Geld / Attac.at: volle Pulle gegen Vollgeld.

Geld, Macht, Banken "Es genügt nicht, keine Ahnung zu haben, man muss auch anderer Meinung sein." (Klaus Klages, deutscher Gebrauchsphilosoph und Abreißkalenderverleger)
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Im ersten Teil konnte ich keine klare Stellungnahme von Attac zum Geldsystem und Zinseszins finden. Ja, es gab Links auf der Deutschland-Seite und eine Debatte auf der österreichischen Plattform von 2012: das war`s schon.

https://www.freitag.de/autoren/pregetterotmar/geldsystem-attac-grosse-ahnungslosigkeit

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"99 % der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar für "nicht existent". Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirklich ökonomische Wende möglich" .

(emer. Univ. Prof. Dr. Hans Christian Binswanger, St. Gallen, Schweiz)

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Attac-Österreich: Sehr seltsame Ansichten zum Geld:

http://www.attac.at/ueber-attac/attac-faq.html#c5804

Diese „Position“ ist so erstaunlich wie eigentümlich.

Attac hat selbst keine fundierte Analyse, keinen durchgehend-logisch-ökonomischen Standpunkt zum Geldsystem entwickelt - dennoch ist man gegen das Vollgeld?!

Die Begründung dieser verqueren und mit naiv wohlwollend umschriebenen Ansicht, ist weder schlüssig noch stringent. Die Argumente orientieren sich nicht an den ökonomischen Tatsachen und sind daher nichts als "spekulative Behauptungen" (nach Sir Karl Popper).

Sehr eigenartig.

1.) Zitat: „ Geldschöpfung durch private Banken ist aus unserer Sicht kein grundsätzliches Problem. Sie hat beispielsweise in der Phase des streng regulierten Nachkriegskapitalismus keine Probleme verursacht“.

Also - den Nachkriegskapitalismus, wo es weder

- Girokonten (diese ermöglichten ersten in den frühen 1970er Jahren den explosiven Anstieg der Kreditgeldmenge durch die Banken - siehe Grafik 2) noch den total

- liberalisierten und deregulierten Kapitalverkehr in all seinen verheerenden, globalen Ausprägungen (ungezügelte Spekulation, Hochfrequenzhandel, Kredit- Zins- Devisenbetrug in zig Mrd. Höhe, Geldmengenexplosion fast ohne Grenzen usw. ) gab und auch von

- Schattenbanken und außerbilanziellen Gesellschaften (Basel II – SPV, Special Purpose Vehicles) keine Rede war, mit dem heutigen Finanzkapitalismus zu vergleichen, ist ziemlich abwegig und nicht brüllend intelligent.

Die ungezügelte Kreditexplosion erfolgte mit der "Erfindung"d es Girokontos - also so Ende der 1960er unf Beginn der 1970er Jahre. Zuvor wurden den Beschäftigten als auch den RentnerInnen ihr Geld in bar - in Lohntüten ausbezahlt - d.h.: es gab bis dahin n u r Vollgeld, weil das Bargeld gesetzliches Zahlungsmittel darstellt . . .

Das ist ungefähr so, wie wenn man mit einem Citroen 2 CV von 1966 gegen den brandneuen Aston Martin DB 11 von 2016 bei einem Rennen in Monaco antritt und allen Ernstes glaubt, Siegeschancen zu haben.

Grafik 1 zeigt die „Irre Welt der Zocker“: die Gründe dazu liegen überwiegend in der privaten Gelderzeugung.

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/25905175726/in/datetaken/

Grafik 2: der exponentielle Anstieg des Buchgeldes im Vergleich zum Bargeld der Zentralbanken seit den 1970

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/25410007474/in/dateposted-public/

Aha – die „Geldschöpfung durch private Banken“ ist kein grundsätzliches Problem?

So weit ich weiß, ist Attac gegen die Privatisierung des Wassers (so wie eh alle vernunftbegabten Menschen), aber sie haben kein Problem, wenn die Erzeugung des Buchgeldes zu 98% bei privaten Banken aus dem Nichts erfolgt - und dieses (s. Grafik 2) exponentiell ansteigt ?

