Migration erfordert mehr als bloße Moralität

klares Denken fehlt: Paul Collier hat ein Buch über die Einwanderung geschrieben: warum es dringend erforderlich ist, "intensives, vorsichtiges Denken über moralische Vorlieben zu stellen."
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Eine Zusammenstellung von Zitaten aus dem Buch "Exodus", da Paul Collier meines Erachtens eine analytische Bearbeitung des Themas geleistet hat, die der gefühlsbetonten und unstrukturierten Debatte zur Migration sachliche Argumente zur Verfügung stellt. Es mangelt bisher völlig an einer konsistenten und menschenwürdigen Politik, die leider aus durchsichtigen Gründen nicht in offener Debatte geführt wird. Wobei diese Politik auch noch in Europa für zusätzliche Spannungen sorgt und der Herausforderung nicht gerecht werden kann.

Meine persönlichen Einstellungen werden sich mehr oder weniger aus der Auswahl der Zitate ergeben, wobei für mich zutrifft, dass ich aus Gründen, die noch aufzuführen sind, keinen ungeregelten und unlimitierten Wanderungsbewegungen zustimmen kann.

Zwischen folgenden Gegensätzen wird sich das Ganze bewegen:
1. Einer Migrationspolitik mit der Pflicht der wohlhabenden Staaten zum Asyl von verfolgten und bedrohten Menschen, denen schnell und großzügige Aufnahme gewährt wird, allerdings mit zeitlich begrenztem Aufenthalt.
2. Migrationsgesetzen, die klare Regeln beinhalten, wie die Einwanderung gesteuert wird und wie sich deren Gesamtgröße aus Asylsuchenden und Immigranten (aus diversen Gründen) bildet.

Paul Collier schreibt im Vorwort, dass "dieses Buch eine Kritik an der vorherrschenden Meinung liberaler Denker ist - zu denen ich mich zähle (P. Collier) -, dass die westlichen Gesellschaften sich auf eine postnationale Zukunft vorbereiten sollten." Er selbst sieht sich und seine Familie in dieser Struktur, da er einen britischen Pass hat, Pauline (aufgewachsen in Italien) einen niederländischen und Daniel, geb. in den Staaten, einen amerikanischen. Seine Neffen sind Ägypter.
Und doch ist er der Meinung, "wenn die nationale Identität keine Bedeutung mehr hätte, würde das eine erhebliche Rolle spielen", denn Collier bezeichnet den "Lebensstil wie der meiner Familie auf potentiell parasitäre Weise von denjenigen abhängig, deren Identität fest verwurzelt ist und die dadurch lebensfähige Gesellschaften bilden, zwischen denen wir wählen können." Paul Collier greift dabei auf ein breites Spektrum spezialisierter sozialwissenschaftlicher und moralphilosophischer Forschungen zurück. Ihm ist wichtig, ein aufrichtiges, allgemeinverständliches Buch zu schreiben, dass sich nicht in einem akademischen Stil verliert.

(11) Collier hat sich bei dem Thema auf drei Bereiche konzentriert:
1. Was bestimmt die Entscheidungen von Migranten?
2. Wie wirkt sich die Migration auf die Zurückgelassenen aus?
3. Und welche Folgen hat sie für die einheimische Bevölkerung in den Aufnahmegesellschaften?

(19) Jonathan Haidt weist nach, dass das moralische Urteil über eine bestimmte Erscheinung, je nachdem, welche Wertegruppe man vertritt, das Denken bestimmt und nicht umgekehrt ... Unsere moralische Einstellung bestimmt, welche Argumente und Beweise wir zu akzeptieren bereit sind.

(21) Den Armen in anderen Ländern zu helfen ist eine klare moralische Pflicht, und einigen von ihnen zu erlauben, in reiche Gesellschaften auszuwandern, ist eine Möglichkeit der Hilfe. Doch aus der Hilfspflicht kann nicht die Pflicht folgen, einen allgemeinen freien Grenzverkehr zuzulassen.

(22) Man würde nicht zwischen "wir" und "sie" unterscheiden. Ohne ein Nationalgefühl fiele es schwer, die Argumente zu finden, um die Einwanderung zu beschränken.

(27) Doch dem ist nicht so (ohne rassistische Anklänge über Migration in Großbritannien (GB) zu reden). Da die Zugehörigkeit wie eine Ethnie mit anderen Merkmalen wie Armut, Religion und Kultur verknüpft ist, kann jeder Versuch, die Einwanderung aufgrund dieser Merkmale zu beschränken, als trojanisches Pferd des Rassismus betrachtet (verwendet) werden.

