Internet = Freiheit = Demokratie? Leider nein

Webfreiheit Das Internet ist weder per se ein Medium der Freiheit noch der Gleichheit.

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Die Abhörskandale der letzten Zeit rücken nicht nur die Nachrichtendienste in ein schlechtes (aber endlich die Realität der permanenten Überwachung offenbarendes) Licht. Sie erschüttern auch gleich den Glauben an ein Internet, das per se Freiheit und Gleichheit für alle bringen soll, an ein Medium der Demokratie. Daran zu glauben war allerdings von vornherein eine Utopie, die an der Wirklichkeit um mehr als ein paar Leaks vorbeigeht.

Um per se ein Medium der Demokratie zu sein, fehlen dem Internet die strukturellen Voraussetzungen, sprich: Dafür ist es nicht gebaut. Es verfügt nicht schon von sich aus über Mechanismen, die Ungleichheiten ausgleichen würden, wie ein funktionierendes demokratisches Staatswesen das tut. Im Gegenteil: Das Web ist so gestrickt, dass Information und Aufmerksamkeit sich auf wenige „Hubs“ („Radnaben“) verdichten, während der Großteil der eingestellten Angebote nur sehr wenig bis gar nichts davon bekommt. Ein typisches „Longtail“-Phänomen entsteht, eine krasse Ungleichverteilung der vorhandenen Ressourcen. Zudem ziehen Hubs – die Googles, Facebooks, Amazons dieser Welt – neue Information bzw. Aufmerksamkeit viel eher an als die weniger beliebten Angebote – der Facebook-Effekt: Wer schon viele Likes gesammelt hat, bekommt leicht noch ein paar mehr dazu. Macht konzentriert sich fortlaufend.

Mit der Gleichheit im Netz ist es also nicht weit her, wenn man nicht ständig nachhilft. Genau so sieht es mit der Freiheit aus. Die Web-Aktivistin und Künstlerin Rena Tanges beschreibt im Interview mit der WDR 5 „Redezeit“ am 13. August (http://www.wdr5.de/sendungen/neugier-genuegt/s/d/13.08.2013-10.05/b/redezeit-gerechtigkeit-das-thema-unserer-zeit-130813.html), was im Netz passiert, wenn persönliche Daten gesammelt werden. Zum größten Teil geschieht das automatisiert zum Zweck einer statistischen Auswertung. Das bedeutet, das nur bestimmte relevante Items herausgegriffen und zu einem Nutzerprofil zusammengestellt werden, zum Beispiel das Kaufverhalten bei Onlineangeboten für Möbel oder die Anzahl der Klicks auf Seiten von Umweltschutzorganisationen. Der Nutzer oder die Nutzerin werden auf dieses Profil festgeschrieben. Suchanfragen beispielsweise folgen einem solchen Profil (daher listet Google solche Suchergebnisse an erster Stelle, die besonders gut zu den individuellen Vorlieben seiner Nutzer passen). Mit anderen Worten: Das Netz zeigt uns das, was am ehesten der auf ein paar Präferenzen reduzierten „Persönlichkeit“ entspricht, die es vorher automatisch aus unseren Aktivitäten herausgefiltert hat. Unsere Optionen zur Wahl oder Informationsbeschaffung sind von vornherein eingeschränkt. Das Web ist nicht der nach allen Seiten offene Raum, den Netzutopisten darin gerne sehen würden. Freiheit ist in ihm immer eine Freiheit, die von den Inhabern der Hubs nach deren Interessen eingehegt wird.

Also gilt weiter: Für Demokratie, Gleichheit und Freiheit müssen wir beständig etwas tun. Das Netz allein garantiert noch gar nichts.

Das Interview mit Rena Tangens hat mich sehr daran erinnert, was ich in „Warum wir es gerne einfach hätten aber alles immer so kompliziert ist“ (http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/buch.html?isbn=978-3-446-43665-7) in Kapitel 6 zu Web und Demokratie geschrieben habe. Würde mich auch über Feedback dazu freuen.


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Geschrieben von

Peter Plöger

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Peter Plöger

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