CH–Vollgeld / Financial Times: JA – bitte !

Vollgeld,Schuldgeldsystem "Over time - who ever controls the money system, controls the nation" (Stephen Zarlenga, Director, American Monetary Institute)
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In einem wissenschaftlichen "Paper" von 2012 analysierten Luc Laeven and Fabián Valencia vom IWF, Bankkrisen von 1970 – 2011.

Sie stellten 147 Finanzkrisen – in Worten: einhundert-sieben-und-vierzig – 218 Währungskrisen und 66 Staatskrisen fest.

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Jeder vernunftbegabte Ökonom wäre auf das Höchste alarmiert und würde wie verrückt nach Lösungen forschen. Nicht so Experten wie

- Peter Bofinger, Sachverständigenrat, VWL.Prof. in Würzburg - der mit hanebüchenen Ansichten sich gegen das Vollgeld ausspricht - wie Norbert Häring hier korrekt analysierte: http://norberthaering.de/de/27-german/news/980-peter-bofinger-schaltet-sich-mit-einem-unausgegorenen-beitrag-in-die-vollgeld-debatte-ein

- und der Österreicher Stephan Schulmeister, der sogar der Vollgeldinitiative eine "Fehldiagnose" unterstellt?

Ich nahm dies zum Anlass, ihn in seiner Unkenntnis des Schuldgeldsystems zu korrigieren. https://www.freitag.de/autoren/pregetterotmar/vollgeld-schulmeisters-irre-ahnungslosigkeit

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Martin Wolf, Chefökonom und Editor der Financial Times hingegen, tritt für die Vollgeldinitiative in der Schweiz ein. Er steht diametral zu den Ansichten der beiden angeblich "renommierten" Ökonomen.

IWF - 2012: 147 Bankenkrisen seit 1970 - einige Erkenntnisse:

https://www.imf.org/en/Publications/WP/Issues/2016/12/31/Systemic-Banking-Crises-Database-An-Update-26015

