(2) Geldsystem: "postfaktische Experten".

postfaktisch, Ökonomen "Der Vorgang mit dem Banken Geld erzeugen ist so simpel, dass der Geist ihn kaum erfassen kann" (John Kenneth Galbraith, Amerikanischer Ökonom und Präsidentenberater).
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Die Postdemokratie hat vor einigen Jahren Colin Crouch erklärt und der an Banalität nicht zu toppende Begriff "postfaktisch" - also jenseits jedes Bezuges zu Fakten/Tatsachen, das Aneinanderreichen von Sprechblasen ohne jegliches Bemühen um Wahrheit und Objektivität! - wurde kürzlich zum Unwort des Jahres gehypt. Merkel verwendet es gerne, so wie auch das intelligenzbefreite Wort: alternativlos. Beide Begriffe werden nicht nur von ihr, sondern auch von vielen Ökonominnen und JournalistInnen generell verwendet: Ausnahmen bestätigen die Regel.

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Exkurs: Schuldgeldsystem - Geld aus dem Nichts:

We did not understand the system AS A WHOLE!

Auch die Queen war ob des Finanz-Tsunamis sehr besorgt und so fragte sie die "British Academy", die wie folgt im Juli 2009 antwortete: "So in Summary, Your Majesty, the failure to foresee the timing, the extent and the severity of the crises, and to head it off, while it had many causes, was principally a failure of the collective imagination of many bright people, both in those country and international, to understand the risks and the system AS A WHOLE”.

Es ist dass Eingeständnis des Totalversagens einer ganzen Zunft : der Ökonominnen!

Der Kredit das unbekannte Wesen

Es gab auch im deutschsprachigen Raum keinen einzigen Experten/Journalisten/Politiker, der die Krise 2008 kommen sah. Und so analysierte Fabian Lindner von der Hans Böckler Stiftung, den "Kredit" und seine volkswirtschaftlichen Auswirkungen. Seine Erkenntnis: "Der Kredit entsteht nicht durch das Sparen - aber wie entsteht er dann"? war für alle, die die doppelte Buchhaltung auf dem Niveau der 2. Klasse Handels-/Berufsschule beherrschen, nichts Neues.

Die vom Chef der Nationalbank, Nowotny, als auch einigen Bankern verbreitete, volkstümliche Ansicht: die Banken gäben nur das Geld der Sparer weiter...ist eine "postfaktische Sprechblase" - im Volksmund auch Lüge genannt.

Die Tatsache ist: Das Geld (Buch-/Giralgeld) aus dem Nichts entsteht als einfacher Buchungsvorgang (Buchung: Forderung Kunde X / Verbindlichkeit Kunde X) bei der Kreditvergabe. Es ist nur ein simpler „Mausklick“ - und schon wurde Geld erfunden. Niemand muß dafür auch nur 1 Cent sparen!

a.) Nur das BARGELD (Münzen und Scheine)- das gesetzliche Zahlungsmittel - müssen sich die privaten Banken bei der Zentralbank besorgen. Sie dürfen es nicht selbst erzeugen, weil das gesetzliche Papiergelddruckmonopol bei der Zentralbank (ZB), im Euroraum bei der EZB, liegt. Geschäftsbanken (GB) können sich das Bargeld auch von anderen GB „borgen“ oder von ihren Kunden leihen, wenn diese z.B. bar auf ein echtes Spareinlagenkonto einzahlen. Nachdem aber die Sparer kein Geld erzeugen können - muss dieses bevor sie es den Banken leihen, eben von der ZB als Bargeld hergestellt worden sein.

b.) das Buch(Giral-)geld erfinden die privaten Banken, indem sie Kredite vergeben: an den Staat, die Unternehmen und die Konsumenten. Das Buchgeld ist aber kein gesetzliches Zahlungsmittel und weder im Nationalbankgesetz noch im Bankwesengesetz (wo die Begriffe: Buch- Giralgeld, Buchgeldschöpfung nicht mal im Sachregister erwähnt werden) geregelt!

