Draghi: heimlich clever ... unheimlich naiv?

EZB, Troika, EU: Auch große Geister haben nur ihre fünf Finger breite Erfahrung,gleich daneben hört ihr Nachdenken auf: und es beginnt ihr unendlicher leerer Raum und ihre Dummheit. FN
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(FN = Friedrich Nietzsche)

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Ja, stimmt – zugegeben: das Originalzitat lautet: „Lieber heimlich schlau – als unheimlich doof“.

Welche Begriffe Sie nun angesichts des „Anfängerfehlers“ - höflich formuliert – für den EZB-Chef und seine Beamten treffender empfinden, überlasse ich Ihnen selbst.

Oft im realen Leben (ja, das Leben da draußen … ist den von Krisensitzung zu Katastrophenmeeting hechelnden Euro- und die Welt-Rettern, völlig fremd geworden – ihre Parallelwelt wirkt auf normale Bürger wie eine Raupe, die nicht aus dem selbstgestrickten Kokon schlüpfen will) kommt es zu Schlüsselsituationen, die die über Jahrzehnte mühsam aufgebaute - vermeintliche - Kompetenz mit einen Schlag vernichtet: und dies nachhaltig und gnadenlos!

Es geschah bei einem Meeting der EU-Troika vor etwas mehr als einem Jahr, als es Draghi gelang, den noch taufrischen und in ökonomischen Belangen unbedarften französischen Präsidenten, Hollande, ziemlich zu beeindrucken. Hollande soll danach den ganzen Abend über bei der Krisensitzung angeschlagen und stumm vor sich hin gedämmert haben. . .

Ich hole etwas aus, um mich dann dem (hinterlistigen?) Fehler Draghi`s zu widmen.

Der Deutsche Irrweg

http://www.tagesspiegel.de/meinung/europa-in-der-krise-der-deutsche-irrweg/8062308.html

… so titelte der Tagesspiegel am Montag, 14. April 2013. Der Untertitel beschrieb die ökonomische Lage in knappen Worten, so wie sie sich uns heute darstellt:

„Angela Merkel und Wolfgang Schäuble betreiben einen Wirtschaftsnationalismus wie zu Vorkriegszeiten. Damals endete das in der Großen Depression.“

Dass das Duo Merkel/Schäuble (mal davon abgesehen, dass in Südeuropa der „hässliche Deutsche“ mit einem weiblichen Gesicht daherkommt) alleinverantwortlich für den knallharten Sparkurs ist, der noch NIE und in keinem Land zum Besseren, also: Gesundung der Wirtschaft bei gleichzeitigem Schuldenabbau, für die Menschen führte, ist unbestritten.

Der geniale Ökonom, J. M. Keynes beschrieb diesen IRRWEG des Sparens anhand eines Vergleichs:

„Wenn eine einzelne Person in einem vollbesetzten Kino aufsteht, kann sie besser sehen. Machen das alle Besucher nach, sieht keiner besser, obwohl jetzt alle stehen müssen“.

Das Phänomen, das auf volkswirtschaftlicher Ebene eben nicht „das Sparen der schwäbischen Hausfrau“ (Westerwelles Offenbarungseid der ökonomischen Nullkenntnis . . . kann man wieder im SPIEGEL dieser Woche im Leitartikel nachlesen) zum Ziel führt, sondern wenn ein Wirtschaftssektor (Staat) seine Ausgaben reduziert. . . dies bei einem anderen Sektor (Haushalte) zu niedrigeren Einnahmen führt. . . und wenn dieser Bereich, also die Konsumenten sodann, klarerweise, weniger Güter und Dienstleistungen nachfragen … und in weitere Folge die Unternehmen weniger investieren … was wiederum zu geringeren Steuereinnahmen des Staates führt . . . und wenn dieser nochmals (weil es das 1. Mal schon nicht funktionierte!) seine Ausgaben/Investitionen kürzt . . . dies dann die Staatsschulden nochmals ansteigen (und nicht zur Senkung, wie so schön in der Theorie berechnet…) lässt . . . dann, ja dann ... ist das Ergebnis des Sparens eine massive, selbstgestrickte Depression!

