ÖVP-Kurz hat jede Glaubwürdigkeit verloren!

Kindergartenstudie, Kurz "Glaubwürdigkeit ist manchmal nur eine Frage der Garderobe. Das weiß auch die Lüge, wenn sie sich adrett kleidet". (Renzie, Thom).
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Ich weiß, die Österreichische Politik ist nur ein internationales Nebengeräusch - dennoch liegt sie "im Trend", zumindest was den Auftritt von "Wunderwuzzis" und in den Himmel geschriebener "Messias` " gilt: da können wir allemal mit den Macrons und Guttenbergs etc. mithalten.

Macron dürfte wohl ein "unerreichbares Vorbild" - zumindest für alle Spindoktoren - sein. Von Versaille bis hin zu Bildern des "unendlich starken Mannes", fotografiert mit der Atomflotte Frankreichs, kann man nicht so einfach kopieren.

Kurz - unsere 30jährige Zukunftshoffnung - sticht da besonders hervor und gerade deutsche Medien helfen dabei, einen "Heilsbringer" hochzuhypen, wie man es ganz selten erlebt. - Guttenberg konnte über Wasser gehen ... aber Kurz kann auch "Berge versetzen" - dort wo gar keine sind ;)

DieZeit attestiert ihm "ein Ego von Weltmachtniveau mit hohem Gefahrenpotenzial". Und Österreich machte in den letzten Tagen wirklich suppi-suppi-tolle Schlagzeilen mit der Ankündigung, Panzer und Truppen zur Brennergrenze zu senden, was zu berechtigter "Verstörung" unter den anderen EU-Ländern hervorrief.

Kurz ist da an vorderster Front das bestimmende Organ und, so scheint es, durch nichts einzubremsen.

https://kurier.at/politik/ausland/kurz-ego-hat-weltmachtniveau-mit-gefahrenpotenzial/273.494.366

Oder - doch?

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Ich war sehr unangenehm überrascht, als in der ZiB2 vom 6. Juli es Frau Dittelbacher nicht und nicht gelingen wollte, Kurz bei seiner "Schwafelei" über die saudi-arabischen Kindergärten einzubremsen - denn: das war nicht das Thema!

Häupl hat diesbezügliche Fehler schon vor Monaten zugegeben und es war ua. auch ein Grund, wieso die Wiener Gesundheitsstadträtin aus ihrem Job ausschied:

So what?

Es ging ausschließlich um die "Fälschung" (anders kann man sinnentstellte Nachbesserungen, von wem auch immer, nicht bezeichnen) der Studie und der politischen Verantwortung dazu. Diese liegt, da hat Häupl Recht, immer beim Chef!

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UNI-WIEN: Projektbericht. Evaluiering ausgewählter Islamischer Kindergärten und -gruppen in Wien.

(Univ.Prof. Dr. Ednan Haslan)

und

die wissenschftliche Kritik dazu von Frau Mag. Andrea Schaffar, Kommunikations- und Sozialwissenschafterin und Lektorin an der Uni Wien.

Die Islam-Studie..."habe mit Forschung nichts zu tun"... und als Diplomarbeit wäre sie ein Fünfer"...kritisierte Frau Schaffar dieses Werk scharf, das so massiv medial vom Falter mit seinen "Korrekturen" unter Beschuss genommen wurde. Aber mit diesen Details halte ich mich nicht auf, viel interessanter ist die Kritik an dieser "Studie".

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Im zuvor angeführten Standard-Interview kritisiert Frau Mag. Schaffar die Studie scharf:

- Religionspädagoge Ednan Aslan sagte, Wiens islamische Kindergärten seien von Salafisten dominiert. Sie haben die Studie analysiert. Lässt sich das herauslesen?

Schaffar: Nein. Das Spannende an der Studie ist, dass es zwar einen kleinen empirischen Teil gibt, aber Behauptungen über Salafisten finden sich erst im Teil, der danach kommt – und das ist einfach geschriebene Prosa... Da hat sich jemand hingesetzt und willkürlich aus Websites oder eigenen Beobachtungen zitiert und die eigene Meinung hingeschrieben... Das hat mit Forschung nichts zu tun...

- Das ist bei einem Wissenschafter ein schwerer Vorwurf.

Schaffar: Ja. Ich tue das aber aufgrund meiner methodischen Ausbildung. Aslan ist kein Sozialwissenschafter..., sondern Religionspädagoge. Die Sozialwissenschaft hat sich auf bestimmte Methoden verständigt – und da fällt er komplett raus... Ich maße mir nicht an, etwas zur Islampädagogik zu sagen. Hier wurde nicht korrekt gearbeitet... Das fällt allen Sozialwissenschaftern auf den Kopf.

- Was kritisieren Sie?

Schaffar: Die Studie hat vor allem methodisch große Mängel... Sie ist intransparent..., es wird nicht dargelegt, von welchen Quellen ausgegangen wird..., welche Kindergärten ausgewählt wurden...

