"Macron-Leaks" : das Ende für Macron?

Frankreich,Macron, Le Pen "In den (Steuer-)Oasen saufen die großen Kamele den kleinen das Wasser weg". (Renate, Künast - Ex-Grünen-Fraktionschefin).
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Läuft alles wie "geschmiert"?

Fast die gesamte Corporate-Media sah den Ex-Rothschild-Investment-Banker beim TV-Duell gegen Le Pen vor einigen Tagen als Sieger hervorgehen. Er mag diese aggressiv-verbale Schlacht gewonnen haben, aber ob er heute als neuer Präsident das Rennen machen wird, ist nicht so sicher. Zwar schrieben die MM - die "Macron_Medien" - den Heilsbringer in den Himmel, ich erinnere mich aber an das Brexit-Referendum, wo fast alle Meinungsforscher daneben lagen. Sie hatten neben der Tatsache, dass die Menschen das unehrliche Geschwätz der selbsternannten Eliten übersatt hatten - ua. darauf vergessen, dass die Wahl am Land und nicht in den Städten entschieden wird.

Trotz der euphorischen Vorhersagen - das Rennen ist offen. Prognosen über die vielen, die sich erst im letzten Moment entscheiden, noch über jene Menschen, die keinen von beiden bevorzugen, sind in den Modellen nicht kalkulierbar. Zu groß ist die Anzahl der Unentschlossenen. Bleiben viele einfach zu Hause, weil sie keinen Bock auf eine Wahl zwischen "Rechts - Neoliberal (Macron) und Rechts - National" (Le Pen) haben, könnte Marie Le Pen die erste Präsidentin Frankreichs werden.

Und mit Verlaub: Macron als "linksliberal oder gar linkssozial" zu verkaufen, ist eine Beleidigung aller, die nicht der Fraktion der Denkzwerge oder der leicht manipulierbaren Wähler angehören. Ob die inflationären Wahlempfehlungen von Politikern, die die Länder bei vollem Bewusstsein jahrzehntelang gegen die Wand fuhren, wirken, weiß sowieso niemand. Also - schaun mer mal...

Nach LUX-Leaks, Panama-Leaks...nun also Macron-Leaks?!

Erinnern Sie sich noch an LUX-Leaks, also jene Dokumente, die die Machenschaften eines Herrn Juncker - der sich keiner "Schuld" bewusst ist - Luxemburg zur größten Steueroase mitten in Europa zu machen, belegten? Er hats ohne grosse Schrammen überlebt. Konsequenzen gab es keine.

Etwas anders lief es bei den Panama-Leaks, wo z.B. der damalige Premier Islands, er stritt bis zuletzt alles ab, seinen Hut nehmen musste und es zu Neuwahlen kam. Auch der 5 Perioden dienende Präsident mußte abdanken, weil er nicht "wußte", dass seine Frau seit Jahren Geld in Steueroasen gebunkert hatte. Tja - beim Geld wird immer gelogen bis zum bitteren Ende...

"Nur getroffene Hunde bellen" - sagt man.

In der TV-Debatte konfrontierte Le Pen Macron mit Dokumenten, die aufdeckten, dass er an Firmen in Steueroasen beteiligt sei. Da flammte bei vielen Franzosen die Erinnerung an 2016 auf, wo ihm das Finanzamt nachwies, seine Steuern nicht korrekt bezahlt zu haben.

Da wars sofort aus, mit der "Nonchalance" des selbsternannten Überfliegers und alle lernten ein neuen - den Echten? - Macron kennen. Er bestritt aufs Vehementeste, solche Kontakte zu Steueroasen zu haben. Die seit Mittwoch veröffentlichten Informationen über seine bisher verschwiegenen Beziehungen zu Steueroasen (ua. Caymann-Islands), könnten Macron im Endspurt noch hart zusetzen. Ob sie ihm auch den vermeintlich-sicheren Sieg kosten können, werden wir heute Abend wissen.

Wir erinnern uns: Fillons Geheimhaltung über die Anstellung seiner Frau (sie erhielt über Jahre ca. 500.000 Euro - ohne dafür gearbeitet zu haben, so die Vorwürfe) hat ihn ins Partei-Out manövriert. Sein Bestemm, trotz geringer Chancen bei der Stichwahl anzutreten, war nicht von Erfolg gekrönt.

