Altes Paradigma in neuer Verpackung oder:

Dreistigkeit siegt Wie die Digitalisierung als Vehikel genutzt werden soll, um zu verschleiern, dass es nicht um die Verbesserung der Arbeitsverhältnisse geht.
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An den verschiedensten Fronten wird die Gesellschaft bearbeitet, um diese von der Unabänderlichkeit oder auch Alternativlosigkeit der digitalen Revolution in der schönen neuen Arbeitswelt zu überzeugen. Ob es nun die Arbeitgeberverbände sind, Unternehmensvertreter, Sprecher von Start-ups, Unternehmensberater, aber auch Geheimdienste und Polizei, natürlich auch die Bertelsmann Stiftung, die für die Digitalisierung der Schulen eintritt und nicht zu vergessen die sich innovativ dünkenden Pressekonzerne, die natürlich den fahrenden Zug beschleunigen wollen, denn wer zurückbleibt, scheidet aus. (Die kleine Aufzählung ist natürlich nicht abschließend)

Zur Methodik dieser "Einwickelstrategie" gehört natürlich unvermeidlich ein Neusprech, der als guter Hinweis dienen kann und die Frage zu beantworten hilft: wem nützt es (hauptsächlich)?

Wer den Beitrag von Marcus Schwarzbach "Es hört niemals auf" ließt, wird seinen Ärger über die dreisten Formulierungen der voraussichtlichen Nutznießer dieser Technik kaum vermeiden können. Denn das Ziel der Promoter ist recht einfach zu erkennen: weitere Aufweichung von Anstellungsverhältnissen, völlige Auflösung der Trennung von Freizeit und Arbeit, die dann einhergehen soll mit möglichst zeitlich unbeschränkter Verfügbarkeit und das als "Mehrwert" moderner Arbeitsformen verkauft, die sich nicht mehr des Unwortes "Ich-AG" bedient, dafür aber z.B. einem mir unbekannten Zustand des "Unternehmensbürgers".

Dieser Unternehmensbürger übernimmt natürlich immer die volle Verantwortung, arbeitet mit ihm zugeteilten Ressourcen (in aller Regel weder diskutiert noch hinreichend), sorgt für seine/ ihre eigene Existenzsicherung (trägt also alle Risiken selbst), performt sich flexibel an den vor-gegebenen Umständen und macht daraus sein/ ihr Lebensmodell. Dabei macht er oder sie sich völlig transparent, was mit zu dem neuen Geschäftsmodell gehört! Mit anderen Worten: Mensch als Nutznießer seiner Technik unterwirft sich dieser in einer ständigen Tretmühle der Anpassung, wobei das in modernerer Form nur auf die Anfänge der unregulierten Industrialisierung erinnert, nun aber auf einem ganz anderen Niveau keiner Notwendigkeit mehr bedarf, man also aus beizeiten aussteigen könnte.

Ein paar Textstellen aus dem Beitrag:

"Wir tragen die Digitalisierung in die breite Bevölkerung, um die Gesellschaft auf den Wandel vorzubereiten."

"Wollen Manager konkurrenzfähig bleiben, müssen sie das Unternehmen »komplett umstrukturieren und agil werden«"

"Dies bedeute »ständiges Lernen und ständige Veränderung«. Denn es gehe darum, immer schneller zu werden." (also der Verstand bleibt auf der Strecke).

"Wer einmal anfängt, das Unternehmen umzustrukturieren, erkennt, dass es immer etwas zu verbessern gibt."

"Wichtig sei, »das richtige Bewusstsein im Unternehmen zu schaffen«" (welches wohl!)

"Jenseits aller Unsicherheit und Zukunftsfragen bieten die transformativen Entwicklungen auch viele Chancen – aber nur für diejenigen, die sich dem Wandel proaktiv stellen und selbst vorangehen wollen«" (wollen oder müssen?)

"Andererseits »hemmt Überregulierung häufig die gebotenen Veränderungen«. Deshalb müssen die Rechte der Beschäftigten beschnitten werden." !!!

"Denn »mit der zunehmenden Verflechtung von Arbeit und Freizeit« sollen »Möglichkeiten orts- und zeitunabhängigen Lernens« gefördert werden." (als ob nicht geklärt wäre, welche negativen gesundheitlichen, aber auch familiären Folgen das hat)

"Ein wichtiges Element der Arbeitsorganisation aus Unternehmenssicht ist die Selbständigkeit, statt abhängige Beschäftigung von Arbeitern und Angestellten." (meint: Risikoverlagerung!)

"»Meine Vision ist, dass die Welt der Arbeit um einen zukunftsfähigen Akteur reicher wird. Dieser Akteur ist das Individuum.«" (wer hat denn bisher die Wertschöpfung erbracht?)

Kurzum, weg mit den Schutzrechten für Arbeitnehmer, denn das hat denen bisher nur ihre Freiheitsrechte beschnitten.

16:51 11.09.2018
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