Machtstrukturen, vorgestanzt

Sexismus-Debatte Wer von Sexismus und Machtstrukturen spricht, sollte nicht den eigenen Stereotypen auf den Leim gehen.

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Debatten über Sexismus und Rassismus werden gerne um den nebulösen Begriff der „Machtstruktur“ herum geführt. Es scheint dann immer gleich unbezweifelbar klar zu sein, welcher der Beteiligten an den vorteilhaften Positionen innerhalb der Struktur sitzt, die ihm das entscheidende Maß an Wirkungsvermögen garantieren. Im aktuellen Fall: Die Macht ist mit Rainer Brüderle. Das stellt zum Beispiel Tina Hildebrandt auf der Titelseite der ZEIT von dieser Woche so dar.

Warum Rainer Brüderle? Weil er der Politiker ist, Ex-Minister sogar. Und Frau Himmelreich lediglich die Journalistin. Lediglich? Ich wundere mich. Der Fall Brüderle-Himmelreich ist doch gerade ein schlagendes Beispiel dafür, dass auf der Ebene der „Machtstruktur“ mindestens ausgeglichene Verhältnisse herrschen, zwischen Politik und Presse nämlich. Wie sonst ist es möglich, dass Brüderles Integrität seit der STERN-Veröffentlichung so massiv unter öffentlichem Zweifel steht – mit bisher nicht absehbaren Folgen für seine politischen Tätigkeiten? Sein Wanken ist doch ein Exempel für die Macht, die sich in der Pressearbeit entfalten kann. Wieso ist sein schmieriger Baggerspruch mit Dirndl dann plötzlich ein Ausweis der größeren Machtposition?

Vielleicht, weil auch Journalisten nicht vor der Denkfalle gefeit sind, vorgestanzte Deutungsmuster zu benutzen. Über Macht zu reden, ist enorm wichtig, wenn wir Sexismus (und Rassismus und andere Ismen) bekämpfen wollen. Macht nach Schema F zuzuordnen, statt zu schauen, wem in welcher Situation welche Form von Wirkungsfähigkeit zukommt, heißt allerdings, den eigenen Stereotypen auf den Leim zu gehen – mithin, das Problem nur von einem Ismus auf den anderen zu verschieben: vom maskulinen Sexismus zur automatisierten Machtzuschreibung. Macht hat immer der ältere Typ im Anzug. Fertig!

Das starre Herbeizitieren der „Machtstruktur“ nützt in dieser Diskussion aber herzlich wenig.

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Geschrieben von

Peter Plöger

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Peter Plöger

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