Gleichheit - Freiheit oder Gerechtigkeit

Migration und Integration Ein paar Gedanken aus Lektüre und aktueller Diskussion.
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Warum habe ich im Titel "Gleichheit und Freiheit" mit "Gerechtigkeit" in ein Spannungsverhältnis gesetzt?

Die Antwort darauf versucht Josef Kraus in "Gleichheit und Gerechtigkeit" in bezug auf die Bildung:

"In Reinform praktiziert bedeutet Gleichheit Vereinheitlichung und Gleichmacherei. Freiheit pur bedeutet Überleben der Stärksten. In Reinform kann also weder das eine noch das andere Paradigma allein Maßstab sein. Denn Freiheit ohne Gleichheit wäre ein Laissez-faire-Libertarismus, und Gleichheit ohne Freiheit wäre Kollektivismus. Insofern kann es gerade in einem freiheitlich-demokratischen Rechts- und Sozialstaat immer nur um einen Ausgleich zwischen Freiheit und Gleichheit geben (es sei dahingestellt, inwieweit diesem Anspruch gerecht wurde). Beide Paradigmata sind auf der Basis von Subsidiarität und Solidarität durchaus vereinbar. Erst daraus wächst Gerechtigkeit. (...)


"Ein Dilemma! Deshalb gilt nach wie vor, was Goethe meinte: "Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichheit und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Scharlatane". (...) Bereits Tocqueville hat 1835 warnend darauf hingewiesen: Freiheit erliege gern der Gleichheit, weil Freiheit mit Opfern erkauft werden müsse und weil Gleichheit ihre Genüsse von selbst darbiete. Am Ende sei den Menschen die Gleichheit in der Knechtschaft lieber als die Ungleichheit in der Freiheit."


Auf das Bildungssystem bezogen heißt das, die Freiheit muss die Individualität der unterschiedlichen Befähigungen unterstützen und die Gleichheit muss sich auf die Chancengleichheit beziehen, damit die Zugänge zu den Bildungseinrichtungen keine Privilegien erfordern. Allerdings verhindert das keine unterschiedlichen Bildungsniveaus, selbst wenn die Chancennutzung eine gleichmäßig verteilte ist. Denn Bildung als das zentrale Element zur Persönlichkeitsentwicklung ist eher eine "Hohlschuld" als eine "Bringschuld" des Staates hinsichtlich einer kollektiven Zwangsbeschulung. Aber allein aus den unterschiedlichen Befähigungen heraus ergeben sich unterschiedliche Bildungsniveaus.

Allerdings möchte ich dem noch entgegenhalten, das Fleiß und Ausdauer vieles (und manchmal sogar mehr!) von dem ersetzen kann, was dem einen oder der anderen in den Schoß gefallen ist. Und Erfolg im Sinne von Berufsentwicklung ist auch keinesfalls durch eine höhere Bildung garantiert, wenngleich das statistisch eher der Normalfall ist. Bildung wie ich sie verstehe, ist aber keine Fachqualifikation, die sich über die gesellschaftliche Nützlichkeit beweist, sondern die Fähigkeit, über die (vor-)gesetzten Normen hinaus zu denken und kritisches Denken als den eigentlichen Wert zu erkennen usw. usw.

Die sich aus den unterschiedlichen Befähigungen ergebenden gesellschaftlichen Vorteile müssen dann allerdings im Rahmen der Verteilungsgerechtigkeit (starke Schultern tragen eben mehr!) ausgeglichen werden, wie es sich z.B. in der progressiven Besteuerung zeigt.
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Migration versus Integration

Eine andere Perspektive, die mir noch nicht so klar war, bis ich in einem Artikel des schriftlichen Freitag das Gespräch von Jakob Augstein mit Thea Dorn im Beitrag "Ist das Heroische schlimm?" gelesen hatte.

Ich formuliere mal als Extrakt mit eigenen Worten (der Beitrag wird vielleicht noch online gestellt): Integration wird immer offensiv als Integrationspflicht oder - leistung der Immigranten eingefordert und damit ist eine Hürde definiert, die in unterschiedlichsten Auslegungen verstanden wird. Die einfachste wäre noch die Verpflichtung auf das GG. Diese Seite der Medaille ist nur zu bekannt.

Ein anderer Aspekt scheint mir aber noch wichtiger zu sein und das ist der der Absorptionsfähigkeit der deutschen Gesellschaft selbst. Damit ist nicht gemeint, wieviel Immigranten das Land mit Ressourcen adäquat versorgen kann, sondern was von den Deutschen (bzw. hier lebenden) als wertschätzende neue Lebensweisen in ihre eigenen aufgenommen und als Bereicherung empfunden wird. Die sich dagegen bildenden Subgesellschaften, die ihre eigenen Lebensweisen abgeschottet von den hier Lebenden aber beibehalten wollen und diese als die eigentlich wahren Traditionen betrachten, können und wollen sich nicht integrieren. Diese Ausprägung multikultureller Gesellschaften hat ab bestimmten Größenverhältnissen jedenfalls keine gemeinsame Basis mehr, denn sie verliert den kulturellen Kit von Gemeinsamkeiten, wird instabil und es ließe sich vom "Staat im Staate" sprechen. Somit wäre eine Absorption nur unter der Aufgabe eigener Wertebestandteile möglich.

Nun kommt noch eine Besonderheit hinzu, die mit dem traditionellen Islam verbunden ist und das ist der Anspruch, der aus ihm spricht (Hier findet sich übrigens ein gemeinsames Element mit dem Christentum). Das kann auch nicht mit den wenigen aufgeklärteren Schulen einzelner Islamrichtungen kompensiert werden oder mit den gelungenen Beispielen derjenigen in Medien, Wissenschaft, Politik und Kultur. Denn hier stehen Herrschaftsformen gegenüber, die nicht kompatibel sind. Der "Deutsche" ist zudem autoritären Strukturen affin, wie sich aktuell auch in der Entwicklung nach Rechts wieder beobachten lässt. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Der Islam wie das orthodoxe Christentum tragen ein deformatives Element in sich, dass als befreiendes verkauft wird. "Es handelt sich um eine langfristige Deformation. Der Knecht gewinnt sein Selbstbewusstsein im Akt der Selbstaufgabe, aus einer Übertragung, im Wortsinne aus der Ehr-Furcht: Er identifiziert sich mit dem Herrn. Der Islam wird aus dieser Bindung zum zwar dezentral organisierten, aber letztlich einheitlich agierenden Großorganismus." ... der über die Staatsgrenzen hinaus seine Verbindung erhält und auch einen Potentaten wie Erdogan die Stimme verleiht (Quelle: Adorján Kovács – Die Rache der Ausgetauschten/ seine Prognose halte ich allerdings für übertrieben).

Möglicherweise unterschätze ich die Anziehungskraft der westlichen Lebensweisen als "zersetzende" Kraft religiöser Traditionen. Da sich bei uns im Westen aber ein Trend der Modernisierung entwickelt, der im Pluralismus aller Formen und Lebensweisen den Vorzug geben will, würde ich nicht mehr auf die alten Kräfte setzen wollen. Folglich muss zumindest bei "offenen Grenzen" über diesen Zusammenhang nachgedacht werden und zwar nicht als Ausdruck kultureller Überlegenheit oder als Ausdruck von Diskriminierung, sondern über die dauerhafte Verträglichkeit unterschiedlichster Positionen über die den Menschen immer noch wichtigsten Fragen.

21:40 10.06.2018
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