pleifel
14.04.2015 | 20:20 21

Wenn die Arbeit den Menschen frisst

Überforderung: Ein Beitrag, der sich aus der Kommentierung des Buchs: "Das unternehmerische Wir" der Autoren Martina Frenzel und Stephan Siemens ergeben hat. Ein längerer Text.

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied pleifel

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Zwei aktuelle Studien beschreiben die Folgen eines Wirtschaftssystems, dass die wertschöpfende Arbeit als bloßen Kostenfaktor betrachtet und sich offensichtlich wenig um den Erhalt der „Ressourcen“ bemüht. So lassen sich auch Aussagen vernehmen, die ganz offen verkünden, dass das Einkommen aus der Arbeit nicht zum Leben reichen muss!

Das Ergebnis zeigt sich zum einen in der Studie des Projekts „Gesundheitsmonitor“ der Bertelsmann-Stiftung und der BarmerGEK. 51% haben keinen oder nur geringen Einfluss auf ihr Arbeitsvolumen. Etwa 30% sieht sich überfordert, 25% glauben nicht, dass sie das Arbeitstempo beibehalten können. Und viele nehmen sich keine Pausen mehr.

In einer weiteren Studie der DAK, „Gesundheitsreport 2015“ zeigt sich die Reaktion der Beschäftigten, die dem Druck aus der Arbeit mit Medikamenten begegnen. Dieses „pharmakologische Neuroenhancement“ am Arbeitsplatz betrifft etwa 3 Millionen Menschen, wobei es sich nur um die verschreibungspflichtigen Medikamente handelt. Die Krankenkasse schließt daraus auf eine beträchtliche Dunkelziffer. Allerdings muss auch gesagt werden, dass es sich nicht ausschließlich um regelmäßige „Einwerfer“ handelt, da viele nach ein oder zweimaligem Versuch die Sache wieder beenden. Im gleichen Kontext wäre auch noch der Alkoholismus zu berücksichtigen.

Es sind beileibe nicht die einzigen Studien die aufzeigen, dass bei den Beschäftigten die Entwicklung „aus dem Ruder“ läuft. Daraus ergeben sich kritische Fragen an die Gewerkschaften, ob sie in der Vergangenheit die falschen Schwerpunkte gesetzt, ob sie zu sehr den Konsens gesucht und ob sie sich überhaupt noch in der Lage sehen, außerhalb der Betriebe gesellschaftspolitische Themen zu setzen. Reicht es dem DGB bereits, sich für die Tarifeinheit einzusetzen und damit den Untergang der kleinen Gewerkschaften einzuleiten? Oder wäre es nicht längst an der Zeit, sich aus der Komfortzone zu bewegen und den Generalstreik auf die Agenda zu setzen. Nun lässt sich leicht feststellen, dass die Gewerkschaften das Thema Arbeitszeitverkürzung aus dem Fokus genommen haben, seit dem die IG-Metall im Kampf um gleiche Arbeitszeiten in Ost/West eine Niederlage erlitten hatte.

Politische Maßnahmen als Ursache der Misere

Was den Beschäftigten in der Arbeitswelt zu schaffen macht hat eindeutig Ursachen, die aber hier nur in groben Zügen angerissen werden können. Es sollte aber ausreichend sein, zumal im Literaturverzeichnis weitere Beiträge aus der „Gegenblende“ aufgeführt sind, die aus unterschiedlichen Perspektiven detaillierte Einblicke geben, die für jeden Beschäftigten zu lesen lohnt, da es seine Arbeitswelt betrifft.

Naomi Klein skizziert in „Schock Strategie“ die Entfesselung der Marktkräfte, die sich mit Namen wie Milton Friedmann (Ökonom), Margret Thatcher und Ronald Reagan verbinden. Mit ihrer Hilfe und Macht wurde der nachfrageorientierte Keynesianismus durch die unregulierte, marktkonzentrierte Angebotsökonomie (Monetarismus) ersetzt, die ausgehend von der Zerschlagung starker britischer Gewerkschaften bis in die Bankenkrise 2007 einmündete. Denn was heute über die gesetzliche Schuldenbremse eingezogen wurde, stärkt nur die Privatisierung, Deregulierung und bewirkte ein Durchschlagen auf die Beschäftigungsverhältnisse, die ausgehend von der Bankenkrise in eine Schuldenkrise der Staaten gewendet wurde, dass nun Anlass bietet, weitere rigorose Einschnitte in die Reste einer „Sozialen Marktwirtschaft“ vorzunehmen.