Wie naiv.

Unser privates Schuldgeldsystem beruht darauf, dass

a.) sich alle Sektoren (Haushalte, Unternehmen, Staat) nur bei Privatbanken verschulden müssen,

b.) die fast unbegrenzte Kreditvergabe (Stichwort: „too big to jail/fail“) die Finanzkrise auslöste,

c.) es in einem 100%igen Schuldgeldsystem nie eine Tilgung, sondern immer nur eine Umschuldung auf volkswirtschaftlicher Ebene geben kann und daher die Schulden aller Sektoren immer e x p o n e n t i e l l ansteigen,

d.) sich Schulden und Vermögen immer ausgleichen - anders gesagt: die Hauptursache der irren Ungleichheit, weltweit, liegt in unserem Geldsystem,

e.) die Kreditvergabe der privaten Banken auf k e i n e r gesetzlichen Basis beruht,

f.) der Zins(eszins) nie in der Geldmenge enthalten ist (die Kreditnehmer erhalten gem. den Verträgen nur den Kreditbetrag - aber nie den Zins - als Geldbetrag auf ihr Kreditkonto überwiesen) und daher dieser wiederum nur als Kredit erzeugt werden kann usw.

Wieso eine Organisation, die sich seit Jahren den Anspruch, eine starke antikapitalistische Stimme zu sein, auf ihre Wimpeln heftet, diese allseits bekannten und elementaren Zusammenhänge nicht kennt oder gar negiert . . . grenzt an Realitätsverweigerung.

2.) Zitat: „Unser Finanzsystem ist die Ursache vieler sozialer und wirtschaftlicher Fehlentwicklungen. Die Ansicht, eine Abschaffung des Zinses würde all diese Probleme lösen, wird der Komplexität der Wechselwirkungen zwischen Finanzsystem, Wirtschaft und Gesellschaft nicht gerecht.“

Nun – dass die Abschaffung des Zinses all diese Probleme lösten würde, ist eine stark simplifizierte und polemische Aussage. Dies behauptet auch niemand, der für ein anderes Geldsystem eintritt.

Alles Geld dieser Welt ist ein I.O.U – ein Schuldschein.

Dies impliziert, dass die Zinsen (bei gleichbleibendem Zinssatz) ebenso exponentiell steigen, wie die Schulden. Nachdem aber

a.) die Zinsen nur von den Menschen in der Realwirtschaft erwirtschaftet werden (kein Zins der Welt entsteht bei Banken aus Zauberhand - wie denn?) und

b.) die Menschen zu 80-90% Nettoschuldner (die Schulden sind größer als das Vermögen) und somit auch Zinszahler sind, würde ein zinsloses Geldsystem einen immensen Vermögensschub für alle Menschen bringen.

Hinzu kommt eine große Entlastung über weniger Steuern, wenn der Staat keine Zinsen an private Banken bei einem Vollgeldsystem bezahlen müsste:

Deutschland zahlte vor der Krise mehr als 40 Mrd. Zinsen - heute sind diese durch einen niedrigeren Prozentsatz um die Hälfte gesunken. In Österreich beträgt die Zinslast ca. 6 Mrd. Euro. Dies entspricht ca. dem doppelten Universitätsbudget.

Geld ist das Herz der Wirtschaft, das ist unstrittig. Der Banksektor ist der mächtigste Player der Welt und der Grund ist: er erzeugt das Geld.

In allen entwickelten Industrieländern beträgt die Staatsausgabenquote mehr als 50% des BIP. Wenn sich nun der Staat nicht mehr bei privaten Banken, die jederzeit die Zinsen erhöhen können, verschulden muss, weil er selbst sein eigenes, souveränes Geld erzeugt, dann ist dies ein Quantensprung in eine solidarischere und gerechtere Gesellschaft! Auch wäre damit ein Riesenschritt getan, die irre Ungleichheit zu dezimieren.

3.) Zitat: „Die Hauptursache für Ungleichverteilung, Überproduktion und Finanzblasen liegt im Wesen der kapitalistischen Marktwirtschaft und ihrer Produktionsweise auf den Arbeitsmärkten.

