Deutsche Bank: Von der Pleite ins Sterbehaus?

Deutsche Bank, Pleite "Der Weltuntergang am frühen Morgen kann einem den ganzen Tag versauen". (Kalenderspruch)
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Klar, Aktionäre der Deutschen Bank (DB) durchleben wirklich schwere Zeiten - nur: mein Mitleid hält sich in sehr engen Grenzen. Gucken wir uns mal die Kurse an:

Grafik: Kurse seit 1997 (derzeit um die 13,- US - $)

in etwas mehr als 2 Wochen brach der Kurs um 20 %

- in einem Jahr um mehr als 50%

- und seit 1997 beträgt der Verlust ca. zwei Drittel.

Gut, wenn Sie zum "All-time-High" (2007: 120,- US-$)ver- und 1997 um ca. 40,- US-Dollar gekauft haben, dann gehören Sie zu den Gewinnern. Aber diese Glückspilze sollen noch dünner als jene Stecknadeln im Heuhaufen gesät sein, hört man.

"Sie nennen es Sterbehaus" ...

konnte man in derZEIT vor ca. einem Jahr lesen: "In einem unscheinbaren Gebäude im Frankfurter Westend verbringen die alten, aber nicht unbedingt ehrwürdigen Ex-Vorstände der Deutschen Bank ihre Tage. In der Stille ihrer Büros findet sich die Erklärung für das große Betrügen, mit dem die Bank nun aufräumen will." (30. Oktober 2015).

Es liest sich wie ein Krimi und ist auch einer; einige Anekdoten daraus will ich Ihnen nicht vorenthalten:

- unter "Sterbehaus" ist das letzte Ausgedinge für die pensionierten Alt-Vorstände gemeint, in der Hoffnung, vielleicht noch einmal gefragt oder gebraucht zu werden.

- Der Slogan der Deutschen Bank: „Vertrauen ist der Anfang von allem“, hat sich längst ins totale Gegenteil verkehrt, zumal die DB ca. 6.000 Prozesse anhängig hat und heute als Hort der Geldwäsche, Steuerkriminalität und Zinsmanipulation gilt. Seriösität und Verlässlichkeit gehören, offensichtlich,

icht (mehr?) zum Geschäftsmodell.

- Im „Sterbehaus“ residieren also exakt jene CEO`s, die für die Malversationen direkt verantwortlich sind. Man redet nicht so gerne darüber, aber das alte Zitat, das an die italienische Mafia erinnert, hört man oft: „Das Gespräch hat nie stattgefunden“ – wie die Redakteure derZeit berichten.

- Die DB hat einen nicht unbedeutenden Anteil an der Krise 2007 bis .... (?), zumal sie nach dem Ausbruch weiter auf den Einbruch der Weltwirtschaft wettete...und nach der 1. Rettung Griechenlands weiter Anleihen sehr billig aufkaufte...diese dann später an die IKB (die vom Staat gerettet wurde) teuer weiterverscherbelte...und so indirekt vom deutschen Steuerzahler "gerettet" wurde: die vollmundige Ansage von Ackermann - wir brauchen keine Staatshilfe - war nur ein primitiver PR-Schmäh.

- Die DB ist immer noch einer der grössten Player im Hochfrequenzhandel, und immer unter den TOP 3-5 Akteuren, egal ob bei der Devisen- oder diversen Rohstoffspekulationen.

- Sie ist schon lange kein Geldinstitut im herkömmlichen Verständnis mehr, sondern eine Investmentbank, mit angehängter Filialstruktur, wobei die Kredite an die Realwirtschaft nur um die 10-15% des Geschäftes ausmachen.

- Der einzige Vorstand, der sich gegen all diese Machenschaften stellte, war Otto Steinmetz. Er wurde gefeuert und er verlor einen 4-jährigen Prozess gegen die DB. Er stellte sich gegen die Macht der Investmentabteilung unterAnju Jain, dem späteren Vorstand im Duo mit Fitschen. Jain hat die Bank mittlerweile verlassen - Fitschen folgte heuer.

- 1989 erstellte die Strategieabteilung einen Bericht, der den Kauf der britischen Investmentbank Morgan Grenfell ablehnte. Der damalige VorstandssprecherHerrhausen schob die Kritik mit den Worten: „Gute Arbeit, haben sie bitte Verständnis dafür, das wir uns anders entschieden haben“, einfach weg.

Hilmar Kopper (Vorstand von 1977-97, danach noch 5 Jahre im Aufsichtsrat), der ihm nach folgte, setzte den Fokus auf das Investmentbanking.

- Ackermann, der Ralf Breuer 2002 ablöste, etablierte das „Group Executive Committee“, das unter dem Vorstand angesiedelt war, dennoch wurden sämtliche Entscheidungen im Investmentbanking unabhängig davon getroffen.

