"Humanität ist die Kunst unseres Geschlechts"

ZPS und Mauerfall In genau diesem Augenblick fallen die Mauern und Zäune Europas! Kunst entsteht!
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Am 19ten August veröffentlichte der künstlerische Leiter des Zentrums für politische Schönheit, Philipp Ruch, fünf Denkanstöße zur gegenwärtigen Lage der politischen Künste auf nachtkritik.de.

Der wohl bedeutendste lautet:

Ich will aber als ersten Denkvorstoß anbieten, dass die Kunst auch und gerade so frei sein muss, Menschenleben zu retten.

Irgendwie, irgendwo, irgendwann wurde alles bereits einmal verstanden, gesagt und niedergeschrieben. Insofern ist auch das, was sich derzeit auf Ebene der politischen Künste abspielt, nichts grundsätzlich Neues. Und gleichzeitig ist es das doch, denn wir sind neu, in diesem Augenblick, unter diesen Umständen und mit unserer Geschichte, die sich unaufhörlich weiterschreibt und verändert.

In diesem Augenblick vollzieht sich ein bedeutender Wandel im Verständnis der Menschen um Kunst und Politik. Er findet ganz real statt: An den Hauptbahnhöfen in Wien und Berlin, auf der Straße, vor dem LaGeSo (Landesamt für Gesundheit und Soziales) und in den Wohnungen vieler Freunde, die Flüchtlinge aufnehmen, Kleidung und Spenden sammeln, Wörterbücher erstellen, Kinder betreuen und Erwachsenen Beistand leisten. In genau diesem Augenblick fallen die Mauern und Zäune Europas! In genau diesem Augenblick bekommen die Mauern unserer Gefängnisse – und diese sind zuallererst unsere eigenen! – Löcher. Zum ersten Mal seit langer Zeit, öffnen wir wieder die Augen und sehen die Anderen, nehmen sie wahr, spüren ihre Präsenz – körperlich, ungeschönt und nah. Kunst entsteht!

Was gegenwärtig im Verbindungsfeld von Kunst und Politik geschieht, lässt sich mit einem Zitat Johann Gottfried Herders beschreiben. In seinen 'Briefen zur Beförderung der Humanität' (1793-1797!) heißt es:

Humanität ist gleichsam die Kunst unseres Geschlechtes.

Nach diesem Verständnis funktionieren auch die Aktionen des ZPS. Hier gibt es kein Werk, das, einmal auf einen Sockel gestellt, uns als Kunst deklariert gegenübertritt. Vielmehr finden wir uns in mitten von Werken und Aktionen wieder, die nicht mehr den Anspruch erheben, in sich bereits Kunst zu sein, sondern ÜBER die Kunst entstehen soll. Die Aktionen sind Mittel und Wege um Kunst zu initiieren. Diese ist nicht mehr und nicht weniger als der humanistische Akt selbst.

Die Kunst ist frei. Sie ist vielleicht der letzte Ort, an dem es uns Menschen möglich ist, den Schienen des bürokratisch durchorganisierten Getriebes, auf denen unser Leben verläuft, zu entkommen, an dem die Wirkungskette der Realität nicht sofort ihre Wächter schickt, wenn an den verrosteten Weichen gerüttelt wird und ein neues Überdenken des bisher Gegebenen möglich bleibt. Dies vor allem auch auf juristischer Ebene. Die Kunst ist frei – nach dem Gesetz und der Rechtsprechung. Das ist gegenwärtig die stärkste Waffe der Kunst. Wenn wir von den Schienen abkommen wollen, dann müssen wir eben Autos nehmen! So wie beim Konvoi, bei dem europäische Bürger am Sonntag den 06. September 2015 mit privaten Autos Flüchtlinge über die Grenze nach Deutschland bringen werden. Hier liegt die Wirkkraft der Kunst.

Spätestens seit das ZPS im Mai 2014 mit der 'Kindertransporthilfe des Bundes' eine hyperreale Hilfsaktion für Flüchtlingskinder aus Syrien ins Leben rief, sind ihre Aktionen zu einem Stachel in der offenen Wunde hegemonialer Narrative geworden. Die Aktionen sind derart drastisch, widersprüchlich und polarisierend konstruiert, dass sie die Menschen, die mit ihnen in Berührung geraten, in Reaktionszwang versetzen. So werden sie zu gemeinschaftlichen Projektionsflächen, die Politiker und Bürger mit ihren öffentlich geäußerten Äußerungen und Handlungen befüllen. Ängste und unterschwellig in der Gesellschaft wirkende Affekte werden auf diese Weise sichtbar gemacht. Um mit Christoph Schlingensief zu sprechen: die Aktionen legen dieMüll-Junk-DNAunserer Gesellschaft frei. Mit diesem Material lässt sich arbeiten, denn um handlungsfähig zu werden, gilt es die Bedingungen und Bedingtheiten des eigenen Handelns zu kennen.