- Spiegel - Bundesbank: „Geld aus dem Nichts“

Bundesbankdirektor Helmut Schlesinger monierte,...“dass es ein Problem geworden ist, dass sich jeder Bankier immer mehr Geld von seinen Berufskollegen borgt...und diese Gelder wieder weiter an Unternehmen leiht“. Das Guthaben des einen Bankiers = die Schuld des anderen. Auf volkswirtschaftlicher Ebene heben sich Forderungen/Verbindlichkeiten gegeneinander auf: Sie sind ein blankes Nichts.

"Die Privatbankiers machen das, was ihnen seit langem verboten ist: selber Geld!“ Er beklagte weiter: “Dies ist ein Rückfall in das vergangene Jahrhundert, wo jede Zettelbank Geld drucken konnte."

Das war 1 9 7 2!

Warum wurde dieses Problem seit der größten Finanzkrise aller Zeiten, noch keiner dem Wohle aller Menschen - und nicht nur einer kleinen, privilegierten Schichte - dienenden Lösung zugeführt?

- Bundesbank: „Traf Goethe ein Kernproblem der Geldpolitik?“

In seiner Begrüßungsrede anlässlich des 18. Kolloquiums des Instituts für bankhistorische Forschung (IBF) Papiergeld – Staatsfinanzierung – Inflation, vom 18. September 2012, bezog sich der Chef der Bundesbank, Dr. Jens Weidmann, auf Goethes Faust, das Geld und die Geldschöpfung (Punkt 2.). Ich zitiere verkürzt: „Gerade in jüngster Zeit stellen sich viele Bürger die Frage nach der Herkunft des Geldes: Woher nehmen denn die Zentralbanken eigentlich das viele Geld...Weshalb heißt es in diesem Zusammenhang regelmäßig, dass die finanzielle Feuerkraft der Notenbanken grundsätzlich grenzenlos sei? Die Finanzkraft einer Notenbank ist prinzipiell unbegrenzt, da sich eine Notenbank das Geld, das sie vergibt oder mit dem sie bezahlt vorher nicht etwa beschaffen muss, sondern es quasi aus dem NICHTS ... erschaffen kann.“

- Bericht der BANK of ENGLAND (BoE) vom 1. Quartal 2014, wo sie mit den kruden Thesen der ExpertInnen, wie das Geld entsteht, aufräumt: „Money creation in practice differs from some popular

mIsconceptions...banks do not act simply as intermediaries,

lending out deposits that savers place with them, but how those bank deposits are created is often m i s u n d e r s t o o d : the principal way is through commercial banks making loans! Whenever a bank makes a loan, it simultaneously creates a matching deposit in the borrowers bank account, thereby creating n e w m o n e y".

- Financial Times: Strip private Banks of their power to create money!

Der weltweit anerkannteste Finanzjournalist der Financial Times, Martin Wolf, kommentierte messerscharf die Richtigstellung der Gelderzeugung durch die Bank of England. „The giant hole at the heart of our market economies needs to be plugged. Printing counterfeit banknotes is illegal – but creating private money is not. The inderdependance between the state and the businesses that can do this is the source of much of the instability of our economies. It could - and should - be terminated”.

- Dr. Binswanger (emeritierter. Univ. Prof. für VWL an der Universität St. Gallen)

erläuterte in der Wiener Zeitung vom 21. Feber 2014 die elementaren Zusammenhänge der Geldschöpfung der Geschäftsbanken wie folgt: „Warum wird das Übel nicht an der Wurzel gepackt?

Wer oder was verhindert eine tiefgreifende Reform?

