Exportüberschüsse: doch kein Nullsummenspiel?

Handel, Nullsummenspiel "Nichts ist vielfältiger als die Einfalt". (© Joachim Panten, 1947 - 2007, deutscher Aphoristiker und Publizist)
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Das Zitat von Joachim Panten trifft bei der x-ten Vernebelungsaktion FÜR die deutsche Exportfokussierung den Nagel auf den Kopf!

Dies vor allem deshalb, weil bei der "wirtschaftswissenschaftlichen" Begründung nicht mal die vwl. Termini Exportüberschüsse - BIP behirnt wurden, um es etwas plakativer auszudrücken.

Der Titel "Exporte und Exportüberschüsse sind zwei verschiedene Dinge" allein erzeugt unter ökonomisch Halbgebildeten schon den berühmten AHA-Effekt (deutsch) - in Österreich würde man dazu sagen: "Ehrlich ... jetzt`N" ;-)

Hier der Link zu diesem erstaunlichen Elaborat. http://blog.zeit.de/herdentrieb/2018/02/21/exporte-und-exportueberschuesse-sind-zwei-verschiedene-dinge_10777/comment-page-4?sort=desc#comments

Was stösst so ungut auf?

1.) Exporte/Importe - im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung/BIP?

- Während die Ex-/Importziffern dem Umsatz (fakturierte Waren und Dienstleistungen) entsprechen, ist das BIP (Bruttoinlandsprodukt) mit der Brutto_Wertschöpfung gleichzusetzen. Diese errechnet sich, indem man von den Umsätzen sämtliche Vorleistungen abzieht - sie ist also eine Saldogröße. Entscheidend ist nie der Export-Umsatz - sondern der Aussenhandelsbeitrag, also der Exportüberschuss (Exporte minus Importe).

- Die Bruttowertschöpfung - das BIP - besteht aus den Komponenten:

Arbeitnehmerentgelt (Bruttolöhne + Lohnnebenkosten, also den Arbeitgeberbeiträgen zu den sozialen Sicherungssystemen),

Gewinn,

Fremdkapitalzinsen,

Gewinnsteuern und

der Abschreibung.

Das BIP macht so, grosso modo, 25-30% des volkswirtschaftlichen Umsatzes aus und wird in den 3 Sektoren: Landwirtschaft/Berbau - industrielle und gewerbliche Produktion und Dienstleistung (Handel, bauwirtschaftliche und finanztechnische DL usw.) erwirtschaftet.

2.) Wenn man nun die Importanteile (Umsatz = 100) in Relation zu den Komponenten am BIP (eben ca 25% des vwl. Umsatzes) bringt, dann vergleicht man Äpfel mit Kürbissen!

Ergo dessen sind solche Vergleiche sinnfrei und zeigen auf, dass man nicht mal die vwl. Basics (Termini) verstanden hat.

3.) Die Grafik - eine Input- Outputanalyse (Importanteile am vwl. Output/BIP) - ist dahingehend auch zu wenig durchdacht, weil den Importanteilen an den Exporten ja wiederum Exporte an die Importländer vorausgingen, die man in den hier dargestellen Importziffern herausrechnen müsste.

Dazu ein Beispiel:

VW/AUDI liefern viele Halb- und Fertigprodukte sowie Komponenten nach Györ/Ungarn, wo dann Motoren und fast fertige Autos nach Deutschland zur Endfertigung reimportiert werden. Eine seriöse und korrekte Darstellung würde zumindest diese Lieferungen vice/versa berücksichtigen: in dieser Studie ist dies nicht der Fall.

4.) Prozentrechnung?

Wie zuvor erwähnt, werden hier Umsätze (Import/Export) mit dem BIP verglichen - was nicht korrekt ist. Unterstellt man z.B. einen Wertschöpfungsanteil von 25% an den Umsätzen (Importen) dann würden die hier errechneten Prozentsätze um 75% geringer ausfallen - also:

- für das gesamte BIP ergäben sich nicht ca. 26% - sondern nur ein Viertel davon: also um die 6%!