Joseph Vogel dazu in „Nachgefragt“: „.. sondern danach zu fragen, wie es zum eigentümlichen Wahrheitsprivileg von Marktmechanismen und Wettbewerbsszenarien kam.“ Dieses „Wahrheitsprivileg“ ist das Ergebnis einer Deutungshoheit des Kapitals, mit dem positiv besetzte Begriffe wie Autonomie, Unternehmertum, Verantwortlichkeit usw. in ein Konstrukt wie Hartz IV transformiert werden konnten, dass den Arbeitsmarkt in Deutschland völlig veränderte. Mit dem Appell an die Eigenverantwortung und Selbstständigkeit verbindet sich eine Sehnsucht der Menschen nach Selbstverwirklichung, die sich tatsächlich in den neuen Arbeitsverhältnissen teilweise so erleben lässt, aber letztlich Selbstbetrug ist, da sich jene in einem gestalteten Biotop (Umfeld) des Managements bewegen. Der Markt ist also zum bestimmenden Faktor des Staats geworden und folglich sorgt jener dann für die Ökonomisierung des Sozialen. So werden sich die Wähler das wohl nicht gedacht haben!

Indirekte Steuerung als Managementtechnik

Alain Ehrenberg schreibt in „Das erschöpfte Selbst“ über die Folgen einer Arbeitswelt, der sich der weitaus größte Teil der Beschäftigten nicht entziehen kann und welchen Preis die Beschäftigten dafür zu „zahlen“ haben. Und genau diesem „erschöpften Selbst“ fehlt nach langer, kräftezehrender Tätigkeit dann die Energie (Zeit), um sich selbst kritisch zu hinterfragen, bzw. sich noch in gewerkschaftlichen oder politischen Aktionen zu betätigen. Und hier liegt ein weiterer Faktor vor, wieso Familienleben und Reproduktion in Deutschland so schwer ist. Wir arbeiten uns „zu Tode“, wäre die andere Seite der so erfolgreich verkauften Exportökonomie, deren Erträge bei den wenigsten Beschäftigten ankommen.

Das Managementkonzept der indirekten Steuerung (i.S.) ist nun seit über 15 Jahren von gewerkschaftsnahen Autoren, Gewerkschaften und den Betriebsräten selbst behandelt worden und doch scheint es nicht sonderlich bei der Zielgruppe gefruchtet zu haben. Da das Prinzip recht leicht zu durchschauen ist, müssen die Ursachen wohl anderweitig zu finden sein. Stephan Siemens und Martina Frenzel haben in ihrem aktuellen Buch „Das unternehmerische Wir“ das Thema erneut aufgegriffen und mit interessanten neuen Aspekten versehen. Im Gegensatz zu Klaus Peters und Dieter Sauer interpretieren sie die i.S. als Notwendigkeit des Managements, um die bereits vorhandenen Produktivkräfte der Beschäftigten „abzuschöpfen“. Die indirekte Steuerung ersetzt also das alte Anweisungs- und Vorgabesystem, da es die neuen Strukturen der IT-gestützten Arbeitswelt einfach erfordern. Die Unternehmerfunktion wird folgerichtig an die Beschäftigten „delegiert“.

Frenzel und Siemens betonen aber noch einen weiteren Faktor, der sich mit ihrem „Wir“ in den Teams zeigt. Hier beginnt das Arbeitsfeld der Psychologie und Soziologie, die es sich ja auch zur Aufgabe gemacht hat, in dem ambivalenten Umfeld ihre Ergebnisse dem Kapital zur Verfügung zu stellen, auch wenn es gleichzeitig zum Schutz der Beschäftigten dienen soll. Wiebel, Pilenko und Nintemann schreiben darüber in ihrem Buch „Mechanismen psychosozialer Zerstörung.“

Das Phänomen, dass sich Beschäftigte so in der Arbeit „verlieren“ bedingt, dass sie keine Grenzen mehr der Arbeitszeit finden und selbst ihren Betriebsrat und sich noch verantwortlich fühlende Vorgesetzte als Störfaktoren empfinden. Der Grund des Ganzen liegt weniger in der Identifizierung mit der Arbeit, die auch noch mit dem Unternehmertum behaftet wurde, sondern an Faktoren, die sich aus dem Leistungswettbewerb selbst ergibt. Und die sind nun im Gegensatz zu den alten Arbeitsverhältnissen nicht mehr von den Beschäftigten getrennt, sondern vom Markt direkt in die Unternehmen gelassen worden, wobei diejenigen selbst noch innerhalb des Unternehmens gegeneinander in Konkurrenzverhältnisse gesetzt werden. Die Ängste der Beschäftigten konzentrieren sich daher mehr auf das eigene Versagen, da in den Köpfen das Paradigma des leistungsfähigen „Arbeitskraftunternehmers“ eingezogen ist und seitens der Unternehmen (in Ausführung das Management) die Verantwortlichkeit der Ergebnisse gleich noch auf die Beschäftigten selbst verlagert werden kann, sodass diese halt nicht gut genug waren, wenn es im „Rattenrennen“ nicht so gut läuft.

