"Deutschland dreht durch"

Rezension Liane Bednarz und Christoph Giesa schauen der AfD auf die Finger
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"Deutschland dreht durch"
Die AfD auf ihrem ersten Parteitag im April 2014. Bürgerlich. Ja nee, is klar ...

Foto: JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images

Das große Verdienst dieses kurzen aber knackigen E-Books, das sich ausschließlich mit der „Alternative für Deutschland“ beschäftigt, liegt in der Demaskierung einer Partei, die keine Alternative ist, sondern ein No-go. Es blickt hinter die „eingeübten Sprachcodes“, mit denen abgewiegelt und behauptet wird, die AfD kenne keine Fremdenfeindlichkeit und keinen Nationalismus. Es sind die Sprachcodes, in die AfD-Funktionäre ausweichen, wenn man sie auffordert, auf den Punkt zu kommen, die Sprachcodes, mit denen sie versuchen, durch geschickte Manipulation gleichzeitig die gesellschaftliche Mitte wie die Wähler am rechten Rand einzufangen. Es sind die lavierenden „Wir sind nicht gegen …, aber …“-Formeln, die man insbesondere von Parteisprecher Bernd Lucke so oft gehört hat.

Was Bednarz und Giesa tun, ist deshalb vollkommen folgerichtig. Sie gehen auf die Ebene der Sprache und lassen AfDler reden. Wer einmal in konzentrierter Form dargeboten bekommen will, wie in und von der selbsternannten Partei der Alternativen gesprochen wird, wird hier in großer Vielfalt und Breite fündig werden. Der kurze Text ist enorm materialreich. Und seine Strategie geht auf: Die AfD redet und führt sich dabei selbst vor. An manchen Stellen hätte ich mir allerdings mehr Analyse gewünscht, die den Autoren erlaubt hätte, Zusammenhänge und Querverbindungen zwischen der AfD und ihren (historischen und aktuellen) Verwandten und Zuarbeitern aufzuzeigen. Das hat das Format des Textes offenbar nicht zugelassen. Umso gespannter darf man auf zukünftige Veröffentlichungen des Autorenpaares sein.

„Deutschland dreht durch“ macht plausibel, warum man in der AfD weder eine liberale noch eine konservative Partei sehen kann – wie sie selbst nicht müde wird zu behaupten. Am ehesten kann sie unter die rechtspopulistischen Parteien gruppiert werden, die in Europa gerade großen Zulauf haben. Sie ist damit mit ihrem Politikansatz auch nicht neu, sondern nur blaugefärbter Wein in gebräunten Schläuchen. Auch steht in Zweifel, wie bürgerlich die Partei mit dem feschen Nike-artigen Logo noch ist. Die Mythen, mit denen sie sich umgibt, nimmt „Deutschland dreht durch“ gezielt aufs Korn und fördert dabei zum Teil Unheimliches zutage. Wenn der thüringische Landeschef Björn Höcke etwa „unser[en] Weiterbestand als Träger einer Hochkultur auf dem Spiel“ stehen und man Töne über die AfD als letzte evolutionäre Chance" vernimmt, so hört man eine Tonlage, die von seiner Partei offenbar gern bedient wird, die man in der deutschen Politik aber schon ausgestorben gehofft hatte.

Das E-Book von Bednarz und Giesa zeigt auch, dass das beständig wiederholte „Wir sind nicht gegen …, aber“ die sehr unterschiedlichen bis gegensätzlichen Haltungen innerhalb der AfD gut wiederspiegelt. Einheitliche Positionen hat auch diese junge Partei – wie viele andere junge Parteien in der Geschichte – noch nicht gefunden. Nach wie vor hat sie noch kein ausformuliertes Programm. So sind die Flügelkämpfe vom Januar diesen Jahres wohl auch als späte Geburtswehen zu verstehen. Bednarz und Giesa gelingt es, diesen historischen Moment in der Parteigeschichte zu dokumentieren.

Sie machen gleichzeitig jedoch auch klar, dass sich in der AfD Positionen sammeln und verstärken, die einen scharf konturierten antiliberalen und antipluralistischen Impuls tragen. Das macht die AfD zu einer Vereinigung, auf die man ein kritisches Auge haben muss, wenn man daran interessiert ist, die freie, offene und demokratische Gesellschaft zu erhalten, in der wir heute leben. Deshalb ist auch die Warnung am Platz, die Bednarz und Giesa am Ende formulieren, die Warnung vor einer weiteren „Professionalisierung der Szene“. Gemeint ist die rechtspopulistische bis rechtsextreme Szene. Die AfD könnte sich als Bauteil eines weit größeren Apparates erweisen, der rechte Strömungen in Deutschland oder sogar in ganz Europa vereint und ihre Wirkmacht zu vergrößern sucht. Sie ist „nur die Speerspitze der Neuen Rechten“, schreiben die Autoren. Gut, dass ihr jemand auf die Finger schaut.

http://www.hanser-literaturverlage.de/buch/deutschland-dreht-durch/978-3-446-24894-6/

20:08 14.02.2015
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Geschrieben von

Peter Plöger

Wir brauchen nicht mehr Glück, wir brauchen mehr Sinn.
Peter Plöger

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