RE: Die prekäre Gesellschaft | 17.11.2018 | 17:47

"Diese Last muss man dem Einzelnen nehmen, meine ich."

So sehe ich das auch und dazu gehört einfach, diesen immer größer werdenden Teil in der Gesellschaft zu skandalisieren und die Deutungshoheit derjenigen zu brechen, die von diesen Verhältnissen profitieren.

Diese Verhältnisse als Machtverhältnisse zu demaskieren und die Verlagerung der Risiken unter dem Label der Individualität und Selbstbehauptung zu verkaufen, ist aber bisher ganz gut gelungen, da selbst viele Betroffenen die "Schuld" bei sich selbst suchen, als Ergebnis einer nun etwa 20jährigen Bearbeitung der Köpfe, was denn nun als neuer Standard gelten soll, wenn ein Industriestandort wie Deutschland seine Zukunft zu sichern hat.

Es müssen eben erst genau diese Verhältnisse geschaffen werden, die den Mut, die Risikobereitschaft für Neues zu wagen nicht mit einem tiefen, möglichen Absturz in prekäre Verhältnisse beinhalten, eigentlich ein leicht zu verstehender Zusammenhang.

Übrigens ist es für die Verteidiger dieser Verhältnisse (Kramp Karrenbauer scheint auch dazu zu gehören) ganz wichtig zu betonen, dass wir doch in einem Sozialstaat leben, einem Spzialstaat, der dieses "Gütesigel" längst verloren hat, wie es selbst vom CESCR (Ausschuss zum UN-Sozialpakt) zur sozialen Lage in Deutschland 2018 berichtet wird, darüber im Artikel hier und vielleicht später hier im Detail zu lesen.

RE: „Warum nicht mal eine Wirtschaftsdemokratie?“ | 14.11.2018 | 13:51

Aber nicht doch, das muss man nun doch den "Verlierern" dieser Reformen selbst anlasten, denn die sind offensichtlich nicht flexibel genug gewesen, hatten die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannt und wollen jetzt auch noch all den fleißig Arbeitenden auf der Tasche liegen. So sehen es schon viele der Betroffenen selbst, als Ergebnis einer Art gesellschaftlicher Gehirnwäsche!

Jeder der will findet also auch einen entsprechenden Job, wobei entsprechend natürlich meint, zu den üblichen Bedingungen, wie es halt diesen "Versagern" gemäß ist. Schließlich bekommt man in diesem Leben nichts geschenkt, oder etwa doch?

Selbstverständlich darf man den Blick nicht auf die wahren Verursacher dieser "Übel" richten, denn mit offenen Armen wird empfangen wer entweder mit großem Vermögen behaftet ist oder auch in gleichen Größenordnungen verschuldet. Denn in beiden Fällen lässt sich unter normalen kapitalistischen Verhältnissen bestens das leistungslose Einkommen vermehren.

Wie weit die Verhältnisse mittlerweile gediehen sind, siehe hier.

RE: „Warum nicht mal eine Wirtschaftsdemokratie?“ | 14.11.2018 | 13:35

Im entsprechenden Kommentarfeld zu antworten wäre schon mal sinnvoll.

Es macht wohl wenig Sinn, Ihnen die Ökonomen zu zitieren, die den Aufschwung nicht allein mit den Schröderschen Reformen verbinden. Aber naiv wäre wohl zu erwarten, dass die Initiatoren und Befürworter ausgerechnet andere Ursachen aufführen würden, die ihre in Anspruch genommenen Erfolge schwächen könnten.

Ob Sie einer Ideologie folgen oder nicht, entscheidend ist das was Sie geschrieben hatten. Und verschieben sie ihr Thema daher nicht auf die Linkspartei, das war nämlich kein Inhalt der Kommentare. Sie gewichten offensichtlich die Folgen dieser neoliberalen Arbeitmarktgesetze völlig anders, auch wenn Sie zur "Entlastung" ihr Bedauern ausgedrückt haben.

Hartz IV ist nur ein Element, begleitend müssen weitere Gesetzgebungen aufgeführt werden, die die Arbeitnehmerposition gravierend geschwächt haben und auch die Rente mittlerweile auf ein Nettoniveau von 48% gedrückt hat. Es reicht nun nicht mehr aus, wie am PKW den Katalysator anzusetzen, wenn das eigentliche Problem der Verbrennungsmotor ist.

"Ich habe Verständnis, wenn man Sozialabbau kritisiert."