Wie verheerend diese Auswirkungen sind, haben auch schon vor einem Jahr internationale Organisation mit ihrem Hinweis auf die "steigende Gefahr von sozialen Unruhen“ elegant aber verharmlosend hingewiesen. Mit Verlaub: soziale, bürgerkriegsähnliche Zustände sind seit Jahren in Griechenland und Portugal die Tatsache - und nicht die Fiktion.

Merkel verfolgt eine völlig falsche Politik … hat den Ernst der Lage nicht verstanden!

waren die ernsten und wenig schmeichelhaften Worte, die die Nobelpreisträger_innen der „Eisernen Kanzlerin“ in Lindau vor ca. 2 Wochen ins Gesicht sagten – und sie haben Recht!

So geißelte Eric Maskin (Harvard) die Austerity-Politik der EU-Troika als eine, die jeder ökonomischen Logik widerspreche. Ob dies bei ihr zu einer Art „Ausnüchterung“ aus der ökonomischen Unkenntnis führte, kann ich nicht sagen. Normalerweise erkennen vernunftbegabte Menschen ihre eigenen Fehler – aber: Ausnahmen bestätigen die Regel. Leider.

Auch Edmund S. Phelps, Nobelpreisträger 2006, Columbia University. New York, sprach Klartext und meinte nach der Rede Merkels, die jeder Lösung entbehre und keine Vision für Europa enthielt: „Europa ist intellektuell und in Sachen Einfallsreichtum bankrott".

Ja, ich stimme beiden zu – und könnte auch nicht anders, weil ihre Ansichten den ökonomischen Tatsachen entsprechen. Mehr über Merkels IRRweg können Sie hier nachlesen, es lohnt sich. http://www.agenda2020.at/a20_joomla25/index.php?option=com_content&view=article&id=276:lindau-nobelpreistraegerinnen-nein-merkel-hat-den-ernst-der-lage-nicht-kapiert&catid=34&Itemid=160#.VBB07Gt962U

Rolf Hochhuth´s „Aufruf zur Revolution“ http://www.youtube.com/watch?v=r2SLILAwRMM

In einer Talk-Show des begnadeten und spitzzüngigen Harald Schmidt zeichnete Herr Hochhuth (er berief sich zuvor, was die wirtschaftliche und soziale Entwicklung betrifft, auf den kürzlich verstorbenen Ottmar Schreiner, SPD-Gewissen) folgende Entwicklung auf: (ab Min. 5.10)

„Ich glaube es ist die Forderung unserer Zeit, wenn wir … die Generation Ihrer Kinder und meiner Enkel… wenn die nicht eine SOZIALE REVOLUTION lostreten, dann wird die EU – deren ganz großes Verhängnis im Buch von Ottmar Schreiner herausgestellt wird – zugunsten der Wirtschaft den Einzelnen immer mehr entrechten, das Hauptproblem unserer Epoche! Das kann nur auf einem gewaltsamen Wege revidiert werden und nicht durch parlamentarische, freundschaftliche Beschlüsse, die immer liebenswürdig sind – und niemals etwas bringen!“

Draghis „dummer Anfängerfehler“ - oder „arglistige Täuschung“?

Nachdem beim letzen Meeting zuvor Hollande den Sparkurs der „Eisernen Lady-Merkel“ hart kritisierte, fühlte sich Draghi dazu berufen, dem französischen Präsidenten in die Parade zu fahren. Er ist ja der unumschränkte Alleinherrscher des Geldes und verfügt über eine unheimliche Machtfülle, mit der er ganze Länder in die Knie zwingt. Und er hat dies auch ein paar Monate nach seinem Amtsantritt, bewiesen in dem der den Regierungschef Zyperns vor die Alternative stellte, entweder die harten Sparmaßnahmen zu unterschreiben – oder es gibt am Montag kein Geld und die Bankomaten auf der Insel bleiben geschlossen: Ja – es war eine blanke Erpressung, was den sonst?!

„Es gebe, erklärte er bei einem Vortrag nach dem Abendessen, innerhalb der Eurozone zwei Arten von Ländern: Jene mit einem Überschuss im innereuropäischen Handel und solche mit einem Defizit. Und nur letztere seien das Problem. Denn dort, in Spanien, Italien und Frankreich seien die Löhne seit dem Euro-Start weit schneller gestiegen als die Produktivität, also die Wertschöpfung pro Arbeitseinheit. Darum seien diese Länder nicht wettbewerbsfähig, darum fehle ihnen Wachstum und steige ihre Verschuldung.

