Rassismus als Ergebnis

sozialer Verhältnisse: Zwei Beiträge über die tiefer liegenden Ursachen von Rassismus und ihre historischen Erscheinungsformen.
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Wulf D. Hund führt in seinem Beitrag: "Kitt der Klassengesellschaft", Rassismus auf die sozialen Verhältnisse zurück und zeigt die vielfältigen Formen auf, wie sie sich in der Geschichte darstellen. Rassismus lässt sich ohne Herrschaft (Ökonomie), Klassen, Staaten (Grenzen) nicht hinreichend begreifen (zurückführen).

Einige Zitate daraus, die mir wesentlich erscheinen:

"Rassismus ist die längste Zeit seines Bestehens ohne »Rassen« ausgekommen. Die Vorstellung von diesen entstand erst im Gefolge des Kolonialismus, und ein entsprechendes Begriffssystem wurde nicht vor der Moderne entwickelt."

"Rassismus ist ein soziales Verhältnis, das seinen selbst diskriminierten Mitgliedern durch die radikale Ausgrenzung anderer die Vorstellung von Gemeinschaft erlaubt. Die Zusammengehörigkeit der Ungleichen erzeugt Untermenschen."

"Klassen haben sich mit Hilfe rassistischer Unterdrückung anderer auf unterschiedliche Weise als höherstehende Gemeinschaft begriffen: als »Kultivierte« (gegenüber »Barbaren«), »Reine« (gegenüber »Unreinen«), »Erwählte« (gegenüber »Verdammten«), »Zivilisierte« (gegenüber »Wilden«) und schließlich »Weiße« (gegenüber »Farbigen«). Die angebliche Minderwertigkeit der anderen war sozial »konstruiert«, aber keine ideologische Chimäre. Sie wurde den Betroffenen als sozialer Charakter aufgezwungen. Das hatte für diese zwar unterschiedliche, immer aber herabwürdigende und dabei nicht zuletzt auch materielle soziale Konsequenzen."
(Nicht zu vergessen dabei die "geistliche Betreuung", die diese Unrechtsverhältnisse über eine höhere Ableitung zu stützen wusste und sich ihrer bedient(e)).

Die Begründungen für die Ungleichheit hat berühmte Vordenker: "Platon erzählte den Athenern, sie seien alle Verwandte von edler Abkunft, aber die Götter hätten ihrem Blut je nach ihrer sozialen Funktion Silber, Bronze oder Eisen beigemischt. Die zwischen ihnen bestehende Ungleichheit würde jedoch vor ihrer gemeinsamen Überlegenheit gegenüber den Barbaren verblassen. Aristoteles erklärte Barbaren zu geborenen Sklaven."

"Aristoteles wusste, dass der Natur mit Gewalt nachgeholfen werden musste: Wer zum Sklaven geboren war, das aber nicht sein wollte, durfte unter Zwang versklavt werden. Aristoteles wusste auch, dass Sklaven Menschen waren: Obwohl er sie mit unvernünftigen Tieren verglich, empfahl er gleichzeitig, sie ethnisch heterogen zusammenzusetzen, damit sie sich nicht untereinander zum Widerstand verabredeten. Er wusste ferner, dass Sklaverei ein soziales Verhältnis war: Würden die Sklaven nicht versklavt, so könnte man sogar mit ihnen befreundet sein. Und er wusste schließlich auch, dass die angeblich unfähigen Sklaven gut ohne ihn zurechtkommen konnten: Selbst Sklavenhalter, legte er in seinem Testament verschiedene Formen der Freilassung seiner Sklaven fest und gestand so ein, dass sein Tod das ihnen zugeschriebene Schicksal beendete."

"Ein älterer Rassismus war im Kern religiöser Natur, speziell ausgeprägt im Antisemitismus. Der spielte in der deutschen Geschichte eine besonders intensive Rolle, die mit der Entwicklung des Kapitalismus noch verstärkt wurde."

"Klassenübergreifende rassistische Identitätsstiftung hat sich historisch unterschiedlicher Mittel bedient und macht das nach wie vor. Ihre Funktionsweise ist bislang nicht hinreichend untersucht. Das ist nicht zuletzt ein Versäumnis marxistischer Gesellschaftstheorie."

"Die schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts formulierten Perspektiven der Rassismusanalyse stehen deswegen nach wie vor auf der Agenda. Das Plädoyer für eine sozialstrukturell orientierte Analyse rassistischer Vergesellschaftung hat seitdem nichts an Bedeutung verloren."

