Die Scham des Herrn Henkel

AfD in der Krise Die offene Gesellschaft braucht Freunde. Hans-Olaf Henkel beweist, dass solche in der AfD kaum zu finden sind
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Die Scham des Herrn Henkel
Schämt sich "in Grund und Boden": Hans-Olaf Henkel

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

Die Alternative für Deutschland kommt allmählich zu sich. Sie wacht auf und erkennt, wer sie ist. Wer sie geworden ist. Immer häufiger sieht man die Bilder erschrockener Partei-Oberer, die sich mit beschwörenden Gesten denjenigen zuwenden, die sich, erlöst die Gelegenheit nutzend, als Mitglied eingeschrieben haben. Erst kürzlich hat Bernd Lucke die Ränge seiner mutmaßlichen Getreuen mit einem Dämmbrief zur Räson bringen und gleichzeitig die Öffentlichkeit von der Lauterkeit der AfD überzeugen wollen. Nun zieht Hans-Olaf Henkel in der ZEIT mit dem Eingeständnis nach, er „schäme sich in Grund und Boden“ für diejenigen, die er in der Partei eigentlich nicht sehen wolle, vor allem die „rechten Ideologen“.

Henkel sieht sich in erster Linie als einen Wirtschaftsliberalen. Das mag er auch sein. Daneben ist er eine der starken Stimmen, die die Geister erst riefen, angesichts derer Henkel jetzt gern in Deckung gehen möchte. Seit Jahren hat er Scharfmacher wortreich verteidigt, so etwa Thilo Sarrazin und seine ressentimentgeladenene Kampagne gegen Einwanderer und Arme. „Lieber Herr Sarrazin“, schrieb er in einem offenen Brief nach dessen umstrittenen LETTRE INTERNATIONAL-Interview, „auch persönlich wollte ich Ihnen noch einmal zurufen, dass ich Ihre Äußerungen ohne jedes Wenn und Aber unterstütze“. Später, in einem Interview mit dem FOCUS, holt er auch Sarrazins Unterstützerin Neclá Kelek mit ins Boot: „Wir sollten Sarrazins Äußerungen als einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion betrachten und uns mit seinen Vorschlägen und denen von Personen wie der Soziologin Neclá Kelek befassen“. Schmutzreden verharmlost Henkel schonmal mit Verweis auf die Meinungsfreiheit (so wie Sarrazin es zuletzt in Buchlänge tat): Überall auf der Welt dürfe man Wahrheiten aussprechen, nur bei uns in Deutschland nicht – so Henkel in einem Interview auf dem AfD-Parteitag in Aschaffenburg. Da ist der Schuss Verschwörungstheorie, der der neu erwachenden Rechten so gut schmeckt, auch gleich mit dabei.

Und jetzt will Henkel nicht gewusst haben, dass er Menschen anzieht, denen die offene Gesellschaft offensichtlich wenig bedeutet (oder die sie erst gar nicht richtig verstanden haben)? Es sind jene, die schon lange auf eine Chance warten, ohne schief dafür angesehen zu werden endlich herauszulassen, was sie gegen Ausländer, Europa oder „Unterschichten“ vorbringen können. Oder gegen „die gleichgeschalteten Medien“. Oder gegen „die Gutmenschen“, die sie ständig so schief ansehen. Wer Ressentiments sät, Herr Henkel, wird Hass ernten.

Die AfD ist von vornherein in Teilen ihres Personals eine Partei des latenten Klassismus, Rassismus, Nationalismus und Salonfaschismus gewesen. Was nun in der Partei passiert, liegt auf der Hand: Die Latenz veroffenbart sich und das offenbarte Weltbild verstärkt sich personell. Hans-Olaf Henkel gehört (auch ohne Mitgliedschaft in der AfD) klar in eine Reihe mit anderen Vertretern der Wirtschafts- und Funktionärseliten, die der offenen Gesellschaft immer unverhohlener entgegentreten, gemeinsam mit Kelek oder Sarrazin, Peter Sloterdijk oder Udo Ulfkotte, um nur wenige Namen herauszugreifen.

Sein Erschrecken kommt mir zu spät und ist gegenüber seinem früheren Engagement zu widersprüchlich, um ehrlich zu sein. Vielleicht übt er sich im Beschwichtigen als Teil einer neuen strategischen Inszenierung seiner Partei. Vielleicht sind ihm die polternden Rechts-Sprecher, die ihm angeblich so peinlich sind, aber auch einfach nicht elegant genug. Vielleicht ist Henkel naiv und versteht den Zusammenhang zwischen seinen eigenen, behüteten Ressentiments und den offen vorgetragenen des AfD-Fußvolkes nicht. Dann hätte er allerdings einen Grund mehr, sich über sich selbst zu schämen.

10:46 01.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Peter Plöger

Wir brauchen nicht mehr Glück, wir brauchen mehr Sinn.
Peter Plöger

Kommentare 12

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