Kern u.a. : postfaktischer Realitätsverlust?

postfaktisch, Lügen, Kern Postfaktisch: Nicht wissen ist nicht schlimm - nicht wissen wollen ... schon!
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es werden - ohne Realitätsbezug, ohne spürbarem Drang zur Vermittlung von dem "was ist" (also der an Fakten orientierten Wahrheit) Launen/Stimmungen bewusst "bewirtschaftet, PR-spin-mässig" vermarktet, erzeugt und stabilisiert. Das Internet dient als Headline-Producer, als phrasendreschendes Medium einer immer grösser werdenden «Nichtwissenwollengesellschaft».

Die Frage, wie man objektives Wissen gewinnt und/oder wie es begründet wird, welche Methoden ein korrektes Abbild der Fakten, der Wahrheit, erst ermöglichen, wird nicht gestellt.

Das führt zum gefährlichen Zustand erkenntnistheoretischer Verantwortungslosigkeit. Das «Sapere aude» Kants - Mut und Wagnis, nach Gründen zu fragen, eine Aussage zu prüfen, ob sie stimmt oder nicht - wird durch den Wissensersatz von Google u.a.m. ad absurdum geführt. Die Demokratie ist der politische Raum, wo das Recht, diese Fragen zu prüfen, stattfindet. Die Zertrümmerung dieses öffentlichen Raumes und damit die Zersetzung der erkenntnistheoretischen Grundlagen, führt direkt zur Zerstörung der Demokratie.

Es ist höchste Zeit, für eine klare, rasche Schubumkehr einzuleiten, um diesem sprachlich-verbrämten Duftnebel, die Tatsachen und den auf geprüfter Erkenntnis fussenden Befund entgegen zu stellen.

Durch permanentes Wiederholen, Abschreiben und massenmediale Verteilung der "postfaktischen Lügen" sollen systemkritische Menschen, die sich gegen das Establishment auflehnen, wieder als blökende, superbrave Schafe eingliedert und ruhig gestellt werden.

Die so gesteuerte Post_Demokratie ist längst traurige Realität. Nichts beweist dies mehr, als die Argumente gegen die tiefen Motive der Brexit-Befürworter (die man als "Left-Behind" abwertete) und die an den sozial-tektonischen Verwerfungen der "White-Collor-Worker" vorbei gehende Ursachenanalyse der Erdrutsch-Niederlage der Demokraten gegen Trump.

Ich nehme 2 Interviews des Kurier von diesem Sonntag her und überprüfe in einigen Passagen den postfaktischen Media-Spin:

1.) BK Kern: "Le Pen würde ganz Europa ärmer machen"

KURIER: 2017 wird es neue politische Partner geben, möglicherweise Marine Le Pen an der Spitze Frankreichs. Haben Sie ein Worst-Case-Szenario?

KERN: Wenn in einem Schlüsselstaat der EU die Rechtsdemagogen übernehmen, haben wir ein großes Problem. Den wirtschaftliche Schaden, den jemand wie Le Pen anrichten kann, kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Für uns wäre es ein enormer Wohlstandsverlust, Europa, Österreich würden ärmer werden.

Anmerkung: Es geht nicht darum, den FN und Le Pen zu verteidigen, sondern die "postfaktischen Lügen und Achterlwahrheiten" zu analysieren.

Die Prognose Kerns ist emotional und naiv - sie entbehrt jeder auf Fakten basierenden, hochgerechneten Erkenntnis. Betrachtet man den von Le Pen propagierten Austritt aus der Eurozone als Beispiel, so gaben ihr in der Sache mehr als 40 Nobelpreisträger im August 2014 Recht.

Sie sagten u.a., dass

..."Die Kosten für den Zusammenhalt der Währungsunion dürften langfristig die Kosten für ein Auseinanderbrechen bei Weitem überschreiten" und

..."Mit dem Euro wird es kein Gleichgewicht an den Arbeitsmärkten Europas geben";

(James Mirlees, Professor für politische Ökonomie in Cambridge);

..."Europa ist intellektuell und in Sachen Einfallsreichtum bankrott",

war die nassforsche Kritik von Edmund S. Phelps, Nobelpreisträger 2006, Columbia University, New York, an der von Angela Merkel gehaltenen Eröffnungsrede.