Macron`s Anwälte brachten sofort eine Klage gegen Unbekannt ein. Freitag gab es dann einen Hackerangriff und die gleichgeschaltenen Medien (ja, ich hab die meisten gelesen!) berichteten von "kriminellen Handlungen...der Vermengung von echten Macron_Büro_Mails mit Fake-Mails ... und hatten auch die seit Jahren üblich Schuldzuweisung parat:

es waren die Russen - schon wieder!

Alle wollen sie Macron nur Schaden zufügen - dem von Milliardären erfundenen und finanzierten "Erlöser der Nation", ohne den Frankreich total verloren in die Zukunft blicken muss (O.K., ich hab etwas übertrieben).

Was nun: FACT NEWS - oder FAKE-NEWS?

Es würde diesen Rahmen total sprengen, wenn gerade ich mir, als nicht so toller IT-Experte, anmaßen würde, ein Urteil zu fällen. Zwei Dinge aber sind angesichts dieser irren Massenhysterie allen vernunftbegabten Menschen klar:

1.) niemand kann innerhalb von 1-2 Tagen 9 Gigabyte an Informationen (die gestern online gestellt wurden) so prüfen, dass eine sachlich korrekte Aussage über deren Richtigkeit getroffen werden kann;

2.) die einzige Organisation die dies mit ihrer Expertise innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens machen kann - ist WIKILEAKS!

Für eine grobe Einschätzung reicht es aus meiner Sicht daher aus, einige Kommentare von WIKI-LEAKS zu Macron-Leaks zu erwähnen:

Samstag, ca. 22 h:

1) Wikileaks did not publish Macronleaks.

2) So far only Macron claims "fake docs" - but names none.

Samstag, ca. 15h :

We have not yet discoverd fakes in MacronLeaks & we are very skeptical, that Macron compaign is faster than us

Freitag, 5. Mai

MacronLeaks assessment update: This massive leak is too late to shift the election. The intent behind the timing is curious.

Freitag, 5. Mai - 10.46h.

MacronLeaks: a significant leak. It is not economically feasible to fabricate the whole. We are now checking parts.

Kurz zusammengefasst:

5. Mai - MacronLeaks ist eine umfangreiche Datei und es ist nicht machbar, diese als Ganzes zu prüfen. Es ist zu spät, dass Macron_Leak die Wahl beeinflusst und der Zweck hinter dem Timing (die Veröffentlichung ein paar Tage vor dem entscheidenden Wahlgang) ist merkwürdig.

6. Mai - Es wurden bis jetzt keine Fakes in Macronleaks festgestellt und wir sind sehr skeptisch, ob die Macron-Kampagnenleitung schneller ist, als wir...Wikileaks hat Macronleaks nicht lanciert ... Bis jetzt hat nur Macrons Büro "gefakte Dokumente" verlautbart - ohne welche konkret zu nennen.

Diese Informationen reichen aus, um eine vorläufige, plausible Darstellung von Macron_Leaks bis heute zu gewährleisten. Es ist daher entbehrlich, sich der x-fach wiederholten Propaganda - egal ob in den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten oder den Printmedien - zu widmen: es lohnt nicht.

Ist Frankreich noch eine Demokratie?

Die Nationale Wahlkommission (CNCCEP) warnte französische Medien davor, die Inhalte der Dokumente zu veröffentlichen, weil ein Teil davon - wahrscheinlich - "Fälschungen" seien. Sie wies darauf hin, dass die Verbreitung falscher Nachrichten strafrechtlich geahndet werden könne?! Dies klingt sehr eigentümlich, denn dann müssten alle Politiker als auch deren Wahlkampftruppen sofort verhaftet werden... Nun - wenn von öffentlichen Stellen die Medien angewiesen werden, keine Informationen über den "Hackerangriff" zu publizieren und sich diese - allen voran "Le Monde" - daran halten, dann ist die Frage leicht zu beantworten.