Und weiter ..."Wenn so gearbeitet wird, zeigt das, dass es kein wissenschaftliches Arbeitsethos gibt..., und dann ist man Interventionen von Auftraggebern gegenüber anfälliger. Ich mache selbst Auftragsforschung – da ist es ganz wichtig, eine Grenze zu ziehen, weil es nicht um Gefälligkeitsgutachten... gehen darf. Natürlich gibt es an islamischen Kindergärten viel zu kritisieren – aber umso wichtiger wäre es doch zu wissen, was die Fakten sind"!

- Aus der Studie geht nicht hervor, mit wie vielen Kindergärten wie viele Interviews geführt wurden. Ist das üblich?

Schaffar: Nein. Es muss transparent gemacht werden, wer warum ausgewählt wurde. Sonst kann das ja niemand nachvollziehen...

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Kritik von Frau Mag. Schaffar vom 23. März 2016.

Sehr interessant ist die Langversion der Kritik von Frau Mag. Schaffer an der Vor-Studie von Univ.Prof.Dr. Aslan vom März 2016. Man versicherte ihr, dass ihre Kritik Eingang in die Endversion finden würde. Völlig klar, unbestritten und unabhängig von der Qualität dieser Studie ist jedoch, dass die "Auftraggeber" - hier das Außenministerium - offengelegt werden müssen! Natürlich wird in solchen Fällen gerne verschwiegen, wer der Financier ist, um einer "Instrumentalisierung von Wissenschaft für politische Zwecke" vorzubeugen.

Blöd - dass es diesmal nicht geklappt hat!

Die wichtigsten Kritikpunkte sind:

- "Der Begriff Vorstudie ist und bleibt kein Freibrief zu wissenschaftlicher Beliebigkeit, die sich in mangelnder Nachvollziehbarkeit und z.B. auch einem unzureichenden Sampling zeigt.

- Nicht im Anhang enthalten sind eine Übersicht über die Anzahl und Art der geführten Interviews oder Interviewtranskripte... Relevant ist dies, da die im Abschlussbericht getroffenen Aussagen nur überprüft werden könn(t)en, wenn Transkriptstellen zugänglich sind ...

- Im Abschlussbericht zu den islamischen Kindergärten fehlt eine Übersicht über die geführten Interviews und die Codierungen sind für LeserInnen nicht nachvollziehbar... auch wenn also Transkriptstellen im Fließtext vorhanden sind, ist der Forschungsprozess objektiv für Dritte nicht nachvollziehbar ... dies wird in weiterer Folge auch bzgl. des Samplings relevant.

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S. 6 Feldzugang und Stichprobenbildung

- Postuliert wird „über eine Vielzahl theologischen und ideologischen Materials“ zu verfügen, um dann aber zu schreiben, dass dieses Wissen für den Bereich der Kinderbetreuungseinrichtungen nicht ausreichend wäre... (S. 7 Abschlussbericht),

- Wissen darüber wie das Feld der islamischen Kinderbetreuungseinrichtungen aussieht, ist nach den Angaben im Abschlussbericht n i c h t...vorhanden. Geschätzt wird „die Zahl der muslimischen Kinderbetreuungseinrichtungen in Wien auf ca. 150“ (S. 8 Abschlussbericht),

- Wie der Feldzugang, d.h. der Kontakt zu den Kinderbetreuungseinrichtungen, gestaltet wurde, wird im Kapitel Feldzugang n i c h t ... erklärt,

- Zuerst einmal stimmt es nicht, dass es keine Daten über dieses Feld gibt... Öffentliche Daten sind aus verständlichen Gründen – Datenschutz – nicht zugänglich. Kinderbetreuungseinrichtungen können allerdings nicht ohne behördliche Bewilligung gegründet werden. Die MA 11 und MA 10 der Stadt Wien verfügen über sämtliche Daten bzgl. der Wiener Kinderbetreuungseinrichtungen und steht mit diesen auch mehrmals jährlich in Kontakt.

- Ein erster sinnvoller Schritt wäre also gewesen mit diesen beiden MAs in Kontakt zu treten und diese als ProjektpartnerInnen zu gewinnen...

- Die Vorgangsweise im Rahmen der „Evaluierung ausgewählter Islamischer Kindergärten und –gruppen in Wien“ an den Behörden der Stadt Wien vorbei zu agieren..., macht im Kontext des finanzierenden Außenministeriums und – ministers andere Thesen plausibel:

... In der Evaluierung ging es nicht um die Produktion wissenschaftlicher Ergebnisse,

... Naheliegender Schluss: Dies war eine Auftragsstudie, die für politische Argumentation und Öffentlichkeit genutzt werden sollte. Anders lässt sich das Agieren an den zuständigen Behörden vorbei kaum nachvollziehbar erklären".