Nein, Finanzblasen haben weder mit Arbeitsmärkten und gar nichts mit einer Überproduktion (außer jener von frei erfundenem Buchgeld) zu tun.

Die größte Finanzkrise der Menschheit 2007 wurde durch eine völlig ungezügelte und unkontrollierte Kreditvergabe der US-Banken (Stichwort: Subprime - 100%ige Kreditfinanzierung) ausgelöst: die Hauptursache liegt daher in der Gelderzeugung der privaten Banken aus Luft.

Die extreme Ungleichheit ist auch überwiegend auf unser Geldsystem zurückzuführen, weil sich alle Sektoren nur bei Privatbanken verschulden müssen –

und jeder Kreditvertrag ein Gläubiger-/Schuldverhältnis begründet.

Zahlen die Kreditnehmer nicht, so können die Kreditinstitute sofort in das reale Vermögen ihrer Schuldner „Exekution führen“ und falls dies nicht ausreicht, auch das Einkommen pfänden. Überdies startet jedes neugeborene Baby mit der Schuldenlast, die der Staat bis dahin den Bürgern aufhalste: in Deutschland so um die 25.000,- Euro .

Der Kapitalismus ist hautpsächlich durch die unfassbare Konzentration des Kapitals (des Vermögens) in den Händen von ganz wenigen Personen und durch das Privateigentum am Produktivkapital (normale Bürger besitzen kaum Anteile an Unternehmen) geprägt:

laut OXFAM verfügt 1% über mehr Reichtum als der Rest der Menschheit zusammen.

Gerade das Konzept von staatlich souveränem Geld (Vollgeld) würde dieser verheerende Entwicklung entgegen wirken. Dass diese offensichtlichen und international weit diskutierten Zusammenhänge gerade von Attac ignoriert werden, ist wirklich seltsam.

4.) Zitat: „Zinsen sind also nicht die Ursache des Wachstums, sondern liegen in der Logik konkurrierender Märkte."

Ja, die Zinsen sind nicht die Ursache des Wachstums, weil die Rentabilität (eben der Zins in Bezug aufs eingesetzte Kapital) nichts mit der Produktivität (Output / Input – ein rein quantitativer Massstab) zu tun hat. Auch sind die Zinsen nicht die Ursache konkurriender Märkte, insofern man damit Gütermärkte meint.

5.) Zitat: „ Geringe Zinsen führten historisch gesehen sogar zu den höchsten Raten an Wirtschaftswachstum“.

Aber nein . . . gerade die seit 2007 andauernde Krise widerlegt diese unwahre Behauptung. Selbst die Nullzinsen durch die EZB haben seit Jahren keinen Wachstumsschub ausgelöst – im Gegenteil:

Quantitativ Easing (Kauf von Staatsanleihen durch die EZB) + niedrige Zinsen "führten nicht zu den höchsten Raten an Wirtschaftswachstum", wie Attac steif behauptet - im Gegenteil: 2013 und 2014 stürzte die Eurozone in eine Rezession und seit 2007 befindet wir uns in einer Depression, die länger andauert als jene von 1929! (s. Grafik 3)

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/25931100745/in/datetaken/

6.) Zitat: „Ein längerfristig über der Wachstumsrate liegender Zinssatz ist jedoch tatsächlich ein Problem, da er Investitionen in die Realwirtschaft abwürgt und eine Umverteilung zum Geldvermögen erfolgt. "

Sorry - auch diese Ansicht deckt sich nicht mir der Realtität. Nochmals: der Zins(satz) bezieht sich immer auf die Kreditsumme (das investierte Kapital) und ist völlig unabhängig vom Wachstum (egal ob 3% Plus – oder 4 % Minus) zu bezahlen.

Produktivität ist nicht gleich Rentabilität.

Der Zins wirkt i m m e r gleich und ist ein perfider Umverteilungsturbo, der von den Zinszahlern/Schuldnern (90 % der Menschen) zu den glücklichen Zinsprofiteuren/Vermögenden 10% der Bevölkerung fließt. Das Wachstum hat keinen Einfluss auf diese Umverteilungswirkung.

