Ein wohl unumkehrbarer Prozess

Die Bargeldabschaffung: Die Diskussion um die Bargeldabschaffung verfehlt das Wesentliche, so die Beschreibung von Aldo Haesler.
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Zwar ist dem Deutschen das Bargeld nach letzten Befragungen immer noch unabdingbar, aber die "Ängste" der Deutschen über die drohende Abschaffung beruht auf tiefer liegenden "Sensibilitäten", wie Aldo Haesler in einem lesenswerten Beitrag in der neuesten Ausgabe von Tumult schreibt, mit dem Titel: Defizitärer Konflikt.

Kurios ist zu beobachten, wie im Alltag der Konsumenten deren Verhalten sich völlig konträr zu den "Ängsten" verhält, denn die Nutzung der Karten (bargeldlose Zahlung) nimmt selbst bei Kleinbeträgen zu. Abgesehen von der zusätzlichen Offenlegung des individuellen Warenumsatzes durch diverse Paybackkarten, die dem Gedanken jeglicher Anonymität Hohn spricht, ist den Konsumenten wohl völlig wurscht, dass er oder sie völlig ungezwungen zum beschleunigten Ende des Bargeldes beiträgt.

Hier wäre wieder ein gutes Beispiel aufzuführen, dass sich intelligentes Verhalten keineswegs proportional zu den zur Verfügung stehenden Informationen verhält, eher das Gegenteil ist der Fall! Mit anderen Worten zeitgemäß angepasst: denn wer da hat (Geist), dem wird noch gegeben! (Oder anders: wer noch hat, dem wird es genommen).

Ein paar Zitate aus dem Beitrag:

"Der Kampf um das Bargeld ist verloren. Und das vermutlich seit geraumer Zeit. Geld hat sich immer schon im Sinne der Senkung seiner Transaktionskosten und der Sicherung seiner Verkehrsbedingungen entwickelt."

"Doch bei der Bargeldabschaffung, ihren Voraussetzungen wie vor allem ihren Folgen, geht es nicht so sehr um die bislang ins Feld geführten Argumente, sondern um weitaus gravierendere Fragen der Denkformen und der Ethik."

"Es geht dabei um die Frage, wie sich Entstofflichung auf unsere Denkformen und Moralvorstellungen auswirkt."

"Und Georg Simmel bemerkt, wie sich im Zuge dieses Prozesses (kommerzielle Revolution) die Funktionen des Geldes vermehrt haben, aber gleichzeitig auch das Bewusstsein darüber geschwunden ist."

"Im Vordergrund standen immer Fragen der Transaktionssicherheit und der sozialen Kontrolle, die zwar den Ingenieur und den Ökonomen interessieren, der Bedeutung des Phänomens jedoch in keiner Weise gerecht werden."

"Wir haben verlernt, aus dem Tausch zu lernen, weil das Medium, das uns dieses Lernen im Tausch ermöglicht, sich verflüchtigt hat. Um dieses Argument geht es letztlich in der Bargeldabschaffungs- diskussion."

"Doch was heißt nun, den Entstofflichungsprozess zu objektivieren? Es heißt nicht mehr, als die kognitiven und moralischen Zusammenhänge aufzuspüren, von denen hier die Rede ist. Es heißt zu verstehen, dass Geld seit geraumer Zeit eine Denkform geworden ist und diese Denkform moralische Konsequenzen hat, die für den gesellschaftlichen Zusammenhalt bestimmend sind."

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Und wenn letzteres zutrifft - und daran habe ich keinen Zweifel - dürfte hier noch eine Menge Aufklärungsarbeit (Bewusstseinsbildung) zu leisten sein. Nur, wer macht es und vor allem: gibt es dafür überhaupt noch die geeigneten "Empfänger"?

Aldo Haesler, geb. 1954 in Thurgau, Studium der Ökonomie und Philosophie in St. Gallen und Straßburg. Seit 2000 Prof. für Soziologie an der Universität Caen Normandie (UCN). Arbeitsgebiete: Sozialer Wandel, relationale Soziologie und Soziologie des Geldes. (Info aus Tumult 02/17)

02:13 07.06.2017
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