Ideologiekritik

Standpunktfragen: Wie die Fledermaus zum Standpunkt kommt, wobei natürlich deren Standorte gemeint sind. Kurz: Verortung durch die Reflektion.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Eingebetteter Medieninhaltkpowkfo

================================================================

Ein kluger Beitrag, der auch einige Erklärungen liefert, wie hier im Forum so diskutiert wird.

Zum Artikel "Being a Bat" (Felix Bartels).

Daraus:

"Nicht bloß die Wirklichkeit findet an der utopischen Idee ihren Maßstab, auch die utopische Idee soll an der Wirklichkeit gemessen werden."

"Ob einer in kapitalistischen Verhältnissen aufgewachsen und dagegen ist, oder ob er in sie geworfen wurde und dagegen ist, das macht einen Erfahrungsunterschied, der nicht nur auf der Ebene der Verständigung zu Problemen führt."

"Es ist schwer, mit Menschen zu diskutieren, deren affektive Impulse nicht bloß das Urteil, sondern bereits die Wahrnehmung beeinflussen."

"Was also bedeutet Ideologiekritik? Zunächst mal tatsächlich, die Welt nicht als Welt, sondern als falsches Bewusstsein von ihr zu erfassen." (Überhaupt als Bewusstsein!)

"Das Problem linker Politik bleibt, dass sie vom Anspruch utopisch und daher häufiger wie auch heftiger mit Enttäuschung verbunden ist als die Politik jener Richtungen, die sich im Rahmen des Bestehenden ausagieren wollen. Linkssein und Linksbleiben findet also immer in der Antinomie aus Resignation und Dogmatismus statt, wobei Standhaftigkeit nicht unbedingt gleich Verzicht auf Erkenntnis bedeutet, und Resignation durchaus ein schöpferischer Akt sein kann. In der Regel aber ist beides nicht der Fall."

"Wo der Heuteliberale sich in Zynismus flüchtet und der Sozialdemokrat in gereizte Bescheidenheit, bietet sich demjenigen, der die Flucht in gedankliche Konstruktionen bevorzugt, in der Ideologiekritik ein dritter Weg."

"Da Ideologiekritik stets beim Denken anpackt, interessiert sie sich sehr fürs Subjekt. Und um das wenigste zu sagen, ergibt sich daraus das Interesse an gesellschaftlichen Strukturen nicht gerade von selbst."

"Das ideologiekritische Verfahren funktioniert einmal diachron; Materialismus arbeitet synchron. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Problem als spezifische Erscheinung seiner Zeit fasst oder als durch die Zeit hindurchgreifende Kontinuität."

"Der Notstand verschafft Rechtfertigung, nicht mehr zwischen besseren und schlechteren Zielen zu unterscheiden, weil es ja bloß noch das schlechteste zu verhindern gilt. Man kann alles einfach und einseitig fassen, und es kommt nicht mehr darauf an, irgendwas begrifflich zu machen, sondern nur noch darauf, auf der richtigen Seite zu stehen. (...) Aus der Kritik politischer Bewegungen wurde selbst eine Bewegung, aber eben eine, der das fehlt, was eine politische Bewegung allererst konstituiert: eine bestimmte essentielle politische Idee. Wo der Liberalismus die Freiheit hat, der Konservatismus die Idee der Beständigkeit, die Grünen den Einklang des Menschen mit der naturalen Umwelt und die Linken die Idee der sozialen Gerechtigkeit, hat die Ideologiekritik eine Leerstelle. Und ihr Geschäft erweist sich als Beflissenheit um Nichts."

"Wer den eigenen Standort nicht spürt, sich selbst nicht als Konstante erlebt, wem die innere Ordnung und der innere Kompass fehlt, der muss das über Kollisionen mit seiner Umgebung herstellen. Ideologiekritiker sind – um das Bonmot eines mir mal befreundeten Verlegers über einen mir mal teuren Autor aufzugreifen – wie Fledermäuse: Sie müssen immer jemanden anschreien, um zu wissen, wo sie stehen. Das vielbescholtene antideutsche Mackergehabe ist demnach nichts anderes als ein etwas umständliches Ortungssystem. Das Mittel einer Haltung, die keinen Halt hat."

"Nachdem ich über der Diagnose recht breit geworden bin, kann ich bei der Therapie kursorisch bleiben. Das ideologiekritische Verfahren müsste sich in vier Punkten justieren. Es sei (1) Mittel, nicht Zweck, sei (2) punktuelle Methode, nicht Lebensweise, richte sich (3) gegen alle politischen Richtungen, nicht bloß gegen eine, und habe (4) das Ideologiekritik treibende Subjekt selbst zum eigentlichen Ziel."

"Insofern Ideologiekritik nun selbst in der Zeit ist, wird sie zum Teil des Ensembles, das sie untersucht. Das ist so unvermeidlich, wie es nötig ist, diese Tendenz bewusst zu halten und durch Reflexion zu kontrollieren. Reflexion ist Projektion, auf die Füße gestellt. Projektion bedeutet, das Eigene im Andern zu erkennen. Reflexion erkennt das Andere im Eigenen. Ideologiekritik, wie ich sie verstehe, muss beide Verfahren enthalten."

"Der vornehmste und wichtigste Zweck des ideologiekritischen Verfahrens aber wird erreicht in der Rückwirkung auf denjenigen, der es anwendet. Indem er Anderes aufschlüsselt, schlüsselt er sich selbst auf. Er wird beholfener, empathischer, scharfsinniger. Das ist ihr eigentlicher Wert."

Felix Bartels, mehr über ihn hier.

15:03 26.09.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Kommentare