Wie großzügig von Ihnen, kann es sein, dass sie arbeitgeberseitig unterwegs sind? Ihr positives Resümee deutscher Politik kann nämlich trefflich von jenen gezogen werden, aber auf die Leistungserbringer und die eigentlichen Arbeitgeber trifft das absolut nicht zu. Dafür habe ich jedenfalls kein Verständnis, wer aus statistischen allgemeinen Daten soweit verallgemeinert, als ob es den Deutschen auch im Allgemeinen besser ginge.

Aber da Sie sich auf die positiven Folgen von Hartz IV festgelegt haben und sowohl die Folgen (größter Niedriglohnsektor Europas) und auch die Auswirkungen auf die europäischen Länder ausblenden, dürfte eine Diskussion nicht viel bringen und da kann ich mit ´ner "Filterblase" gut leben.

RE: „Warum nicht mal eine Wirtschaftsdemokratie?“ | 13.11.2018 | 11:45

"Tatsache ist aber, dass die Beschäftigungszahlen steigen und die Arbeitslosigkeit seit Jahren sinkt."

und

"Schröder hat die Wirtschaft durch Sozialabbau und eine Senkung der Arbeitskosten belebt, ein Aderlass, der inzwischen wieder ausgeglichen ist, denn die Reallöhne steigen, (...)

dagegen

"Der Zuwachs an prekären Beschäftigungsverhältnissen ist aber definitiv ein Riesenproblem."

Abgesehen davon, dass Sie dem Mantra der Neoliberalen aufgesessen sind (übrigens in bester Gesellschaft), die den wirtschaftlichen Aufschwung mit den Schröderschen Reformen begründen, sind Sie selbst schon auf der richtigen Spur, aber noch nicht weit genug gegangen.

Denn abgesehen von dem wachsenden gesellschaftlichen Ungleichgewicht zwischen Reichtum und Armut (kalter Kaffee mittlerweile, da bestens belegt), reicht es völlig aus, diesen doch so tollen Boom am Arbeitsmarkt über die Arbeitsmarktstatistik der Bundesagentur für Arbeit selbst zu beleuchten. Und was ergibt sich daraus? Das absolute Volumen der Arbeitsstunden ist nur unwesentlich gestiegen, verteilt sich aber auf deutlich mehr Arbeitnehmer. Die Folgen daraus stimmen mit ihrem dritten Zitat überein. Millionen Arbeitnehmer möchten daher ihre Arbeitszeit aufstocken.

@erfstadtboy hatte es bereits aufgeführt.

Auch wenn für die geringfügigen Jobs alle Sozialversicherungsbeiträge abgeführt werden, ändert das so gut wie nicht an den zu erwartenden Ergebnissen: Altersarmut! Sie scheinen ja ein richtiger Schröderfan zu sein, da Sie so ziemlich alles ausblenden, was dessen Politik (die Grünen dabei sollten aber nicht vergessen werden) für nachteilige Folgen für die Arbeitnehmer verursacht hat und sich mit Hartz IV als zentrales Element zusammenfassen lässt: Deregulierung, Flexibilisierung, Prekarisierung, Eigenverantwortung = Risikoverlagerung. Reformen wurden ihres positiven Inhalts für Arbeitnehmer entkernt und dienen nun als alternativlose Hülse für die neoliberale Politik einer Konkurrenzgesellschaft, die aber nicht mehr im entferntesten mit den Theorien vom idealen Markt übereinstimmt, da die Marktteilnehmer bestimmende und abhängige sind (wobei viele überhaupt keinen Zugang mehr zum Markt haben, da bedürftig).

Was die Staatseinnahmen betrifft, auch da ist dem Schäuble und seinem Nachfolger ein Geschenk gemacht worden, dass ihnen zur schwarzen Null verholfen hat, nämlich die Niedrigzinspolitik der EZB. Deutsche Staatsverschuldungen sind zeitweise mit Negativzinsen verkauft worden und die Einsparungen für den Staatshaushalt sind gewaltig, siehe hier. Der Trend setzt sich immer noch fort.

Es ist nicht alles Gold was glänzt.

RE: „Warum nicht mal eine Wirtschaftsdemokratie?“ | 10.11.2018 | 11:43

Mein Aufhänger war der der "Pseudo-Altruisten im linken Spektrum", wenn auch mit Fragezeichen versehen.

Dagegen ein kleines Gedankenspiel gesetzt, wie auch mit systemimmanenten Mitteln das System "entschärft" werden könnte und über einen längeren Zeitraum zu transformieren.

