Freiheit allein ist nicht genug

Libertäres Dogma: Dem Westen fehlt es an Neugier und Fantasie, um die neue unordentliche Welt zu verstehen. Er begnügt sich damit, auf sein libertäres Dogma zu pochen.
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In der Debatte: "von Kriegen umzingelt", schreibt für die Zeit in Folge 2 Professor Lilla. Darin sind einige bemerkenswerte Gedanken enthalten, die das Umfeld der gegenwärtigen Gewalteskalation beschreibt und Gründe dazu benennt.

Ein paar Zitate aus dem Beitrag, um den Eindruck zu bestätigen:

"Man versuche nur einmal, Studenten der Gegenwart - amerikanischen, europäischen, sogar chinesischen - das große Drama des politischen und geistigen Lebens zwischen 1789 und 1989 zu vermitteln. Danach fühlt man sich wie ein Dichter, der das verlorene Atlantis besingt"

"Der antikommunistische Intellektuelle Daniel Bell erwartete, dass das Ende der Ideologie die Köpfe dafür frei machen würde, dem gesellschaftlichen Leben auf den Grund zu gehen. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der Drang, Dingen auf den Grund zu gehen, selbst verkümmern würde. Aber genau das ist geschehen."

"Nein, heraufgezogen ist unser libertäres Zeitalter schlicht aus Mangel an Alternativen: Alle Ideen, Überzeugungen oder Gefühle, die in der Vergangenheit die Nachfrage nach individueller Autonomie dämpften, sind verkümmert."

"Das libertäre Dogma hat keinen Wirklichkeitssinn, (...) Gebt den Einzelnen größtmögliche Freiheit über sämtliche Aspekte ihres Lebens - und alles wird gut."

"Eine Ideologie aufrechtzuerhalten, bedeutet Arbeit, weil ihre Plausibilität immer wieder neu infrage gestellt wird. (...) Ein Dogma tut dies nicht"

"Aber das bedeutet nicht, dass alle diese Menschen den Individualismus akzeptieren würden, den eine Demokratie unweigerlich mit sich bringen würde. Ihnen sind Güter wichtig, die der Individualismus zerstört, etwa Rücksichtnahme auf Traditionen, heimatliche Verwurzelung, Respekt für Ältere, Verpflichtung gegenüber Familie und Clan, Hingabe an Frömmigkeit unnd Tugend. Wenn sie und wir denken, dass sie alles zugleich haben können, dann liegen sie und wir sehr weit daneben".

"Ohne Rechtsstaatlichkeit und eine Verfassung, ohne professionelle Verwaltungen, die Bürger unparteiisch behandeln, ohne die Unterordnung des Militärs unter die zivile Herrschaft (Ergänzung von mir: auch die Ökonomie), ohne Wettbewerbsbehörden, die für die Transparenz wirtschaftlicher Sanktionen sorgen, ohne soziale Normen, die bürgerschaftliches Engagement und Gesetztestreue fördern - ohne alle diese Zutaten ist die freiheitliche Demokratie unmöglich.
Aus diesem Grund lautet die einzige sinnvolle Frage in Hinblick auf die Nichtdemokratien der Gegenwart: Was ist Plan B?"

Freiheit ist nicht alles
(Mark Lilla aus "Die Zeit") vom 04.09.2014)

Mark Lilla ist Professor für Geisteswissenschaften an der Columbia Universität

11:44 09.09.2014
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