Nach den Vorstellungen von Frenzel/Siemens liegen seitens der Beschäftigten die Fähigkeiten zur eigenständigen Produktion unter kapitalistischen Verhältnissen nun vor, die nach Überwindung der i.S. alle Mittel in der Hand haben und sich nun der Ansatz bietet, den Kapitalismus in eine demokratische, gesellschaftliche Form zu überführen. Dem Autor dieses Textes erscheint die Idee doch mit zuviel Idealismus unterlegt. Denn aus der betrieblichen Perspektive ist zwingend eine Verschärfung der Konkurrenzverhältnisse am Markt zu erwarten, soweit man sich im bestehenden normativen Kontext bewegt und keine weiteren Kräfte diese Verhältnisse aufheben.

Das Kapital hat sich zwar aus der Unternehmerfunktion mehr und mehr zurückgezogen, bestimmt aber weiterhin mit exogenen Gewinnvorgaben das Handeln und zieht im verstärkten Maße leistungslose Einkommen aus den Unternehmen, die mangels Nachfrage (logische Entwicklung) nicht reinvestiert, sondern am Finanzmarkt oder im Sachvermögen angelegt werden.

Mit der Informatisierung der Arbeit nutzt das Kapital auch die damit einhergehenden neuen Möglichkeiten, die Beschäftigten weiter zu kontrollieren. War der Beschäftigte früher aus seinem Arbeitsvertrag heraus nur zu einer durchschnittlich und auf Dauer zu erbringenden Leistung verpflichtet, die auch keine Verantwortung des Erfolgs seiner Arbeit betraf, so ist dieser Vertragszustand in ein Werkvertragsverhältnis überführt worden, der nun über Zielvereinbarungen und sonstige Commitments die Beschäftigten über den Arbeitsvertrag hinaus in die Pflicht nimmt. Und in dem augenblicklich gestalteten Biotop schaffen das die Beschäftigten auch noch selbst, da sie kraft der Verhältnisse ihren Arbeitsplatz unbedingt erhalten wollen. Es wäre also eine weitere Illusion anzunehmen, das sich das Kapital mit und in der neuen Arbeit seine Kontrollmöglichkeiten eingeschränkt (verloren) hätte, eher ist das Gegenteil der Fall. Denn mit der eingehenden Analyse der Arbeitsprozesse (Industrialisierung) sind diese gleich in abstrakte, aber anschauliche Formen der Prozesssteuerung (Workflow) aufgenommen worden, wo das Kleinteilige zwar nicht als Wissen beim Kontrolleur vorausgesetzt (benötigt) wird, aber sehr wohl den Überblick und ggf. Eingriffe ermöglicht.

Die momentane Situation der Beschäftigten ist eine weiter abhängige, die allein aus dem Betrieb nicht zu überwinden ist. Die verstärkte Prekarisierung durch Tarifflucht, Auslagerungen, (Subunternehmen), Leiharbeit, Werkverträge, Befristungen, Dumpinglöhne usw. kann nur von gesellschaftlichen Kräften aufgehalten und wieder umgekehrt werden.

Was können Betriebsräte und Gewerkschaften tun?

Betriebsräte (BR) können im Rahmen des BetrVG, des ArbZG, Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen viel für die Beschäftigten erreichen, wenn sie unter Ausnutzung und gelegentlichen „Grenzüberschreitungen“ des Arbeitsrechts das komplette gesetzliche Programm ausreizen. Das gelingt nur, wenn sich der BR selbst qualifiziert und es versteht, den Beschäftigten ihre eigenen Interessen und Bedürfnisse bewusst zu machen, wobei weniger schöne Worte, sondern vor allem gemeinsame Erfahrungen notwendig sind. Wenn laut Nikolaus Koch in „Staatsphilosophie und Revolutionstheorie“ die „Furcht vom Verlust des Arbeitsplatzes ein antidemokratisches Moment der freien Welt ist“, dann sollte klar sein, worauf das Augenmerk zu richten ist.

