So meistern Sie jede Bewerbung

Arbeit ist Freizeit Die Rechnungen & Mahnungen häufen sich und am Monatsende gibt es nur noch vom restlichen Dosenpfand bezahlte Nudeln? Ganz klar: Ein neuer Job muss her!
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Nein.
Geld muss her. Der Ausweg in die Kriminalität ist jedoch mit erheblichen Risiken und darüber hinaus mit viel zu viel Aufwand verbunden. Es bleibt also nur, Stellenanzeigen im Internet zu durchforsten.

Wenn Sie, wie ich, zu den Menschen gehören, die alleine beim Gedanken an Bewerbungen am liebsten aus dem Fenster eines Hochhauses springen würden, dann ist dieser Ratgeber das Richtige für Sie. Mit diesen Tipps überstehen Sie jeden Bewerbungsprozess.

1. Der Lebenslauf

Der Lebenslauf ist der einfachste Teil. Im Grunde müssen Sie nur alles chronologisch auflisten, was Sie bisher gemacht haben. Natürlich sollte aber alles so aussehen, als hätten Sie bereits Ihr gesamtes Leben auf genau diesen Job als Warenverräumer hingearbeitet. Auch Ihre privaten Interessen sollten dies widerspiegeln. Bewerben Sie sich also z.B. in einem Modegeschäft, sollten Sie schon immer gerne Kleidung getragen haben. Versuchen Sie einen Job als Tourguide in der Krombacher-Brauerei zu bekommen, sollten Sie leidenschaftlicher Alkoholiker sein und/oder hobbymäßig wahnsinnige Brüllmakaken dressieren.
Keinesfalls sollte etwas darauf hinweisen, dass Sie ein Leben voller Rückschläge und Widersprüche führen.

2. Das Anschreiben

Hier wird es bereits komplizierter. Sie müssen den Spagat schaffen, nicht entweder wie ein Grundschüler, ein kompletter Versager oder ein aufgeblasener Narzisst zu klingen. Dies ist leichter gesagt, als getan. Formulieren Sie Ihre Sätze zu eindeutig, riskieren Sie, sich wie ein achtjähriges Kind im Englischunterricht anzuhören („Ich heiße...“, „Meine Hobbys sind...“, „Ich identifiziere mich mit Ihrer Unternehmenskultur, weil...“ etc.)

Stellen Sie Ihr Licht unter den Scheffel, wirken Sie wie ein Loser. Loben Sie sich zu sehr selbst, wirken Sie abgehoben. Ein Paradoxon bei jeder Bewerbung. Wie schaffen Sie es also, selbstbewusst und gleichzeitig devot zu klingen?

Auch im Anschreiben ist es besonders wichtig zu betonen, dass Ihr gesamtes bisheriges Leben auf genau diese eine große Gelegenheit hin ausgerichtet ist. Vermeiden Sie in jedem Fall zu erwähnen, dass Sie im Grunde nur gezwungen sind, Ihre Arbeitskraft zu verkaufen, weil Ihnen blöderweise keine Produktionsmittel vererbt wurden. Ehrlichkeit ist am wichtigsten, jedoch nur in einem gewissen Rahmen. Denken Sie immer daran: Das Unternehmen tut Ihnen einen Gefallen. Sie sind dankbar, arbeiten zu dürfen.

Sie sollten es tunlichst vermeiden, Bewerbungen für ähnliche Jobs einfach zu kopieren. Ein „hiermit bewerbe ich mich in Ihrer LIDL-Filiale in xy“ kommt schlecht in einer Bewerbung bei ALDI. Der Unterschied ist gleich null, aber dennoch wichtig.

Beachten Sie unbedingt den jeweiligen Unternehmensjargon. So wird beispielsweise in einem Wettbüro aus dem Bewerbungsprozess ein „Spielablauf“, aus einem Vorgesetzten ein „Teamplayer“. Geben Sie keinesfalls zu erkennen, dass Sie diesen als Offenheit getarnten Manipulationsversuch als solchen erkennen. Beachten Sie: Sie werden nicht gezwungen, etwas zu tun. Sie werden gezwungen, es tun zu wollen.

3. Das Bewerbungsgespräch

Sie haben es geschafft. Ein Personaler erübrigt einen kleinen Moment seiner wertvollen Zeit, um sich anzuhören, warum gerade Sie die einzig richtige Verstärkung für sein Team sind.
Ein persönlicher Tipp: Versuchen Sie, pünktlich zu Hause loszukommen. So können Sie vermeiden, wie eine Wahnsinnige mit einem platten Fahrradreifen durch die halbe Stadt zu brettern, völlig verschwitzt anzukommen und während des Gesprächs so sehr nach zu Luft ringen, dass Sie kaum ein Wort herausbekommen. (Ereignis frei erfunden.)

Nun zum Wesentlichen: Sie sollten versuchen, selbstbewusst, aber auch sympathisch rüberzukommen. Sie sollten höchsten Respekt vor der angebotenen Arbeit demonstrieren. Schließlich sind Sie höflich und möchten Ihre zukünftigen Kollegen für sich gewinnen. Gleichzeitig muss eines klar sein: Es ist alles ein Kinderspiel für Sie. Schließlich sind Sie für diesen Job geboren.

Die Person, die Ihnen gegenübersitzt, ist in der Regel Opfer der gleichen Gewalt, wie Sie. Sätze wie „wir hier im Team von xy duzen uns alle" oder "Unser Mindset ist stets positiv“ stammen nicht von ihr. Widerstehen Sie dennoch der Versuchung, sich auf einer normalen menschlichen Ebene unterhalten zu wollen. Der Große Andere, die „Corporate Identity“ hört mit.

Haben Sie es also geschafft, großkotzig, aber sympathisch, dem Unternehmen unterwürfig, aber nicht völlig blöd rüberzukommen, haben Sie den Job so gut wie in der Tasche. Nun beginnen die wirklichen Probleme. Aber das ist eine Geschichte für ein andermal.

PS: Eine Methode, Ihre Chancen auf einen Job erheblich zu erhöhen, besteht darin, tatsächlich an Ihrer Bewerbung zu arbeiten, anstatt aus Genervtheit einen Ratgeber über Bewerbungen zu verfassen.

17:58 03.06.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

linau95

Hallo. Ich heiße Pauline.
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