Schwäche der Linken in Krisenzeiten

Gründe dafür: Götz Eisenberg über den Faschismus, verbleibende seelische Schäden bei den Nachkommen und die Vorteile, die die Rechten daraus ziehen.
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Auszüge aus dem Beitrag von Götz Eisenberg: Die Innenseite des Klassenkampfes", in jw vom 19.12.16.

Auch sinnvoll zu lesen im Zusammenhang mit Christian Barons "Proleten, Pöbel, Parasiten".

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"Warum tendieren manche Menschen nach links, werden zu libertären Sozialisten, Kommunisten oder Anarchisten, und warum werden andere zu Rechten oder Faschisten?"

"Später hat Brückner diese Erfahrung (seine impulsive Abscheu gegenüber einem zerlumpten russischen Kriegsgefangenen) auf den Begriff gebracht: »Wer nicht sichtlich unsereiner ist, steht sehr unfest in der Kultur.« Er spricht von einem »Faschismus der Gefühle – weit weg vom Kopf«. Mitunter werde unser aufgeklärt-tolerantes Erwachsenenbewusstsein von Regungen überrascht und manchmal auch überrumpelt, die plötzlich wie durch ein Steigrohr aus den Innenräumen unserer Kinderseele aufsteigen, in denen noch jede Menge faschistoides Gerümpel herumliegt, das unsere Nazivorfahren dort hinterlassen haben."

"Der autoritär erzogene und »zur Sau gemachte« Mensch wird eine Neigung davontragen, das, was er selbst unter Schmerzen in sich abtöten und begraben musste, aus sich herauszusetzen und dort – am anderen und Andersartigen – zu bekämpfen und zu vernichten. Das niedergedrückte und beschädigte Leben brütet über seine Kompensationen und sinnt auf Rache. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine Tendenz, sich am anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt: »Der da, der reißt sich nicht so zusammen wie ich!« Spielerisch-provokant hat diesen Mechanismus eine Berliner Punkerin entlarvt, die in den Anfangsjahren der Punkbewegung mit ihrem schrillen Outfit und bunten Haaren in ein Taxi einstieg und vom Fahrer gefragt wurde: »Wat bist’n du für eene?« Sie antwortete: »Gestatten, ich bin Ihr Trieb!«"

"Ressentiments und Feindseligkeit kommen dem um sein Glück Betrogenen aus allen Poren. Auf Anzeichen von einem Mehr an Glück und Lebendigkeit reagiert er mit Härte und Grausamkeit. »Gleiches Unrecht für alle« avanciert zur Maxime seines ungelebten Lebens. Der Faschismus setzte und setzt bis heute dieses Ressentiment politisch in Gang, er war und ist psychodynamisch die Wiederkehr des Verdrängten: »Wenn die toten Wünsche auferstehen, werden sie verwandelt in die Masse der Umzubringenden«, schreibt der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in seinem beinahe vergessenen Buch »Männerphantasien«.

"Die größte Kraft der Revolution ist die Hoffnung, die Hoffnung auf ein menschenwürdiges und glückliches Leben, ein Leben ohne Herren und Knechte. »Das, was wirklich zählt – ist das etwa nicht das Glück? Wofür macht man denn die Revolution, wenn nicht, um glücklich zu sein?« fragt der italienische Regisseur und Publizist Piere Paolo Pasolini in seinen »Freibeuterschriften«.

"Unter der Federführung von Adorno wurde die sogenannte Faschismus-Skala entwickelt. Das ist ein Fragebogen, der antidemokratische Einstellungen und Eigenschaften der autoritären Persönlichkeit erfassen soll. Der Rechtsradikalismus kann wechselnde Züge annehmen, aber dennoch zeigt sich, dass bestimmte Einzelseiten in seiner Physiognomie regelmäßig im Verein mit anderen auftreten. So ist, wer gegen Ausländer, Juden und andere Minoritäten wettert, in der Regel auch gegen Frauenrechte und für die Prügel- und Todesstrafe. Er verachtet das Parlament als »Quasselbude« und wünscht sich einen »starken Mann«, der »das Land mit harter Hand regiert«. Es existiert eine sozialpsychologische Komplementarität, die dafür sorgt, dass bestimmte gesellschaftliche Affekte sich mit anderen verbinden. Das ist bis auf den heutigen Tag nicht anders geworden und findet sich in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen auch im gegenwärtigen Rechtspopulismus, wobei der Antisemitismus häufig nicht offen gezeigt wird."

"In Zeiten verbreiteter Verunsicherung und Desorientierung findet eine kollektive Regression auf archaische Mechanismen der psychischen Regulation statt. Urteils- und Differenzierungsvermögen bilden sich zurück, und es steigt das Bedürfnis nach entlastenden Vereinfachungen. Wer die simpelsten Polarisierungen liefert, hat nun die besten Aussichten, Gehör und Gefolgschaft zu finden. Wirkliche Aufklärung – unter striktem Verzicht auf alles Populistische ist dagegen anstrengend und schmerzhaft. Das ist der Grund, warum in Krisenzeiten, wenn die Menschen sich nach schnellen Lösungen sehnen, linke Aufklärungsversuche gegenüber den populistischen Vereinfachungen kaum eine Chance haben."

16:53 26.12.2016
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