Die Lösungen können aber nicht unter der kapitalistischen Marktkonkurrenz gefunden werden, das sich nach Karl Held in „Arbeit und Reichtum“, „der letzte zweckdienliche Gebrauch des ´Faktors Arbeit´ in seiner Stilllegung besteht. So ergeben sich stets von neuem Krisenszenarios (…) von überschüssigen Geldvermögen und einem wachsenden Überschuss von lohnabhängiger Weltbevölkerung.

Da sich die neue Selbständigkeit vor allem in einer neuen Scheinselbständigkeit zeigt, die keine wahre Autonomie beinhaltet, sondern nur das bloße Risiko des Untergangs personalisiert wurde, muss eine Form der allgemeinen Existenzsicherung gefunden werden. Allerdings keine, die als abgeleitete Größe des Kapitals fungiert, sondern eine, die ausgehend von der Produktivkraft des Menschen, ihm auch die volle Aneignung der eigenen Wertschöpfung ermöglicht. Davon sind wir leider noch weit entfernt, da die Gewerkschaften das „Heft des Handelns“ verloren haben, soweit sie es überhaupt jemals hatten.

Mit der Informatisierung, wie sie von Cockshott und Cottrell in „Alternativen aus dem Rechner“ beschrieben wurde, lassen sich die Schwächen des Sozialismus überwinden und mit dem Besten aus dem liberalen und freiheitlichen Kontext der Aufklärung verbinden. Denn es kann doch nicht sein, dass diese vorhandene Produktivität nicht zur bedarfsgerechten Deckung aller ausreichen soll, wobei es also gilt, endlich die Form einer „Wirtschaftsdemokratie“ zu realisieren, die heute einfach an den Rechts-, Vermögens- und Einkommensverhältnissen scheitert.

„Menschenwürdige Arbeitsverhältnisse“ wäre allerdings zu kurz gegriffen, denn sie befänden sich immer noch im Dunstkreis der gegebenen Herrschaftsverhältnisse.

Nach Josef Schleifstein: „Auf ökonomischem Gebiet geht es der Monopolbourgeoise in erster Linie darum, ein Maximum an kooperativer Bereitschaft der Arbeiterklasse (Arbeitnehmer) und der Gewerkschaften zu erreichen und größere Streikkämpfe sowie soziale und politische Konflikte aller Art auszuschalten, also alle Praktiken und Ideen zu fördern, die geeignet sein können, der Illusion von Sozialpartnerschaft Nahrung zu geben.

Es gilt also an mehreren Fronten zu kämpfen. In den Betrieben müssen die Betriebsräte gestärkt werden über erweiterte Mitbestimmungsrechte. Die Arbeit der Gewerkschaften darf sich dann aber nicht nur in schönen Thesenpapieren erschöpfen, sondern muss mit der Arbeitszeit, dem Grundeinkommen und vor allem wieder präsent sein mit dem Erlangen der Deutungshoheit mit Themensetzung in der Gesellschaft. Allerdings dürfen sich die Gewerkschaften nicht weiter auf die Flexibilisierungsdebatte der Arbeitgeber einlassen und müssen eine kollektive, tarifliche AZ-Verkürzung bei vollem Lohnausgleich erreichen.

Als großes Ziel bleibt aber die "Entökonomisierung" der Gesellschaft, also eine reale Demokratisierung, wobei die Wirtschaft als nachgeordente Größe den Menschen zu dienen hat.

In Kurzform beschrieben ist die indirekte Steuerung ein Managementkonzept, in dem die Beschäftigten Teile der Unternehmereigenschaft übernehmen sollen (weder die Ziele bestimmen, noch über das Budget entscheiden) und sich dann mit ihrer Arbeit so identifizieren, dass der Widerspruch Arbeitsplatz und Markt in ihren Köpfen ein unlösbares Dilemma schafft, dass die Beschäftigten psychisch krank macht, solange sie die Mechanismen nicht durchschauen.