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S. 13, 4. Methode: qualitativ-empirische Analyse

- "Einer meiner Hauptkritikpunkte war, dass die vorliegenden Ergebnisse den Ansprüchen einer Grounded Theory in keiner Weise entsprochen haben... aus methodischer und methodologischer Perspektive ist das Weglassen der Rahmenmethodologie schräg... Qualitative empirische Projekte werden zu Beginn eines Projektes klar in einem methodologischen Rahmen verortet, dieser Zugang ist in der Folge forschungsleitend in Bezug auf die Herangehensweise, die Arbeit im Feld..., Samplingprozesse ...und vor allem die Auswertung...

- In der Kapitelüberschrift wird von einer „qualitativ-empirischen Analyse“ gesprochen. Was das genau sein soll, bleibt unklar. Ein Verfahren mit dieser Bezeichnung gibt es nicht.

- Mein Schluss aus diesem Abschnitt des Abschlussberichtes ist, dass hier wenig methodisches Wissen am Werk war... Auch die auf S. 14 angefertigte Abfolge an Begrifflichkeiten stützt diese These.

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S. 15, 4.3. Sampling

- Dies war ein weiterer Kritikpunkt meiner ersten Analyse. In der Erstfassung der Vorstudie war kein Sampling enthalten.

- Diesmal existiert die Überschrift und einige, wenige Zeilen, aber nicht mehr ... was ein Samplingprozess leisten soll und warum theoretical sampling bei explorativen Verfahren grundlegend notwendig sind, habe ich in der ersten Kritik ausführlich erläutert... etwas Dementsprechendes findet sich auch im Abschlussbericht nicht.

- Aus den formulierten Zeilen lässt sich nichts Relevantes extrahieren, das Feld der islamischen Kinderbetreuungseinrichtungen erschließt sich dadurch nicht und die Auswahl der Fälle bleibt im Dunklen.

- Eine Darstellung des Samplingprozesses und die Argumentation der Fallauswahl ist ein Kernelement ... bzgl. der Wissenschaftlichkeit qualitativer Arbeiten ... und muss demnach in jedem derartigen Paper enthalten sein.

- Dass von 15 angefragten Kinderbetreuungseinrichtungen nur 8 zugesagt haben, verwundert angesichts der Berichterstattung nicht. Ein Feld in dieser Art und Weise in die öffentliche Debatte zu bringen, hat dementsprechende Folgen.

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S. 71, 9. Über die Bedeutung der pädagogischen und religiösen Profile der Trägervereine für die Erziehungsarbeit in den Kindergruppen und die Notwendigkeit einer vertieften mehrjährigen Studie

- Gerade diese alltagspraktische Umsetzung, sprich wie der gelebte Alltag in den Kinderbetreuungseinrichtungen aussieht, wäre aber das Interessante. Ein Punkt den ich in meiner Erstkritik beleuchtet habe.

- Dahinter steht die Frage, ob die Vorannahme des Einflusses der hinter den Kinderbetreuungseinrichtungen stehenden Organisationen hält oder nicht.

- Den Angaben im Abschlussbericht folgend können darüber k e i n e ... Aussagen getroffen werden. Die erhobenen Daten geben darüber nur unzureichend... Auskunft".

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Dabei möchte ich es wirklich belassen!

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Kurz hat mit seiner äusserst unprofessionellen "Handhabung", vor allem aber seiner eben n i c h t auf FAKTEN beruhenden Aussagen und naiven Interpretationen, seine Glaubwürdigkeit verspielt!

Mal abgesehen davon, dass jeder Minister selbst für alle möglichen Malversationen verantwortlich ist, steht er auch als ÖVP_Obmann und Kanzlerkandidat ganz vorne im Blickpunkt der Öffentlichkeit, wenn es darum geht, dass man korrekt und anhand von profunden Recherchen mit Aussagen die Menschen konfrontiert und Lösungen anbietet - und eben nicht mit Meinungen, die weder VALIDE, ZUVERLÄSSIG noch REPRÄSENTATIV sind.

Solch ein Verhalten ist eines BK-Kandidaten nicht würdig!

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Anmerkung:

Wien hat sich aus dieser Studie schon vor Monaten zurückgezogen und eine andere, umfangreichere beauftragt. Sobald diese vorliegt, wird Häupl diese präsentieren und sicher sofort (es sind ja bald Wahlen) Massnahmen ergreifen, die Fehler abzustellen.

P.S. Eine satirische Zuspitzung liefert die "Tagespresse"

"Kurz präsentiert neue Schock-Studie: Täter von Linz war in Islam-Kindergarten ... Die Studie, die in einer akribischen Arbeit von 40 Minuten entstanden ist, zeichnet ein schockierendes Bild: Die Kinder dort mussten sich beim Spielen nach Mekka ausrichten“, heißt es etwa.

10:07 07.07.2017
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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