Dass Kern diese verheerende, menschenunwürdige Entwicklung nicht mal anspricht, zeigt auf, wie wenig er selbst gegenüber der verfehlten Politik der EU und des Euroraums in sachlicher Hinsicht aufzubieten hat.

Nur längst falsifizierte EU-Mantras herunterzubeten, ist weder hilfreich noch zielführend.

- KURIER: Herr Bundeskanzler, in der Politik zählen immer mehr Emotionen. Welche Emotionen haben Sie zu Europa?

Kern: "Ganz positive...Europa heißt keine Grenzschilder, kein Durchfilzen beim Zoll...Die Emotionen post Trump führen uns doch deutlich vor Augen, dass Europa eine Wertegemeinschaft ist, die auf Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde beruht".

Anmerkung: Allseits bekannt ist das eklatante Demokratiedefizit der EU, wie z.B. die Diktatur der Troika, die nicht demokratisch legitimiert ist, als auch der Bruch der EU-Verfassung (den Christine Lagarde öffentlich im Wall Street Journal 2010 ankündigte) und u.a. das Diktat Trichets (ehem. EZB-Chef) an Zapatero (dam. Regierungschef Spaniens), die Löhne zu senken, sonst gäbe es kein Geld von der EZB.

Erwähnen muss man auch die Gelddikatur Draghis (früher in den Diensten von Goldman Sachs) der den Griechen vorschrieb, wie viel sie von ihrem eigenen Vermögen je Tag abheben dürfen.

Versteht dies Kern unter "Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenwürde"?

- KURIER: Müssen Politiker emotionaler für Europa argumentieren?

KERN: ..."Ich kenne kein einziges von den großen Problem – von der Migrationsfrage über Arbeitsplätze bis hin zu unserer Positionierung in einer globalen Welt, Stichwort China –, das wir außerhalb Europas besser lösen könnten als in Europa. Dass das ein mühsamer Weg wird, ist klar."

Nun, solche Aussagen sind ein sehr gutes Beispiel für "postfaktische Sprechblasen", die mit der realen Welt da draussen wenig gemein haben, zumal

1.) die EU nicht Europa ist (die Briten stimmten nicht gegen Europa - sondern gegen die EU per se!)

2.a.) die Eurozone nicht der EU entspricht (der Sager Merkels: stirbt der Euro - stirbt die EU ist hirn- und sinnfrei),

2.b.) Schweden z.B. nicht der Eurozone angehört; das Land hat in fast allen ökonomischen Performance-Indikatoren eine weit aus bessere Bilanz als die EU und die Eurozone aufzuweisen: z.B. erzielten sie seit 1999 das doppelte Wachstum von Deutschland - und dies bei einer gesunkenen Staatsverschuldung und einem Anstieg von Löhnen um fast 2%punkte mehr - pro Jahr!

3.) es kleine Länder ausserhalb der EU, wie die Schweiz, Norwegen und Island, gibt, die eine ungleich positivere ökonomische Entwicklung im Vergleich zur EU/dem Euroraum haben; die Schweiz hat sich über Jahrzehnte als kleines Land auch international - allen postfaktischen Unkenrufen zum Trotz - als Nicht-Eu-Mitglied eine starke Position aufgebaut;

4.) China: nun macht es keinen schlanken Fuss gegen China wegen Lohndumping sofort Zölle zu verordnen, wenn man auf der anderen Seite - so wie Kern - den Freihandel propagiert und entgegen 80% der Mitglieder der eigenen Partei für CETA stimmt, mal davon abgesehen dass China noch immer Lohnkosten hat, die um die 60-90% unter jenen Europas und der USA liegen und daher automatisch billiger sein muss.

5.) Globalisierung: die EU hat einen Aussenhandelsanteil (Exporte in % der Weltexporte) von ca.33% - rechnet man aber den EU-Intrahandel heraus, so landet man bei ca.13-14% (USA 9,2%). Fakt ist, dass der "Aussenhandel" innerhalb der EU (EU-Intrahandel) annähernd doppelt so gross ist, wie der Warenaustausch mit dem Rest der Welt.

Wieso nun die Globalisierung unbedingt der EU bedarf, ist schwer nachvollziehbar, zumal wiederum die Schweiz das genaue Gegenteil unter Beweis stellt - dass sich überdies Länder wie Norwegen und bald auch Grossbritannien nicht dem Diktat der EU bei CETA, TTIP usw. unterwerfen müssen, ist auch ein wesentlicher Vorteil.

