EM 2012 - „Wen interessiert schon Polen?“

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Nur noch 4 Tage bis zur Fußball EM 2012 in Polen und der Ukraine. Während sich die Öffentlichkeit gerade intensiv mit dem Fall des Euro als Währung beschäftigt, hört man über Polen nur, dass die Autobahn Berlin - Warschau nicht rechtzeitig fertig wurde. Ein vergleichender Blick nach Ostwestfalen zeigt, auch hier wurde der Lückenschluss der A33 nicht wie geplant fertig gestellt.

Doch zurück zum Thema: "Wen interessiert schon Polen und was wissen wir über unser Nachbarland?" Lewandowki, Piszczek, Blaszczykowski und Karol Wojtyła dürften den meisten von uns ein Bergriff sein (zumindest den Fußball Freunden), aber wer kennt schon Adam Mickiewicz, Władysław Reymont oder Tadeusz Kościuszko?!

Die in der ehemaligen DDR sozialisierten Leser werden jetzt schmunzeln und sich abermals bestätigt fühlen in ihrer Einschätzung, dass in den alten Bundesländern nicht viel durchgedrungen ist von den Dichtern und Denkern des unmittelbaren Nachbarns Polen. Vielleicht ist es aber nur ein Irrglaube, dass sich das weitläufige Interesse der deutschen Bevölkerung in Richtung Westen richtet und wenn schon Osten, dann dreht es sich meist um das sagenumwobene Russland.

Das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen ist historisch gewachsen durch eine sehr lange kulturelle gemeinsame Geschichte, viele freundschaftliche Beziehungen zwischen Partnerstädten, Schulen und Universitäten zeugen davon. Geographisch liegen diese beiden Nation im Zentrum Europas, was sie in Zukunft noch weiter zusammen schweißen wird, weil beide Länder wirtschaftlich und politisch davon profitieren werden. Polens Wirtschaftswachstum ist unaufhaltsam, seit Jahren steht der Kurs auf Erneuerung der Infrastruktur und das eben oft mit deutschem Know-How. Deutsche Produkte und Firmen sind sehr populär in Polen, weil sie für hochwertige und langlebige Qualität stehen. Doch wie ist die landläufige Meinung in deutschen Landen zu und über Polen, bis auf die unzähligen Polen Witze, die wohl jeder aus seinem Umfeld kennt.

Ich glaube sagen zu können, man weiß recht wenig. Was man schätzt ist die Schönheit der polnischen Frauen und die Krakauer Wurst, doch da ist noch mehr als das. Die schrecklichen Jahre des Zweiten Weltkrieges mit der Ermordung von zig Millionen Polen und die anschließende Vertreibung der Deutschen hat tiefe Spuren in der historischen Wahrnehmung beider Länder hinterlassen. "Wir vergeben und bitten um Vergebung" war das Versöhnungszeichen der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Kollegen im Jahre 1965, der anschließende Kniefall von Willy Brandt in Warschau hat sich symbolisch ins Gedächtnis der polnischen Bevölkerung eingebrannt, als eine Geste der Sühne für das unvorstellbare Leid, welches der ganze Nation widerfahren ist. Man kann gar nicht oft genug unterstreichen, wie wertvoll diese Geste für beide Nationen war.

Was den Polen die Kirche, ist dem Deutschen der Fußball. Wer sich also aufmacht zur EM sollte keine Angst haben, dass er als Deutscher schief beäugt wird, längst sind die großen Städte zu internationalen Touristenschauplätzen mutiert, jedoch mit humanen Preisen ganz im Gegensatz zu Paris oder London. Ein Besuch in unserem östlichen Nachbarland lohnt sich allemal, auf das der Fußball die beiden Völker noch näher zusammenbringt.

Mein Lesetipp: Viva Polonia: als deutscher Gastarbeiter in Polen, Frankfurt am Main 2008.

15:14 04.06.2012
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Geschrieben von

Piotr Kostrz

Anhänger der kritischen Kriminologie
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