Begegnung im Zug

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Ein Zug fährt an der linken Seite den Rhein entlang. Es geht vom Ruhrgebiet nach Süddeutschland. Ein junger Mann Mitte 20 sitzt mit einer jungen Frau in einem Abteil. Sie sitzt am Fenster und er an der Tür.

Es ist noch früh am Morgen. Er ist müde. Es geht ihm nicht gut. Gesoffen hat er das ganze Wochenende und gleich soll es in Frankfurt ans Studieren gehen. Irgendwie kann das alles nicht gut gehen. Rote Ameisen kamen in der Nacht und kletterten an seinem Auge vorbei. Stimmen aus der Hölle flüsterten ihm den Schrecken ins Ohr. Immer öfters kamen diese Nächte des Grauens und der nicht endenwollenden Hoffnungslosigkeit. Der Morgen und das Tageslicht waren dann unendlich weit weg. Er stützte den Kopf an der Fenstertür und döste mit düsteren Gedanken vor sich her. Ein Komilitone aus Frankfurt hatte sich mit dem Auto nach einer Semesterfeier totgefahren. Alle hatten sie beim letzten Male aufstehen müssen und auf Geheiß des Professors eine Gedenkminute einlegen müssen. Wie sollte es nur weitergehen?

Er kam mit der Frau in seinem Abteil ins Gespräch. Sie war eine Nonne. Der junge Mann hielt es nicht mehr aus. Viel zu lange hatte er schon jemanden zum Reden gebraucht. Er erzählte ihr von seiner Sauferei und von seiner Hoffnungslosigkeit. Andere konnten mit dem Zeug umgehen. Er konnte es nicht. Während er erzählte, drangen Stimmen aus einem anderen Abteil an sein Ohr. Immer leiser wurden diese Stimmen. Er schämte sich. Dass noch jemand anders sein Geständnis mithören könnte, irritierte ihn sehr, aber er war eben nicht alleine im Zug. Die schönen mittelalterlichen rheinischen Orte zogen an beiden Menschen im Abteil vorbei. Die Stimmen aus dem anderen Abteil waren kaum noch vernehmbar.

Trotzdem erzählte er weiter von seiner Not und geduldig hörte die Nonne in ziviler Kleidung zu. Sie gab ihm die Adresse einer Psychaterin, die auch aus ihrem Orden war.

Der Zug näherte sich der Stadt Frankfurt, wo gleich dieses sinnlose Phrarmaziestudium weitergehen sollte. Eine Idee , die aus dem Schnaps geboren war. Er hatte auf dem Abendgymnasium einen guten Einserdurchschnitt im Abitur gehabt. Den Schnitt hatte er ausnutzen wollen, als ob das alles wäre, was jemanden für ein Studium qualifiziert. Voller Scham besetzt ging er er am Nachbarabteil vorbei und stieg aus dem Zug aus.

Die Begegnung im Zug änderte Vieles für den jungen Mann, der Mann wechselte sein Studium und machte eine 3-monatige Therapie.

Es ist nicht gesagt, dass er danach ein glücklicher Mensch wurde, aber er überlebte das, was Andere vertrugen, er aber nicht. Die Nonne aus dem Zug sah der Mann nie wieder.

12:35 26.10.2009
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Geschrieben von

poor on ruhr

Vielseitiger interessierter Arbeiter und ziemlich stark in die in die in aller Welt bekannten Pandabären vernarrt. 🐼
poor on ruhr

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