Pu(t)scht der Mainstream Kurz zum Kanzler?

Kurz, ÖVP,NR- Wahl2017 "Wenn einer nichts gelernt hat: dann organisiert er. Wenn einer aber gar nichts gelernt und nichts zu tun hat: dann macht er Propaganda.“ (Kurt Tucholsky)
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Dieser Artikel erschien am 2 Tage vor der Wahl, am 13. Oktober.

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Pu(t)scht der Propaganda_Overkill Kurz zum Kanzler?

"Overkill" (Übertötung / Mehrfachvernichtungskapazität)

Der Begriff stammt aus dem Kalten Krieg und wurde angewandt, um das irre atomare Wettrüsten durch eine Ziffer der x-fachen Möglichkeit den Gegner zu (über-)töten, zu messen. Beide Atommächte hatten schon in den 1960er Jahren die Kapazität, die Menschheit mehrfach zu vernichten und auf dieser Balance fusste das "Gleichgewicht des Schreckens". Die Theologin Uta Ranke-Heinemann spitzte diesen Rüstungwahnsinn in einer Rede 1981 zu: sie meinte, wo man die 100 Mrd. Menschen her bekomme, die man durch die Atomaren Sprengköpfe locker töten kann.

Wem gehören die Medien / Overkill der Mainstream-Medien.

Gerhard Schröder, SPD und Ex-Kanzler, beschrieb die Voraussetzung der Machtausübung treffend: "Zum Regieren brauch ich nur die Glotze und BILD"! Wie wahr. Volker Pispers, der brillante deutsche Kabarettist, zerdröselt die deutsche Medienlandschaft und stellt schlüssig dar, welche Macht der Beeinflussung - der Propaganda - die Eigentümer der Zeitungen/TV-Anstalten haben.

Ist Österreich eine Medien-Bananenrepublik?

Das Kennzeichen der Bananenrepubliken ist ua. dass man quasi mittelalterlich-absolutistische Herrschaftsverhältnisse in solchen Ländern vorfindet. Entweder durch eine Herrschaft des Militärs, einer völlig korrupten Despotenhierarchie, oder einer Diktatur von Oligarchen, die in einzelnen Teilen der Wirtschaft über Monopole irre Gewinne abschöpfen und keine Konkurrenz zulassen. Im Bereich der Medien trifft dies zwar in vielen Ländern zu (wie z.B. in Grossbritannien, siehe weiter unten), aber die Meinungsmacht und -manipulation wird über die Auflage/Reichweite der Zeitungen z.B. erzielt. Und diese zeigt in Österreich folgendes Bild:

- die Kronenzeitung (vergleichbar mit BILD in Deutschland) erzielt eine Reichweite von 30,1%

- Heute (Gratiszeitung) 12,9%

- Österreich (Gratiszeitung) 7,2%; alle drei zählt man zum "Boulevard" und sie verfügen über 50,2% der Marktanteile!

Dazwischen liegt die Kleine Zeitung (10,9%) die aber die Nummer 1 in der Steiermark und Kärnten ist - danach folgt der Kurier (7,4%), ein dem Raiffeisenkonzern "verbundenes" Organ. Qualtitätsblätter, wie derStandard folgen mit 6,0% und diePresse schon weit abgeschlagen, mit 4,1%. Grosse Verluste der Gesamtreichweite mussten der Kurier (von 8 auf 7,4%) und Österreich (DAS Boulevardblatt per se) von 8,5 auf 7,2% hinnehmen.

Dies verdeutlicht die irre Meinungsmanipulation bei einer "lobenden Berichterstattung" für einen BK-Kandidaten. Die Macht der Meinungsbildung wird noch durch die Raiffeisenmedien in den Bundesländern verstärkt - und da verwundert es nicht mehr, dass der "gewünschte, eigene Kandidat" über Monate in fast allen Meinungsforschungsergebnissen stabil vorne liegt.

Der Messias-Kurz scheut auch nicht davor zurück, bei Kritik die Redaktionen anzurufen und sie "zur Rede zu stellen", wie man lesen konnte. Auch nachdem ihn Frau Lunacek in einem ORF-Beitrag überführte, die offizielle Statistik der OECD auf seiner eigenen Homepage manipuliert zu haben, wurde berichtet, dass er sich lautstark bei der ORF-Redaktion über die "unvorteilhafte Befragung" beschwerte...