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Andreas Peglau wiederum verweist auf die neu veröffentlichte Originalfassung "Massenpsychologie des Faschismus", von Rudolf Reich in seinem Beitrag: "Verdrängter Klassiker". Faschismus als eine besonders extreme Form von Rassismus wird von Reich bereits vorausschauend analysiert und artikuliert, was ihn (zumal noch Jude) zum Verlassen Deutschlands zwang.

Aus dem Text eine kleine Auswahl:

"Wie ist es möglich, dass sich Menschen – auch heute wieder – entgegen ihren objektiven Interessen verhalten, verlogenen Politikern und offen reaktionären Parteien hinterherrennen oder freiwillig Systemen zuarbeiten, in denen sie manipuliert, ausgebeutet, unterdrückt oder gar in den Tod geschickt werden?"

"Psychoanalytische Bücher, die eine auch nur annähernd so gründliche Aufarbeitung psychosozialer Wurzeln rechter Bewegungen bieten wie Reichs »Massenpsychologie« und Erich Fromms »Anatomie der menschlichen Destruktivität« (1973) sind bis zum heutigen Tag nicht erschienen."

"Zwischen 1933 und 1941 war Reich der einzige Psychoanalytiker weltweit, der sich offen und öffentlich gegen den Faschismus wandte, ab 1935 auch gegen den Stalinismus."

"Karl Landauer erwähnte 1934 als einziger Psychoanalytiker öffentlich die »Massenpsychologie«. In der Zeitschrift für Sozialforschung lobte er, Reich gebe sich »mit Schlagworten wie Verneblung der Massen und Massenpsychose nicht zufrieden«. Ansonsten konzentrierten sich Reichs Exkollegen darauf, seine Verdienste zu leugnen und ihm schwere seelische Störungen anzudichten."

"Auch in aktuellen Publikationen zu Autoritarismus, Faschismus, Holocaust, zur NS-Täterforschung und zum Rechtsextremismus findet Reichs Schrift selten Erwähnung. Das ist erstaunlich, weil sich dessen Auffassung des Faschistischen als autoritär, nationalistisch, rassistisch – insbesondere antisemitisch –, militant und (Männer-)Gewalt verherrlichend, hochgradig deckt mit als gültig erachteten Definitionen des »Rechtsextremismus«. Und es ist bedauerlich, weil Reich einige unverzichtbare Aspekte in die Debatte einbrachte – wie die gegenseitige Abhängigkeit von Führern und Geführten und die Mitverursachung von rechten Orientierungen durch lust- und körperfeindliche Religionen, durch Unterdrückung von Kindern, Frauen und Sexualität, kurz: durch das Patriarchat." (Übereinstimmungen mit gewissen Reliogionen sind natürlich rein zufällig)

"Aber was verstand Reich 1933 überhaupt unter »Faschismus«? Reich sah den Faschismus als eine bis weit ins Proletariat hineinwirkende »Mittelstandsbewegung«. Objektiv nutze diese Bewegung jedoch den reaktionärsten Kreisen der Großbourgeoisie, werde nicht zuletzt von deren Angst vor einer sozialistischen Revolution angetrieben. Zugleich sei Faschismus der zugespitzte Ausdruck massenhafter autoritärer Charakterstrukturen, die Führung und weite Teile der Geführten verbinde."

"Habe die christliche Religion seit Jahrhunderten das Sexuelle »als eine internationale Eigenschaft des Menschentums, von dem nur das Jenseits erlösen könne«, angefeindet, so verlege nun der »nationalistische Faschismus das Sexualsinnliche in die ›fremde Rasse (so Reich)".

"Reich beschrieb somit Faschismus als psychisches, soziales, ökonomisches sowie politisches Phänomen und ordnete ihn zugleich in umfassendere geschichtliche Zusammenhänge ein. Ein dauerhafter Schutz vor faschistoiden Entwicklungen war für ihn deshalb ohne psychologisch-psychoanalytisches Verständnis gesellschaftlicher Prozesse, ohne gravierende Veränderungen in Erziehung, Bildung, Sexualität, ohne Überwindung patriarchaler Normen nicht denkbar."

Aber er schreibt auch: "Versucht man die Struktur der Menschen allein zu ändern, so widerstrebt die Gesellschaft. Versucht man die Gesellschaft allein zu ändern, so widerstreben die Menschen. Das zeigt, dass keines für sich allein verändert werden kann."

"Während die Linke sich an einen idealen Menschen wendet, den es in der Realität kaum gibt, holt die Rechte die Massen in ihren autoritär-destruktiven Charakterstrukturen ab – und gewinnt."

Wulf D. Hund ist Professor (i.R.) für Soziologie an der Uni Hamburg. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der historischen Analyse von Rassismen.

Andreas Peglau ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut und Psychoanalytiker.

20:02 22.02.2020
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