Die Kommunisten meinten es nur über die Partei lösen zu können und sind in der Gewalt stecken geblieben. Auch wenn es da viele gegeben hat, die es sich anders vorgestellt hatten.

Worauf ich hinaus will ist folgendes: Revolutionen sind unkontrollierbar, kommen ohne Gewalt wohl nicht aus und enden in Zuständen, die so nicht gedacht waren. Das kann keiner mit klarem Verstand wollen, es sei denn er oder sie befindet sich in einem so hoffnungslosen Zustand, dass keine anderen Wege offen stehen (oder gesehen werden).

Gesellschaftliche Veränderungen, die politisch generiert wurden (aufgrund von Lobbyismus und Ideologien) haben über längere Zeiträume betrachtet Auswirkungen, die revolutionären Ergebnissen gleichen können, nur wird es so weder empfunden und nur selten gesehen. Man betrachte in Deutschland nur die Verschlechterung in der Sozialgesetzgebung und die einseitigen "Geschenke" an das Kapital und die Vermögenden. Wären diese Gesetzesänderungen, beginnend in den 70ern, sagen wir innerhalb eines Jahres beschlossen worden, hätte das niemals so umgesetzt werden können.

"Richtiges Leben im Falschen" wäre nur dann falsch, wenn man vergessen würde, dass es sich hier um einen Transformationsprozess handelt, innerhalb dessen möglichst alle Faktoren zu identifizieren und zu überwinden sind (zumindest einhegen), die zu Abhängigkeiten, Entmündigung und Entdemokratisierung führen, sodass die heutigen Paradigmen, die als unhinterfragbar gesetzt wurden (wenn auch im GG abgeschwächt, da keine Wirtschaftsordnung vorgegeben), als Ideologie und Schutz bestimmter Kapitalinteressen aufrecht erhalten werden.

Es dürfte nicht allzu schwer sein, eine Liste zu erstellen, die genau diese Faktoren benennt, die es zu verändern oder zu beseitigen gilt. Beispiele? Wie @goedzak schreibt, "muss man in keine abstrakte kommunistische Utopie abschieben", was medial den linken Kräften immer mal wieder unterstellt wird und einen Zustand beschreibt, der schon längst nicht mehr vorhanden ist (bis auf wenige Vertreter). Da wären also im ersten Schritt Entprivatisierungen vorzunehmen, die das unmittelbare Leben aller betreffen, also Wohnen, Arbeit, Gesundheit, Pflege, Energie, Nahrung, Verkehr, Bildung und natürlich das ganze Gebilde der Finanzindustrie, um die mir gerade auf der Hand liegenden zu nennen.

Solange aber das dominierende gesellschaftliche Bewusstsein nicht so stark erschüttert werden kann, dass diese Maßnahmen nicht als Gefahr der eigenen Lebensweise betrachtet, sondern als Notwendigkeit zur Zukunftssicherung aller Menschen erkannt wird (bei Beteiligung aller, die daran mitwirken wollen!), wird es bei systemimmanenten "Reparaturen" bleiben", die eine immer größerer Welle ungelöster Probleme vor sich her schiebt und die sich daraus ergebenden Nachteile einem immer größer werdenden Teil der Bevölkerung auflastet.

Daraus ergibt sich entweder der entscheidende Widerstand (je später, desto gravierender die notwendigen Einschnitte) oder die gesellschaftliche Ordnung gleitet weiter ab ins chaotische, unregierbare oder aber autoritäre. Es kann sein, dass es dabei so etwas wie die angenommenen "Kipppunkte" in der Natur gibt (z.B. Klimawandel), die ein zurück in menschlich sinnvollen Zeiträumen kaum (nicht?) mehr möglich macht.

RE: Warum der Klimawandel uns kalt lässt | 09.11.2018 | 22:00

"Die Evolution wird uns am Ende besiegen."

Das wird sie sicher nicht, denn dieser Begriff beschreibt nur rückblickend einen Entwicklungsprozess, der nichts über die Zukunft aussagt und noch weniger eine Zukunft festlegt.

Aber unser Entwicklungsprozess hat eine selbstbeschleunigte Variante erreicht, die entweder in vernünftige Bahnen gelenkt werden kann (also jenseits der blinden Marktprozesse) oder aber zu einer krassen Verschlechterung der ökologischen Verhältnisse führt, die zumindest große Teile der Menschheit betreffen wird und keine menschenwürdigen Lebensbedingungen mehr zulässt.