Kurz - und die un_natürliche Lobhudelei des Mainstream

Seit Kurz vor 4 Jahren das Aussenministerium übernahm, wird er - natürlich rein zufällig... - als Bundeskanzler vom rechten Mainstream "aufgebaut": etwa vergleichbar mit KHG (Karl_Heinz Grasser, ex Finanzminister und nun Angeklagter im grössten Korruptionsskandal Österreichs) vor einigen Jahren. Am Tag seiner Amtsübernahme des Aussenministeriums wurden ihm - obwohl er noch keinen einzigen Tag als Minister gearbeitet hatte! - von fast allen Zeitungen (abgesehen von 2 Blättern) des Landes die Qualitäten und die Kompetenz eines kommenden Regierungschefs zugeordnet: die bürgerliche ÖVP hatte ihren neuen Kanzler entdeckt!

Seit damals zieht sich dieser sur_reale Hype querbeet durch den Boulevard und die "Raiffeisenmedien" (Kurier, Profil etc.), als auch die neoliberale, bürgerliche Presse (diePresse, Salzburger Nachrichten usw.). Es scheint, dass diese geballte Macht der Lobhudelei ausreicht - einen Kanzler frei nach dem Gusto und als hörigen Befehlsempfänger des Geld- und Industrieadels zu "erschaffen"!

Propaganda - Overkill: Pro / Contra

- In Großbritannien verfügen nur 5 reiche Familien über ca. 80% des Marktanteils am Medienmarkt. Beim Brexit, den die Boulevardblätter von Murdoch über Jahre "bewarben", war die Marktmacht der Propagandisten für LEAVE ein wesentlicher Faktor. Die veröffentlichte Meinung gegen die Bürokratie in Brüssel als auch die Immigration wurde gnadenlos über Jahre betrieben und die politischen Speerspitzen waren/sind bei den Tories zu finden.

- Gegenteilig wirkte sich diese in der mehr als 2jährigen, überwiegend diffamierenden und denunzuierenden "Berichterstattung" über Jeremy Corbyn, Chef von Labour, aus. Etliche Institutionen, ua.die LSE (London School of Economics) wiesen nach, dass zu 80% falsch, negativ und delegitimierend über ihn berichtet wurde - dennoch gewann er nicht nur die Wahl zum Labour-Chef vor einem Jahr, sondern er zerbröselte auch die absolute Tory-Mehrheit von Theresa May`s provozierter Wahl diesen Sommer. Der negative Mediaspin, die jahrelange negative Propaganda und Abwertung gegen Corbyn, war wie Wasser auf die Mühlen der Gegner der neoliberalen Konservativen.

Mittlerweile hat Jeremy Corbyn einen Kult_Status, ein von niemanden mehr in Frage zu stellendes Bild eines ehrlichen, wahrhaftigen, authentischen und immer sich auf der Seite der Schwachen stellenden Politikers erreicht: und das gegen die gewaltige Macht der RIGHT_WING_MAINSTREAM_MEDIA!

- Auch bei Trump war die Medienmacht der Leitmedien (New York Times, Washington Post und CNN usw.) nicht ausschlaggebend: Hillary vorlor trotz der vorteilhaften Meinungsumfragen, die sie weit vor Trump wähnten als auch der Dauerbeschuss der Mainstreammedien gegen ihren Widersacher nicht half. Bei diesen Wahlen spielten zum ersten Mal die sozialen Medien, alle voran Twitter, wo Trump mittlerweile sogar den Papst mit fast 40 Mio "Followern" überholte, die entscheidende Rolle: wenn Trumps provozierende Tweeds nur 4x verteilt wurden, so erreicht er um die 120 Mio Menschen und wenn sodann die Printmedien über seine "Ausfälle" sich echauffierten, bekam er so viel Werbung, die für kein Budget zu bezahlen gewesen wäre. Kein klassisches Print-Medium, kein TV-Sender kann sich mit dieser Media_Attention messen.

- Wer ist Emmanuel Macron wirklich? Kurz wird als Heilsbringer der Rechten/Konservativen oft mit dem französischen "Jupiter" (so nennt sich Macron selbst gerne) verglichen. Die Ösi-Kopie von Macron hinkt jedoch puncto akademischer Ausbildung, Praxiserfahrung in der Privatwirtschaft (Macron ist fertig studierter Philosoph und arbeitete ua. bei der Investmentbank Rothschild & Cie) als auch was die Gründung einer eigenen Bewegung (Kurz hat ja nur die ÖVP "umgefärbt";) betrifft, weit hinterher.

Im Hinblick auf den äusserst positiven Medien_Hype durch gewogene Milliardäre und der stark an die Sekte Scientology erinnernden, religiösen Verehrung, ist Macron mit Kurz durchaus vergleichbar. Auch beim Einfordern der Macht, um das Land zu "führen"..., ähneln sie sich bis aufs Haar.