(29) Aber über die Migrationspolitik wird nicht in den armen Ländern entschieden, sondern in den reichen. (Wenn man aber Migrationspolitik als eine Form der Entwicklungshilfe betrachtet, sollten die armen Länder mit einbezogen werden!)

(30) Für die bedürftigste Schicht der einheimischen Bevölkerung ist der Nettoeffekt der Einwanderung häufig negativ (Konkurrenz bei begrenzten Ressourcen).

(32) Eine bunte Mischung fanatischer Fremdenhasser und Rassisten lässt keine Gelegenheit aus, um zu verkünden, dass Migration für die einheimische Bevölkerung schlecht sei. Dies löst verständlicherweise eine Reaktion aus: Um diesen Gruppen bloß keine Schützenhilfe zu leisten, versuchen Sozialwissenschaftler mit aller Kraft nachzuweisen, dass die Migration für jeden gut ist. Damit haben sie den Fremdenhassern unabsichtlich ermöglicht, die zugrundeliegende Frage aufzugreifen: "Ist Migration gut oder schlecht?" Die Kernaussage dieses Buches lautet, dass dies die falsche Frage ist ... sondern darum, wie viel am besten ist. Ein bestimmtes Maß an Migration ist sicherlich besser als keine Migration.

(37) Eine Ursache der großen Einkommensunterschiede (Staaten/ Nationen) könnte also darin bestehen, dass in Gesellschaften mit hohen Einkommen Institutionen mit Narrativen gestützt werden, die funktionaler sind als jene, die in Gesellschaften mit niedrigem Einkommen verbreitet sind.

(39) Ich bezeichne die Kombination von Institutionen, Regeln, Normen und Organisationen eines Landes als dessen Sozialmodell.

(40) Migranten fliehen zumeist aus Ländern mit nicht funktionierenden (dysfunktionalen) Sozialmodellen.

(42) Die Mobilität von Menschen ist keineswegs ein (zwingender) Aspekt der Globalisierung unter anderem; vielmehr stellt die Mobilität von Waren, Kapital (Produktion) und Ideen eine Alternative zur Mobilität von Menschen dar.

(47) Das Zusammenspiel von Einkommenskluft und Auslandsgemeinden löst eine klare, eindeutige Dynamik aus: Der Migrationsstrom hängt von dieser Kluft und der Gruppe der bisherigen Migranten ab. Je größer die Gruppe wird, desto höher steigt der Strom an, sodass bei gegebener Kluft die Migration zunimmt. ... Aber der angemessene Begriff der Auslandsgemeinde wird nicht durch Geburt, sondern durch das Verhalten bestimmt (Verwandtschaft --> Hilfe).

(48) Ich bezeichne den unterschiedlich großen Anteil der Auslandsgemeinde, der Jahr für Jahr aus ihr ausscheidet, als Absorptionsrate (oder Assimilationsfaktor).

(49) Da die Auslandsgemeinde aber stets eine Minderheit bleiben wird (bisherige Fakten), wird das durchschnittliche Mitglied dieser Gemeinde weit mehr Kontakte mit Einheimischen haben, als umgekehrt (Ausnahmen betreffen häufig ältere Migranten der 1ten Generation, die auch nicht die neue Sprache lernen).

(57) Die Einkommenskluft (Sozialmodell) wird also weiterhin bestehen bleiben, während sich der Anreiz zur Migration noch verstärken wird. Das hat zur Folge, das die Migration aus armen in reiche Länder zunehmen wird. In absehbarer Zeit wird die internationale Migration kein Gleichgewicht erreichen, d.h.: Wir erleben den Beginn eines Ungleichgewichts von enormem Ausmaß.

(70) Vertrauen und Kooperation entstehen nicht von selbst. Sie sind keine ursprünglichen Eigenschaften (innerhalb der Gesellschaft), ... sondern als Komponenten der funktionalen Einstellungen erworben worden, die sich in modernen Wohlstandsgesellschaften herausbilden (aber nicht garantiert sind, dazu später).

(71) Wie Steven Pinker gezeigt hat, nehmen Vendetten an Heftigkeit zu, da Übeltaten i.d.R. von den Opfern stärker erlebt (beurteilt) und von den Tätern untertrieben werden. ... Vendetten enden nur, wenn der gesamte ihnen unterliegende Ehrenkodex aufgegeben wird (analog Clandenken, aber auch Familienzwänge).