Systemische Bankkrisen haben 2 Merkmale:
1) Signifikante Anzeichen dafür sind "Bankruns" (Sparer wollen ihr Buchgeld abheben - aber die Banken haben kein Bargeld), hohe Verluste von Banken und/oder Bankpleiten; zumeist treten diese gleichzeitig im ersten Jahr auf;
2) Hohe Verluste im Bankensystem bedingen massive Interventionen vonseiten des Staates ("Bankrettungs-Pakete").
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Interventionen werden dann als "signifikant" angesehen, wenn mindestens 3 dieser 6 Massnahmen erforderlich wurden:
1) massive Liquiditätshilfe (5 Prozent der Einlagen/Verbindlichkeiten, was zumeist der Höhe des Eigenkapitals einer Bank entspricht)
2) Bankrestrukturierungskosten von mehr als 3% des Wirtschaftsleistung,
3) bedeutende Bankverstaatlichungen, wie die HRE in Deutschland und die Hypo-Kärnten in Österreich,
4) umfangreiche Bankgarantien
5) Vermögenskäufe - stützungen von mindestens 5 Prozent des BIP.
6) Einfrieren der Spareinlagen und/oder Verbot von Abhebungen von Gläubigern, sowie Bankfeiertage, temporäre Schliessungen der Banken um Bankruns vorzubeugen.
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1 . ) Systemische Bankkrisen seit 2008
Interessant ist vor allem, welche Anzahl von sytemischen Banken verstaatlicht werden musste, um sie vor ihrem Bankrott zu "retten". Allein diese zig Mrd. Euro, Pfund oder Dollar, für die der normale Steuerzahler aufkommen musste, sollten Grund genug sein, dass seit 2008 alle Univ.Profs, selbsternannte Experten und Wirtschaftswissenschafter, wie besessen forschen, um neuen Lösungen und alternative Geldsysteme zu präsentieren.
Leider herrscht hier (fast) völlige Funkstille - im Gegenteil:
etliche Gurus meinen sich einen Hosenbandorden verdienen zu müssen, indem sie ein exponentielles Schuldgeldsystem - also ein Ponzi-Scheme - mit hanebüchenen "Argumenten" auch noch verteidigen.
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2 . ) Zyklen von Bankenkrisen seit 1970
Seit 1990 gab es 3 grosse Finanzkrisen der Entwicklungsländer: beginnend mit den Transformationsländern in Osteuropa, vor allem Russland - dann folgte die "Tequila-Krise" in Lateinamerika - und später dann die Asien_Krise, die mit einer irren Spekulation gegen die thailändische Währung - Baht - eingeleitet wurde.
Die Dot.Com-Blase - die Explosion des "Neuen Marktes" und der Nasdaq um das Jahr 2000 hingegen, sind von untergeordneter Bedeutung.
Erst die grösste Rezession der Menschheit - ab 2007/08 - hinterliess eine Spur der Verwüstung unter Banken als auch der Realwirtschaft.
Klar ist, dass den Bankenkrisen Kreditblasen vorangehen (alles Geld entsteht ja als Kredit und wir leben in einem 100%igen Schuldgeldsystem - wobei die Schulden exponentiell ansteigen MÜSSEN). Es bedarf keiner "Hexerei", wohl aber guter Kenntnisse unseres Geldsystems, die grösste Krise 2008 vorauszusehen. Gerade dieses Wissen jedoch fehlt den meisten Ökonomen . . .
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3 . ) Was kosten diese irren Finanzkrisen?
Dass hier Griechenland erst an 3. Stelle aufscheint, mag einige überraschen. Insider jedoch wissen, dass allen voran ISLAND (wo die 3 grössten Banken pleite gingen, die eine irre Kreditvergabe - Geld aus dem Nichts - betrieben) mit weit über 40% des BIP, gefolgt von IRLAND (Immobilienblase) von fast 40% Kosten der Wirtschaftsleistung, weit voran liegen.
Griechenland folgte dann fast schon in bescheidenem Abstand mit Fiskalkosten, die der Staat, d.h. wir alle für diese wahnsinnigen Bank-Manager aufbringen mussten, von unter 30% des BIP.
Österreich liegt mit ca. 15 Mrd Euro so um die 5 % des BIP - und Deutschland etwas darunter.
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Martin Wolf, Financial Times:
Warum die Schweizer für das Vollgeld stimmen sollten!

https://www.ft.com/content/d27b000e-6810-11e8-8cf3-0c230fa67aec

Zu Beginn verweist Wolf auf das Quarterly-Bullettin der Bank of England: "Money Creation in the modern Economy", wo diese nicht nur die Geldtheorie der Ökonomen zertrümmert, sondern en detail erklärt, wie unser Geld erzeugt wird.
Dies mag für Handels- und Berufsschüler der 2. Klasse keine brüllende Überraschung sein - weil sie spätestens dann lernen, wie
1.) ein Kredit
2.) die Tilgung des Kredites - und
3.) der Zinserlös vonseiten einer Bank verbucht werden muss.
Auch wissen die 17 Jährigen, dass alle Unternehmen genau spiegelgleich diese Finanztransaktionen in ihren Büchern aufzeichnen.
Die Erkenntnis der Bank of England ist also weder was Revolutionäres - noch was Neues!
Es verwundert aber, dass diese "Basics" der Buchhaltung den meisten Ökonomen völlig unbekannt waren - und nach wie vor sind. Immer noch wird in einschlägigen VWL-Büchern der Bankensektor als "neutral" eingestuft - so wie vor der grössten Krise der Menschheit.
Ein Lerneffekt findet, abgesehen von Ausnahmen wie Steve Keen und Michael Hudson (der mit "Der Sektor" wohl das beste Buch über die Ursachen der Krise schrieb), nicht statt - leider! Trotzalledem werden die Ökonomen wie Leute von einem anderen Stern als Gurus verehrt und hochgeschätzt, was man damit erklären kann, dass nur ca. 10-15% der Menschen über grundlegende Kenntnisse wirtschaftlicher Zusammenhänge verfügen.
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Why are the rich getting richer?

In nur 3 Minuten erklärt das Video unser Geldsystem und wieso es s y s t e m i s c h zu einer Konzentration des weltweiten Reichtums in den Händen einer kleinen Elite kommen muss.