Mit einer Geldschöpfung aus dem Nichts kann man - dies liegt auf der Hand - sehr viel Geld verdienen. Daher übersieht man gerne die Krisen, die damit verbunden sind. Wenn diese eintreten, gibt man allen möglichen Ursachen die Schuld. Nur nicht der Ursache, mit der man sie in doppeltem Sinne des Wortes "verdient" hat.“

Exkursende:

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Das Wichtigste – kurz zusammengefasst:

Die Volkswirtschaft besteht aus 3 Sektoren:

1.) dem Ausland - also Ex- und Importe, Tourismus und Kapitaltransfers und -investitionen etc.;

2.) dem Staat, der die irren Auswüchse des neoliberalen Kapitalismus zu korrigieren versucht, er nimmt Steuern ein und verteilt diese über Transfers (Pensionen, Pflegeleistungen, soziale Beihilfen, Arbeitslosengeld usw.) an die Menschen;

3.) die Privatwirtschaft, die man weiter in

- Banken (Zentral- und private Geschäftsbanken)

- NICHT-Banken (alle Unternehmen, vom Friseur über den Lebensmittelhandel bis hin zu Stahl- und Autoproduzenten usw.)

- und Haushalte/Konsumenten

unterteilt.

Zusammenhang: Finanz - und Realwirtschaft

- Banken erzeugen für Nichtbanken (Staat/Haushalte/Unternehmen) das „Geld aus dem Nichts“,

- Konsumenten können kein Geld drucken, ergo dessen entspricht die Behauptung - Banken würden nur das Geld der Sparer als Kredit weitergeben - nicht den Tatsachen!

- das Geld wird nur als Kredit erzeugt, d.h. a l l e s Geld = Schuld (Banken verschenken kein Geld),

- den Schulden steht immer ein gleich hohes Vermögen gegenüber: die Bilanz ist immer ausgeglichen, d.h. es gilt:

m e i n Vermögenszuwachs = d e i n e Schuldenzunahme.

- werden alle Kredite einer Volkswirtschaft zurückbezahlt – gibt es kein Geld mehr (nicht nur VolkswirtInnen „scheitern“ spätestens hier, obwohl es nur eine Stornobuchung ist)

- für das Geld aus Luft werden Zinsen verrechnet, das Geld dafür stammt wieder aus einem Kredit,

- die Buchgeldschöpfung - GELD AUS DEM NICHTS - ist nicht gesetzlich geregelt, nur das Bargeld ist gesetzliches Zahlungsmittel!

- Auf Makro-Ebene gibt es keine Tilgung - sondern immer nur eine Umschuldung! Der Staat z.B. bezahlt seine alten Schulden + Zinsen mit neuen, höheren Krediten zurück, was den exponentiellen Anstieg der Schulden erklärt.

Unser Geldsystem ist daher ein nicht nachhaltiges, exponentielles Ponzi-Schema!

Wie die beiden Grafiken (für die USA und GB) aufzeigen, steigt die Geldmenge exponentiell an und hat sich seit den 1970er Jahren von der Entwicklung der Realwirtschaft abgekoppelt. Dies ist zum Einen auf die Einführung von Girokonten zurückzuführen (es wurden zuvor die Löhne und Renten bar ausbezahlt,d.h. die Banken mussten sich das Bargeld von der Zentralbank besorgen), später kam dann auch die Deregulierung des Finanzsektors hinzu, die zu fast grenzenloser Kreditvergabe führte. Seit 3 Jahren trägt auch die EZB über QE (Quantitative Easing, Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen) zur Geldschwemme bei.

Schulden + Schulden = Rettung?

Wenn alles Geld als Schuld entsteht - wie können dann immer mehr Schulden DIE Lösung sein?

Die alles entscheidende Frage ist leicht zu beantworten: in einem 100%igen Schuldgeldsystem müssen per se immer mehr Schulden gemacht werden - sonst bricht das System zusammen! Seit der grössten Finanzkrise der Menschheit sind z.B. die Staatsschulden um ca. 50% nur in der Eurozone gestiegen, was zum grossen Teil auf die "Rettung" der Banken zurückzuführen ist.