Die letzten zwei Monate jedoch knallte Macron hart am Boden der Realität auf: seine Sympathiewerte liegen nach nur 4 Monaten als Präsident unter jenen von Hollande als auch Sarkozy - und sie sinken weiter. Seine harten Reformen der Zerschlagung der Gewerkschaften - blumig als Arbeitsmarktflexibilisierung den Menschen verklickert - treiben 100.000e Menschen zu Protesten auf die Strasse und seine herrisch-arrogante Art - er nannte Menschen ohne Arbeit "Faulenzer" und den Demonstranten riet er, sie sollen "lieber arbeiten gehen" - verheissen für seine Zukunft nichts Gutes.

So schnell zerbröselt ein mit Image_Marketing und viel Geld hausgemachter Wunderwuzzi an der Wirklichkeit "da draussen" - dort wo die "echten Menschen leben"...

Und nur das zählt!

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Exkurs:

Was zeichnet echten Qualitätsjournalismus aus?

Bei der inferioren Overkill-Wahl-Porpaganda werden sämtliche Massstäbe des Qualitätsjournalismus am Altar der Machteroberung begraben: koste es was es wolle.

Sachinhalte spielen keine Rolle, Programme werden nur rudimentär erwähnt, die laut hinausposaunten Wahlgeschenke in Milliarden-Höhe werden keiner strengen Prüfung unterzogen. Das Einzige was zählt, ist der Spitzenkandidat!

Der eigene wird als "Wunderwuzzi für eh olles" hochgeschrieben. Die Mitbewerber werden diffamiert, delegitimiert und abgewertet. Die Journalisten sind "Part of the Game" - sie spielen eine sehr unredliche, parteiische Rolle, von wenigen Ausnahmen abgesehen.

Die elementaren Merkmale des Qualitätsjournalismus, wie

- fremde Quellen immer zu benennen und explizit anzuführen,

- eigene Meinungen, Positionen außen vor zu lassen, weil das Pro/Contra der divergierenden Standpunkte der Parteien, der Wissenschafter, Expertinnen usw. - und nicht der eigene! - im Vordergrund stehen müssen,

- Berichte immer professionell zu recherchieren und diese so neutral und objektiv wie möglich zu verfassen,

- sich nie als Journalist mit einer Sache, einer Partei "gemein zu machen" und deren Aussagen unkritisch zu übernehmen,

werden in Wahlzeiten oft total ausgeblendet.

Kandidaten zu diffamieren, abzuwerten und zu delegitimieren ist jedoch die unterste Kategorie - ein absolutes NO GO!

Exkursende.

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Boulevard und Manipulation versus Qualitätsjournalismus

Dazu bedarf es keiner grossen Worte mehr, denn alle, die den Wahlkampf der letzten 2-3 Monate als auch das permanente Hohelied auf den bürgerlichen Kandidaten - Kurz - ein bisserl verfolgten, können den Unterschied mit freiem Auge und bei vollkommener Sonnenfinsternis sehen.

Wie manipulativ die Medien in Österreich - ja, auch jene, die sich so selbstgerecht das Qualitätsmascherl umhängen - berichten, hab ich mehrmals mit Bezug auf die Fakten, Gerichtsurteile, Dokumente und TV-Videos, beschrieben - auch die so gerne verniedlichten, todgeschwiegenen Lügen von Kurz.

Und - wie gesagt: ob Kurz den über Monate so mühsam herbeigeschriebenen Vorsprung, den jeder vernunftbegabte Mensch ziemlich un_natürlich empfindet, bis ins Ziel retten kann

- w h o knows...?

Wahltag - kommt es zu Überraschungen?

Amüsiert las ich den Kommentar von Frau Kittner im Kurier vom Freitag: da wird doch nicht so was wie Zweifel an der eigenen "Kurz-Propaganda" hochkommen?

Wie wir alle wissen, reichen so 2-3%punkte aus, um eine als bereits sicher gewonnene Wahl zu drehen: so geschehen vor fast einem Jahr bei der BP-Wahl, wo bis einige Tage vor dem Wahltermin Hofer um die 52% und Van der Bellen um 48% lagen. Der Sieg Van der Bellens war dennoch überraschend.

