Mein Sprung in die Parallelgesellschaft

Weltrevolution? Ich weiß nicht mehr, wann es genau begann. Es kam schleichend, aber jetzt ist es nicht mehr aufzuhalten.
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Ich fühle mich wie ein Bürger im Dritten Reich, der herausgefunden hat, dass jüdische Mitbürger in Konzentratonslager deportiert und dort umgebracht werden. Um mich herum all die Mitmenschen, voll integriert in die durchorganisierte Gesellschaft. Keiner will mein Geheimnis mit mir teilen, weil mir keiner glaubt oder glauben will. Ich darf nicht zu laut schreien, denn sonst werde ich für verrückt erklärt. Doch wie soll ich dem Wahn dieses Wissens entkommen? Es gibt nur zwei Wege: Schweigen und mich mit schlechtem Gewissen dieser Gesellschaft anpassen oder anfangen zu kämpfen, aufzuklären und den Ausschluss aus der Allgemeinheit riskieren.

Inzwischen haben wir 2014. 34 Mal habe ich die Sonne nun schon umrundet. Besonders die Runden 20 bis 32 waren recht angenehm und geprägt von Freunschaften, Sex und Party. Ich fühlte mich wohl in dieser demokratischen Gesellschaft, in der Meinungsfreiheit herrscht und in der jeder so sein kann, wie er möchte. Ich kann nicht genau sagen, warum mir irgendwann klar wurde, dass Zinsen und Dividenden meine Gesellschaft und alle Teile dieser Welt zerstören.

Hitler und seine Gefolgsleute mussten damals Minderheiten ausbeuten und Kriege führen, um ihre Macht zu erhalten und ihr politisches Treiben finanzieren zu können bzw. das Volk "bei Laune" zu halten. Durch die Verstaatlichung aller Banken und die Abschaffung des Zinses, war die Reichsmark als Devise auf dem internationalen Börsenparkett nicht gefragt. Somit fiel ihr Wert stetig ins Bodenlose. Der Ausbau der Infrastruktur, der Unterhalt der gesellschaftlichen Struktur sowie der Aufbau einer schlagkräftigen Armee war jedoch kostspielig. Um diese Maschinerie am Laufen halten zu können ohne das Volk gegen sich aufzubringen, benötigte man monetäre Mittel. Um Steuern niedrig halten zu können, mussten diejenigen dran glauben, die eh keine Lobby in der Gesellschaft hatten. Man entfernte sie aus dem Pool staatlicher Zuwendungen, stahl ihnen ihren Besitz und nutzte sie als kostenloses Humankapital. Doch diese innerstaatlichen "Ressourcen" waren endlich. Somit musste das Terretorium vergrößert werden. Dies geschah zunächst auf friedlichem Wege durch die Annexion des Saarlandes, Österreichs und des Sudetenlandes. Doch den politischen Führern war klar, dass es weitergehen musste: Krieg oder Pleite waren die Optionen.

Zurück ins Jahr 2014. Wir leben in einer kapital-orientierten Gesellschaft, deren lebensnotwendiger Geldfluss durch Zinsen und Dividenen gesichert wird. Doch wir sind auch abhängig von Wachstum, sofern wir unseren Wohlstand erhalten wollen. Um diese These nicht ausufernd begründen zu müssen, empfehle ich einen Klick auf diesen Link. Sechs Minuten Film sind meines Erachtens besser als 60 Zeilen Wort.

Fakt ist: Wenn ich mir Geld leihe und dieses verzinst zurückzahlen soll, dann muss ich mir irgendwo das Geld für diese Zinsen beschaffen. Als normal Sterblicher würde ich versuchen mich einzuschränken, damit von meinem Gehalt am Ende mehr übrig bleibt. Ich kaufe zum Beispiel günstigere Lebensmittel oder Kleidung ein. Damit unterstütze ich wiederum Wirtschaftsunternehmen, die günstiger produzieren als andere. Dies erreichen sie beispielsweise durch unfaire Löhne oder dadurch, dass sie in Gegenden produzieren, in denen sie weniger Auflagen erfüllen müssen, was meist zu Lasten der Natur geschieht.

