IWF "opferte" Griechenland für die Eurozone!

IWF, Griechenland, Euro Wer heute nicht geeignet ist, wird es morgen noch weniger sein. (Ovid)
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Der IWF ist - insbesondere nach diesem jahrelangen Desaster um die "Eurorettung" - wohl die mit Abstand unfähigste und inkompetenteste internationale Organisation, die es gibt.

Wir wissen doch alle, dass

1.) man eine Währung nicht "retten" kann - wie denn? Indem man Staatsanleihen aufkauft - etwa?

2.) die Staatschulden mit einer Währung nichts zu tun haben, da es keine Korrelation zwischen der Höhe dieser und dem Wechselkurs des Euro z.B. zum US-Dollar gibt (weil der Kurs eine Kaufkraftparität zwischen der Wirtschaftkraft der einzelnen Staaten darstellt, gleichwohl auch dieses Verhältnis durch ca. 5.300 Mrd. US-$ an Devisenspekulationen Je Tag (!)verfälscht wird) und daher auch keine Kausalität gegeben ist.

3.) eine straffe Austeritätspolitik - je stärker / umso kontraproduktiver! - die Lage nur dramatisch verschlimmert, zumal jede Volkswirtschaft ein Nullsummenspiel ist:

die Ausgaben des einen Sektors(Z.B. des Staates) sind immer gleich den Einnahmen eines anderen Wirtschaftsbereiches (der Bauwirtschaft z.B.), die intersektoralen Summen = Null.

4.) es bis heute keine empirische Evidenz gibt, dass eine Währungsunion in der Geschichte jemals "funktioniert" hätte.

5.) eine interne Abwertung (überwiegend durch Lohn- Rentenkürzungen und nicht durch Gewinnsenkungen z.B.) die Binnennachfrage stark beeinträchtig und diese trägt immerhin um die 60-80% zum Wachstums bei.

All dies ist den Studiosi in BWL/VWL spätestens ab dem 4. Semester (ich bin heute großzügig) bekannt - nicht so den Eliten, die quer über den Planeten hetzen und den Menschen ihre abnormale Inkompetenz, unterstützt durch die "Right Wing Mainstream-Media" , Tag für Tag unterjubeln wollen.

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Ich zitiere nur die wichtigsten Passagen des Berichtes des IEO (Independent Evaluation Office), quasi die Innenrevision des IWF, aber das reicht völlig aus:

Top-Mitarbeiter des IWF haben ihren eigenen Vorstand falsch informiert ... sie machten eine Reihe von verhängnisvollen Fehlern ... sie unterlagen wie in einer Sekte einer abnormalen EU(RO)phorie - ohne den Sachverstand zu gebrauchen ... ignorierten sämtliche Warnzeichen ... und waren nicht in der Lage, eine schlüssiges, gemeinsames Konzept zur Lösung zu erarbeiten.

So - zusammengefasst - das Urteil des TOP-Watchdog des IWF, der die wirre Rolle der Leitung beschreibt und damit die schädlichste Episode der wahrlich nicht mit Ruhm bekleckerten, stets auf den eigenen Ruf achtenden internationalen Organisation.

Einige Details:

- Ein Großteil der Dokumente wurden außerhalb der regulären Informationskanäle vorbereitet; schriftliche Unterlagen zu einigen sensiblen Angelegenheiten konnten nicht gefunden werden.

- es herrschte eine Kultur der Selbstzufriedenheit, es wurden nur oberflächlich und mechanistische Analysen verfolgt, die die Leitung zusammenbrechen ließ, die letzlich dafür verantwortlich zeichnet.

- Das unabhängige Evaluierungsbüro des IWF (IEO) liegt in der Hierarchie über der Leitung (Frau Lagarde). Es ist explizit nur dem "Board", vor allem allen Partner - und Geldgeberländern verpflichtet.

- 3 Bailouts bestimmten seit Jahren die Rettungspolitik des IWF: Griechenland, Portugal und Irland.

Sie waren/sind sowohl vom Umfang als auch vom Inhalt her beispiellos in der Geschichte des IWF - weil sie über 2.000% - also das 20-fache - der normalen Zuteilungsquote an Krediten überstiegen und darüber hinaus auch noch 80% des gesamten Kreditobligos des IWF zwischen 2011-14 ausmachten.

Grafik 1

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/28649392055/in/dateposted-public/

- Das Denken war/ist von einem korrupten EURO-Bias bestimmt, der alle Risken, Notfallpläne als auch die bloße Möglichkeit einer Bankenkrise seit dem Ausbruch der Finanzkrise 2007-08 bewusst negierte.