(73) Vertrauen ist der sozialen Kooperation dienlich, die für den Wohlstand vonnöten ist ... gegenseitige Rücksichtnahme, Vertrauen und moralische Empörung über Trittbrettfahrer fördern und stützen also eine auf Gleichheit beruhende kooperative Gesellschaft. ... Migranten bringen nicht nur das in ihren eigenen angesammelte Humankapital mit, sondern auch deren Moralvorstellungen.

(81) Robert Putnam: "Es wäre bedauerlich (fatal), wenn ein politisch korrekter Fortschrittsglaube die Realität der Herausforderung leugnet, die sich für die soziale Solidarität aus der Diversität (Multikulturalismus) ergibt.

(82) Offenbar ist das herausragende Merkmal der Ethnizität nicht genetischer, sondern kultureller Art: unterschiedliche Ethnien stehen stellvertretend für unterschiedliche kulturelle Identitäten.

(84) Gegenseitige Abneigung und gegenseitige Rücksichtnahme sind die Endpunkte des gemeinsamen Spektrums.

(91) Michael Sandel: Niedrigere Steuern und die wachsende Rolle des Markts führen dazu, dass der Sinn für die Gemeinsamkeit der Gesellschaft nachlässt und dadurch geschwächt wird.

(121) Was die Folgen der Einwanderung für die Löhne angeht, gewinnen die besser gestellten Haushalte weit mehr, als die ärmsten verlieren; sie können es sich also leisten, letztere zu entschädigen. ... Denn die Migration erhöht zwar die Notwendigkeit solchen Transfers, verringert aber gleichzeitig die Bereitschaft, sie auszuführen.

(122) Da Migranten i.d.R. ärmer sind und größere Familien haben als die Einheimischen, haben sie einen besonderen Bedarf an Sozialwohnungen. Wird dieser Bedarf erfüllt, müssen unweigerlich Einheimische leer ausgehen (falls keine Vorsorge getroffen wurde).

(132) Auf jeden Fall braucht eine Gesellschaft, nur weil sie altert, keine zusätzlichen Arbeitskräfte (aus dem Ausland).

(134) Keine Gesellschaft kann im vollen Umfang vorhersehen, welche Qualifikationen sie zukünftig braucht.

(135) Effekt von Fachkräften aus dem Ausland: Junge Einheimische sind (normalerweise) die Verlierer, da die Unternehmen es nicht mehr für nötig halten, in ihre Ausbildung zu investieren. ... Skepsis ist angesagt, wenn sich Manager (Unternehmer) gegen Einwanderungsbeschränkungen aussprechen. Wenn Sie Facharbeiter brauchen, warum bilden sie sie dann nicht (selbst) aus?

(141) Mit anderen Worten, die ökonomischen Belege lassen darauf schließen, dass die Wirtschaft bei der Festlegung der Einwanderungspolitik kein besonders wichtiges Kriterium sein sollte.

(145) Dem Gewinn aus der größeren kulturellen Vielfalt stehen die nachteilige Wirkung der Diversität auf die gegenseitige Rücksichtnahme (Interesse, Aufmerksamkeit usw.) und die potenzielle Schwächung eines funktionalen Sozialmodells durch Auslandsgemeinden gegenüber, die dysfunktionale Sozialmodelle gewohnt sind.

(158) Migranten suchen das Land ihrer Wahl nach den für sie besten Steuern und Sozialsystem, ebenso wie nach den besten Verdienstmöglichkeiten (aber auch Erreichbarkeit).

(161) Die heutige Produktivität wurde auf dem Rücken vergangener Demonstrationen (Streiks, Kämpfe) erreicht, die die Macht selbstsüchtiger, ausbeuterischer Eliten brachen. Die beträchtlichen Migrationsgewinne sind also letztlich dem von der einheimischen Bevölkerung (und assimilierten Migranten!) angesammelten öffentlichen Kapital zu verdanken. In einer Marktwirtschaft kommen diese Gewinne allerdings eher den Migranten zugute. Der Grund dafür besteht darin, dass sie von einem öffentlichen Gut generiert wurden, das auf eine Weise bereitgestellt wird, die nicht auf das Einstreichen von Vorteilen angelegt ist. Migranten profitieren kostenlos von Kapital, das auf kostspielige Weise erzielt wurde.

(165) Die finanziellen Bedingungen haben das merkwürdige Paradox zur Folge, dass ein Einkommensanstieg (in den armen Ländern) zu (noch) mehr Auswanderung führen kann (da die Möglichkeit zur Auswanderung größer wird und die Kluft zu den reichen Ländern immer noch riesig ist).

