Marx als Philosoph der Praxis

Die Prozesse im Blick: Wer sagt, "Marx sei überholt", dem ist nicht mehr bewusst, dass sich ohne seine grundlegenden Gedanken die Gesellschaft nicht kritisch "sezieren" lässt.
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In einem ausgezeichneten Artikel von Ingar Solty über Marx ( in der jw), mit dem Titel "Philosophie der Praxis", bekommt man eine kleine Ahnung von der Bedeutung seiner Theorien, die aber nicht die der philosophischen Stuben sind, sondern stets den Gedanken in sich trägt, wie sich denn die Welt verbessern lässt, aus der Sicht der Praxis gesehen. Notwendig ist dabei die Fähigkeit, auch in Gegensätzen zu denken, die aber nicht als Widersprüche stehen bleiben, sondern sich im dialektischen Denken aufheben. Diese Methode ist eine, die wohl eher nicht den Alltag menschlichen Denkens durchdringt, die sich schon mittels einfacher Fragen wie: "wem nützt es?" auf den kritischen Weg bringen ließe.

Mit dem Ruf "Kapitalismus abschaffen!" lässt sich kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken, wenn schon nicht im Ansatz die Gedanken gedacht werden können, die als methodische sich von denen der "herrschenden Gedanken" abheben, da man hinter denjenigen zurückfällt, der so einfach als "Unzeitgemäßer" aussortiert werden soll.

Manche billige Kritik an Marx, wie sie aus dem Hause Springer anlässlich des 200-jährigen von Marx abgesondert wird, befindet sich kaum über dem Niveau der typischen Schlagzeilen der Bild, die auch nicht mit dem Titel "Zeitung" geadelt werden sollte. Marx hätte sich entschieden verwahrt, als Befürworter derjenigen aufzutreten, die sich aus seinem Fundus nach belieben bedient (Steinbruch) und eine verzerrte Wirklichkeit daraus gemacht haben, mit all ihren desaströsen Folgen. Nein, diese "Verirrungen" stehen eher für die manipulative Anwendung oder dem völligen Missverstehen Marxscher Gedanken.

Viel Erfolg beim Erkennen der eigenen Klassenbefindlichkeit. :-)

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Nachtrag 05.05.2018

Ein Kommunist von Leo Schwarz (jw vom 5./6. Mai). Der Beitrag konzentriert sich auf die Marxschen Vorstellungen, wie denn nach der Aufhebung der Warenwirschaft der Sozialismus entstehen kann, aber nicht aus einer Idee heraus, sondern dem Ergebnis sozialer und politischer Kämpfe, der praktischen Negation des Kapialismus. (...) "Die Kommunisten haben natürlich »theoretische Sätze«, aber die speisen sich nicht aus Prinzipien, »die von diesem oder jenem Weltverbesserer erfunden« worden sind. Sie sind »allgemeine Ausdrücke tatsächlicher Verhältnisse eines existierenden Klassenkampfes, einer unter unsern Augen vor sich gehenden geschichtlichen Bewegung«"

Wobei Arbeiter des produzierenden Sektors heute durch alle abhängigen Beschäftigten ersetzt werden müssen, was die Schwierigkeit ergibt, dass sich die unterschiedlichen Interessen (aus den jeweiligen Gegebenheiten) erst bündeln müssen, was nicht einfach ist.

Marx als genauer Beobachter der Praxis (dafür dürfte auch seine Verbindung mit Engels gesorgt haben):
"Er wusste, dass revolutionäre Vorstöße nicht in abstrakten oder utopischen Idealen, sondern im vorgefundenen gesellschaftlichen Zustand ihr Material und ihren Maßstab finden: »Womit wir es hier zu tun haben, ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eignen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich geistig, noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt.«"

Marx schreibt aber auch: " im Februar 1865 an Johann Baptist von Schweitzer: »Die Arbeiterklasse ist revolutionär oder sie ist nichts.« Sie hat also, bleibt man bei Marx, durchaus die Freiheit, »nichts« zu sein, selbst dann, wenn die materiellen Voraussetzungen des Kommunismus längst herangereift sind."

13:40 03.05.2018
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