Wie man einen Neoliberalen erkennen kann

Gegen die Gewerkschaften: "Es ist unwahrscheinlich, dass sich die individualisierte Gesellschaft zurückentwickelt, hin zu mehr Kollektivismus, der auch stärkere Gewerksch. rechtfertigen würde."
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Deutschlands Gewerkschaften haben Todesangst

(Hinweis: Text übernommen vom Originalbeitrag!)

Der Bahnstreik ist ein Vorbote für das Leiden vieler deutscher Gewerkschaften. Es geht nicht länger nur ums Geld, sondern immer mehr um Macht, Status, Funktionärsjobs. Leicht zu gewinnen ist der Kampf nicht.

Es werden fünf harte Tage für Deutschland. Fünf Tage, in denen bundesweit Zehntausende Züge ausfallen, Millionen Reisende ihr Ziel nicht erreichen, Tausende Unternehmen wegen Lieferschwierigkeiten Probleme bekommen. Alles, weil die Lokführergewerkschaft GDL im Konflikt mit der Deutschen Bahn weiter die Konfrontation sucht und von Donnerstag bis Dienstag zum bislang längsten Streik auf der Schiene aufgerufen hat.

Nun, was hilft's, ließe sich fatalistisch einwenden. Streiks gehören in der sozialen Marktwirtschaft eben dazu. Im Kampf um mehr Lohn sind sie ein probates, ja ein gesetzlich verbrieftes Recht von Arbeitnehmern und Gewerkschaften. Wie sonst könnten sie ihren Chefs klarmachen, dass es ohne sie nicht geht, dass die Arbeitgeber sich einen funktionierenden Betrieb etwas kosten lassen müssen.

Doch ist das überhaupt der Punkt? Es drängen sich Zweifel auf. Vielmehr, so wird es nicht erst durch den Bahnstreik deutlich, erleben und erleiden wir alle gerade etwas anderes: die Schlacht ums Überleben einer Interessengemeinschaft, einer gesellschaftlichen Institution, die für immer mehr Menschen ausgedient hat.

Es geht auch um die Jobs der Gewerkschaftsfunktionäre

Deutschlands Gewerkschaften haben buchstäblich Todesangst, und das zu Recht. Sie winden sich im Kampf um das eigene Erbe, das sie mit aller Macht von der Vergangenheit in die Zukunft retten wollen. Es geht um gesellschaftlichen Status, um Einfluss in den Betrieben – nicht zuletzt um die Jobs Tausender Gewerkschaftsfunktionäre.

Um das zu verstehen, reicht ein Blick in die Statistik. Die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder ist in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gesunken. Waren 1991 noch rund 11,8 Millionen Arbeitnehmer in Deutschland Mitglied einer Gewerkschaft des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), sind es heute knapp 5,8 Millionen Menschen. Würde sich diese Entwicklung fortsetzen, zählten Verdi, IG Metall und Co. in nicht einmal 20 Jahren kaum mehr drei Millionen Mitglieder und damit weniger als zehn Prozent der Arbeitnehmerschaft in Deutschland.

Wer wiederum so wenige Menschen hinter sich vereint, kann schlecht von sich behaupten, für das Gros der Angestellten zu sprechen. Früher oder später stellt sich dadurch die Frage einer funktionierenden Sozialpartnerschaft neu: Können und sollten Arbeitgeber und Gewerkschaften überhaupt noch Tarifverträge für ganze Branchen aushandeln? Oder wäre es nicht besser, jeder Betrieb macht das für sich selbst und stellt etwa eigene Haustarifverträge auf?

Wir werden verdammt noch mal gebraucht!

Genau das wollen, nein, müssen die Gewerkschaften verhindern. Und nicht nur GDL-Chef Claus Weselsky, auch andere Gewerkschaftsbosse wissen genau: Der kritische Zeitpunkt ist womöglich früher erreicht als befürchtet. Dann nämlich, wenn der Organisationsgrad innerhalb einzelner Unternehmen so gering ist, dass die Zahl der Streikenden nicht mehr ausreichte, um die Firmenchefs in die Knie zu zwingen.

Entsprechend geht es jetzt und in den kommenden Jahren für die Gewerkschaften um alles und zugleich um noch so viel mehr. Um alles, wofür sie seit jeher kämpfen, also Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen. Viel mehr jedoch auch um Symbole und Signale des Aufbäumens, darum, der Gesellschaft zu zeigen: Wir sind noch da, wir können noch was und wir werden verdammt noch mal weiterhin gebraucht.