Fakt ist: Wenn sich ein Unternehmen Geld leiht, dann werden die Kosten für die Zinsen auf die Preise ihrer Produkte verteilt. Die Zinsen zahlt also der Endverbraucher und nicht das Unternehmen selbst. Besteht die Gefahr, dass das Produkt zu teuer wird, müssen Kosten eingespart oder es muss in günstigeren Gegenden produziert werden. Auch das geht in jedem Fall zu Lasten des Arbeitsnehmers oder der Natur.

Fakt ist: Wenn sich ein Staat Geld leiht, dann werden die Zinskosten für diesen Kredit über Steuern, seine einzige Geldquelle, eingenommen. Auch hier bezahlt der Bürger somit die Zinsen. Nun ist der Staat aber nicht in der Lage Waren zu produzieren und zu veräußern oder außerhalb seines Terretoriums Steuern einzunehmen. Er kann lediglich die Steuern erhöhen und muss gleichzeitig dafür sorgen, dass sein Volk "liquide" bleibt, damit es diese Steuern bezahlen kann. Dies kann nur durch höhere Löhne und Gehälter geschehen. Also muss er dafür sorgen, dass die Binnenwirtschaft stetig wächst, um der Gefahr einer Inflation zu entgehen.

Somit komme ich auf das Beispiel aus dem Dritten Reich zurück und sehe, dass sich heutzutage wenig geändert hat. Um Preisverfall und somit eine drohende Pleite abzuwenden, müssen Regeln geschaffen werden, die einerseits dazu führen mehr Geld einzunehmen, auf der anderen Seite aber auch soziale Unruhen zu vermeiden. Auf lange Sicht ist dies aber nicht zu vermeiden, denn durch Zins und Dividende klafft die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Schließlich muss immer mehr Geld zurück gezahlt werden, als man sich geliehen hat. Und derjenige, der verleiht, häuft sein Vermögen an und kann immer mehr verleihen. Sein Vermögen steigt exponentiell. Was im national-sozialistischen Deutschland durch direkte Ausbeutung von Minderheiten geschah, wird heute Globalisierung genannt. Was damals die Mehrheit der Bevölkerung durch Unwissenheit, Lethargie oder Skrupellosigkeit kalt gelassen hat, geschieht heute auf einem ganz anderen Teil des Planeten. Was interessiert mich ein Tagelöhner in Bangladesh oder verseuchte Flüsse in Nowosibirsk? Mich interessiert vor allem mein täglich Brot. Ich muss meine Familie ernähren und zusehen, dass ich später von meiner Rente halbwegs vernünftig leben kann.

Und so verhaften wir immer noch in Unwissenheit, Lethargie oder Skrupellosigkeit. Die Krise in Griechenland? Daran sind die doch selbst schuld! Kriege im Irak, in Afghanistan, in Syrien, in der Ukraine? Damit habe ich doch nichts zu tun! Armut und Umweltzerstörung in der dritten Welt? Was kann ich da schon gegen tun?

Dass es Wege aus diesem Dilemma gibt, ist klar - mir zumindest. Doch davon will keiner hören. Kaum einer versteht den Zusammenhang zwischen dem eigenen Bausparvertrag und dem Leid in der Dritten Welt. Wenn ich versuche diesen Zusammenhang zu erläutern, schalten die meisten ab. Man beschwert sich über Banken, man beschwert sich über Politiker, man beschwert sich über den Chef. Doch keiner bewegt sich selbst! Jeder fühlt sich halbwegs sicher in diesem System, das sich auf subtile Art und Weise durch Ausbeutung der Ärmsten am Leben hält. Doch irgendwann wird man selbst oder die nächste Generation Leidtragender sein. Doch dann ist es zu spät.

Und das ist mein Problem. Ich sehe, dass sich unsere kapitalisierte Gesellschaft wieder einmal auf den Abgrund zu bewegt, aber ich schaffe es einfach nicht eine Masse um mich herum zu scharen, die bereit ist, den Zug gemeinsam mit mir zu stoppen. Die Hirnwäsche ist, wie schon vor 80 Jahren, zu weit vorangetrieben. Wie soll ich mich also verhalten? Mich mir gegenüber selbst dumm stellen oder weiter gegen Windmühlen kämpfen?

13:17 23.09.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pr8kerl

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