Ein Jahr ist nun vergangen, seit das ZPS mit dem 'Ersten Europäischen Mauerfall' im Rahmen des Theaterfestivals „Voicing Resistance“ eine Busreise an die Außengrenzen Europas organisierte und damit den europäischen Bürgern mit medialer Wirksamkeit die von Europa errichteten Stacheldrahtzäune und die eigene Handlungsunfähigkeit ins Bewusstsein schleuderte. In der Absicht den Grenzzaun mit Bolzenschneidern niederzureißen, marschierten die „friedlichen Aktivisten“ unter Blitzlichtgewitter über säuberlich ausgerollte rote Teppiche, in die für sie vor dem vom Berliner Maxim Gorki Theater bereitstehenden Busse. Zurück kamen sie hilflos, erschöpft und geschändet; als Opfer des eigenen Systems.

In seiner Dankesrede über den Erhalt des 'Leipziger Buchpreises zur europäischen Verständigung' macht der ungarische Schriftsteller Peter Nádas folgende Aussage:

Die Frage ist vielmehr, warum die führenden europäischen Denker nicht endlich aufschreien, warum sie es weiterhin versäumen, einen den Menschen verständlichen, der Realität angemessenen Satz schön laut auszusprechen. Der Satz lautet: Ich kann dir nicht helfen, weil mich die Funktionsprinzipien meines eigenen Systems daran hindern, aber ich werde seine funktionellen Mängel untersuchen.[...].

Dies war 1997, im selben Jahr als in dem bosnischen Städtchen Srebrenica auf europäischem Boden ein Völkermord verübt wurde. Damit erklärt Nádas, dass ein Preis zur europäischen Verständigung vor dem Hintergrund eines nicht verhinderten Genozids auf europäischen Boden über keinerlei Legitimation mehr verfügt. „Ich kann dir nicht helfen, weil mich die Funktionsprinzipien meines eigenen Systems daran hindern, aber ich werde seine funktionellen Mängel untersuchen.[...]“ Das sollte man zweimal lesen. Da schwingt etwas sehr bitteres mit, etwas das ich nicht hören möchte, bevor ich mich im Spiegel betrachte. Das ist schon ein Eingeständnis. Ich selbst bin gefangen. Ich komme hier nicht heraus. Alles was mir noch bleibt ist Verrat.

Also auch hier zuallererst das Eingeständnis: Auch ich komme nicht heraus. Nicht aus meinem System und auch nicht aus Europa; auch nicht, wenn ich mit einem Bolzenschneider bewaffnet an die Grenze fahre. Was mir bleibt, ist mich auf die Suche nach den „funktionellen Mängeln“ meines Systems zu begeben.

Einbindung in Systeme funktioniert in erster Linie über unsere Körper. Das Gefängnis, in dem sich jeder Einzelne von uns befindet, ist bedingt durch unsere Körperlichkeit; sie kettet uns an die Schienen und Wirkungsketten, separiert uns von anderen Menschen und bindet uns in Machtgefüge ein.

Hier kommen die Kunst und ihre Autonomie ins Spiel. Mit ihrer Hilfe können wir Räume schaffen, in denen wir einen Ausbruch aus dem Gefängnis zumindest erahnen können. Auch dies ist nur ein Versuch, aber es ist vielleicht der beste Versuch den wir haben.

Als Ausbruchshelfer kann Kunst unterschiedlichste Aufgaben übernehmen. Als Spion und Detektiv kann sie neue Rechercheverfahren entwickeln und so dabei behilflich sein, ungeahnte Informationen ausfindig zu machen, sowie geheime Codes zu entschlüsseln; also den Zugang zu neuem Wissen ermöglichen. Sie kann neue Denkräume eröffnen, indem sie uns Dinge sinnlich erahnen lässt, die wir mit bekannten Erklärungsmustern und Begriffen nicht erklären können und damit zu kritischer Auseinandersetzung mit gegebenen Strukturen anregen, sowie Perspektivwechsel vorantreiben und dadurch neue Lösungen aufzeigen. Außerdem kann sie Präsenz und Betroffenheit herstellen, indem sie Subjektkonstruktionen unterläuft und sinnliche Formen der Teilhabe erlebbar macht, sowie Machtgefüge und Strukturen dekonstruieren, indem sie Abweichungen von repititiven Mustern ermöglicht. Dies sind nur einige ihrer besonderen Fähigkeiten.

Macht und Machtapparate werden über Aufführungsakte konstituiert; Zeichen und Worte, mehr brauchen wir dazu nicht, wir müssen uns nur an die Spielregeln halten. Krönung, feierliche Amtsübergabe, Parade, zwei Menschen die sich das Ja-Wort geben und vor versammelter Menge gegenseitig einen Ring an den Finger stecken, ganz einfache Verfahren, die wir uns im Laufe der Zeit antrainiert und bis ins kleinste Detail perfektioniert haben. Heißt aber auch: wer etwas erreichen will, muss auf den Schienen bleiben. Heißt: mit dem Auto fahren, geht jetzt nicht mehr (da denkt auch gar keiner mehr dran!), eine Veränderung ist nicht mehr möglich. Wie soll es denn möglich sein, im Alten das Neue zu erreichen? Kleine Veränderungen: ja; grundsätzlich Neues: nein. Da muss dann schon alles zusammenbrechen. (Es lebe das Chaos!)