Literatur
Martina Frenzel/Stephan Siemens (VSA 2014) „Das unternehmerische Wir
Wilfried Glißmann/Klaus Peters (VSA 2001) „Mehr Druck durch mehr Freiheit
Hilde Wagner, Hg. (VSA 2001) „Rentier´ ich mich noch?“
Burkhard Wiebel/Alisha Pilenko (VSA 2011) „Mechanismen psychosozialer Zerstörung

Beiträge aus Gegenblende (DGB):
- Klaus Pickhaus (09.05.2015) „Gute Arbeit und Kapitalismuskritik
- Jörg Stadlinger (30.01.2014) „Indirekte Steuerung im Backoffice des –Finanzdienstleistungsgewerbes
- Kai Lindemann (20.04.2012) „Nachgefragt bei Joseph Vogl in Berlin“
- Andreas Boes/Tobias Kämpf (19.04.2012) „Zeitenwende im Büro
- Thomas Konicz (29.03.2012) „Tagelöhnertum im Internet-Zeitalter
- Ulrich Bröckling (05.03.2012)Die Arbeit des unternehmerischen Selbst
- Alex Demirovic/Martin Allespach/Lothar Wentzel (28.11.2011) “Freiheit weiter denken

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Paul Cockshott/Allin Cottrell (PapyRossa 2006) „Alternativen aus dem Rechner“.
Alain Ehrenberg (Campus 2004) „Das erschöpfte Selbst
Naomi Klein (Fischer 2007) „Schockstrategie
Nikolaus Koch (Holsten 1973) „Staatsphilosophie und Revolutionstheorie“
Karl Held, Hg. (Gegenstandpunkt 96/97) „Arbeit und Reichtum
Josef Schleifstein (Neue Impulse Verlag 2014) „Reale Geschichte als Lehrmeister“
Robert & Edward Skidelsky (Kunstmann 2013) „Wieviel ist genug?

Skripte:
- Johannes Thönneßen (Wirtschaftspsychologie 02/2002) „Zielvereinbarungen und Entgelt“
- Andreas Suchanek (WW-Fakultät Eichstätt 1993) „Der homo oeconomicus als Heuristik“
- dito (Wittenberg Zentrum für globale Ethik – Paper 01/2008) „Verantwortung, Selbstbindung und die Funktion von Leitbildern
- Dieter Sauer (33. Kongress der D. Gesellschaft f. Soziologie, Kassel 10/06) „Du bist Kapitalismus oder die Widersprüche der
Ökonomisierung

- Stefan Kühl (WSI-Mitteilungen 12/2000) „Grenzen der Vermarktlichung – Die Mythen um unternehmerisch handelnde MA"
- Angela Schmidt (Arbeiten ohne Ende?" der IGMetall am 20.-21.09/2000 in Stuttgart) - "Mich regiert blanke Angst"
- Gilles Dauvé/Karl Nesic/Loren Goldner (Wildcat 10/2011) „Der historische Moment – Arbeiter verlassen die Fabrik“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (21)

Ringo Wunderlich 14.04.2015 | 22:52

Ja, sehr langer Beitrag, aber ein guter. Ich selber kann nicht nachvollziehen, warum Menschen sich selbst auf einem Arbeitsplatz kaputt machen. Ich kann es einfach nicht. Das müssen doch Menschen mit dem Verstand von Lemmingen oder Hamstern sein.

https://www.youtube.com/watch?v=nmvhxUJmaSU

Dieser ganze Raubbau an der menschlichen Arbeitskraft trifft auf so viele Paradoxien, dass man schon einen guten BWL Abschluss haben muss, um die volkwirtschaftlichen Verwerfungen nicht zu erkennen. Aber langfristiges Denken ist von Typen, die im Quartalsrythmus einen Hirnreboot erleben, nicht zu erwarten. Irgendwann ist das Unternehmen pleite und die Manager gucken blöd, weil sie vorher vor lauter guten Produktionszahlen nicht erkannt haben, dass die kaputten Arbeitskräfte fast nur Ausschuss produziert haben und aufgrund zu niedriger allgemeiner Löhne die Absatzzahlen nicht stimmen. Aber hey, hauptsache gut indirekt gesteuert.

pleifel 14.04.2015 | 23:06

Danke, wobei die Manager gute Verträge haben und normalerweise auch noch die Zeiten abgegolten werden, wo er oder sie bereits längst den Laden verlassen hat. Die fallen auf die Füße, weil es Netzwerke gibt.

Tja, wenn man nicht nur für sich selbst sorgen muss, dann ist es mit den Alternativen oft sehr schwer, aus dem Hamsterrad rauszukommen und nicht in ein neues hineinzugeraten.