Ein Bahnstreik fürs Schaufenster

Die GDL ist für dieses Phänomen ein Vorbote, der Bahnstreik lediglich ein Symptom dieser Entwicklung, die sich künftig auch bei anderen Gewerkschaften zeigen dürfte. Verstärkt durch den bahninternen Wettstreit mit der Konkurrenzgewerkschaft EVG geht es der GDL nur zum Teil und vordergründig um mehr Geld für die Lokführer. Fast noch wichtiger sind für die Gewerkschaft die Bilder und Schlagzeilen, die in den kommenden fünf Streiktagen entstehen – und die die GDL beim Werben um neue Mitglieder ins Schaufenster stellen kann: Seht her, das waren wir! Werde Teil unserer Gruppe und Du erlangst die Macht, ein ganzes Land lahmzulegen.

Ob diese Rechnung aufgeht, ist jedoch fraglich. Das Verständnis der Deutschen für den Bahnstreik sinkt, die Wut auf die Lokführer wächst. Zudem hat sich die Bundesrepublik grundsätzlich wie fast alle westlichen Länder in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Aktueller SPD-Aufschwung hin oder her – es ist unwahrscheinlich, dass sich die zunehmend individualisierte Gesellschaft zurückentwickelt, hin zu mehr Kollektivismus, der auch stärkere Gewerkschaften rechtfertigen würde. Daran wird auch der Bahnstreik kaum etwas ändern.

(kursiv im Text von mir hervorgehoben)

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Wie immer man als Arbeitnehmer zum GDL-Streik auch stehen mag, hier schreibt ein ausgesuchtes 'Gewächs' neoliberalen Gedankenguts, der das Schrumpfen von Gewerkschaften als Ergebnis der "individualisierten Gesellschaft" folgert, ohne zu erwähnen, das diese "Individualisierung" (Zersplitterung) wiederum das Ergebnis neoliberaler Politik ist, um unter Begriffen (Neusprech) wie: Ich-AG, Eigenverantwortung und Mitverantwortung, Arbeitskraftunternehmer, Selbstverwirklichung, Selbstvermarktung,usw., die (abgesehen von tatsächlich auch am Arbeitsplatz vereinzelt zu mehr Freiräumen geführt) keinem anderen Zweck diente, als die Marktrisiken auf die Einkommensbezieher selbst zu verlagern, was leider auch zu deprimierenden Beobachtungen führt, dass nämlich dann die Arbeitnehmer beim Scheitern dieses auf sich selbst zurückführen und sich im Ergebnis auch in den steigenden Zahlen der psychischen Erkrankungen zeigt.

Nein, die Gewerkschaften sind nicht aufgrund mangelnden Interesses der Arbeitnehmer geschrumpft (wenn auch einige Gewerkschaften schon mal den Eindruck machen, als ob ihre Funktion/Zweck die der Unterstützung der Unternehmer wäre), sondern aufgrund der stärkeren Konkurrenz auf verschiedensten Ebenen (also auch innerhalb der größeren Betriebe selbst), den unterschiedlichen Beschäftigungsverhältnissen, der Aufgliederung/Abspaltung/Verlegung von Teilen der Unternehmen (und einiges mehr), was es den Arbeitnehmern sehr schwer macht, sich zu organisieren. Und die Betriebsräte (überhaupt erst die Gründung!) wir oft mit allen legalen, aber auch illegalen Methoden bekämpft, wobei sich die Arbeitnehmer meistens in der Defensive befinden. Und falls sie dann auf die 'Straße gesetzt werden' in die Mühlen (Zeit/Geld) der Arbeitsgerichtsprozesse gehen müssen, wobei dann auch noch gute Anwälte im Arbeitsrecht nicht einfach zu finden sind.

Kurz: Florian Schmidt, der Leiter des Ressorts Wirtschaft und Finanzen bei t.-online, ist ein klarer Vertreter der Kapitalseite.

Florian Schmidt heißt der Mann, der 'uns' an seinen Erkenntnissen teilhaben lässt, wie sich denn zukünftig die Arbeitnehmer ihre Einkommen sichern sollen.

Der Originalbeitrag von t.-online vom 01.09.2021 verbirgt sich hinter diesem Link, dessen Text ich zwecks Sicherung in den Beitrag kopiert habe.

Und wer meint, der Beitrag von ihm wäre ein 'Ausreißer' gewesen, der lese folgenden Beitrag von ihm: "Dieser Bahnstreik ist ein Frechheit".

Im Besitz von t-online ist die Ströer SE & Co. KGaA mit Sitz in Köln.

16:21 01.09.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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