Warum "van der Lubbe" der Täter sein musste

Reichstagsbrand: Otto Köhler rezensiert das Buch des New Yorker Historikers Benjamin Carter Hett "Burning the Reichstag" und beleuchtet den Sumpf um die These der Einzeltäterschaft.
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Der Spiegel hat unter Rudolf Augstein maßgeblich an der "Legende" von der Einzeltäterschaft Marinus van der Lubbes mitgewirkt, sodass die Kommentierung Otto Köhlers (jemand der noch für Augstein gearbeitet hat), eine besondere Aufmerksamkeit verdient.

Aus dem Beitrag Tabu für Deutsche (Otto Köhler, jw 20./21.06.2015) einige Zitate:

"In den fünfziger und sechziger Jahren ging es für die ehemaligen Gestapo- und Kripobeamten um ihre Existenz. Es war für sie eine Frage des Überlebens, ob die Nazis unschuldig waren oder nicht."

"Allein konnte van der Lubbe das Feuer in der Kürze der ihm verfügbaren Zeit nicht gelegt haben. Die so gegen die KPD gelegte Spur, macht heute den Vertretern der Unschuld der Nazis viel Kummer."

"Soldaten, Polizeioffiziere, Richter, Beamte des Auswärtigen Amtes und des Justizministeriums und vieler anderer Institutionen waren in die Verbrechen des Regimes tief verstrickt. ... Die Kontrolle des Narrativs über den Reichstagsbrand zieht die Kontrolle über alles nach sich, was danach geschah, heißt es bei Hett. Und wer die Schuldigen am Reichstagsbrand benennt – oder geheimhält –, der legt die Wurzeln des Naziregimes bloß – oder er verdeckt sie. Der fanatische Kampf für die Einzeltätertheorie erweist sich so als eine Verschwörung zur Vertuschung von weit größeren Naziverbrechen."

"Niedersachsen war damals auch nach den eignen Ermittlungen Hetts eine Nazihochburg, braun von der sozialdemokratischen Spitze an. Der erste Ministerpräsident Hinrich Wilhelm Kopf von der SPD war unter den Nazis als führender Mitarbeiter der Haupttreuhandstelle Ost an der Plünderung von polnischem und der »Arisierung« von jüdischem Eigentum beteiligt..." usw. usw.

Großes Schweigen im deutschen Blätterwald (mit wenigen Ausnahmen) weil:
"Inzwischen geht es – das hat Hett herausgearbeitet – um das Renommee der Leute, die sich auf die Alleintäterthese eingelassen haben – oft mit grotesken Mitteln wie der Historiker Hans Mommsen oder ein Verfassungschützer wie Fritz Tobias. Es geht also um die Historiker, die Scheinbeweise voneinander abschrieben und die, anders als der betagte Mommsen, ihren Ruf noch zu verlieren haben. Nicht zuletzt geht es um die Medien, inbesondere den Spiegel, der sich mit sektiererhaftem Realitätsverlust seit mehr als einem halben Jahrhundert an Rudolf Augsteins Unschuldsdekret für die Nazis festkrallt."

Mal sehen, welcher deutsche Buchverlag sich die Rechte sichert und den Titel ins Deutsche übersetzt.

Wieder ein Dankeschön an Otto Köhler. Vielleicht nimmt es der Spiegel zum Anlass, mal selbstkritisch die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Daraus ließe sich doch was machen.

Benjamin Carter Hett
Burning the Reichstag - An Investigation into the Third Reich´s Enduring Mystery, Oxford Univerity Press, 02.2014

14:58 21.06.2015
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