Die Meinungsumfragen ergeben sich aus den Rohdaten (entschlossene Wähler) wo Kern, Kurz und Strache eng beieinander liegen - und eben den unentschlossenen Wählerantworten. Da liegt der mögliche "Hund" begraben, denn diese machen noch immer um die 1 Mio bis 1,8 Mio, je nach Marktforschung, aus. Diese auch bei einer simplen Frage: wenn würden Sie eher wählen? korrekt den Kandidaten zuzuordnen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Deshalb sind, so wie der Marktforscher Dr. Hajek sagt, alle Prongosen als obsolet zu betrachten.

Noch - IST ALLES MÖGLICH: so wie im Lotto!

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Kurz zusammengefasst:

- Ob der Media_Overkill zugunsten von Sebastian Kurz am Sonntag von Erfolg gekrönt sein wird, darf bezweifelt werden. Zwar weisen ihm die Umfragen seit Monaten einen Vorsprung von 6-9 Prozentpunkten aus, aber seit den TV-Duellen bekommt er heftige Schrammen ab. Sein ihm angedichtetes "Wunderwuzzi_Image" beginnt dramatisch einzubrechen. Liest man die Posts der Onlineartikel über ihn durch, so sind diese zu mehr als drei Viertel negativ, auch in jenen Blättern, die ihm sehr wohlgesonnen sind.

Die Gründe liegen in der stark zunehmenden sachlichen Kritik an seinen vorgelegeten Programmen, seiner nur rudimentären Sachkenntnis in den wichtigsten Politikfeldern (Gesundheits- Bildungs- und Wirtschaftspolitik) und seinen naiven Lügen, Achterlwahrheiten, Unterstellungen und Arroganz. Überdies zerbröselt er sich selbst durch infantiles Abstreiten - und dem späteren Eingeständnis, wie zB. dem "übernahmepapier zur ÖVP" wo man dann doch zugeben musste, dass dieses (zum Teil?) von der neuen Türkisen-Kurz-Truppe ausgearbeitet wurde, nachdem 3 Namen von Mitarbeitern aus dem Aussenministerium in diesem Papier genannt wurden. Abstreiten so lange es nur geht - und dann doch eine Involvierung zugeben müssen, macht keinen schlanken Fuß für einen "der Wahrheit verpflichteten Politiker".

Nicht wirklich...

- Die OVERKILL-PROPAGANDA "seiner Medien" kann sehr rasch ins Gegenteil umschlagen, weil spätestens nach der klaren Zuordnung von STASI-METHODEN zur ÖVP unter Kurz (eine Wirtschaftsbund-Mann rühmte sich, die Frau des Bundeskanzlers durch einen ex-Militarist über Wochen observiert zu haben!), der eh schon verblasste Heiligenschein in eine fette, schwarze Gewitterwolke umschlägt. Auch sein mehrmals vorgetragener Führungsanspruch (er forderte eine Richtlinienkompetenz für den Kanzler, ähnlich wie es sie in Deutschland gibt, aber nie gezogen wurde) stösst auf grosses Unverständnis, denn die Menschen fragen sich zu Recht:

- wo hat er seine angebliche Führungskompetenz "erworben"...

- und wie kommt er dazu, diese Forderung zu erheben, zumal er sehr große Absenzen von um die 40% der Meetings bei Ministerräten in Wien und EU-Ministertreffen in Brüssel, hat. Seine Arbeitseinstellung widerspricht seinem autoritären "Führungsanspruch"!

Das Übertünchen dieser Vertrauensverluste durch einen noch massiveren Media_Overkill, durch noch stärkeres Draufdreschen auf den politischen Gegner, noch stärkeres Hochjubilieren von Kurz - wirkt umso kontraproduktiver, umso stärker, umso mehr sich der beworbene Kandidat in seiner sachlichen Unbedarftheit und unprofessionellen Selbstdarstellung den "Menschen da draussen" offenbart.

Die Glaubwürdigkeit stirbt.

- Die letzte Woche haben sich die anderen beiden BK-Kandidaten aufkosten von Kurz stark profilieren können.

Strache kehrte immer öfter den "älteren, nicht mehr so hyperventilierenden Politiker" heraus und argumentierte ruhig. Ja, er wirkte manchmal sogar gelassen.

Kern wirkte zwar angeschlagen, machte einige Patzer - aber was nicht zu unterschätzen ist: er zeigte grossen Kampfeswillen und in den Kernbereichen der großen Politkfelder - Gesundheits-, Bildung- vor allem aber der Wirtschaftspolitik - ist er beiden Mitbewerbern überlegen.

Schaun mer mal ...

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"Auf die Dauer vermag auch die frechste und bestorganisierte Propaganda nichts gegen die Wahrheit.“

(Albert Schweitzer)

10:16 20.10.2017
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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