Es ist also keine Frage der Natur und auch nicht das Sparsamkeitsprinzip einzelner Vernunftdenker (Idealisten), sondern nur die groß angelegte, institutionelle Basis, die das Manko eines kurzfristig denkenden Subjekts überwinden kann. Beides lässt sich aber miteinander verbinden und wiederum in einen sich selbt beschleunigenden Prozess umwandeln, wenn dadurch Erfolge sichtbar werden.

Die Faktoren sind also bekannt, die zu berücksichtigen sind, nur reicht es nicht mehr hin, es nur über die sogenannte grüne Technologie zu ermöglichen, die als neues Allheilmittel verkauft wird.

Ein Beispiel, wie es nicht mehr gehen kann. Die dreckigen Kreuzfahrtschiffe haben ein Verschmutzungsäquivalent von etwa 400.000 Pkw. Laut Bundesumwelt am gibt es davon etwa 300 und 6.500 Passagierschiffe (Stand 2016). Dazu kommen etwa 400.000 Handelsschiffe auf den Weltmeeren. Der Blick auf diese Drecksquellen ist noch nicht lange her, ebenso was die Luftfahrt betrifft. Hier stellt sich also die dringliche Frage, wie sowohl das Wachstum beendet, sowie eine Reduzierung erreicht werden kann. Neues Denken ist dafür jenseits der alten Ökonomie erforderlich.

RE: Vorruheständler mit Mission | 09.11.2018 | 15:27

"Märtyrer" wäre nun doch übertrieben, aber wenn gelingt, was hier beschrieben wird, dann sollte die Disziplinarmaßnahme nicht vergoldet werden, sondern eine Versetzung auf einen unbedeutenden Posten beinhalten.

Mindestens ein zu erwartendes Buch zwecks Rechtfertigung dürfte wohl unvermeidlich sein, jedenfalls wie ich den Mann einschätze.

RE: „Warum nicht mal eine Wirtschaftsdemokratie?“ | 09.11.2018 | 15:14

Ein Vorschlag, wie sich Altruismus im besten Sinne mit Reichtum verbinden lässt, denn das System lässt sich am besten mit den Mitteln aushebeln, auf die es sich stützt (basiert).

Mal angenommen, Sie erben 10 Milliarden Euro nach Versteuerung zu ihrer freien Verfügung und da Sie ein Linker sind machen Sie nun was?

1. Sie lehnen aus Überzeugung ab,

2. Sie nehmen erfreut an und gründen eine Stiftung,

3. Sie akzeptieren mit schlechtem Gewissen und spenden alles für wohltätige Zwecke,

4. Sie sagen sich, egal wie das Geld zusammenkam, nun realisiere ich linke Präferenzen, die da u.a. wären:

4a) Gründen eines eigenen Senders, der in besten Zeiten systemkritische Beiträge bringt und investigativen Journalismus fördert,

4b) Investition in ein Unternehmen in der Art von Mondragon, um im Alltag praktisch wirken zu können,

4c) Gründung eines linken Thinktanks zwecks Erringung der gesellschaftlichen Deutungshoheit (raus aus dem Verteidigungsmodus und dem gegen etwas sein ...) hinsichtlich einer neu aufgestellten demokratischen Gesellschaft,

4d) Reorganisation und Verbindung aller relevanten systemkritischen Bewegungen mit entsprechender Aufgabenverteilung.

Und das alles möglichst basisdemokratisch, aber wiederum nicht basisverzettelnd, was Delegation und Verantwortung bedarf.

RE: (Wagen-)Knecht’sche Politik der Ressentiments | 09.11.2018 | 11:39

Das lässt sich manchmal kaum vermeiden, abhängig vom Thema und der Art und Weise der Kommentierung. Die bessere Variante wäre da wohl des Öfteren ignorieren.

Was ihr "dahinter stecken immer Männer" betrifft, steht in Übereinstimmung mit meinen Beobachtungen, dass in den Medien (auch im Freitag zu lesen), anstatt inhaltlich sachlich über deren Tätigkeit zu schreiben, wie es im Fall der Männer normal ist, bei Frauen deren Geschlecht betont wird und mit Attribuierungen belegt werden. Das trifft aber auch bei Frauen zu, die über Frauen schreiben (wenn auch weitaus geringer). Die Gründe dafür sind wohl rational erklärbar und hängen eben mit diesem Kontext zusammen.

Deshalb zeigt sich bei mir wohl auch der Ärger, wenn über Frauen in Spitzenpositionen mehr über deren Weiblichkeit und die daraus abgeleiteten Vorurteile bestätigt werden, egal, von welcher Seite das auch gestartet wird.