(166) Wenn die Familie die Migrationskosten finanziert und dann von späteren (erwarteten) Rücküberweisungen profitiert, ist es möglich, dass die Entscheidung für die Auswanderung nicht wirklich von den Auswanderern selbst getroffen wurde, sondern von seiner Familie. ... Durch Unternehmen senden Haushalte in einkommensstarken Ländern ihr Überschusskapital in ärmere Teile der Welt, während Familien in einkommensschwachen Ländern ihre Überschussarbeitskraft in reiche Länder schicken (müssen).

(178) Die Hinweise darauf, dass sich die armen Länder ohne Migrationshindernisse entleeren würden, zeigen, dass diese Hindernisse mit allen Vor- und Nachteilen wichtig sind (Beispiel: türkische Zyprioten --> GB).

(182) Migranten konkurrieren selten direkt mit Inländern, weil diese aufgrund einer Mischung aus implizitem Wissen, angehäufter Erfahrung und Diskriminierung gegenüber Migranten im Vorteil sind. Migranten konkurrieren ... miteinander. ... Zusätzliche Einwanderer lasse daher die Löhne der vorhandenen Einwanderer sinken (deshalb auch die Arbeitgeberunterstützung). Dies ist tatsächlich die einzig erkennbare nennenswerte Folge der Einwanderung auf die Löhne. ... Letztlich wären strengere Einwanderungsbeschränkungen ein öffentliches Gut für die vorhandene Einwanderungsgemeinde als Grenze, während die Unterstützung der Einwanderung von Verwandten im privaten Interesse der einzelnen Einwanderer liegt.

(186) Man denke an die grundlegende Botschaft von Jonathan Haidts und Daniel Kahnemans Untersuchung: " Widerstehen der Versuchung, deine moralischen Vorlieben über intensives, vorsichtiges Nachdenken zu stellen.

(192) Das "Wunder" des ökonomischen Wohlstands wurzelt letztlich im Sozialmodell: jener zufälligen Kombination aus Institutionen, Narrativen, Normen und Organisationen, die seit dem 18. Jh. zunächst GB und dann viele andere Länder aus dem seit Jahrtausenden herrschenden Armut herausgeführt hat (Verbunden mit Kolonialismus, Ausbeutung, Kriege, Abhängigkeiten usw.).

(199) Heimkehrer bringen nicht nur neue Normen demokratischer Teilhabe mit, die sie in den einkommensstarken Ländern kennengelernt haben, sie fungieren auch als Katalysatoren der Veränderung unter Ungebildeten, die sonst äußerst schwer zu erreichen sind (Nicht zu vergessen die Kontakte, die sie mit den reichen Ländern verbindet und dadurch wieder für Exportstaaten wie D. wichtig sind. Großzügigkeit vorher kann dann eine "Langzeitinvestition" nachher sein).

(202) Rettungspflicht: Die üblichen Kriterien der Qualifikation und der Familienzugehörigkeit müssen gegenüber den Kriterien der menschlichen Not und der Menschenrechte in den Hintergrund treten. Das Aufenthaltsrecht im Aufnahmeland könnte an die Dauer des Konflikts gebunden werden. ... Wenn ihr Aufenthaltsrecht erlischt, würde die Post-Konflikt-Gesellschaft des Herkunftslands durch ihre Rückkehr einen bedeutenden Zustrom von Fähigkeiten und Geld erhalten.

(204) Je demokratischer das Studienland ist, desto nachdrücklicher das spätere Eintreten für Demokratie. ... Im Zuge des Studiums sind die Studenten genötigt, ihre Normen den Maßstäben demokratischer Gesellschaften anzupassen, und sie bringen diesen neuen Kodex in ihre Heimat mit.

(211) Die armen Länder müssen aufholen, doch die Auswanderung nimmt ihnen genau die Menschen, die es ihnen ermöglichen würden (könnten).

(214) So besitzen etwa die Lehrenden an den afrikanischen Unis zumeist einen Abschluss einer westlichen Hochschule; ohne sie müssten die afrikanischen Unis (zurzeit noch) den Lehrbetrieb einstellen.

(225) Einer ausgezeichneten jüngeren Studie zufolge sind Migranten, je geringer die Migrationshindernisse sind, umso weniger geneigt, Geld nach Hause zu schicken. Grund: Verwandte können leicht nachgeholt werden.