Ringo Wunderlich 14.04.2015 | 23:35

Sie haben mit ihrem zweiten Absatz sicher recht. Der Ausstieg aus dem Hamsterrad funktioniert nur, wenn man bereit ist materielle Abstriche zu machen und wenn man einen Partner hat, der diese Entscheidung mitträgt. Es ist am Ende eine Frage der Prioritäten im Leben. Das Leben ist viel zu kurz und zu wertvoll, um einen Wohlstand für Wenige zu erwirtschaften, von dem man selber kaum etwas hat. Und das ganze noch zum Preis der künstlichen Lebensverkürzung durch Stress.

Oftmals muss man aber gar nicht völlig umsteigen. Es reicht, dem Vorgesetzten Grenzen zu setzen. Wenn das bedeutet, dass ein anderer Angestellter Karriere macht, dann ist das halt so. Es gibt wichtigeres.

Okay, dass ist im Endeffekt nur die Reaktion auf ein perverses System. Beser wäre ein anderes System.

Zuerst einmal Arbeit von Einkommen trennen, ganz offiziell, denn inoffiziell gibt es das ja schon. Es gibt soviel volkswirtschaftlich sinnlose Tätigkeiten, wie die Produktion von Werbung, deren Produzenten dafür aber ein Einkommen erzielen oder Bürokraten, die den ganzen Tag nur Papier schmutzig machen.

Ganz konkret würde es die Einführung eines BGE bedeuten, welches aber im derzeitigen zinsbelasteten Geldsystem nicht funktionieren kann.

Ein richtiges BGE, welches es den Menschen grundsätzlich ermöglicht, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Die sich dann frei entscheiden können, wie sie ihre Zeit nutzen, kreativ oder produktiv oder beides und wieviel Zeit sie dafür täglich aufbringen wollen. Und nein, der Mensch ist kein faules Wesen, der dann nicht mehr arbeiten ginge, denn das wichtigste für einen Menschen ist es, gebraucht zu werden und etwas sinnvolles zu machen. Allein die massive Zahl der Ehrenämter beweist es.

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Ehemaliger Nutzer 15.04.2015 | 02:20

Irgendwo habe ich mal den Satz gelesen:"In betriebswirtschaftlichem Sinne ist sogar Überfischung sinnvoll." Ein wahres Wort...

Selbst die Produktion von Ausschuss hat ja in gewissem Sinne System. Heute wirft man ja nicht mehr fertige und brauchbare Produkte auf den Markt, sondern fehlerhafte. So spart man die Entwicklungskosten ein, weil man die Arbeit den Kunden überlässt. Nur schnell muss es gehen. Es muss nicht gut sein. Es reicht völlig aus, nicht so schlecht zu sein wie die Konkurrenz. Die Wirtschaft orientiert sich nach unten, wie auch Politik und Individuum. Es sind doch meist die noch zufriedenen 'Leistungsträger', die sagen, man solle doch zufrieden sein und sich mal die Verhältnisse in Afrika oder sonstwo ansehen. Das impliziert doch neben einer gehörigen Portion Unterwürfigkeit vor allem auch, dass für die zu erbringende Leistung eigentlich keine Lust vorhanden ist. das wirft man dann aber denen vor, denen es schlechter geht, die vielleicht nicht einmal Arbeit haben.. Die will man nicht auch noch durchschleppen... Was bei der Produktion von Töpfen oder Pfannen vielleicht nur zu erhöhter Teflon-Aufnahme beim Essen führt, führt zum Beispiel im sozialen Bereich zu völliger Vernachlässigung hilfebedürftiger Personen. Dazu gehört fast notwendigerweise die Verrohung unserer Gesellschaft. Ein sozial eingestellter Mensch, der als Kranken- oder Altenpfleger aus wirtschaftlichen Gründen hilflose Personen ohne ausreichend Nahrung und Flüssigkeit ungewaschen in ihren Fäkalien vegetieren lassen muss, wird daran kaputt gehen. Das ist eine Aufgabe für dissoziale Persönlichkeiten geworden. Natürlich betrifft das nur die hilflosen Personen, die nicht mit ähnlichen Methoden vorher im Erwerbsleben genug Geld augehäuft haben, um sich eine bessere Versorgung erkaufen zu können...

Der Kennzahlenfetisch der Betriebswirte macht ja sogar aus Unternehmen, die aus Personalmangel gar nicht mehr arbeitsfähig sind, Top-Unternehmen.