Und damit es auch jeder verstand, hatte er Schaubilder verteilen lassen: Da standen bei den Verliererländern steil in die Höhe schießende Lohnkurven über nur leicht steigenden Linien für den Fortschritt bei der Produktivität. Bei Deutschland dagegen liefen auf seinem Bild beide Linien bis zur Finanzkrise annähernd parallel. Folglich müssten die Defizitländer ihre Arbeitsmärkte reformieren, sprich, die Lohnkosten senken, verkündete Draghi. Besonders hoch sei der Reformbedarf in Frankreich. Daraufhin, so kolportierten Teilnehmer der Runde, soll Hollande nur noch betreten geschwiegen haben“ berichtete der Tagesspiegel.

Nun - Draghis Überrumpelung Hollande`s bestand in einem arglistigen Trick, der sicher nicht unter „Versehen“ oder politischer Naivität abzubuchen ist.

Der EZB-Chef hat einfach Äpfel mit Kürbissen verglichen. . ., indem er die Produktivität r e a l berechnete (also inflationsbereinigt) – die Lohnentwicklung jedoch n o m i n e l l dieser in der Grafik gegenüberstellte: das Ergebnis führte zu einer Darstellung, die die Lohnsteigerung „explosiv ansteigend“ darstellte – währenddem die sich die Produktivität gemächlich entwickelte.

Besonders gravierend ist dies im direkten Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich zu sehen, was zu einigen giftigen Kommentaren der „wohlgefühlten Ökonomen-Journaille“ querbeet durch die deutsche Medienlandschaft führte und Frankreich umgehend als DAS Problem der Eurozone dargestellt wurde. Dass dieser „verlogene Befund“ aufgrund der getürkten Grafik unter Anwendung der korrekten und für beide Parameter - Produktivität und Lohnentwicklung – ein ganz anders Bild als auch zu komplett anderen Schlussfolgerungen führen würde, war dem ehemaligen Goldman Sachs-Mann Draghi sicher bewusst!

Nach der Korrektur der Grafiken (siehe unten) tritt auch die verlogene und diktatorische Politik vom deutschen EU-Desaster-Duo – Merkel / Schäuble (den „Handlanger Draghi“ lass ich mal außen vor!) - zu Tage: die korrigierte Abbildung zeichnet genau das Gegenteil der bisherigen „Behauptungen“ der EU-Troika auf, nämlich dass

- sich die Lohnentwicklung Frankreichs PARALLEL zur Produktivität entwickelte und nicht – wie seit Jahren IRRigerweise behauptet Frankreich „zu teuer sei“ und an Wettbewerbsfähigkeit leide

- und dass in Deutschland die Lohnentwicklung weit weniger als die Produktivität stieg , d.h. der den Arbeitnehmer zustehende Wohlstandsanteil wurde – systematisch durch Lohndumping – kleiner.

Allein durch diesen Vergleich wird die „ideologisch verbrämte Wirtschaftspolitik der Eu-Troika“ als Religion, ja man kann sie auch als DIE LÜGE bezeichnen, enttarnt. Der sich durcheine Lohnentwicklung weit unter jener der Produktivität ergebende Preisvorteil, ist/war einer der wesentlichen Gründe für die immensen Exporterfolge Deutschlands – aufkosten der südeuropäischen Länder. Diese trieb diese einseitige Ausrichtung in die Verschuldung ihrer Volkswirtschaften im Ausland – anders gesagt:

der Exportüberschuss Deutschlands

= die Importdefizite Südeuropas !

https://lh4.googleusercontent.com/-NOCW1eSio9Q/VBCKhsH_6rI/AAAAAAAAASc/fQO99LgeopI/w958-h719-no/L%C3%B6hne%2B-%2BProduktivit%C3%A4t%2B-%2Breal%2B-%2Bnominell%2B-%2BF%2B-%2BDE.jpg

https://lh6.googleusercontent.com/-Ny899ax49ZI/VBCKcYQk9iI/AAAAAAAAASM/jyX9HoB-iGg/w958-h719-no/L%C3%B6hne%2B-%2BProduktivit%C3%A4t%2B-%2Bnominell%2B-%2BF%2B-%2BDE.jpg

Merkel/Schäuble/Draghi: Umverteilung von unten nach oben ist die einzige Maxime!