Geldsystem pervers: der Staat verschuldet sich bei Banken, um genau mit diesen Krediten die Banken vor dem Bankrott zu retten?

Die Schulden aller Sektoren steigen exponentiell...

Die zuvor erwähnten Zusammenhänge münden immer in einer exponentiellen Zunahme der Schulden - aller Wirtschaftssektoren:

- so stiegen die Schulden insgesamt von 87.000 Mrd. US-Dollar (2000 4. Quartal) auf sagenhafte 199.000 Mrd. an;

- die Staatsschulden haben sich seit der Krise (2007-2014) nahezu verdoppelt, sie explodierten von 33.000 auf 58.000 Mrd.!

... und auf der anderen Seite explodieren die Vermögen!

Jede Bilanz, auch die volkswirschaftliche, ist ausgeglichen, d.h.

- das Vermögen = den Schulden

- jede Vermögenszunahme = entspricht dem Schuldenzuwachs.

Und so wundert es niemand, der diese volkswirtschaftlichen Basics verstanden hat, dass dem irren Schuldenzuwachs ebensolche Vermögenszunahmen gegenüberstehen müssen. Dass diese aufgrund politische gewollter Gesetze, vor allem weil sich alle Sektoren (Unternehmen, Staat und Konsumenten) bei den privaten Banken aufgrund unseres Schuldgeldsystems verschulden MÜSSEN, auch noch ungleich verteilt sind, wird weltweit dokumentiert:

- 1% der Menschen verfügt über so viel Vermögen wie die restlichen 99% der Menschen;

- geldsystemisch ist daher auch klar, dass diese extreme Spreizung des Reichtums durch die Finanzkrise noch beschleunigt wurde: so verfügte das 1% 2009 noch über 44% des Weltvermögens - 2014 waren es bereits 48%.

Eine kleine, ultrareiche Schichte lebt in unverstellbarem Reichtum - und am anderen Ende schlagen sich zig-Millionen Menschen mit 2-3 Jobs durch, um sich einen winzigen Happen davon leisten zu können. Wenn sich zusätzlich durch schlechte Lohnverhandlungen der Gewerkschaften noch Reallohnverluste ergeben, dann kommt es zu genau jenen ökonomischen, vor allem aber sozialen Ungleichheiten, die jede Gesellschaft sprengen.

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Geringe Kenntnisse über unser Geldsystem:

Es ist eine Schande unseres Bildungssystems, dass nur ein kleiner Teil der Menschen diese Zusammenhänge kennt! Eine Umfrage von 23.000 Menschen in 20 Ländern (die 75% des WeltBIP repräsentieren) kam es zu folgendem Ergebnis:

- nur 20% wussten, dass das Geld zu 95% bei den privaten Banken aus dem Nichts erfunden wird,

- fast ein Drittel hatte keine Ahnung und

- ca. ein Fünftel glaubte, die Regierung erzeuge das Geld,

- aber nur 13% meinten, dass die privaten Banken das Geld weiterhin erzeugen sollten!

Ahnungslose ExpertInnen und Wirtschaftsversteher?

Fast alle wurden sie von der größten Bankkrise aller Zeiten überrascht - und so erstaunte es nicht wirklich, dass sie sich auf einen "Finanz_Tsunami" ausredeten. Nur wenige haben seit 2008 ihr Wissen um die elementaren Zusammenhänge verbessert - die meisten tümpeln in ihrer "postfaktischen Unkenntnis" im Dämmerschlaf dahin. Ob sich die Unkenntnis vieler Professoren, Wirschaftsforscher und/oder "Wirtschaftsversteher" in den Redaktionen verbessert hat, ist zu bezweifeln.

Nach wie vor jedoch erklären uns dieselben Personen die "Welt der Wirtschaft und des Geldes", was zu einer - postfaktischen - Zumutung des Hausverstandes führt.

Zwei Artikel ließen mich ob der erschütternden Unkenntnis sprachlos zurück: einer stammt von Josef Urschitz (diePresse) und der andere vom Bestsellerautor Tomas Sedlacek (Die Ökonomie von Gut und Böse).