Neulich lernte ich jemanden kennen, der gerne in der Betreuung alter Menschen arbeiten würde. Aber man bietet in der Einrichtung, die ihn interessierte, ausschließlich Teilzeitverträge an, 30 Stunden dIe Woche für ca. 950 € netto monatlich. Man stelle sich einmal vor, wie die Arbeitswelt mit BGE aussehen könnte. Arbeitnehmer kämen tatsächlich mit diesem Entgelt aus, könnten ihre Arbeitszeit besser einteilen, mehr Qualität statt Quantität liefern... Die Verhandlungsposition gegenüber dem Arbeitgeber wäre eine völlig andere... Der aktuelle Zustand der verrohten Gesellschaft lässt mich beinahe hoffen, dass ich meinen Löffel abgebe, bevor ich von solchen Menschen abhängig werde...

Ringo Wunderlich 15.04.2015 | 08:48

Danke, dass Sie die betriebswirtschaftliche Absurdität etwas genauer beschrieben haben. Ich weiß immer nicht, bei welchem Schwachsinn ich zuerst anfangen soll. Die aufkeimende Wut vernebelt mir dann immer den Verstand.

Leider ist es so, dass durch das Überangebot an Arbeitskraft, die Betriebswirte sich den Komfort leisten können, die gerade produktiven Ressourcen schnell zu verschleißen. Mobilitäts- und Weiterbildungsoffensiven haben zu einem Ersatzheer ausreichend tauglicher Arbeitskräfte geführt.

Hier ist es eigentlich Aufgabe des Staates, durch Schaffung entsprechender gesetzlicher Rahmenbedingungen, die Ressourcenschonung von Mensch und Umwelt zu sichern. Das Gegenteil (ist) passiert.

Vor allem gehört die BWL endlich in einem passenden untergeordneten Verhältnis zu VWL und Ethik unterrichtet.

Lukasz Szopa 15.04.2015 | 13:48

Mich würde die unternehmerische Sicht des Problems interessieren: Kapieren die Firmeneigentümer und Bosse nicht, welche Folgen dieses "Verbrennen", "Hetzen" und "Versklavung" der Mitarbeiter zur Folge hat - auch rein monäter betrachtet? Fehlende Motivation, fehlende echte Aufmerksamkeit, fehlende authentische Kreativität, Fehlerquoten durch Übermüdung bis hin zu psychologisch Bedingten "Sabotage-Akten" oder Mobbing am Arbeitsplatz: Ein kluger Unternehmer weiß, daß es mittel- und langfristig ein Gift für seine Firma ist. Aber vielleicht wissen es nur die Unternehmer, die selber klein angefangen haben und nun Familienunternehmer sind (=Eigentümer). Konzernbosse, die selber keine Eigentümer sind und nur quartalsbedingt denken, kümmert es wenig.

pleifel 15.04.2015 | 17:05

Manager denken kurz-, allenfalls mittelfristig. Ihre Aufgabe ist die Erreichung vorgegebener Erfolgsziele (Gewinn) und eine Beziehung zum Unternehmen sollte eher keine soziale sein, denn sobald diese Auftritt ist keine kühle Betrachtung ohne Vorbehalte (Anteilnahme usw.) mehr möglich. Nicht nur, aber auch deshalb ist es selten, dass Manager über längere Zeiträume im gleichen Job die Verantwortung behalten.

In Familienunternehmen mittlerer Größe wird das möglicherweise anders sein. Da wird langfristiger gedacht.

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Lukasz Szopa 15.04.2015 | 18:36

Auch rein gewinnorientiert und ohne sozialer Komponenten ist die Tätigkeit der meisten solchen Manager schädlich: ein kurzfristiger Gewinnerfolg ist oft ein langfristiges Fiasko - auch rein materiell. Siehe DeutscheBahn oder sonstiges Kaputt-Sparen. Gewinnen tun dann nur die kurzfristigen Aktien- und Übernahme-Spekulanten. Was ich damit sagen will: je größer und aktienbedingter ein Unternehmen, desto mehr wird der Mensch ausgenutzt und kaputt gemacht. Wobei es natürlich auch einen kühlen, "weisen" Unternehmer geben kann, der die von mir beschriebenen Kosten (Fehlerquote, fehlende Motivation) gegen die Gewinne kalkuliert, und so ein "Optimum" an "die Leute so weit ausquetschen, daß sie viel liefern, ohne daß dabei viel kaputt geht"...

Pregetter Otmar 15.04.2015 | 23:59

Danke - gerne gelesen.

Ich... hab ich wenig Hoffnung, dass man aus den Gewerkschaften eine Änderung erwarten kann.