Mit der „Verwechslung von real und nominell . . . hat die EU-Troika nicht nur ihr wahres Gesicht - nämlich eine total hinterhältige Politik, die Millionen Menschen ihrer Ersparnisse, Einkommen, Gesundheit vor allem aber auch ihrer Zukunftschancen (nicht nur der jungen Menschen unter 25 Jahren) beraubt – offenbart!

Nein – Draghis Anfängerfehler war nicht doof und auch nicht unheimlich schlau…, da sich solche Manipulationen so schnell herumsprechen, wie die sexuellen Eskapaden des früheren IWF-Chefs. Na, sie wissen schon, wen ich meine. Wer es bis dato (noch immer) nicht wahrhaben wollte - auch mal ganz offen gesagt: wer kann ob dieser menschenverachtenden Machtgeilheit diesen Politiker auch nur einen öffentlich ausgesprochenen Satz glauben (?) - der dürfte nun wohl einsichtig werden.

Und wenn nicht – dann ist sowieso der berühmte „Hopfen und das dazugehörige Malz“ verloren.


Zurecht gerückt: Frankreich schlägt Deutschland!

Nachdem Frankreich als großer ökonomischer „Problemfall“ von den Medien (egal ob Mainstream oder Boulevard) nieder kommentiert wird – die übliche Meinungs-EINFALT, eben – ist es ein Leichtes, diesen mit naiv wohlwollend umschriebenen Kommentaren ein paar volkswirtschaftliche Fakten gegenüber zu stellen.

Gerne beziehe ich mich auf einen Befund der „Financial Times Deutschland“ vor etlichen Monaten. Und siehe da, welche Überraschung: über einen Zeitraum von 1991 - 2011/12 ist Frankreich dem oft überheblichen deutschen Nachbarn in den wichtigsten ökonomischen Ziffern einfach überlegen:

- Frankreichs Wirtschaft investiert um ca. 11 % mehr als im Aufschwung 2000, während es in Deutschland gerade mal mühselige 3,3 % sind;
- der aktuelle Anstieg der Arbeitslosigkeit zeigt ein verzerrtes Bild, zumal in Frankreich um ca. 3,8 Mio. mehr Menschen (!) als 1993 beschäftigt sind - ähnlich viele wie im viel größeren Deutschland.

- auch war zwischen 1997-2008 die Arbeitslosenquote in Frankreich niedriger.

- das französische BIP lag per 2011 um ca. 38 % höher als im Jahr 1990 - die deutsche Wirt- schaftsleistung hingegen nur um 30 Prozent.

Zwar hat sich das Verhältnis zugunsten Deutschlands seit 2012 verbessert, ein paar Jahre wird es allerdings trotzdem dauern, bis der deutsche Exportmeister auf „Augenhöhe“ mit Frankreich sein wird.

Nicht unerheblich trug die durch die Austerity-Politik verursachte Wirtschaftsmisere in den südeuropäischen Ländern zur schlechteren Entwicklung Frankreichs seit ca. 2011 bei – währenddem sich Deutschland aufkosten genau dieser Länder ob seiner „Exporterfolge“ selbst pausenlos auch noch auf die Schultern klopft.

Dass Draghi ...nicht mal real von nominell unterscheiden kann, ist ein Armutszeugnis der Extraklasse: Gratuliere!

https://lh5.googleusercontent.com/-Wm6eozBOrAc/VBCMQEeCOlI/AAAAAAAAASs/GJiK_HOIM5c/w958-h719-no/Frankreich%2B-%2BDeutschland%2B-%2BVergleich.jpg

„Lug und Betrug, Arglist und Täuschung, Geldgier und Machtgeilheit beherrschen die Welt, und ohne freie Presse würden wir nicht einmal das erfahren, sagen die Pressefritzen“ ... (© Wolfgang J. Reus, 1959 - 2006), deutscher Journalist, Satiriker, Aphoristiker und Lyriker)

20:18 10.09.2014
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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