1.) Schulden mit neuen Schulden bekämpfen?

Vermeintlich billige Schulden mutieren zu hohen Zinsbelastungen, meinte Josef Urschitz in der Presse.

Ich zitiere:

- "Die EU-Kommission hat den deutschen Finanzminister aufgefordert, seinen budgetären Spielraum zu nutzen und sozusagen Europa aus der Krise „herauszuinvestieren“. Und sie hat dafür von Wolfgang Schäubleeine harsche Antwort erhalten: Höhere Ausgaben in einem oder zwei Ländern würden nicht die strukturellen Probleme und Finanzrisken in den anderen Ländern lösen, ließ der Deutsche Brüssel wissen. Da hat er zweifellos recht: Auf Pump finanzierte öffentliche Investitionen in Deutschland helfen strukturell schlecht aufgestellten Kriseneuroländern herzlich wenig."

Anmerkung: Nun - wie zuvor dargelegt, erzeugt der Staat kein Geld, sondern nur die Zentral- und Privatbanken, d.h. der Staat kann in einem Schuldgeldsystem Investitionen nur finanzieren, indem er

a.) bei Banken einen Kredit aufnimmt, oder

b.) die Steuern erhöht, was wiederum bei Konsumenten, Unternehmen zur Verschuldung führen muss, weil diese dann über weniger Geld verfügen würden und auch sie kein Geld erzeugen können. "Herausinvestieren/deficit spending" verbunden mit einem "Argument" zur Staatsverschuldung ist daher nur der Beweis, dass der Autoren das Geldsystem nicht verstanden hat.

- "Auch in Österreich, wo man es in den vergangenen 46 Jahren selbst während der Hochkonjunkturphasen kein einziges Mal geschafft hat, Einnahmen und Ausgaben in Einklang miteinander zu bringen, drängen linke Ökonomen immer stärker darauf, die hohen Schulden mit noch höheren Schulden zu bekämpfen".

Anmerkung: nachdem das Geld nur als Schuld entsteht, kann man Neuinvestitionen als auch die alten Schulden immer nur mit neuen Krediten "bezahlen/finanzieren". Auch ist geldsystemisch klar, dass der Staat es kein einziges Mal geschafft habe, Ausgaben und Einnahmen in Einklang zu bringen, denn wenn er Schulden getilgt hätte, so wäre ja Geld "vernichtet" worden (der Wirtschaft entzogen worden) was gerade in rezessiven Phasen unmittelbar in eine starke Depression - siehe Griechenland und Südeuropa - geführt hätte.

Auf volkswirtschaftlicher Ebene gilt ja immer: die Ausgaben des einen Sektors (z.B. des Staates) sind immer die Einnahmen eines anderen Sektors (z.B. die Löhne der Beamtinnen und/oder die Umsätze der Bauwirtschaft, beim U-Bahnbau).

- "In Österreich ist, wie gesagt, die Staatsschuld seit 46 Jahren stets gewachsen. Die Kredite wurden demnach nicht zurückgezahlt, sondern refinanziert, also durch die Aufnahme neuer Darlehen getilgt".

Anmerkung: wie zuvor en detail ausgeführt, sind solche "Erklärungsansätze" Uschitz`s nur eine Bestätigung seiner eigenen Unkenntnis unseres Geldsystems.

2.) Tomáš Sedláček "Wir schwindeln Wachstum herbei" ...

Wiener Zeitung: Welche Lehre hätten wir ziehen sollen?

SEDLACEK: "Hätte der Westen 2007 eine durchschnittliche Schuldenquote von null Prozent gehabt, wäre die Krise gar nicht entstanden. Dann wäre die Schuldenquote von null auf 20 Prozent gestiegen. Von einer Katastrophe wäre das weit entfernt gewesen. Nach der Krise hätte der Westen darauf reagieren und Schulden reduzieren sollen. Bisher ist aber Gegenteiliges passiert".