Wenn Informationen, deren Korrektheit nicht hinterfragt werden darf (?) - weil diese das Wahlergebnis beeinflüßen könnten - auf der anderen Seite aber reflexartig Artikel von Journalisten publiziert werden, dass diese "ja eh nur FAKE-NEWS" seien - ohne einen Beweis dafür zu liefern! - dann hat sich eine Debatte um eine demokratische Meinungsbildung, einem der Eckpfeiler jeder Demokratie, erübrigt.

Dass sich diese mehr oder weniger an die von Macron veröffentlichte Presseerklärung halten, rundet das Bild der Mainstreammedien und ihrer Zusammenarbeit mit dem Wunschkandidaten für das Präsidentenamt ab. Welche "meinungsbildende Rolle" die Nachrichtenagenturen, hier am Beispiel REUTERS dargestellt, in diesem Medienkrieg ausüben, kann man anhand der Headline: "U.S. far-right activists, WikiLeaks and bots help amplify Macron leaks: researchers" leicht nachvollziehen: die Nerven liegen mega-blank.

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Wer trat dieses mediale Erdbeben los?

Wikileaks war es also nicht, wie oben festgestellt.

Dokumente lassen Engagement von Macron in Steueroasen vermuten

war die Headline von "Disobedientmedia.com" am 3. Mai. Es ist eine Plattform für Investigativen Journalismus. Die höchst brisanten Informationen wurden dann von Zerohedge.com aufgegriffen und von dort schnell weiterverbreitet. Vorerst wurden 2 Dokumente veröffentlicht, die Macron eine Geschäftsverbindung in Steueroasen zuschreiben:

1.) Eine Betriebsvereinbarung mit einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung (LLC) auf der karibischen Insel Nevis mit der Unterschrift von Macron vom 4. Mai 2012 mit dem Namen "La Providence LLC". Dies ist der Name der ehemaligen High School von Macron im Amien, seinem Heimatort. Nevis ist eine der "sichersten Steueroasen" - weil sehr verschwiegen. Gemäß dem "Confidential Relationship Act" ist die Offenlegung von Informationen verboten und dadurch die strikte Geheimhaltung der Privatsphäre garantiert. Informationen über Firmeninhaber werden nicht veröffentlicht und sind der Öffentlichkeit nicht zugänglich und die LLC ist 100% tax-free. Bloomberg nannte Nevis unter den beliebtesten Steueroasen in der Karibik.

2.) Das 2. Dokument ist ein Brief, der auf die Beziehung zwischen "La Providence Ltd." von Macron und der First Caribbean International Bank hinweist. Forbes berichtete, dass diese Bank als Vermittler bei Steuerhinterziehung 2013 involviert war und Reuters stellte klar, das die Erste Karibik-Internationale Bank auch im Korrutpitonsskandal des Weltfussballverbandes eine Rolle spielte.

Beide Dokumente wurden seit Donnerstag heftig kritisiert, und als Fake-News, ua. mit Hinweisen, es handle sich um billige "Photoshop" Kopien usw., verunglimpft. Die aus der Hüfte abgefeuerten Schnellschüsse kamen zumeist von Leuten aus den Radaktionsstuben der Mainstream_Medien, deren IT-Kompetenz sehr anzuzweifeln ist. Deren Kritik deckt sich - wie zuvor erwähnt - nicht mit den bisher bekannten Ergebnissen von WIKILEAKS - und sind daher mit großer Distanz zu "betrachten".

Neue Informationen aus Macron`s Umfeld

Neben dem Volumen von 9 Gigabyte wurden neue Informationen aus dem Umfeld von Macron veröffentlicht. Dies führte dann zur Presseinformation, dass das Büro von Macron gehackt wurde und sich unter den vielen Emails auch "gefakte Mails" en masse befänden - ohne solche beispielhaft anzuführen. Mit solchen spekulativen Behauptungen wurden dann alle Medienkanäle versorgt und zugemüllt.

Wie WIKILEAKS (siehe oben) klarstellte, konnten sie bisher keine FAKES erkennen.