(231) Relevant ist nicht, ob Migration den Herkunftsländern nutzt oder schadet, sondern, ob deren Zunahme dies tun wird.

(234) Die Rate wird durch die Politik der Aufnahmeländer bestimmt. Die polemische Debatte darüber, ob die Migration gut oder schlecht sei, erschwert die Durchsetzung einer idealen (angemessenen) Politik. Diese würde sich nicht durch eine offene oder geschlossene Tür auszeichnen, sondern durch eine angelehnte.

(237) Die Auswanderung aus den Ländern der untersten Milliarde ist also weder eine Gefahr noch ein Katalysator für die Zurückgebliebenen. Sie ist eine Rettungsleine: ein dezentrales Entwicklungshilfeprogramm. ... Nicht entscheidend, aber es erleichtert definitiv das Leben von Millionen Menschen.

(239) ... sollte die Migrationspolitik zum Teil als Unterstützer der Entwicklungshilfe betrachtet werden.

(241) UNO-Ziel für die Entwicklungshilfe = 0,7% des BIP. In Wirklichkeit bringen die meisten einkommensstarken Länder gerade die Hälfte auf. Die Vorteile aus dem Zustrom gesteuerter Einwanderung sollte zumindest teilweise kompensiert werden, indem mit der (dieser) Entwicklungshilfe zurückgezahlt wird, also keine Spende ist!

(251) Ein gemeinsames Nationalgefühl muss nicht mit Aggressivität verbunden sein, es ist vielmehr ein praktisches Mittel, Geschwisterlichkeit zu schaffen. Geschwisterlichkeit ist das Gefühl, das Freiheit mit Gleichheit versöhnt.

(254) Die Individualisten, die die Notwendigkeit gesellschaftlicher Kooperation herabsetzen und die Universalisten, die den Nationalismus für gefährlich halten, haben gemeinsam bewirkt, dass die Nation als Lösung des Problems des kollektiven Handelns in Misskredit geraten ist.

(255) Die Nationen sind nicht obsolet geworden. Würde man Nationalität auf einen bloßen Rechtsbegriff reduzieren - auf eine Reihe von Rechten und Pflichten - , schüfe man eine kollektive Entsprechung zum Autismus: ein Leben mit Regeln, aber ohne Mitgefühl.

(258) Als Zusammenfassung können wir festhalten, dass die Migration die Nationen zwar nicht obsolet macht, eine weitere Zunahme ihnen aber, zusammen mit einem multikulturellen Ansatz, das Wasser abgraben könnte. Es hat sich herausgestellt, dass die Absorption (gesellschaftliche Integration) schwieriger als erwartet ist. Die Alternative einer fortdauernden kulturellen Trennung funktioniert einigermaßen, wenn man es am niedrigsten Maßstab der Erhaltung des sozialen Friedens zwischen den verschiedenen Gruppen misst, könnte ab er an den anspruchsvollen Hürden der Kooperation und Umverteilung innerhalb dieser Gruppen scheitern. Die vorliegenden Hinweise deuten jedoch darauf hin, dass diese grundlegenden Errungenschaften moderner Gesellschaften in Gefahr geraten könnten, wenn die Diversität einen kritischen Punkt überschreiet (ein weiterer Faktor, da der Neoliberalismus selbst durch systemische Zwänge zur eigenen Entsolidarisierung beiträgt).

(262) Ein funktionales Sozialmodell ist ausschlaggebend, aber es entsteht nicht einfach so, sondern muss über Jahrzehnte und manchmal Jahrhunderte durch soziale Fortschritte aufgebaut werden. Letztlich ist es ein Teil des Gemeineigentums, die in einkommensstarken Ländern geborenen erben. Dass dieses Eigentum den Mitgliedern einer Gesellschaft gemeinsam gehört, bedeutet nicht notwendigerweise, dass auch andere darauf zugreifen dürfen. Die Welt ist voll von diesen sogenannten Clubgütern.

(264) Migration ist eine private Handlung, zu der sich der Migrant gewöhnlich selbst entschließt (oder gezwungen ist, da sein Leben bedroht wird). Doch dieser private Entschluss hat sowohl für die Aufnahmegesellschaft als auch für die Herkunftsgesellschaft Folgen, die der Migrant nicht bedenkt (übersehen kann). Solche Auswirkungen, von den Ökonomen externe Effekte genannt, verletzen möglicherweise die Rechte anderer. Es ist (deshalb) legitim, wenn die Politik diese von den Migranten selbst ignorierten Auswirkungen ins Kalkül zieht.