Anmerkung: eine solche, fundamentale Unkenntnis überrascht dann doch, denn eine Schuldenquote von Null ist in einem Geldsystem, wo alle Sektoren - Staat, Unternehmen und Konsumenten - Geld nur als Kredit/Schuld von den Banken erhalten, unmöglich. Selbst wenn der Staat von Beginn Überschüsse (die Einnahmen sind größer als die Ausgaben) erzielt, müssten sich eben die Unternehmen sehr stark verschulden (für Investitionen z.B.) als auch die Konsumentinnen, um überhaupt Waren kaufen zu können. Eine Volkswirtschaft ohne Schulden gibt es seit Jahrtausenden nicht - auch nicht von Staaten - im Gegenteil: der Staatsbankrott ist die Regel und nicht die Ausnahme!

- WZ: Was läuft schief?

SEDLACEK:"Staaten brauchen Polster, um die Wirtschaft aufzufangen, wenn sie fällt. Aber unsere Polster sind fast aufgebraucht: Wir haben weder fiskale noch monetäre Medikamente übrig. Die Staatsdefizite haben wir auch ausgereizt."

Anmerkung: Staaten hatten noch nie "Polster", wenn Sedlacek darunter "veranlagte Überschüsse" meinen sollte. Selbst über grössere Wachstumsphasen gibt es kaum Länder, die Überschüsse erzielen und sich somit Polster schaffen. Die Staatsdefizite stiegen - wie zuvor aufgezeigt - vor allem durch die irren Bankrettungen massiv an.

- WZ: Wollen Sie damit sagen, dass wir Wirtschaftswachstum genauso wenig beeinflussen können wie die Wetterlage? Also gar nicht?

SEDLACEK: "Nein, aber fast. Langfristig haben sich kommunistische und kapitalistische Staaten stark auseinanderentwickelt: Ost- und Westdeutschland etwa, Nord- und Südkorea oder Tschechien und Österreich...Entwickelte Volkswirtschaften sollten für Wachstum bereit sein, aber erzeugen können sie es nicht. Außer, sie stimulieren die Wirtschaft künstlich mit Defiziten. In meinen Augen ist schuldenfinanziertes Wachstum aber kein Wachstum: Wenn wir im gleichen Jahr zwei Prozent BIP-Wachstum haben und zwei Prozent BIP-Defizit, ist offensichtlich, wo das Wachstum herrührt." ...

Anmerkung: Wie erklärt, ist die Wirtschaft ein Nullsummenspiel - es gilt immer:

- mein Vermögenszuwachs = deine Schuldenzunahme, denn

- Primär-Saldo über alle Wirtschaftssektoren ist immer NULL!

Der Unterschied zwischen kommunistischen und kapitalistischen Ländern, liegt vor allem im Verschuldensgrat der Staatsfinanzen - so haben die USA mehr als 100% des BIP an Schulden, Russland hat etwa nur ein Viertel davon als auch das Wachstum (bis zu den Sanktionen) höher als in den USA war, d.h. der Vergleich hinkt.

Und wie mehrmals gesagt: in einem Schuldgeldsystem gibt es kein Wachstum, das (fast) immer mit einer Expansion der Geldmenge verbunden ist, wobei Geld nur als Kredit und nur von Banken erzeugt wird - ohne Anstieg der Schulden nicht möglich.

- WZ: Welchen Anreiz haben Regierungen, Schulden zurückzuzahlen? Das sind langfristige Entscheidungen, die sich innerhalb einer Regierungsperiode kaum lohnen.

SEDLACEK: "Das stimmt, es gibt keinen Anreiz. Griechenland hat sich absolut rational verhalten: Mache so viele Schulden, wie du kannst, dann zahlen andere EU-Staaten für den Crash. Deswegen finde ich es falsch, dass Politiker entscheiden, wie viele Schulden ein Staat macht. Politiker können ja auch kein Geld drucken, weil die National- und Zentralbanken darüber entscheiden – deren Chefs übrigens nicht gewählt, sondern ernannt werden. Solch eine unabhängige Institution brauchen wir auch für die Fiskalpolitik."