- 2005 erregte Ackermann mit seinem Ziel, eine 25%ige Eigenkapitalsverzinsung zu erreichen, großes Aufsehen!

- An Boni sollen über 15 Jahre ca. 45-50 Mrd. Euro ausbezahlt worden sein. Dies entspricht dem ganzen Eigenkapital per 2016.

- „Bankraub von Innen“ kann man die Strategie der verantwortlichen Vorstände benennen, zumal sie sich an den Boni in Mio.-Höhe labten...nebenbei fast alle Industriebeteiligungen verkauften...kaum noch im ursprünglichen Kreditgeschäft tätig waren...die Gewinne zu einem großen Teil aus „übel riechenden Geschäften“ lukrierten, für die bis jetzt ca. 9 Mrd. Euro an Strafen für Vergleiche zu berappen waren.

- Ein nicht genannter Vorstand des „Sterbehauses“ meinte: „Wir waren alle taktisch – haben alle gelogen“.

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Wann geht die Deutsche Bank „pleite“?

...schrieb ich schon vor einem Jahr hier im Freitag.

Dieser Kommentar ist daher nur ein kleiner Aufguss von damals. Der Überlebenskampf dauert schon einige Jahre, wie (fast) alle Insider nicht nur vermuten. Gegen die DB ist Lehman & Brothers eine kleine Provinzbank - d.h: die Dimension einer möglichen Pleite hat ungleich grössere Ausmaße.

Kurs- Zinsmanipulationen / Steuerbetrug / Insolvenz?

- nimmt man die Kursentwicklung seit 1997 zu heute, so fragt sich jeder Kunde/Aktienbesitzer: w a s genau machten die Vorstände, die tagein/tagaus...landauf/landab ... immer von Mehrwehrt für die Eigentümer sprachen (Shareholder-Value) die ganze Zeit über?

- wie erwähnt legte Herrhausen den Grundstein zur Investmentbank - Ackermann baute sie allumfassend dazu um; der Begriff "Investment" ist nicht im Sinne einer realen Investition - oder gar mit der Produktion von Gütern zu verstehen - sondern der Kern des Geschäftes besteht in der Beratung von Firmenübernahmen und der Spekulation auf alles, was es so gibt;

- es gibt keine „Schweinerei, keinen Betrug", wo die DB nicht involviert war/ist: egal ob es sich um die Manipulation vom Libor/Euribor, den Devisenkursen oder sogar Steuerbetrug im Rahmen der CO2-Zeritifikate oder der doppelten Lukrierung von KEst_Steuergutschriften usw. handelte;

- John Cryan, der vor mehr als 1 Jahr als CEO übernahm ist seit 20. Mai allein verantwortlich und sein Kahlschlag, er will mehr als 20.000 der über 100.000 Beschäftigten freisetzen, verspricht nichts Gutes; das klingt sehr nach Provinzialisierung des einsigen Weltbank-Anspruchs der letzten 3 Dekaden;

- ca. 9 Mrd. US-$ Strafen für die nicht immer gesetzeskonformen Vorgehensweisen wurden bisher bezahlt, aber so genau weiß dies wahrscheinlich niemand. Das ist einmalig für eine Bank, deren einziges „Asset“ das Vertrauen der von ihr über den Tisch gezogenen Kunden ist! Die beiden letzten Chefs, Fitschen und Jain, wurden wie immer wenn Feuer am Dach ist, mit Mio. Golden Handshakes verabschiedet;

ob Cryan sein Machtwort: "The investment bank’s securities and derivatives trading businesses can’t continue to soak up capital” auch in die Realität umsetzen kann, wird die Zukunft weisen.

Höchststrafe von der US-Justiz für Betrug 2005-07:

Die eh schon nicht so erfreulichen Vorkommnisse... werden durch die vor 2 Wochen angekündigte Strafe für Hypothekenbetrug an Kunden von ca. 12 Mrd. Euro massiv verschärft.

Wie man las, hat die DB nur um die 5,5 Mrd. als voraussichtliche Strafe "rückgestellt". Gleichwohl die Verhandlungen erst beginnen ist dieser naive Optimismus unverständlich, zumal J.P.Morgen z.B. eine ähnlich hohe Strafe bezahlen musste. Das Drama um die DB wird noch durch den niedrigsten Wert (Marktkapitalisierung: Anzahl der Aktien x Kurs) der Bank, er liegt bei ca. 16 Mrd. Euro, verschärft.

Bundesregierung bereitet Notfallplan vor ...

berichtete dieZEit gestern. "Trotz aller Dementi: Beamte arbeiten nach Informationen der ZEIT an einem Notfallplan für das größte deutsche Geldinstitut. Auch Staatshilfen könnten gezahlt werden."