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Why are the rich getting richer?

In nur 3 Minuten erklärt das Video den Zusammenhang zwischen dem Geld, das nur als Schuld entsteht und dem immensen Umverteilungsschub, den der Zins bewirkt.

In einem eigenen Kommentar habe ich diese elementaren Zusammenhänge zwischen der Buchgeldschöpfung und der sich daraus manifestierenden Ungleichheit aufgezeigt und erklärt.

https://www.freitag.de/autoren/pregetterotmar/2-un-f-why-are-the-rich-getting-richer

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7.) Zitat: „Ein Gegenbild zum Kapitalismus wäre nicht ein Kapitalismus ohne Zinsen und mit „anderem Geld“, sondern eine gesellschaftlich regulierte Wirtschaft, die sich an sozialen Bedürfnissen und ökologischen Grenzen orientiert“

Auch diese Ansicht kann man nur als „spekulative Behauptung“ nach Sir Karl Popper interpretieren.

Es geht nicht um einen Kapitalismus ohne Zinsen (dass es auch ohne Zinsen geht, beweist das Konzept des "Islamic Banking") - sondern um eine umfassende Geldreform und die Übertragung der Gelderzeugung an den Staat.

Es ist unbestritten, dass die unbegrenzte Kreditvergabe (Stichwort: Immobilien- und Börseblasen) durch private Banken der Hauptgrund der Finanzkrise 2007 ff. war/ist.

Die Ursache der exorbitanten Akkumulation des Kapitals in den Händen ganz weniger Milliardäre liegt darin begründet, dass 90% der Kreditschuldner dieses irre Vermögen über den Zins tagtäglich weiter vermehren. Ein Prozent mehr an Zinsen würde für den österreichischen Staat ca. 3 Mrd. mehr an Zinszahlungen – und für Deutschland ca. 22 Mrd. bedeuten.

Die Verschuldung der Welt stieg in den letzten Jahren von 142 auf 199 Trillionen US-Dollar an, wie das Mc. Kinsey Global Institut errechnete, siehe Grafik 4.

Und nachdem die Bilanz immer ausgeglichen ist und die Schuldenzunahme immer dem Vermögenszuwachs entspricht - wundert es niemand, dass seit der Krise durch die stark gestiegenen Schulden auf der anderen Seite deckungsgleich das Vermögen der reichsten Milliardäre explodierte - außer Attac .

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/25948114231/in/dateposted-public/lightbox/

Gegen eine bessere, nachhaltigere vor allem aber gerechtere Wirtschaftsordnung ist prinzipiell nichts einzuwenden.

Geld ist der alles bestimmende Machtfaktor.

Daraus folgt, dass eine umfassende Reform des Geldsystems einer neu regulierten Wirtschaftordnung vorangehen muss. Umgekehrt und mit Attac gedacht, bleibt vor allem die Ungleichheit, dass 90% der Schuldner die 10% der Superreichen und den Staat „finanzieren“, weiter bestehen. Daran ändern Vermögenssteuern genauso nichts, wie eine Finanztransaktionssteuer. Letztere kann zwar das Volumen der Spekulation etwas dämpfen - aber nicht die Spekulation per se stoppen.

8.) Zitat: „Im derzeitigen marktwirtschaftlichen System werden Verteilungsfragen vor allem Profitraten und Löhne, Steuern, Finanzmärkte und viele andere Mechanismen geregelt. Dort - und nicht in einer zinslosen Geldwirtschaft - sieht Attac zentrale Ansatzpunkte für Veränderung.“

Geld regiert die Welt – aber wer regiert das Geld?

Alle angesprochenen Verteilungsfragen münden unmittelbar in der Frage: wer in einem Land das Geld aus dem Nichts (Buchgeld) erzeugen darf: der Staat = WIR ALLE! oder private Bankeigentümer, so wie es derzeit der Fall ist.