Anmerkung: Ob sich Griechenland aus den von Sedlacek angeführten Gründen so stark verschuldete, sei dahingestellt. Wenn er meint, dass "unabhängige Institutionen" die Politik ersetzen sollen - am besten durch Zentralbanker? - schimmert wohl seine Tätigkeit als Berater der Tschechischen Handelsbank durch und ist daher eher als eine "gefärbte" Ansicht zu werten.

Korrekt ist, dass Politiker - besser gesagt: der Staat per se! - kein Geld erzeugen können. Nicht den Tatsachen entspricht, dass darüber nur die Zentralbanken (ZB) entscheiden, weil die Geldmenge einer Volkswirtschaft nur zu ca. 3-5% als Bargeld, also gesetzliches Zentralbankgeld, erzeugt wird - aber zu 95-97% durch die Kreditvergabe von privaten Kommerzbanken an Haushalte, Unternehmen und dem Staat selbst, frei als Buchungszeile (Buchgeld) erfunden wird.

Die erschreckende Unkenntnis Sedlacek`s, Hochschullehrer und Bestsellerautor, ist in Bezug auf das Geldsystem schon überraschend.

(Tomáš Sedláček, Jahrgang 1977, ist Chefvolkswirt der Tschechoslowakischen Handelsbank AG, Autor und Hochschullehrer. Davor war er Wirtschaftsberater des dam.Präsidenten Vaclav Havel).

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Nachwort:

"Das Geld aus dem Nichts" ist eine Tatsache, die seit Jahrhunderten existiert - es wird ebenso lange in den Bilanzen so dargestellt. Es ist daher erstaunlich, wie wenige Experten die elementaren Zusammenhänge zwischen der Gelderzeugung und der Realökonomie verstanden haben. Viele Autoren vwl. Bücher haben seit der öffentlichen Korrektur der "popular misconceptions" (der "volkstümlichen Missverständnisse", wie es die Bank of England diplomatisch formuliert) die über Jahrzehnte falsch gelehrten Inhalte bis heute nicht korrigiert, obwohl diese Thesen längst wissenschaftlich falsifiziert sind!

Nachdem vile Journalistinnen auch nicht Bescheid wissen - oder wissen wollen? - werden die postfaktische Lügen weiter verbreitet.

Die Irrlehren rund ums Geld, werden auch an den Universitäten weiter gelehrt, wie eine Anfrage an die WU-Wien bestätigte.

Dr. Peter Bofinger, Mitglied der Wirtschaftsweisen (Sachverständigenrat - Deutschland) und Univ. Professor für Volkswirtschaftslehre in Würzburg, beschrieb den Erkenntnisstand der Wirtschaftswissenschaften wie folgt:

"Das Grundproblem ist also, dass in der Standard-Ökonomie eine realwirtschaftliche Modellierung des Finanzsystems vorgenommen wird. Erforderlich wäre eine monetäre Modellierung.

Mit der Realität hat dieses realwirtschaftliche Modell genauso wenig gemeinsam wie das geozentrische Weltbild mit dem heliozentrischen.

Und natürlich ist dieses falsche Weltbild eine entscheidende Erklärung dafür, dass die Ökonomen nicht in der Lage waren die Finanzkrise prognostizieren, da diese wesentlich durch das eigenständige Kreditschöpfungspotential der Banken verursacht wurde."

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"Over time - who ever controls the money system,

controls the nation"!

(Stephen Zarlenga, Director, American Monetary Institute)

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Die volkswirtschaftliche Saldenmechanik ist nicht dasselbe wie die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, eine gute Zusammenfassung kann man im Link nachlesen.

21:22 25.11.2016
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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