Die sogenannten Rentenexperten

Axel Börsch-Supan: Börsch-Supan sagte: "Wenn wir jetzt nichts tun, machen sich die Jüngeren zu Recht sorgen." Was qualifiziert diesen Mann und für was steht er? Mehr davon in dem Beitrag.
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Und so beginnen die Geschichten immer, wenn in Deutschland über die Zukunft der Rente gesprochen wird: "Die Statistik zeigt: Künftig müssen immer weniger Beitragszahler für immer mehr Rentner aufkommen." Nur, hat sich das denn bisher in der Vergangenheit so gezeigt? Ist die Rente etwa zusammen gebrochen, weil das Verhältnis von Beitragszahlern zu den Rentnern nicht mehr tragbar war?

Nein, sogar das Gegenteil war der Fall, jedenfalls solange dieser Umlagenversicherung keine beitragsfremden Leistungen aufgebürdet und der Schwenk hin zur Privatisierung der Renten noch nicht vorgenommen wurde. Aber das Lied der "Unbezahlbarkeit" der Renten und das Mantra der Industrieverbände über die Belastung der Wirtschaft (meint: Verlust von Arbeitsplätzen und mangelnde Konkurrenzfähigkeit) ist nicht neu und hatte aber noch in der Zeit der Systemkonkurrenz keinen entscheidenden Einfluss. Allerdings hat sich das spätestens seit den schröderschen Reformen (mit freundlicher Unterstützung der Grünen, die dabei immer vergessen werden) geändert und über vielerlei "Reformen" ist ein schleichender "Rentenklau" vorgenommen worden, der auf Druck vor allem auch der Versicherungsbranche vorgenommen wurde, wobei die Banken fleißig mitverdient haben.

Aber, das ist noch längst nicht genug, wenn es um die Interessen dieser Gruppen geht, denn die Existenzsicherung hat von sich aus einen Impuls, der Gelder in jene Kassen spült, weil die gesetzliche Umlagenversicherung weiter geschwächt wird, auch wenn nun ein wenig gegengesteuert werden soll, um die Nettorente zumindest zeitweise zu stabilisieren.

Anlass dieses Beitrags ist folgender Artikel: "Rentenexperte plädiert für Rente mit 69". Man beachte, der Prof. bleibt wohlweißlich unter der Grenze von 70 Jahren, denn das ist das eigentliche Ziel, wenn hier schrittweise vorgegangen wird. Ein Prozess, wie er schleichend über Jahre vorgenommen wurde, dass es zumeist der Aufmerksamkeit der Bürger entgangen ist und wenn es doch vereinzelt kritisiert wurde (die Gewerkschaften haben sich hier kein Ruhmesblatt verdient), dann aber auch gleich schwere "Geschütze" aufgefahren werden, um die Alternativlosigkeit dieses Trends zu untermauern. Das allerdings lässt sich nur argumentieren, wer der Privatisierung der Rente den Vorrang gibt und gleichzeitig "großzügig" einer gewissen Grundsicherung auf niedrigem Niveau das Wort gibt, da das wiederum weitgehend von den Steuerzahlern erbracht wird, um den Kreis sinnig abzuschließen.

Norbert Häring klärt über den "Rentenexperten auf in: "Wirtschaftsprofessoren als heimliche Lobbyisten der Versicherungsbranche".

Und Gerd Bosbach mit etwas anderem Schwerpunkt über die gleiche Baustelle in: "Fastenkur vom „Rentenpapst“ (Wie ein neoliberaler Ökonom die gesetzliche Altersvorsorge auf Diät setzen will.) Prof. Dr. Gerd Bosbach schreibt schon lange gegen diese einseitige Darstellung der Renten an, wie man auf Seiten der Hochschule Koblenz sehen kann, hier. Ich hatte das Vergnügen, vor Jahren einen Vortrag von ihm zu verfolgen und es ergab sich eine aufschlussreiche Diskussion.

Bekanntermaßen ist Österreich bei der umlagenfinanzierten Rente wesentlich erfolgreicher und es lässt sich nun nicht behaupten, dass das der österreichischen Wirtschaft geschadet hat. Bisher hat es jedenfalls die Aufmerksamkeit von Gewerkschaften und der Bürger geschafft, auch hier dem Druck der Lobbyisten zu widerstehen, obwohl eher über "Kurz" als lang der Druck zur Privatisierung steigen wird, einhergehend mit der versuchten Schwächung des bisherigen Konsens. Mehr dazu: "Rentensystem: Warum Österreich ein Vorbild sein kann".

Man lasse sich also von den durchsichtigen Argumenten nicht blenden, wenn man sich die einfache Frage stellt, wem es nützt.

13:35 19.06.2019
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Geschrieben von

pleifel

Die Gedanken sind frei und das ist vielleicht der größte Irrtum.
pleifel

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