Allein dass sie Hartz4 zustimmten + die Reallöhne unter den Produktivitätszuwachs sinken ließen und dies auch noch "ausverhandelten" ... lässt jede Hoffnung vergessen.

Es gäbe schon ein Element auf dem man eine "Wende" des Denkens einleiten könnte - den Mindestlohn!

Konkret meine ich, dass man die kruden Thesen von der Marke ri eines H.E.Sinn' (er sagte 900.000 mehr Arbeitslose voraus ?!?!) locker und ueber einen längeren Zeitraum "zerfleddern" ... könnte. Daran wäre es sinnvoll,;diesen menschenunwürdigen prekäre Arbeitsverhaeltnissen durch einen massiven Umkehrschwung (waren nicht die Gewerkschaften mal die Vertreter derz Arbeitnehmer ?) Einhalt zu gebieten

Was in Deinem Beitrag so gut hervorkam, war für mich die "Auslagerung" des urkapitalistischen Beitrag des Kapitals = das untern. Risiko!

Das wird immer mehr Arbeitnehmerinnrn umghaengt - nur um die Gewinne zu maximieren und eine 2-Klassrmkaste bei den Beschäftigten auszumachen: die fix Angestellten und die "Ich-AG-Unternehmer ?! Dass damit (hat es die Gewerkschaft nicht geschnallt ?) sich diese auch selbst versichern müssen ..

ist eben DER GewinnTurbo!

Aber meine.Hoffnung ... duerfte sich kaum bewahrheiten.

Ausser ... es gibt eine echte Revolution - so wie in ISLAND , wo man den Banken "das Geld aus dem Nichts" wegnehmen will .... ;-)

pleifel 16.04.2015 | 00:17

Freut mich, dass Du meinen Text gelesen hast. War eigentlich für den DGB (Gegenblende) bestimmt (besprochen), aber die meinten (in meinen Worten): "..es gibt ein paar Vorbehalte der Kollegen, zu sehr Literaturzusammenfassung, zu wenig eigene These, mit Vorschlag zur Umstellung und indirekterer Zitate".
worauf ich:
"Der Aufhänger war das "unternehmerische Wir" von Frenzel/ Siemens. Eine "steile These" wie ich finde und erstaunlich, daraus überhaupt ein Buch konzipieren zu können. Es mag sein, dass deine Kollegen meinen Text mehr als eine Literaturzusammenfassung sehen, wobei es nicht nötig ist, eine weiter "steile These" zu entwickeln, wenn bereits genügend kluge Argumente (Texte auch in Gegenblende) vorliegen. Viele Gedanken deiner Kollegen/ Kolleginnen werden als eigene verkauft, ohne sich bewusst zu sein (oder man zitiert es nicht), dass sie bereits auf dem "Mist" anderer gewachsen sind. Es war mir also weniger daran gelegen, meine eigene Originalität zu beweisen, als den Zusammenhang herzustellen, der bereits (für mich) vorhanden war.

Danke für deine freundliche Annahme und ich ziehe den Beitrag zurück. Bei der neuen Veröffentlichung werde ich allerdings weniger Quelltexte von Gegenblende aufführen, da es dort nur wenige sind (z.B. von Ulrich Bröckling/Demirovic/Pickhaus/Stadlinger), die diese Originalität aufweisen.

Man findet qualitativ sehr gute Beiträge auf "Gegenblende.de", aber vieles bewegt sich auch im "Alltagsrauschen" und müsste nicht geschrieben werden. Aber das ist "nur" meine persönliche Meinung. Vielleicht haben denen einige Aussagen von mir zu den Gewerkschaften nicht gefallen, zumal ich auch die gewünschte Beitragslänge etwas überschritten hatte. Vielleicht war ich aber einfach nur sauer, dass ich an dem Text "rumschrauben" sollte.

Grüße

Pregetter Otmar 16.04.2015 | 01:30

Gegenblende kenne ich . Stimme Dir in Deiner Einschätzung zu.

Ja - wir scheinen in Zeiten zu leben, wo man zwar selbst und auch zugespitzt kritisiert - aber dies umgekehrt nicht soooo gerne liest, schon gar nicht öffentlich ... ;-) Da erfindet nman halt die lustigsten Ausreden . . . also: -nimm es von der heiteren Seite.

Wollte noch meinen "Anfaengersenf" zum Interview - Mehr. mehr mehr - geben, aber es wurde die KommentarFunktion de-aktiviert ?! Irgendwie kommt mir auch diese G'schicht ..

bekannt vor. Najo - vieleicht spaeter dann.