Von der Erzeugung des Geldes aus dem Nichts bei den privaten Geschäftsbanken - über die Trickle-Down Theorie - bis hin zum Umverteilungsturbo - Zins(eszins), werden die Zusammenhänge klar und anhand leicht verständlicher Abbildungen dargestellt.

Einfach brillant!

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Martin Wolf: Unser Geldsystem ist nicht nachhaltig!
So könnte man seinen Kommentar kurz zusammenfassen.
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Er verweist, dass die Expansion der Geldmenge - die der Zunahme der aufgenommenen Kredite entspricht - als was "völlig Normales" angesehen werde, bis es eben immer wieder zu Crashs kommt.
Tritt dieser Fall ein - was unserem exponentiell-steigenden Schuldgeldsystem anhaftet - dann bricht jedesmal die totale Panik aus:
- Regierungen treten auf die grosse Bühne und
- verkünden, dass die Spareinlagen der Menschen "sicher seien" - so geschehen im Oktober 2008 in Deutschland (Merkel, Steinbrück) und nur 1 Tag später in Österreich (Faymann, Molterer).
- Danach werden irre "Bankrettungspakete" geschnürt und dem Steuerzahler umgehängt.
- Es wird so getan, als hätte man eh alles unter Kontrolle . . . dabei haben die politischen Eliten zumeist nicht verstanden, was sie soeben taten.
In diesem Zusammenhang war immer wieder der sinnfreie Satz: Das ist alternativlos! - landauf/landab zu hören.
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Dabei wird, so Wolf, immer wieder missachtet, mit welchem Kredithebel Banken operieren. (Der Hebel druckt das Verhältnis von Schulden zu Eigenkapital aus, d.h. ein Hebel von 20 bedeutet, dass auf 1 Einheit Eigenkapital 20 Geldeinheiten an Krediten vergeben wurden. Anders gesagt: wenn nur 5 % der Kredite ausfallen, nicht mehr getilgt werden - dann ist das Eigenkapital aufgezehrt und die Bank pleite.
Dann tritt der Staat auf und "rettet" die Bank - besser gesagt: die Bankeigentümer.) Genau dieses Spiel kennen die Bürger zur Genüge. Am Geldsystem änderten diese Sanierungen nichts.
Sie machten die Krisen kurzfristig zwar beherrschbarer - aber die Risken stiegen!
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Wie könnte man Banken etwas sicherer machen?
Korrekt weist Martin Wolf darauf hin, dass man dazu das Eigenkapital stark erhöhen müsste, damit in Verlustphasen die Bankeigentümer selbst - die ja zuvor über Jahrzehnte auch von den irren Gewinnen profitierten - diese übernehmen.
Am Rande sei erwähnt, dass generell Unternehmen unter einer Eigenkapitalquote von 15% (Eigenkapital in % der Bilanzsumme) nach österreichischem Insolvenzrecht als insolvent gelten - die Banken aber nach wie vor kaum über 3-6 % hinauskommen:
und das 10 Jahre nach der Krise!
Eine Möglichkeit, Banken sicherer zu machen, besteht darin, sie dazu zu zwingen, höhere Gewinnanteile im Unternehmen zu belassen um gegen Krisen stärker geschützt zu sein. Dies schlugen ua. Anat Admati und Martin Hellwig in "The Bankers 'New Clothes" vor, wie Wolf anmerkt.
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Enorme Kosten der Bankenkrisen !
Auch Wolf weist auf die hohen Kosten von Bankenkrisen hin. In dieser Abbildung betragen diese zwischen 50-100% im "Output Loss":
dieser drückt aus, dass durch eine Bankenkrise der zuvor geplante Zuwachs im Output, dem Wachstum, für die kommenden 3 Jahre um x % des BIP nicht erreicht wurde. Wie dramatisch dieser Rückfall ist, kann man ua. an Italien ausmachen, wo selbst 10 Jahre nach dem Ausbruch der Krise, das BIP nur knapp über dem Ausgangsjahr 2008 liegt.
Durch x-Bankenrettungen bedingt, steigen auch die Staatsschulden innerhalb von 3 Jahren massiv an - wie zB. bei Irland 2008 ff um mehr als 70% und bei Argentinien ab 2001 sogar um mehr als 80% !