- Dies beruhte auf der mit naiv wohlwollend umschriebenen Annahme, die jede Möglichkeit einer Währungskrise ausschloss - gleichwohl allen die Fehler seit Beginn der Wahrungsunion bekannt waren.

- Die damit kindlich-einhergehende Bereitschaft, alle aufkommenden Beteuerungen und Einwände beiseite zu schieben, war wichtiger Bestandteil der Verschleierungspolitik des IWF.

- Bewusst und beharrlich wurden die sich bereits Jahre vor der Gründung des Euroraumes abzeichnenden Risken der ausufernden Leistungsbilanzdefizite - die danach noch explodierten - heruntergespielt als auch in keinster Weise dem Risiko eines plötzlichen Stopps der Kapitalströme Rechnung gezollt wurde.

Grafik 2

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/28033305913/in/dateposted-public/

- Dass es aufgrund der allseits bekannten Leistungsbilanzungleichgewichte - klarerweise - zu Zahlungskrisen kommt, war für den IWF undenkbar.

- Die exorbitanten Ausfallsrisken von Krediten im Bankensektor - dieser hatte alle Staatsanleihen in seinen Büchern - wurden ausgeblendet.

In all diesen - jedem Ökonomen bekannten Zusammenhängen - Interdependenzen liegt das schwere Versagen des IWF!

Es konnte kein ernsthafter, wissenschaftlicher Zugang eruiert werden und sohin scheiterte auch jede Möglichkeit, das Desaster der Eurozone zu antizipieren.

- Der Vorstand sei nicht informiert worden - so der Bericht. Die Bomben seien von den Direktoren im Text versteckt worden - dann aber war es längst zu spät - weil fait accompli. Mit Verlaub:

das klingt nicht glaubwürdig, denn

... dass Kredite, die bis zum 20-fachen die Quotenregelung überschritten - über Jahre - vergeben aber man (die Leitung) davon nichts gewusst haben will, klingt sehr eigentümlich zumal es kaum der Realität entsprechen dürfte, dass Mrd.Beträge nur von subalternen Direktoren unterschrieben wurden,

... über Jahre (zumindest ab 2010) die Entwicklung der 3 Länder nicht mal studiert zu haben, um damit das Engagement gegenüber den zahlenden Mitgliedsstaaten zu rechtfertigen,

... ausserdem fällt es jedem auf, dass sich die Einnahmen des IWF durch die Kreditzinsen eben an die 3 Krisenländer, stark erhöhten.

- Die EZB hatte noch nicht als lendor of last resort agiert - die längst überfällige Umschuldung Griechenlands wurde - unter starker Intervention von Merkel/Schäuble - immer wieder verschoben.

Grafik 3

https://www.flickr.com/photos/140576195@N07/28649404535/in/dateposted-public/lightbox/

Wie weit die überschäumend optimistischen Prognosen des IWF betreffend des nominellen Wachstums von der Realität abwichen - zeigt die o.a. Abbildung auf.

http://www.ieo-imf.org/ieo/pages/CompletedEvaluation267.aspx

- Generell hielt der Bericht des IEO fest, dass die Politik des IWF seit Jahren - vor und nach der Einführun des Euro - dem "Gruppendenken" (wurde dies nicht schon mal vom IEO festgestellt?) verhaftet blieb. Frei nach dem Motto: ich weiß nicht, wohin der Weg führt - gehe ich schneller bin ich auch rascher dort.

- Es wurde - wie schon bei der Finanzkrise - jeder Gedanke, dass man eventuell einen Plan B, andere rasche Lösungen im Eintrittsfalle einer fundamentalen Eurokrise brauche usw. , unterdrückt. Was man nicht erahnen kann - darf auch nicht passieren.

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Die Opferung Griechenlands für den toten Euro?

- Ja, das - so der Bericht des IEO - ist die knallharte Wahrheit.

- Aber, allein die spekulative Behauptung - Sir Karl Popper lässt grüßen - dass Griechenland "seinem Schicksal überlassen wurde" (um es sehr zynisch auszudrücken) und man damit den Euro "gerettet" habe - ist ein niedliches Märchen, dass noch in etlichen Redaktionsstuben - vielleicht - geglaubt wird.