Kerns Ansichten spiegeln die Tatsachen nur rudimentär wider.

- KURIER: Es fehlen uns effiziente Entscheidungsmechanismen, das holt uns ein.

KERN: "Das zweite Problem ist die Eurozone. Eine an sich richtige Konzeption, aber man hätte damals den Mut haben müssen zu sagen, wir stimmen die Wirtschafts- und Fiskalpolitik ab. Jetzt haben wir durch den Euro die Disparitäten zwischen Norden und Süden noch verstärkt."

Anmerkung: Nun - dass der Euro eine "an sich richtige Konzeption ist", da dürfte er so ziemlich allein auf weiter Flur sein, ausser den EU_phorikerinnen, die die Probleme nach fast 20 Jahren immer noch standhaft negieren. Auch dass eine abgestimmte Fiskalpolitik an der Fehlkonstruktion was geändert hätte, entspricht nicht den Tatsachen, weil es keine Korrelation der Fiskalpolitik (Staatsschulden z.B.) mit dem Preis der Währung (Devisenkurs gegenüber dem US-Dollar z.B.) gibt - und ergo dessen auch keine Kausalität gegeben ist.

Auch hier betet Kern nur die Euro-Mantren nach, ohne zu Denken.

- KURIER: Stichwort links und rechts. Wo würden Sie sich und die SPÖ verorten? Gerade in einer Zeit, da wir auch vom neuen Biedermeier sprechen, könnte doch gerade eine Partei der Mitte Wähler ansprechen?

KERN: "Ich kann mit der Kategorie links oder rechts in der SPÖ wenig anfangen. Ich sehe mich nicht als Linken und auch nicht als das Gegenteil. Wir versuchen, eine moderne Politik zu machen, die die Notwendigkeiten und Herausforderungen der Zeit abdeckt. Bei der CETA-Frage gab es Länder, die waren sehr skeptisch, sowohl auf der rechten Seite als auch auf der linken. Diese Dinge zerfließen. Auch zwischen Forderungen von Le Pen und sehr linken Organisationen gibt es erstaunliche Parallelen."

Nun,dass er mit "linker Politik" nichts anfangen kann, hat er allein durch sein Geschenk an die Banken von 650 Mio. Euro (die Mindestsicherung für die Ärmsten macht ca. 870 Mio aus, pro Jahr) - obwohl diese die grössten Gewinne aller Zeiten einfuhren! - unter Beweis gestellt. Die Tatsache, dass es ihm nicht gelang, 100,- Euro Einmalzahlung für die Mindestrentner durchzusetzen, unterstreicht seine politische Nullposition. Offen bleibt, wie lange die Gewerkschaften einen Kanzler unterstützen werden, der mit linker Politik "nix am Hut hat"?

Dass sich ein sozialdemokratischer Kanzler als jemand darstellt, der mit "links" nichts anfangen kann - ist Fakt und keine "postfaktische Lüge" - immerhin!

Selbstverständlich gibt es einige Bereiche, wo man Kern zustimmen kann. In den wichtigsten und für die Menschen elementarsten Politikfeldern jedoch, zeigen seine Ansichten den anfangs beschriebenen "postfaktischen Trend" auf, mit emotionaler Sprache den Tatsachen keine Beachtung zu schenken:

Schade.

- - - - -

2.) Haselsteiner: "Die Eliten haben es selbst verbockt"

Ich habe Haselsteiners Interview eher per Zufall gelesen, es bekommt allerdings durch seine finanzielle Unterstützung der "ANTI-ÖXIT-Kampagne" - in den USA würde man dies sehr positiv als "Donation" bezeichnen - eine höhere Aktualität.

Wie sieht bei ihm der "postfaktische Check" aus:

- KURIER: Herr Haselsteiner, befeuern Sie mit Ihrer Kampagne "Kommt Hofer. Kommt Öxit. Kommt Pleitewelle" nicht jene Anti-Establishment-Stimmung, die Trump in den USA zum Wahlsieg verholfen hat? Sie zählen zur Elite des Landes, die dem Bürger sagen will, wie er zu wählen hat ...