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In der Eurozone stieg diese für alle Staaten in Summe von etwas mehr als 60% auf fast 90% an.
Die Verwerfungen sind bei Bankenkrisen derart massiv, dass man alles tun muss, um dies in Zukunft zu vermeiden.
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Grossbritannien: Finanzkrisen seit 1700.
Wie sehr GB von Krisen gebeutelt wurde, zeigt die oa. Abbildung auf. Dass Kriege durch die irre Vernichtung von Vermögen und Schulden, die Staatsverschuldung absinken lassen - ist klar.
Nur hilft dies wenig, wenn man dann wieder im gleichen Schuldgeldsystem die Wirtschaft aufstellt, weil die Schulden aller Sektoren (Staat, Haushalte und Unternehmen) über die Kreditvergabe der privaten Banken, immer exponentiell steigen müssen! Sobald man Kredite tilgt - wird Geld vernichtet, das zuvor als Kredit aus dem Nichts ... erzeugt wurde.
Dass sich die Verschuldung der Staaten seit der Krise verdoppelte - wie in den USA auch! - ist ein Ergebnis des Geldsystems und der irren "Bankenrettungen".
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Vollgeld - der Staat erzeugt das Geld, statt privater Banken!
Diese Idee ist uralt und wurde x-fach auch in der wirtschaftlichen Literatur debattiert.
- Die Geldmenge besteht derzeit nur zu ca. 3% aus Bargeld, also dem einzig gesetzlichen Zahlungsmittel - jedoch zu 97 % aus "Geld aus dem Nichts", Buchgeld, das private Banken durch Kreditvergabe erzeugen.
- Nachdem alle Sektoren sich nur bei privaten Banken verschulden müssen - verfügen diese über ein irres Erpressungspotential, was sie immer wieder gerne ausspielen.
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- Geld ist ein öffentliches Gut, das ist der Kern der Vollgeldinitiative in der Schweiz, die Martin Wolf unterstützt.
- Mal unabhänig davon, dass dann alle Akteure (Unternehmen, Staat und Haushalte) Konten bei der Zentralbank haben - und über das gesetzliches Zahlungsmittel verfügen - wird ein ganz wichtiges Machtlement den Privatbanken weggenommen:
die Möglichkeit, fast unbeschränkt Geld zu schaffen!
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Dadurch liessen sich 3 grosse Fliegen mit einer Klappe schlagen: man kann
1.) leicht Kredit- (und Immo-)blasen verhindern,
2.) die irren Mrd. an Spekulation eindämmen
3.) die enorme Macht der Banken mit einem Schlag brechen.
Und ja - es kann auch keine Bankruns mehr geben, weil alle Akteure über staatlich-garantiertes Geld verfügen und nicht mehr zittern müssen, ob die Hausbank auch genug Bargeld vorhanden hat, um die Vermögen aller Bürger auszuzahlen.
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Resumee:

Vollgeld ist daher ein sehr glaubwürdiges Experiment, nicht nur die Sicherheit der Gelderzeugung an den Staat = uns alle zurückzugeben, sondern diese von den Risiken der Banken zu trennen! Die Risken müssen alle Banken schon selbst tragen - sie haben auch keine Scheu, die Gewinne einzuheimsen.

Zusätzlich ist es sinnvoll - endlich - auch zu einer starken Regulierung insbesondere des Eigenkapitals zu kommen. Seit 10 Jahren haben alle Basel II + III etc. Vorschläge keine entscheidende Verbesserung gebracht. Im Gegenteil: viele Banken betreiben eine Ausschüttungspolitik, die bei der kleinsten Krise wieder nur aufkosten aller Bürger geht, die sie dann zum x.-ten Mal retten sollen?!

"Der Vollgeld-Vorschlag ist nicht so radikal. Aber es könnte ein leuchtender Test für eine bessere Zukunft für die längst gefährlichste Industrie der Welt sein.
Mögen die Schweizer es wagen", meint Martin Wolf.

05:20 07.06.2018
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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