Der wahre Zusammenhang liegt darin, dass vor allem deutsche und französische Banken viele Griechenlandanleihen in ihrer Bilanz hatten und wenn sie diese abwerten hätten müssen, wäre eine Insolvenz unausweichlich gewesen.

Ergo dessen hat man Griechenland immer mehr mit Schulden überschüttet ... das Geld aber gleich wieder abgezogen und damit die Kredite der Banken getilgt ... und damit auch noch prächtig verdient, an den hohen Zinsen dieser u.a. vom IWF und auch Deutschland vergebenen Kredite.

Zusammen mit der irren Sparpolitik führte dies zu einer Rezession, wie sie die Welt noch nie sah:

innerhalb von 3 Jahren schrumpfte das BIP Griechenlands um 11%! Selbst in den 1970er Jahren mit einigen Ölkrisen, gab es einen solchen Einschnitt nicht. Solche Massnahmen bezeichnete der damalige Finanzminister, Varoufakis, völlig zu Recht als "finanzielles Waterboarding."

2015 machten allein die Zinsen dafür ca. ein Drittel der Erlöse des IWF aus . . . und gerade hier dem IWF auch nur 1 Sekunde ehrliches Bemühen um eine Lösung zu unterstellen, ist total fehl am Platz:

es geht nur um den Profit - w a s denn sonst?

- Automatische Stabilisatoren wurden ausgehebelt?!

In Zeiten starker ökonomischer Rezession wirken die staatlichen Einnahmen/Ausgaben prinzipiell anti_zyklisch und stabiliserien damit die Volkswirtschaft. Dazu ein Beispiel:

2008-09 war der Einbruch der Nachfrage der Autoproduzenten sehr hoch und man hat durch Kurzarbeit eine Politik des "Hire & Fire" verhindert, die, wenn sie umgesetzt worden wäre, nur zusätzlich über Arbeitslosenunterstützung die Staatsbudgets belastet hätte.

Zusätzlich wirkte die "Abwrackprämie" (erinnert sich noch jemand daran?) anti_zyklisch, indem sie einen kurzen Nachfrageschub initiierte, die Auslastung der Konzerne stabilisierte und damit auch die Beschäftigung sicherte. Wenn ich mich korrekt erinnere, war diese Massnahme ein durchschlagender Erfolg - und auch noch ein Geschäft für den Staat, weil er über die MWSt + sonstige KFZ-Abgaben, wie Mineralölsteuer usw., rasch zusätzliche Einnahmen lukrierte.

In den 3 Staaten machte man das genaue Gegenteil, indem man die Löhne + Renten um 15-20% senkte und damit die automatischen Stabilisatoren zerschoss - mutwillig und ich denke mal, auch wider besseres Wissen. Ich kann - und will - nicht glauben, annehmen, dass solche elementaren ökonomischen Zusammenhänge weder an der Spitze und darunter auf Direktorenebene (die angeblich alle Deals ausgehandelt haben sollen?), bekannt war.

- Der Todestoss: die "Interne Abwertung".

Der Zusammenhang ist rel. einfach:

bis 1999 hatten alle Länder ihre eigene Währung, ihre eigene Zentralbank, die für eine der Wirtschaft angepasste Geldpolitik zu sorgen hatte. Durch Wechselkursänderungen wurden so alle 2-3 Jahre die aussenwirtschaftlichen Preise - der Devisenkurs - an die sich geänderten Rahmenbedingungen angepasst: dies führte u. a. zu starken (DM, NL-Gulden usw.) und eher schwächeren (Franc, Lira) Währungen. Bis 1999 gab es auch saldiert über Jahre keine wesentlichen Exportüberschüsse Deutschlands - was einen ausgeglichen, stabilen Verlauf der Aussenhandelsbeziehungen garantierte.

Mit dem Euro wurde ein elementarer Teil - die Geldpolitik + die Versorung der Wirtschaft mit Zentralbankgeld - dem alleinigen gesetzlichen Zahlungsmittel! - an die EZB "delegiert".

Damit war/ist allen Ländern des Euroraumes eine Abwertung verschlossen - und man stürzte sich mit großem Elan auf die interne Abwertung. Mit Lohn- und Rentenkürzungen zwischen 20-30% glaubte man, die Binnenwirtschaft an die erstarke europäische Währung anzupassen. Allen, die das große 1 x 1 beherrschen wussten von Anfang an, dass dies in einem ökonomischen - vorallem aber sozialen und menschlichem Desaster 1. Ranges - enden muss!