Freigebene Dateien wurden auch an Mitglieder der Chicago Hacking Konferenz THOTCON geschickt, die die Echtheit überprüft haben. Deren Urteil ist ungleich mehr an Gewicht beizumessen, als irgendwelchen Journalisten oder "IT-Experten" der Massenmedien. Die Mails gingen teilweise ein Jahrzehnt zurück und viele der geleakten Emailkonten lassen darauf schliessen, dass die Sicherheitsvorkehrungen sehr schlecht waren.

WallStreet-Journal (WSJ) spricht Macron "frei".

Ein journalistischen Märchen besonderer Güteklasse lieferte das Wallstreet-Journal einen Tag nach der ersten Veröffentlichung der Dokumente zu Macrons Beziehungen zu Steueroasen in der Karibik ab. Sie beziehen sich auf die Behörde in Nevis. Es sei keine Firma mit dem Namen "La Providence LLC" in der karibischen Insel registriert, sagte Ercil Dore, ein Firmenregistrierungsoffizier in einem Telefoninterview gegenüber dem WSJ. Nun - wenn wir uns die "Panama-Papers" in Erinnerung rufen, wie viele Briefkastenfirmen befanden sich in nur einem Haus? Die meisten wurden von Treuhändern und Rechtsanwälten gehalten und ob diese alle in einem öffentlichen Register aufscheinen, ist alles andere als sicher.

Überraschend ist die orkanartige Geschwindigkeit, mit der diese amtliche Klarstellung des Beamten von Nevis im WSJ abgedruckt wurde - sie erfolgte nur einen Tag nach den ersten Informationen. Das nenne ich wirklich professionell. Ein Interview und den Druck desselben so rasch hinzubekommen:

C H A P E A U !

Nochmals sei auf das "Nevis Confidential Relationship Act" verwiesen, wo unter dem Kapitel "Nevis Company Privacy" folgendes steht:

- "The Nevis Confidential Relationship Act prohibits the disclosure of information and secrecy and privacy of Nevis Offshore LLCs are guaranteed under this act.

- The identity of the Beneficial Owners is not published nor is it available to the public".

Aber der Firmenregistrierungsoffizier Ercil Dorein hat es sicher nur gut gemeint und wenn das WSJ mal ganz dringend anruft, dann sind auch Gesetze - an die man sich sonst penibelst genau hält - eben nur geduldiges Papier ...

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Macron-Leak und die (mögliche) Präsidentschaft: was nun?

Lassen wir mal den unsäglichen Medienfight und die inferiore Propaganda beiseite und unterstellen einen Sieg von Macron. Was könnten Konsequenzen aus seinen Beziehungen zur Steueroasen auslösen?

- Niemand bei normalen Verstand wird annehmen, dass Macron_leaks bei einem Sieg begraben werden wird;

- 2012 hat Macron noch bei Rothschild & Cie gearbeitet und wahrscheinlich hohe Windfall-Profits für die Privatisierungs-Deals erhalten; in Österreich kassierten die blaue "Buberlpartie" rund um den ehemaligen Finanzminister Grasser 1% als Kickbackzahlung - dies würde bei einem Volumen von 11 Mrd. ca. 100 Mio Provision ausmachen;

- 2016 wurde festgestellt, dass Macron zuwenig Steuern bezahlt hat, was vielleicht mit diesen Provisionen zu tun haben könnte;

- kann man ihm anhand der Kontodaten Geldflüsse von Frankreich nach Nevis oder sonst eine Steueroase nachweisen, dann ist er als Präsident so beschädigt, dass er sicher keine volle Periode im Amt bleiben kann;

- auch wenn alle Medien unter Strafverfolgung gestellt werden, ist der Zug abgelaufen, weil sich alle seriösen Portale wie eben WIKI-LEAKS an diese 9 Gigabyte an Informationen heften werden, bis sie was gefunden - oder die Dateien als echte Fakes entlarvt haben.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Macron aus dieser Misere unbeschädigt als Präsident herauskommt - dürfte sehr gering sein. Aber - es gilt auch für ihn die "Unschuldsvermutung".

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"Immer zieht die Macht auch das Geld an".

(Leopold von Ranke, 1795- 1886, Berliner Historiker)

16:12 07.05.2017
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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