HASELSTEINER: Ich sehe das ganz anders. Meine Kampagne richtet sich zwar gegen den Herrn Hofer. Aber nicht weil er ein Freiheitlicher...weil er radikal ist, usw. ... Ich bin aktiv geworden, weil Hofer ein erklärter Anti-Europäer ist...Ich möchte im Rahmen meiner Möglichkeiten darauf aufmerksam machen, dass ein Anti-Europäer Bundespräsident werden könnte. Das wäre ein großer Schaden für das Land... Auch ich habe eine Geschichte mit Alexander Van der Bellen und wähle ihn aus Vernunftsgründen – und nicht aus emotionalen Gründen.

KURIER: Welchen Schaden?

HASELSTEINER: "Am Tag nachdem Hofer zum Bundespräsidenten gewählt wurde, gehen die Buchungen im Tourismus um zehn Prozent zurück. Das traue ich mich wetten. Arbeitsplätze werden verloren gehen. Die Wirtschaftskammer schätzt bis zu 150.000. Ich möchte die Menschen nur wachrütteln und die Konsequenzen aufzeigen. Meine Hoffnung ist, jene Wähler, die noch unentschlossen sind, für Van der Bellen zu gewinnen. Wenn man nicht zur Wahl geht, dann kommt eben der Brexit oder Trump. Trump ist ein Populist. Das hat er mit Herrn Hofer gemeinsam. Es ist das Wesen des Populismus, sich einen Feind zu suchen: Die Juden, die Reichen, die Einwanderer – wer oder was auch immer. Und wenn sie keinen Feind haben, erfinden sie einen."

Nun - mit Verlaub: dass eine Wahl gleich 10% weniger Nächtigungen bringen wird - WETTEN! - ist ungefähr so sicher, wie wenn ich sage, ab morgen fliesst die Donau stromaufwärts. Das allein ein ÖXIT gleich 14 Mio. Nächtigungen weniger bewirken würde - das klingt sehr unwahrscheinlich.

"Den Nettozahlungen von 0,4 Prozent des BIP steht ein langjähriger Wohlstandsgewinn von 7 Prozent, also des 19-fachen gegenüber. Anders gesagt: Ohne EU-Beitritt wären wir heute um 7 Prozent ärmer, wäre die österreichische Wirtschaft in den vergangenen zwei Jahrzehnten im Durchschnitt jedes Jahr um 0,5 Prozent weniger gewachsen, als dies der Fall war“, betont Professor Christian Keuschnigg vom WPZ, dem Autor der Studie.

Nun - wenn man die 7% durch 20 Jahre dividiert, kommt man auf ca. 0,35% BIP-Verlust pro Jahr - eine Grössenordnung, die man als "statistisches Rauschen" bezeichnen kann. Stellt man dies dem Gewinn etwaig entfallener Nettozahlungen von 0,4% gegenüber, so gleichen sich die errechneten Effekte aus.

So what?

Gemäss der Studie ist für 28% der ausländischen Unternehmen, die bei uns investieren, die EU-Mitgliedschaft "ausschlaggebend". Dies heisst aber, dass für drei Viertel (72%) der Firmen dies keine Rolle spielt... womit sich die Studie selbst, vor allem aber die Kampagne Haselsteiners von selbst erledigt.

Sehr seltsam ist es aber, wenn man mit Arbeitsplätzen und der damit verbundenen Angst politisch - so wie die FPÖ auch - hausieren geht! Dies ist u.a. deshalb sehr eigentümlich, weil man genau jene Expertinnen zu Rate zieht, die weder die grösste Finanzkrise der Menschheit prognostizierten . . . sich bei der Vorschau des Wachstums auf 1 Jahr innerhalb von Monaten um das 1-4-fache verschätzen . . . aber dann bei Prognosen über einen Brexit/Öxit über 10-20 Jahre punktgenaue Aussagen treffen . . . die dann von den Haselsteinern dieser Welt als "todbringende Wahrheit" verkündet werden.

Haselsteiner ist ein gutes Beispiel für die postfaktische Elite.

- KURIER: Wie kann man das Establishment wieder aus dem Schmuddeleck herausholen?

HASELSTEINER: Das zentrale Problem ist ein Verteilungsproblem. Macht, Einfluss und Vermögen sind in den Industrienationen ungleich verteilt. Eine immer größer werdende Bevölkerungsgruppe hat das Gefühl, dass sie keine faire Teilhabe hat. Daraus resultiert ein großes Unbehagen: Ich zähle nichts mehr, meine Meinung ist nichts mehr wert, außer ich gebe sie den Populisten – dann wird meine Meinung wieder aufgewertet. Das ist im Prinzip das Phänomen, an dem die Eliten und die Politik selbst Schuld tragen. Sie haben keine Gelegenheit ausgelassen, ihre Überlegenheit vorzuführen und haben es selbst verbockt usw.