(266) Wirklich Arme können es sich nicht leisten, auszuwandern.

(267) Ab einem bestimmten Punkt verändert sich also die Beziehung zwischen Migrationsrate und Auswanderungsfolgen für die Schicht der Gebildeten und die Rücküberweisungen vom Positiven zum Negativen. Nach den vorliegenden Daten hat die Migrationsrate in den meisten kleinen, armen Ländern diese Marke bereits überschritten.

(268) Der Korrosionseffekt der Vielfalt wird verschärft, wenn die Migranten aus Ländern mit dysfunktionalen Sozialmodellen stammen und an ihnen festhalten. Es gibt also einen Konflikt zwischen den Kosten und dem Nutzen der Vielfalt. ..., also, wieviel Vielfalt am besten ist.

(271) Das Mitgefühl verlangt also sowohl schnellere als auch restriktivere Maßnahmen als das aufgeklärte Eigeninteresse.

(272) Die Auslandsgemeinde ist der akkumulierte Bestand nicht absorbierter Migration (Parallelwelt), weshalb die Auslandsgemeinde(n) den Maßstab für die Auswirkung der Migration auf die Vielfalt darstellt. Bestimmungsgröße also: Vielfalt vor Migrationsrate!

(273) Eine hohe Migrationsrate ist nur bei einer hohen Absorptionsrate mit einer stabilen Auslandsgemeinde vereinbar (Anlaufpunkt, Unterstützung, aber temporär).

(277) Je weiter der kulturelle Abstand ist, desto kleiner werden die Absorptionsrate der Auslandsgemeinde und infolgedessen auch die verträgliche Migrationsrate sein. ... In dem sie bedrängten Gesellschaften helfen, bewahren einkommensstarke Gesellschaften ihre Selbstachtung. ... Eine angemessene Migrationspolitik würde das Asylrecht auf jene wenigen Länder beschränken, die unter einem Bürgerkrieg, einer brutalen Diktatur, der Verfolgung von Minderheiten oder ähnlichen sozialen Belastungen leiden. Bürgern solcher Länder sollte rasch und großzügig Asyl gewährt werden, allerdings verbunden mit einem zeitlich begrenzten Aufenthaltsrecht, das erlischt, sobald im Herkunftsland der Frieden wiederhergestellt ist.

(278) Wenn in Konfliktsituationen Asyl gewährt wird, dann nicht, um der "glücklichen" Minderheit, die ihnen entfliehen konnte, auf Dauer ein neues Leben zu ermöglichen.

(279) Der Multikulturalismus (Vielfalt) hat also einen Preis. ... So müssen Rassismus und Diskriminierung in der einheimischen Bevölkerung (strikt) verfolgt (geahndet) werden.

(280) Es könnte sich als untragbar erweisen, eine massive Migration mit einer die Absorptionsrate dämpfenden Politik des Multikulturalismus und großzügigen Sozialleistungen zu kombinieren.

(285) Ökonomisch gesehen, sind die im Aufnahmeland befindlichen Migranten die großen Verlierer jeder weiteren Migration (vor allem, falls sie die Absorptionsrate übersteigt).

(287) Zweifellos positiv ist die Tatsache, dass die einkommensstarken Gesellschaften jetzt multiethnisch zusammengesetzt sind.

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... was zu beweisen ist, da diese Vorteile nur auftreten können, wenn die in den Zitaten enthaltenen Problemstellungen mit einer langfristig angelegten Politik begleitet werden, und die von der Bevölkerung mehrheitlich getragen wird. Ständige Appelle, ehrenamtliche Leistungen genügen nicht, wenn ungenügende Ressourcen bereitgestellt, keine konsistente, langfristig angelegte Politik verfolgt wird, die weder Wahlperioden noch wechselnden politischen Strömungen unterworfen ist.

Was Paul Collier nur streift und in Exodus nicht behandelt, sind die tiefer liegenden Ursachen der Migrationsströme. Darüber hat er wohl in seinem Buch "Die unterste Milliarde", geschrieben.

Eine Zusammenfassung versuche ich nicht, denn wer anhand der Zitate Gefallen gefunden hat, kann das Buch kostengünstig kaufen und sich ein eigenes Urteil bilden. In dem Sinne also.

Exodus von Paul Collier, dessen Großeltern noch Hellenschmidt hießen, als sie als Migranten nach GB auswanderten.

Ergänzend zu Paul Collier Wikipedia.

(nnn) sind die Seitenangaben aus Exodus/ bpb-Ausgabe.

15:13 01.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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