Ja, aufgrund der irren Schräglage eines der größten Banken der Welt, scheint ein Eingreifen des Staates unausweichlich zu sein.

Schon klar - sofort wurden die "PR-Beruhigungspillen" von Merkel und Cryan den Medien hineingeschoben, aber wie wir alle wissen und historisch über Jahrhunderte bestätigt wird: so haben noch immer alle Rettungsaktionen aufkosten der Bürgerinnen begonnen. Blöd ist natürlich, dass 2017 Wahlen anstehen und da schickt es sich nicht besonders, wenn man dem größten Zockerinstitut, an dem sich über Jahrzehnte sämtliche Vorstandsdirektoren und

lle "Investmentbanker + Hedgefondmanager" eine golden Nase verdient haben, aus der Patsche helfen muss.

Kurzatmige Dementi vonseiten Merkels / Cryans

Angeblich soll Cryan bei der Kanzlerin mal so angefragt haben, ob man eine Hilfe andenken könne. Beamte in Brüssel und Frankfurt sollen bereits ein Konzept für den Fall der Fälle, ausarbeiten.

Es soll unmittelbar umgesetzt werden, wenn die hohen Strafen fällig werden, um einen Crash der Bank zu verhindern. Auch eine Beteiligung von 25%, was einem Staatszuschuss von ca. 10-15 Mrd. Euro entspricht, soll angedacht worden sein.

Die Dementis wurden rascher als das Gerücht entstand, lanciert und wirken daher wenig glaubwürdig, zumal die Entwicklung der Bank fatal ist.

Seibert, der Regierungsprecher, sagte, "es gäbe keinen Anlass für Spekulationen"- und Cryan wies Pressebericht über Gespräche und Staatshilfen sofort zurück ..."das sei für ihns kein Thema...er können nicht verstehen, wie jemand das behaupten kann...er haben die Kanzlerin zu keinem Zeitpunkt um Hilfe gebeten...und auch nichts dergleichen angedeutet."

Und dann schob er noch nach, dass ..."die Situation besser sei, als von sie von außen wahrgenommen werde... die Bank erfülle alle aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen...habe weitaus weniger Risiken in den Büchern als früher...und sei "komfortabel mit freier Liquidität ausgestattet".

Von einem Rescue-Plan berichtet auch Reuters

Und Cryans Lamento liest sich auch auf Englisch nicht glaubwürdiger, offen gesagt: Such a request would be "out of the question for us," Cryan said, adding that he could not understand how "anyone could claim that."

Na, dann ist eh alles palletti - odrrr?

Nee.

Derivate betragen fast das 16-fache des deutschen BIP`s!

Die Darstellung ist 1 Jahr alt und das Volumen soll um ca. 10 Prozent zurückgegangen sein und derzeit, umgerechnet in Euro, um die 50.000 Mrd. liegen, was nicht wirklich bedeutet, dass sich das Problem substanziell verringert hätte, denn

- das Eigenkapital der DB betrug im 2.Quartal 2016 nur 43, 5 Mrd. Euro (siehe Seite 4 des Presseberichtes),

- was eine harte Kernkapitalquote von 10,8 % ergibt;

- dies liest sich nicht besonders dramatisch, aber man muss bedenken, dass sich dieser Wert nur auf die "risikogewichteten Aktiva" von 402 Mrd. Euro bezieht; (Anmerkung: die risikogewichteten Aktiva ergeben sich, indem man von der Bilanszumme all jene Vermögenswerte, eben Kreditforderungen!, abzieht, die k e i n e m Risiko unterliegen: darunter fallen vor allem a l l e Staatsanleihen ...).

- bezogen auf die gesamte Bilanzsumme von 1,803 Mrd. macht das Eigenkapital, das für eine Verlustabdeckung zur Verfügung steht, nur läppische 2,5% (!) aus.

Nur zur Information und zum Vergleich: Unternehmen der Realwirtschaft gelten unter einer Eigenkapitalquote (Eigenkapital in % des Gesamtkapitals/der Bilanzsumme) von 15% als insolvenzgefährdet.

Machen wir eine simple Rechnung: wenn auch nur ein halbes Promille des

Derivatevolumens von ca. 50.000 Mrd. Euro, also 25 Mrd., als Verlust schlagend wird, muss die DB gemäß den Basel-Bestimmungen "Insolvenz" anmelden - ausser es gelingt den Managerinnen und Eigentümern, innerhalb einer Frist soviel an neuen Eigenmitteln aufzutreiben, zuzuschießen, dass dieser Grenzwert wieder überschritten wird. Genau dies jedoch dürfte sich angesichts des dramatischen Kursverfalles sehr schwierig gestalten.

Und mal ganz ehrlich gefragt: würden Sie ihren Spargroschen in eine irre "Zockerbank" stecken?

Wohl kaum.

10:23 29.09.2016
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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