Ja - die Analyse gibt die Tatsachen wider, nur stellt sich die simple Frage: w a s hat ER in seinem Unternehmen, mit seinem Mitarbeiterinnen getan, um diesem Trend - der neoliberalen Agenda - zu widerstehen?

Ist er nicht genau zu dieser Elite zu zählen und somit "Part of the System" gegen das nun immer mehr Menschen aufstehen, weil sie es satt haben, von den Unternehmen ausgebeutet und den Politikerinnen postfaktisch ... belogen zu werden?

- KURIER: Eine neue Studie zeigt, dass die soziale Kluft in der EU immer größer wird. Ein Sechstel ist trotz Vollzeitjobs von Armut bedroht. Ist das Gewinnstreben der Unternehmen ausgeartet und sollten Sie gerechtere Löhne zahlen?

HASELSTEINER: Wir haben zwei Phänomene: Einerseits müssen wir wettbewerbsfähig bleiben. Der soziale Unternehmer, der mehr verteilt, als er haben kann, tut seinen Mitarbeitern auch nichts Gutes, weil er bald pleite sein wird. Auf der anderen Seite haben wir ein Gewinnstreben, dass ohne ethisches Grundgerüst ausgestattet und vollkommen frei gelassen wurde. Es hinterfragt niemand kritisch, ist das noch akzeptabel?

Anmerkung: Ja, das entspricht diesmal sogar den Fakten - aber prüfen wir diese mal anhand seines Unternehmens (Strabag AG - er hält ca. 25.5% der Anteile):

- Haselsteiner gilt mit einem Vermögen von 1,3 Mrd. Euro zu jenen Unternehmern, die mit einer der höchsten Dividenden (ca 40% des Nachsteuergewinnes werden ausgeschüttet) bedient werden,

- die Gagen des Vorstandes stiegen 2014 auf 2015 um ca. 40%, jene der Mitarbeiter um ca. 2,5%; seit 2011 wurde ca. 3000 Beschäftige abgebaut.

Nachdem Haselsteiner meinte: dass dieses Gewinnstreben niemand kritisch hinterfrägt, stellt sich die Frage, wieso er nicht als gutes Beispiel voran geht und einfach 1,2 Mrd, seines Vermögens an die Mitarbeiter überträgt (was ca. 16.000,- Euro für jeden ausmachen würde), dann verblieben ihm immer noch 100 Mio. und er wäre weit davon entfernt, als armer Mann zu gelten?

Man konnte auch nichts darüber lesen, dass er ein Mitarbeiterbeteiligungsmodell für seine 73-000 Beschäftigten erarbeitet hat - genau jene Menschen, denen er seinen irren Reichtum verdankt?

- HASELSTEINER: "Wir haben eine Globalisierung zugelassen, haben aber keine globale Politik installiert...Es gibt keine gemeinsamen Standards für Umwelt, für Soziales, für Arbeitszeit, für Steuersätze. Alles ist nationalstaatlich geregelt und verzerrt den Wettbewerb. Damit hat die an sich gute Entwicklung der Globalisierung, die ohne Zweifel Milliarden von Menschen auf die Gewinnerseite brachte, auch viele Verlierer produziert."

Anmerkung: Dass es gemäß dem verfassungmässigem Prinzip der Subsidiarität nationale Lohnnormen und Arbeitszeitregelungen gibt, ist korrekt - was die Konzerne in CETA, TTIP usw. hineinverhandelten, erwähnt Haselsteiner nicht:

wieso?

- HASELSTEINER: "Der Preis der Globalisierung ist für Hunderte Millionen Menschen zu hoch geworden und führte zu Slogans wie: "Make America great again". Wir wollen keine Arbeitsplätze in China – zurück damit in die USA. Diese Fehler nutzen die Populisten nun aus."

Anmerkung: auch hier dürfte er einer verzerrten Wahrnehmung unterliegen, denn wenn es die höchsten Gewinne aller Zeiten gibt, dann verlieren immer die Beschäftigten - anders gesagt: dies hat mit Globalisierung per se nichts, mit der Gier nach Profit und gesunkenen Unternehmenssteuern und Dumpinglöhnen aber sehr viel zu tun. Hohe Gewinne führen auch nicht zu mehr Investitionen - auch dies neoliberale Lüge ist x-fach empirisch bestätig worden: es werden nur die Dividenden stark erhöht - so wie bei Haselsteiners Strabag AG auch!

