandels in der britischen Gesellschaft seit dem deindustrialisierenden Kahlschlag unter Margaret Thatcher in den achtziger Jahren. In der Tat, männliche Jugendliche haben seither die ihnen vorgegebene Rolle als künftige Haupterwerbsperson der Familie verloren und einen Identitätsverlust erlitten - vor allem in Quartieren, wo die Arbeitslosigkeit mittlerweile an die dritte Generation vererbt wird.

Jeder gegen jeden

Randalierende Jugendliche habe es immer schon gegeben, sagt Sozialarbeiter Micheal Gordon, nur die Umstände seien heute andere: die egozentrische "me first"-Kultur des neoliberalen Denkens, das auch unter Labour immer weiter um sich gegriffen habe.Er bietet mit seinen vier Mitarbeitern des 409-Projects Hausbesuche und Lernhilfe für die Kids an, die von der Schule fliegen, er lädt zu Abenteuercamps und Computerkursen - oder will einfach nur da sein: "Wenn jemand beim Klau eines Schokoriegels erwischt wurde, muss man doch herausfinden, warum er das tat: Weil sich die Gelegenheit bot, weil der Gruppenzwang zu groß war? Weil er Hunger hatte?" Man müsse bei den Zehn- bis Zwölfjährigen ansetzen und handeln, bevor die Kids vom Strafsystem zermahlen würden. Früher waren die Streetworker, diese einst allseits gefeierte Form einer basisnahen Sozialarbeit, für den Kontakt mit den Kids zuständig. Es gibt sie kaum mehr - die Jobs wurden aus Budgetgünden gestrichen.

"Präventionsmaßnahmen sind billiger und effektiver als der Strafvollzug mit seiner hohen Rückfallquote", sagt Sinaed Hanks von Smart Justice, einer kleinen Initiative, die für Alternativen zum Strafvollzug wirbt. Das wissen sogar die Opfer. In einer Umfrage - so Hanks - hätten sich über achtzig Prozent der Betroffenen gegen Haftstrafen für straffällige Teenager ausgesprochen und für adäquatere Bestrafungsformen plädiert, Gemeinschaftsarbeit etwa. Auf dem Kontinent sei dieses Mittel längst erprobt. In Britannien hingegen werden solche Optionen "als Schnapsidee von Weicheiern denunziert". Warum? "Der kulturelle Einfluss der USA ist groß, außerdem lassen wir uns vom Ausland ungern was empfehlen, da blitzt immer noch die imperiale Attitüde durch", sagt Hanks.

Auch im Stadtteil Brixton gibt es trotz Micheal Gordons Bemühungen keine schnelle Lösung. Der schwarze Sozialarbeiter kann sich noch gut an den großen Aufruhr von 1981 erinnern: Damals hatten schwarze Jugendliche in tagelangen Straßenschlachten gegen eine überaus rassistische Polizei rebelliert. Auch heute noch werden schwarze Kids sechsmal häufiger von Polizisten angehalten und durchsucht als weiße Jugendliche. Könnte dies wieder zu einem Aufstand führen? "Nein", sagt Gordon, "damals gab es in der Gemeinschaft weitaus mehr Zusammenhalt". Die Jugendlichen seien seinerzeit auch viel politischer gewesen: "Sie hatten einen gemeinsamen Gegner. Heute, und das ist das Schreckliche, sehen sie in sich selbst den Feind."

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