Wir leben auch in keinem „marktwirtschaftlichen“ - sondern in einem kapitalistischen System: Marktwirtschaft und Kapitalismus sind ja nicht dasselbe. Die meisten "Märkte" sind längst in Oligopolstrukturen übergegangen, wo einige wenige Akteure über ihre Preismacht gigantische Gewinne einfahren. Mit einem Markt wie in die Theorie beschreibt, hat dies schon lange nichts mehr zu tun.

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Attac`s Position zum "Vollgeld"

Die Forderung nach Vollgeld oder anderen alternativen Geldsystemen ist keine Attac-Position.

Eine Vollgeldreform ist aus Sicht von Attac mit einer Reihe von Problemen verbunden:

- Zitat: „In einem Vollgeldsystem soll die Geldmenge von der Zentralbank gesteuert und entsprechend dem langfristigen Wirtschaftswachstum festgelegt werden. Die Idee einer Geldmengensteuerung beruht auf der Annahme, dass die Höhe der Geldmenge die Nachfrage schafft und somit das Wirtschaftswachstum bestimmt. Die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen - und damit auch die Kreditnachfrage – wird jedoch von privaten Haushalten und Unternehmen bestimmt.“

Diese sehr verkürzte Sichtweise lässt den Schluss zu, dass Attac nur über rudimentäre Kenntnisse des Vollgeld-Konzeptes als auch des Geldsystems verfügt.

Es geht in erster Linie darum, dass die Geldzerzeugung von der Geldverwendung strikt getrennt wird:

die Geldschöpfung gehört endlich in öffentliche Hand, Geld ist ein öffentliches Gut, so wie Wasser und Luft!

Die Geldmengensteuerung wird auch nicht gemäß der Wachstumsschätzung gesteuert oder geplant, weil bei den Banken – so wie derzeit auch – die Aufgabe, das Geld an die nachfragenden Unternehmen, Konsumenten und den Staat weiter zu leiten, verbleibt.

Korrekt ist, dass es dadurch kein Geld mehr für spekulative Zwecke geben kann, was bedeutet, dass es keine Blasen mehr geben wird. Wieso Attac diesen klaren Vorteil nicht sieht (nicht sehen will?), ist schwer zu verstehen. Klar ist auch: gibt es keine Spekulation, ist auch die Finanztranksaktionssteuer obsolet.

Anders gesagt:

mit Vollgeld wird die Ursache der Spekulation (die fast unbeschränkte Geldschöpfung aus dem Nichts) bekämpft - nicht die Verwendung des Geldes, wie es Attac vorschlägt.

Auch kann es zu keinen Engpässen der Geldversorgung kommen – wie denn bei 1-2% Wachstum der Geldmenge? Dies ist bei ordentlicher Umsetzung sicher kein Problem.

- Zitat: „Die Nachfrage nach Krediten hängt vom allgemeinen wirtschaftlichen Umfeld und den Erwartungen ab. Passt die Zentralbank das Kreditangebot bzw. die Geldmenge nicht entsprechend der Nachfrage an, führt das zu starken Zinsschwankungen.“

Korrekt ist, dass die für die Wirtschaft entscheidende Geldnachfrage, von den Erwartungen, vor allem der Unternehmen (Investitionen) und Konsumenten abhängt.

Gerade die derzeitige Gelderzeugung durch private Banken ist sehr prozyklisch ausgelegt: dass heißt es werden Booms ebenso verstärkt wie rezessive Phasen der Wirtschaft. Im Abschwung wirkt die geringe Kreditvergabe verstärkend und ist kontraproduktiv. Gerade die Depression seit 2007 zeigt dies auf, wie man auch an den Zinsschwankungen nachvollziehen kann.

Was Attac beschreibt, trifft auf das derzeitige Geldsystem zu – hat aber mit dem Vollgeldkonzept wenig gemein.

- Zitat: „Die Zinsen sind ein wichtiger Preis in der Volkswirtschaft; starke Schwankungen stören daher das Funktionieren einer Volkswirtschaft. Daher funktioniert die Geldmengensteuerung durch die Zentralbank in der Praxis nicht“.

Nun – der IWF hat festgestellt, dass es in den letzten 40 Jahren 100 und seit 1900 ca. 200 Finanzkrisen gab.