- KURIER: Ihre Kritiker werfen Ihnen vor, dass Sie in Österreich die Populisten bekämpfen. Mit der Strabag machen Sie in Russland, wo Putin herrscht, gute Geschäfte. Wie passt das zusammen?

HASELSTEINER: Meine Feinde interpretieren das, was ihnen in den Kram passt ... Ich bin nicht mehr für die Geschäftspolitik der Strabag verantwortlich... Ein Firmenchef muss politikfern sein...

Anmerkung: Oh je, da wurde er wohl am richtigen Fuß erwischt, den die "Putin_Versteher" kritisieren, aber selbst schöne Profite einsacken, das grenzt an "postfaktische Realtitätsverweigerung".

- - - - -

Conclusio:

Dem "postfaktischen Media_Spin" wird landein/landab, tagein/tagaus, egal ob Politiker oder Unternehmer, offen gehuldigt. In elementaren Bereichen - also dort wo es wirklich zählt, dort wo man in die offensichtliche Lügenblase stechen müsste, um Licht ins Dunkel zu bringen und das "System" in seinen irren Auswüchsen zu verändern usw. - blendet man die Tatsachen eloquent aus. Dabei wird man tatkräftig von den Journalisten unterstützt, die auch seit Jahren in dieser "postfaktischen Tunke" mitschwimmen und so gut wie nichts hinterfragen.

Und so üben sich beide Gruppen in erkenntnistheoretischer Verantwortungslosigkeit und leisten damit einen unrühmlichen Beitrag zur Demolierung der Demokratie, indem sie diesen politischen Raum - wo allen Fragen zu überprüfen sind - nicht ausfüllen wollen...

Dumm ist nur, dass sowohl der Brexit als auch die USA-Wahlen, ein sehr kräftiges Zeichen dafür sind, dass sich die Mehrheit der Bürger nicht mehr belügen lässt und dieser berechtigte Vertrauensentzug sich an den Wahlurnen niederschlägt.

Tja - wer zu spät kommt, den bestraft das reale Leben.

- - -

ad) Haselsteiner: er ist eine der grössten Bauunternehmer und hat mehr als eine Sperrminorität in der Strabag AG, die seit Jahren in Russland tätig ist und dort gute Gewinne erwirtschaftet. Er ist "Initiator" - in den USA würde man "Donor" (Spender) dazu sagen - der NEOS, einem jungen Ableger der ÖVP, die von ihm finanziell sehr unterstützt wurden, um in das Parlament einzuziehen. Seine politische Ausrichtung ist sicher neoliberal, da besteht kein Zweifel.

Vor einer Woche ca. präsentierte er eine Aktion, die gegen Hofer als BP gerichtet ist und die den "ÖXIT" als Aufhänger hat, um Menschen davon zu "informieren", wie furchtbar ein Austritt aus der EU (der politisch eher nicht aktuell ist) wäre. Die "Argumente" lieferte eine bestellt Studie der WKÖ, Wirtschaftskammer Österreich, deren Ergebnisse ich zitierte. Zu dieser Aktion bekannten sich alte Politiker - von der SPÖ bis zur ÖVP - die die EU-Mantras bis hin zu längst widerlegten Lügen weiter brav herunterbeten.

Die meisten Markt- und Meinungsforscher halten diese Aktion für kontraproduktiv, weil das Brexit-Referendum als auch die USA-Wahl aufzeigten, dass sich Menschen immer stärker von den "Eliten, dem Establishment" (in den USA meint man mit letzterem Begriff konkret Washington D.C., also die politische Elite) abwenden.

Natürlich war es kein Zufall, dass die beiden Interviews im Sonntags-Kurier - 2 Wochen vor der BP-Wahl - erschienen sind.

Ich war ob der "postfaktischen Sprechblasen" einigermaßen erstaunt, weil es aufzeigt, dass weder die Politiker- noch die Journalistinnen etwas aus Trumps "Erdrutschsieg" gelernt haben.

Von den "Haselsteiners dieser Welt" kann sowieso niemand was Neues erwarten.

13:21 21.11.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

Kommentare 24

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Dieser Kommentar wurde versteckt