Die Binnennachfrage wurde total zertrümmert und eine Erholung ist auch in den kommenden Dekaden nicht zu erwarten - es sei denn, man macht einen 360gradigen Umkehrschwung und gibt seine total verfehlte und menschenunwürdige Wirtschaftspolitik zu und ändert diese umgehend.

Die Idee dieser irren Politik hatte ein gewisser Herr Trichet, ehem. Chef der EZB, 2010 geboren, der allen Ernstes und bei vollem Bewusstsein meinte: mit drakonischem Sparen können man die Staatsfinanzen "sanieren " . . . und auch gleichzeitig wieder Wachstum generieren . . .

- Fiskalmultiplikator: einfach ums 5-fache verrechnet . . .

Dieser gibt Auskunft über die Relation zwischen dem Schrumpfen des Staatsbudgets (z.B. um 1%) und der Auswirkung auf das BIP (z.B. auch 1%). In diesem Falle ist der Multiplikator eben eins. Olivier Blanchard hat, zwar in einer tollen und hochgelobten Analyse, schon vor Jahren eingestehen müssen, sich als dam. Chefökonom einfach verrechnet zu haben . . .

Wenn nun das Hinunterprügeln des Staatshaushaltes um 5% eine Rezession des BIP um 20-25 % bewirkt - dann hat man bewusst und nachhaltig, ein Land total runiert!

Dies war bei allen südeuropäischen Ländern der Fall.

- Entschuldigung für das eigenes Totalversagen ?!

http://www.telegraph.co.uk/business/2016/07/28/imf-admits-disastrous-love-affair-with-euro-apologises-for-the-i/

In einem tollen, gut recherchierten und sehr aufschlussreichen Beitrag, berichtet The Telegraph ( Ambrose Evans-Pritchard) am 29. Juli, davon, dass "die Ungerechtigkeit darin bestünde, dass die Kosten für die Bailouts die gewöhnlichen, griechischen Bürger zu tragen hätten" . . . die am wenigsten dazu in der Lage wären.

Es sei das Ziel der Troika gewesen, die "Währungsunion" zu schützen . . .

Zurechtgerückt:

Also dass nun gerade der IWF mit dieser Aussage seine verheerende Poltik (die Währungsunion müsse geschützt werden) verteidigt und zu erklären versucht - ist starker Tobak.

Allen ist bekannt, dass es nie darum ging, sondern dass der IWF - sowie die EZB und die EU-Kommission und der EU-Rat - immer nur das Wohl der Bankeigentümer vertrat und man locker etliche Banken n i e aufkosten aller Steuerzahler hätte "retten" dürfen. (Als Beispiel aus österr. Sicht wäre hier die Hypo-Kärnten anzuführen - der grösste Kriminalfall der 2. Republik.)

Es wurden immer die Griechen für alle Ausfälle - die sich durch die Politik des IWF ergaben - verantwortlich gemacht. Dass dies nun in diesem Bericht "anerkannt" werde . . . sagt alles über die seit Jahrzehnten nicht vorhandene Lernfähigkeit und die selbstherrliche Präpotenz dieser Institution aus.

- - -

Es gibt einige unverrückbare Prinzipien des Kapitalismus:

- wer die Gewinne einstreift, trägt auch das Risiko - und

- wer die Kosten verursacht, muss dafür aufkommen:

in diesem Sinne müssten alle Mitglieder, sowohl des IWF als auch der Troika, alle sozialen und ökonomischen Kosten dafür tragen, was sie anhand einer völlig irrgeleiteten Poitik verursacht haben.

Nach x-Jahren dafür eine "blumige Entschuldigung" nachzuschieben und seine eigene - elementare - Unkenntnis in ökonomischen Grundsatzfragen als "Betriebsunfall" zu verniedlichen - damit haben sich der IWF als Institution, genauso wie alle Mitglieder der Troika, insgbesondere Merkel/Schäuble + Draghi usw., total diskreditiert.

Zuerst gewaltätig sein und dann in Furcht vor dem eigenen Volk geraten, dass ist der Gipfel der Unfähigkeit"

Sunzi.

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Hier noch 2 Quellen die auch darüber berichteten und sich vor allem in der Expertise und der Qualität des Berichtes im "The Telegraph" ziemlich unterscheden:

FAZ.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gutachter-ruegen-iwf-christine-lagarde-fuer-europolitik-14361796.html

DerStandard.

http://derstandard.at/2000042037290/Waehrungsfonds-gesteht-grosse-Fehler-in-der-Eurokrise-ein

15:09 30.07.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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