Tage des Tanzes

Performance Studenten der Folkwang-Universität tanzen in einer Essener U-Bahn-Unterführung. Manchmal passt Kunst am besten an Orte, wo sie eigentlich nicht hingehört

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Die Tage kommen und gehen, und unter der Stadt liegt reglos und so starr-fast tot- die Verteilerebene. Nur die Menschen, die sie begehen, hauchen der Verteilerebene Leben ein, dass so wie unter Tage nur mit künstlichem Licht beleuchtet wird. Zugig ist es dort nicht nur wegen der Straßenbahnen, und kalt ist es da drinnen, wenn es draussen auch kalt ist.

Die Verteilerebene eine Etage regelt als eine breite Röhre für Fußgänger/innen die Ströme der Passanten und Nahverkehrspassagiere. Sie bietet den Fußgängern die Umgehung der stark befahrenen Hauptstraße und den Zugang zu den noch weiter unten liegenden Straßenbahnen, die ihrerseits die Ankunft und Abfahrt der Menschen am Rand der City bewerkstelligen.

In Beton gegossen und bauindustriell erstellt sind die Wege der Menschen durch den urbanen Raum an diesem Ort gleichsam industriell vorgegeben, so individuell die nachfolgenden Zeiten in der Einkaufswelt darüber oder am Arbeitsplatz auch sein mögen. Die Verteilerebene ist ein urbaner öffentlicher Raum.

In Essen hat die Folkwang Universität der Künste für ihre Studierenden einen Raum zur Verfügung, der früher einmal ein Ticket-Shop der Essener Verkehrs-AG (EVAG) war. Dieser Raum wird der "Folkwang Kabuff" genannt.

In der letzten Woche und Anfang dieser Woche fand da eine Tanzperfperformance mit Henrietta Horn und Studierenden der Folkwang Universität der Künste statt.

Für eine Tanz-Performance ist das sicherlich ein aussergewöhnlicher Ort, an dem die oben genannte Choreographin Frau Horn mit den M.A und B.A-Studierenden des Instituts für Zeitgenössischen Tanz unterschiedliche Formen der Präsentation sowie der Interaktion (mit dem Publikum) zeigte.

Als ich das erste mal am 7. April dort vorbei ging, war ich ziemlich launig und stellte mich direkt vor den Glasscheiben hin, hinter denen sich die Studierenden befanden. Gleich darauf stellte sich ein Tänzer vor mich hin und starrte mich an. Dann gesellten sich noch andere Tänzerinen dazu und standen mir in einer unregelmässigen Aufstellung gegenüber. Das verunsicherte mich.

Es ist sonst gar nicht so meine Art, aber ich liess einen Spruch über die leuchtend hell giftgrünen Schemel ab, auf denen sie zuvor gesessen hatten. Ich sagte zu Ihnen durch die Scheiben , dass sie geile Hocker hätten, und dass ich das ganz ehrlich toll finden würde, was sie da machen. Ich musste weiter. Sie winkten mir nach.

Die Tage danach kam ich öfters für kurze Augenblicke am Folkwang-Kabuff vorbei. Ich bewunderte die Tänzer und Tänzerinen für ihre Ausdrucksstärke. Dieser zeitgenössische Tanz kommt mir irgendwie wie das Gedicht ohne Reim vor, dass oft sehr viel besser ist, als das Gedicht mit Reim, auch wenn beide Gattungen vielleicht doch nicht miteinander zu vergleichen sind.

In dieser Affenkälte im April dachte ich gerne daran, was die jungen Leute dort unten machen. Im öffentlichen Raum provoziert so eine Art von Kunst andere Menschen als mich. Das finde ich aber nicht schlimm, sondern gut. Für mich ist der Folkwang-Kabuff ein Ort, wo die Kunst hin gehört. Ich finde es toll, dass sie das dort machen.

Es fallen Sprüche von Passanten, wie etwa "was sich Leute nich einfallen lassen" würden um "nicht arbeiten zu müssen" und ob das moderne Kunst sei? Das müsse man nicht verstehen, meinen sie. Ich will das auch nicht be- oder gar verurteilen.

Das ist einfach so und hat sicher genau so seinen Platz wie meine Begeisterung, die davon herrührte, an so einem ungewöhnlichen Ort so lebendig dargestellte Kunst betrachten zu können. Ich war gestern sogar ein bißchen traurig, als die Tanz-Performance im Folkwang-Kabuff ihren letzten Tag hatte.

An meinem freien Tag am Samstag war ich auch hingefahren und stellte mich für eine längere Zeit vor die Glasfenster hin. Die Bewegungen der Tänzer/innen sind schwer zu beschreiben. Einmal schwebte ein Hai als in den Höhen steuerbarer Gasluftballon durch den Kabuff. Die Tänzer und Tänzerinnen begleiteten ihn und steuerten ihn durch den Raum, so dass er lebendig und manchmal auch wie eine Bedrohung wirkte.

Tänzerinnen tanzten innig miteinander, was das Gefühl von Zuneigung erweckte, sie waren eng umschlungen am Boden und wechselten dann wieder in Konfliktsituationen, die fast das Gefühl eines Kung-Fu-Kampfes vermittelten.

Kleine Kinder vor den Glasfenstern wurden mit märchenhaften Figuren betanzt und selbst ein Hund, der sich durch die Beine seiner Besitzerin durchschlängelte, erhielt eine tänzerische Interaktion durch eine Studierende, die auf seine Bewegungen in tierischer Form einging.

Auch mich starrte ein Tänzer wieder an. An meinem freien Tag hatte ich mich auf den Boden gesetzt, was ich sonst niemals tun würde. Der Tänzer setze sich auch und machte mit seinen Armen Bewegungen, die ich nach einigem Zögern nachmachte. Als Interaktion war ich für ihn wohl eine Pleite, weil ich in dieser sprachlosen Form keine neuen Akzente der körperlichen Bewegung setzen konnte. In solchen Dingen bin ich aber eher ein Stoffel wie ein Teddybär von Steiff.

Es war für mich schon ein Erlebnis, dass er mich so weit animiert hatte, in diesem öffentlichen Raum so aus mir heraus zu kommen. Es hätte es mit dieser Interaktion noch weitergehen können, als der Tänzer wieder aufstand, aber ich schüttelte etwas traurig den Kopf.

Für mich war das an diesem Tag genug. Ich sammle Kugelschreiber vorzugsweise den Caran d'ache 849. Ich hatte auch schon einen mit der Aufschrift: "Folkwang Universität der Künste".

Ich hatte schon vorher für die Folkwang-Uni geschwärmt, aber diese Woche war für mich ein Erlebnis, an dem sich eine Disziplin der Kunst wirklich in mein Herz getanzt hat. Ich habe mir das Programm der Folkwang-Uni geholt und will irgendwann eine Tanzveranstaltung gegen Eintritt aufsuchen.

Quelle:

Prospekt: Folkwang Universität der Künste, Veranstaltungen Sommersemester 2014

www.folkwang-uni.de/veranstaltungen

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Geschrieben von

poor on ruhr

Vielseitiger interessierter Arbeiter und ziemlich stark in die in die in aller Welt bekannten Pandabären vernarrt. 🐼
poor on ruhr

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