Mittelmäßigkeit des Bürgertums

Halbbildung: Herbert Schui, verstorben 14.08.16, Auszug aus seinem Buch: Politische Mythen und elitäre Menschenfeindlichkeit.
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Mal wieder ein lesenswerter Beitrag aus der Themseite der jw vom 25.08.16 Gefährliche Halbbildung von Herbert Schui.

Daraus ein paar Auszüge:
"Der (für seine Epoche fortschrittliche) Bildungsbürger des 18. Jahrhunderts wird ersetzt durch den Techniker des praktischen Wissens. Dieser soll im Gegensatz zu seinem Vorfahr die herrschende Gesellschaftsordnung – damals den Feudalismus – nicht in Frage stellen."

"Öffentliche Bildungsausgaben heißen Bildungsinvestitionen. Dieser Ökonomismus der Sprache – eine Investition muss sich rentieren – will jede andere Bildung ausschließen, alle Bildung, die nicht der unternehmerischen Rentabilität dient." (Humankapital: Unwort des Jahres 2005!)

"Die Industrie will die Universität unter ihre Kontrolle bringen, um sie zu zwingen, den alten, überholten Humanismus aufzugeben und ihn durch Spezialfächer zu ersetzen, die den Betrieben Umfragespezialisten, höhere Angestellte, Werbefachleute etc. liefern. (…) Die herrschende Klasse richtet die Lehrinhalte so aus, dass ihnen a) die Ideologie, die sie für angebracht halten (Primar- und Sekundarstufe), b) die Kenntnisse und Praktiken, die sie zur Ausübung ihrer Funktionen befähigen werden (Hochschule), vermittelt werden. (Satre)" --> "Das ist der Zweck der »Entrümpelung« der Lehrpläne, der komprimierten Bachelor- und Master-Studiengänge, der Modularisierung des Studiums, der Verkürzung der Schulzeit an den höheren Schulen."

"Radikalenerlasse und Berufsverbote sind nun nicht mehr nötig, um Kritik, womöglich Gefahren für den Kapitalismus abzuwehren, die sich in einem intellektuellen Universitätsklima entwickeln könnten. Die Auswahl der Hochschullehrer sorgt dafür, dass die Studierenden nichts zu hören bekommen, was sie nicht nachgefragt haben."

"Damit verliert die Aura des Bildungsbürgers ihren Glanz: Halbbildung – konzentriert auf das Fortkommen im Beruf – ist das Ergebnis."

"Die Neigung zu Mythen wird durch diese Halbbildung gefördert. Sie lässt aus Gründen der ideologischen Zuverlässigkeit der Leistungsträger, der Funktionselite nur begrenzt Einsichten als Ergebnis von Bildung zu. Der allfällige Wunsch nach Erkenntnis wird vom Mythos zufriedengestellt."

"Dann gibt es nur noch einen gesellschaftlichen Gegensatz zwischen dem Kapitaleigentümer und dem Habenichts. Dieser lebt auf Kosten der Eigentümerschicht und muss von dieser streng beaufsichtigt werden: Bekommt er zuviel, strengt er sich an, ist er ein würdiger Armer? Bei dieser pädagogisch motivierten Aufsicht aber bleibt es nicht."

"Die ökonomisierte Gesellschaft ist der Nährboden für elitär motivierte Menschenfeindlichkeit."

"Wenn nun Bildung nichts weiter ist als ökonomisch verwertbares Wissen in der vorherrschenden allgemeinen unternehmerischen Lebenspraxis, dann betreibt der Halbgebildete Selbsterhaltung ohne Selbst."

"Nachdenken über eine Sache, notwendige Abstraktion wird ersetzt durch moralisches Urteil. Krieg wird als humanitäre Intervention verstanden, Dreinschlagen wird dem Versuch von Verhandlungslösungen vorgezogen. Ähnlich einfältig (und nicht selten aggressiv) die Urteile zur Arbeitslosigkeit, zur veränderten Altersstruktur der Bevölkerung oder zur Staatsverschuldung."

"Im Zusammenhang von Krieg und Frieden erklärt Alexander Mitscherlich diese Haltung als das Ergebnis von hergestellter Dummheit. Zwei Faktoren stünden einer Entwicklung größerer Friedlichkeit im Weg: »Die leicht weckbare Feindseligkeit des Menschen gegen seine Artgenossen und die, wie man zu sagen pflegt, unausrottbare Dummheit.« Eigentlich, so Mitscherlich weiter, bestünde die »Zielvorstellung aller Kulturen, sobald das nackte physische Elend überwunden ist, (…) in der Milderung der feindseligen und zerstörerischen Formen von Aggression durch Förderung ausgleichender seelischer Kräfte wie Mitgefühl, Verständnis für die Motive des anderen und ähnliches. Dieser Förderung steht die Dummheit im Wege. Ich meine damit nicht die Begabungsdummheit, sondern die anerzogene Dummheit, die sorgfältig durch Erziehung zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit.« Diese ersetze bei Konfliktlösungen die kritische Reflexion durch Erregung und Vorurteil. »Vor allem zeigt sich eine verstärkte Unfähigkeit, eigene Probleme unbestechlich zu betrachten."

"Das Lancieren politischer Mythen ist die »Anerziehung von Dummheit."

"Wer kann gebildet genannt werden? Mitscherlich hat hierauf eine verblüffend einfache Antwort: »Der gebildete ist als ein Mensch zu charakterisieren, der seine jugendliche Ansprechbarkeit auf Neues und Unbekanntes behalten hat. Er ist auf der Suche nach Wissen und nach den Methoden, Erfahrung zu prüfen.«

"Objektive Intelligenz aus der Erfahrung und der Verallgemeinerung der eigenen Lage, der besondere Druck der Realität, der diese gesellschaftliche Klasse ausgesetzt ist, ist dazu angetan, die Suche nach Wissen zu fördern und nach Methoden zur Prüfung der eigenen Erfahrung. Weil diese Bildung Klarheit schafft über diejenigen Ursachen der eigenen Lage, gegen die die einzelnen durch individuelles Handeln nichts ausrichten können, schafft diese Bildung ein gemeinschaftliches Bewusstsein. Das wäre der Anfang einer Veränderung."

"Der Veränderung, einer Besserung der gesellschaftlichen Lage stehen die Ideologie und die Lebenspraxis der rabiaten Mittelschicht, des entkultivierten Bürgertums entgegen. Beides, Ideologie und Praxis, werden durch Mythen weiter gefördert. Sie werden umso abstruser, je absurder die Verhältnisse sind. Dennoch haben diese Mythen Erfolg in ihrem objektiven Zweck, die gegebenen Machtverhältnisse, die vorherrschenden wirtschaftlichen Absurditäten zu bewahren."

Prof. Dr. Herbert Schui: Website.

15:21 26.08.2016
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