- für den Exportanteil am BIP wäre die korrekte Ziffer nicht ca. 41 - sondern um die 10%,

usw.

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Ergänzende Anmerkungen:

- Klar ist, dass i m m e r die Exportüberschüsse des einen Landes, saldengleich den Importdefiziten des Importlandes entsprechen. Daran ändert diese Analyse nichts!

- Dieser, wirtschaftswissenschaftlich wenig durchdachte Versuch, den deutschen Exportfokus zu relativieren und zu verniedlichen - ja auch dahingehend umzukehren, dass Deutschland über die in den Exporten/Investitonen z.B. inkludierten Importanteile ja eh ... viel zur Stabilisierung des Aussenhandels beitrüge - ist wissenschaftlich nicht haltbar, weil man Äpfel mit Kürbissen vergleicht.

- eine Input/Outputanalyse ist eine gute Sache, wenn seriös und korrekt durchgeführt. Selbst diese ändert nichts an der Tatsache, dass Deutschland durch die irren Exportüberschüsse, eine Politik des "Beggar the Neighbour" betreibt, also seinen Wohlstand auf den Defiziten und der steigenden Verschuldung der Importländer aufbaut und damit seine Arbeitslosigkeit exportiert.

- Durch solche naiven Darstellungen wird - auch - der Eindruck erzeugt, alle anderen Länder sollten sich an Deutschland ein Beispiel nehmen und diese Strategie kopieren: dann ginge es ihnen auch "gut". Dies entspricht nicht den Tatsachen, weil eben nicht jedes Land einen Exportüberschuss erzielen kann!

- Zur Gänze tritt bei dieser Analyse die wesentliche Ursache des deutschen Exporterfolges in den Hintergrund: LOHNDUMPING!

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/32483483772/in/dateposted-public/

Alle vwl. Daten weisen einen Kostenvorteil von um die 15% für Deutschland aus, der den wichtigsten Wettbewerbsvorteil im internationalen Handel ausmacht und den dahindümpelnden Binnenkonsum über Jahre kaschiert.

- Die Ursache dieses Kostenvorteils liegt im Sinken der realen Nettolöhne über ca. 15 Jahre - während auf der anderen Seite die Exportgewinne explodierten (siehe den Link zur Grafik...https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/31566423444/in/dateposted-public/ )

Der Zusammenhang ist schnell erklärt:

a.) die Nettolöhne liegen unter dem Index von 100, sie sanken,

b.) die Produktivität (reales BIP) stieg im selben Zeitraum um 15% an

c.) die Exportgewinne explodierten und nahmen um 40-50% zu, was daran liegt, dass die Produktivität zur Gänze an die Unternehmer ging.

d.) alle Arbeitnehmer profitierten NULL von der Zunahme des Wohlstandes durch den Exportfokus!

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Nur so eine Idee...

- Wie gesagt, lassen sich aus der letzten Grafik Lohnstückkostenvorteile für Deutschland von ca. 15% ableiten, die den Wettbewerbsvorteil auf den Waren- und Dienstleistungsmärkten erklären.

- Analysiert man die Verteilungsrechnung der VGR (Volkswirtschftliche Gesamtrechnung), so zeigt sich, dass die Gewinnquote stieg - und die Lohnquote s a n k.

- Daraus ergibt sich schlüssig und logisch, dass die Gewinnanteile / Stück explodierten! Leider hat sich noch kein Ökonom damit befasst, diese zu errechnen . . . .

W i e s o wohl?

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Fazit:

Der ZEIT-Artikel ist eine unredliche und unseriöse Vernebelung der wahren ökonomischen Zusammenhänge und scheitert an der erschütternden Unkenntnis der vwl. Begriffe.

LOHNDUMPING ist der wahre Grund, der irren, deutschen Exportüberschüsse und eine solche Politik ist zutiefst unsozial und unsolidarisch!

Sinkt die Lohnquote - dann muss per se die Gewinnquote steigen. Dass gierige Profitstreben und die völlige Untätigkeit der Politik erzeugten diesen massiven Schub der Ungleichheit bei den Einkommen.

23:45 23.02.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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