Daraus lässt sich empirisch gesichert festhalten, dass es kein unsicheres, labileres Finanzsystem gibt – als das,

was wir derzeit haben!

Und wieder - mit Verlaub:

in unserem Schuldgeldsystem, wird nur 2% der Geldmenge durch die Zentralbank erzeugt und es hat auch noch n i e funktioniert - weil sie keinen Einfluss auf die Kreditvergabe der Kommerzbanken hat! Wieso im umgekehrten Fall, wo 100% des Geldes von der Zentralbank erschaffen wird, nicht ungleich besser funktionieren soll, bleibt das Geheimnis von Attac - zumal an der Weitergabe des Geldes der Banken an die nachfragenden Akteure nichts geändert wird.

Die vielen Finanzkrisen beweisen immer wieder, dass im derzeitigen Geldsystem die Zentralbanken keine Kontrolle der Geldmengensteuerung haben. Wieso diese empirische Tatsache Attac nicht bekannt ist, ist seltsam.

- Zitat: „ Will die Zentralbank die Zinsen stabil halten, so muss sie in einem Vollgeldregime ständig eingreifen und die Geldmenge anpassen. Geldpolitik wird dadurch komplizierter.“

Ja, Eingriffe sind sicher nötig - aber bitteschön:

wenn man sich nur die Zinsänderungen der EZB bis hin zum negativen Zins (der als hilfloses Signal für das Ende dieses Geldsystem gilt), ansieht, dann kann eine verstaatlichte Geldschöpfung, die keinerlei prozyklische Wirkung durch unfassbare Spekulationsblasen mehr zulässt, nur zu einer ungleich stabileren Wirtschaftsentwicklung beitragen.

- Zitat: „Vollgeld wird daher nicht stabiler als das bisherige Geldsystem sein. Euphorie, Blasen und Krisen werden im Vollgeldsystem genauso auftreten wie bisher.“

Also dass das heutige Geldsystem – alles Geld ist Schuld – stabil sein soll, ist eine Vorstellung, die mit der realen Welt da draußen nichts gemein hat: das genaue Gegenteil ist der Fall, wie alle spätestens seit der letzten Krise wissen!

- Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Gelderzeugung und Geldverwendung sind 2 Paar Schuhe.

- Bei einer öffentlichen Geldschöpfung gibt es kein Geld für Spekulationen aller Art und daher ist das Risiko von Blasen und einer Euphorie überschaubar.

- Es wird weder in der Anzahl noch vom Volumen her Finanzkrisen geben, wie wir sie in den letzten 40 Jahren (1990er Jahre: Asien – und Russlandkrise, 1998 LTCM, 2000 Internetblase, 2007 Subprime- und Immobilienblasen usw.) erleben mussten und wo das Vermögen vieler Bürgerinnen vernichtet wurde.

Und - nicht zu vergessen:

bereits 2008 betrug der nur von den Eurostaaten für die „Rettung“ des Vermögens der Bankeigentümer zur Verfügung gestellte Betrag ca. 4.500 Mrd. (inkl. Garantien) – per 2012 waren es 5.100 Mrd. Euro.

Dies reicht als Grund allemal aus, um eine intensiv Debatte einer fundamentalen Geldreform zu initiieren. Unwissen und Ignoranz über das N i c h t - Funktionieren unserer derzeitigen Geldstruktur als auch eines souveränen, von der öffentlichen Hand erzeugten Geldes, ist wenig hilfreich, neue Lösungen anzudenken.

Ein Geldsystem, das sich über Jahrzehnte empirisch als nicht nachhaltig erwiesen hat, zu verteidigen, stimmt nicht nur mich sehr nachdenklich.

Selbstverständlich sind wir alle gegen die Privatisierung des Wassers – aber wieso Attac bei einer zu 98% privatisierten Gelderzeugung ohne gesetzliche Basis keine Bedenken hat, ist sehr eigentümlich und verwunderlich.

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"Over time ... whoever controls the money system,

controls the nation"!

(Stephan Zarlenga, Director American Money Institut)

03:52 20.03.2016
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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