Handlungsmacht (agency) erhalten wir in dem Augenblick, indem Abweichungen von der Wiederholung möglich werden. (Hannah Arendt) Dafür brauchen wir die Kunst mit ihrer Autonomie und Straffreiheit. Nutzen wir die Räume, die die Kunst uns bietet, als Orte des Experimentierens, werden Abweichungen wieder möglich. Vermischen wir beispielsweise einen politischen Akt mit Mitteln des Theaters, wird unser Blick wieder frei, zu erkennen, dass auch diese Strukturen nicht von Anbeginn der Zeit an da waren, sondern willkürlich und von Menschen gemacht sind. Wenn man nichts anderes kennt und nie auf solche Gedanken gebracht wurde, dann fällt es schwer, Gegebenes zu hinterfragen.

Für seinen Text hat Philipp Ruch ein Zitat Friedrich Nietzsches als Überschrift gewählt: „Wir haben das Theater, um nicht an der Wirklichkeit zu Grunde zu gehen.“ Das kann also auch bedeuten, die Kunst zu nutzen, um mit ihrer Hilfe den Strukturen und Deutungsmustern zu entfliehen, in die wir in unserem Alltag eingebunden sind.

Wir müssen uns eingestehen, dass wir fast immer erst dann handeln, wenn es bereits zu spät ist. Für alles und jedes finden wir Legitimationsstrategien.

Im Jahr 2001 diskutierten Christoph Schlingensief, Péter Nádas, Carl Hegemann, Franck-Patrick Steckel und Andere im Rahmen von Schlingensiefs „Atta-Atta – Die Kunst ist ausgebrochen“ über die Mittel, die der Kunst in einer "durchimmunisierten Gesellschaft“ (Christoph Schlingensief) noch blieben, um die Menschen zu erreichen. Ihre Antwort: Präsenz. Ich möchte diese Antwort um den Begriff der Betroffenheit ergänzen.

Die entscheidende Wirkung der Aktionen des ZPS und damit einhergehend, ihr konkreter politischer Kern, liegt im Bewusstseinswandel, den sie auszulösen vermögen. Die Aktionen evozieren einen Wandel von der reinen Kritik, zur konkreten Frage „Was kann ich jetzt ganz real machen?“ Damit dies möglich wird, muss der Reiz, den sie auslösen,stark genug sein, sich durch all die Fassaden unserer Persönlichkeiten und Ich-Konstruktionen hindurchzubrennen. Erst wenn ich nicht mehr anders kann, als das Leid des Anderen zu meinem Leid zu machen, betrifft es mich. Dazu muss die Aktion provozieren. Sie muss direkt in die Wunde hineingehen und in sich ebenfalls widerspüchlich sein. Hierzu gehört in besonderem Maße auch, dass negative Gefühle hervorgerufen werden, solche wie Ekel und Scham, Abscheu, Angst und Wut. Der Ekel über die Journalisten, die bei den Beerdigungen über Gräber trampeln, um dann gegen den angeblichen Missbrauch der Toten anzuschreiben! Meine Scham bei der Beerdigung eines Toten nach vorne zu treten, die Erde aufzuheben und auf das Grab zu werfen, während das Blitzlichtgewitter über mir zusammenbricht. Die unweigerlich auftauchende Frage nach dem eigenen Bild und dem "Warum bin ich hier?", "Bin ich jetzt hochmütig, weil das, was ich vollziehe, gleichzeitig die Inszenierung dessen ist? Meine ich das noch ernst, oder habe ich schon angefangen zu spielen?". Die Wut darüber, dass die Aktionen oft die gleichen Mittel verwenden, die sie kritisieren und dass wir in der Realität eben nicht über die bestehenden Strukturen hinauskommen.

In genau diesem Augenblick ziehen Tausende Flüchtlinge ziehen in einem mehr als 200 Kilometer langen Marsch von Ungarn aus ins Innere Europas. (Wer einen Einblick in die Einblick der Regierung Viktor Orbans erhalten möchte, klicke bitte hier.) Dafür kann das ZPS rein gar nichts. Woran es aber doch beteidigt ist, sind die Reaktionen auf diesen Marsch. Denn mit ihren Aktionen haben sie uns im Kleinen bereits darauf vorbereitet und zu bedenken gegeben, dass es Anderes sehr wohl möglich ist.

Danke an jeden Einzelnen, der im Kleinsten des Kleinen ganz real etwas macht! Du schaffst das Werk! Du bist der Künstler!

Patricia Pahlke, Berlin, 05. September 2015

11:17 07.09.2015
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