S.Sarandon: "I don´t vote with my vagina"...

USA, Hillary, Trump "Und für welchen Fischer stimmst du, fragte die Sardine den Hering." (Manfred Hinrich,1926-2015, deutscher Philosoph, Philologe).
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Alle zittern den kommenden Tagen entgegen - die RWMM (rigth_wing_mainstream_media) haben längst ihre Schuldigkeit getan, nicht nur in den USA. Die Nerven liegen total blank, keine Frage: es geht um die wichtigste politische Position in der kapitalistischen Welt. Die Schlammschlacht als auch die Profile der beiden Kandidatinnen war mio-fach beschrieben und bis in die letzten Wortfetzen zerfledert worden: beide ließen keinen Fettnapf, keine noch so stinkenden Pfütze aus, um den anderen zu desavouieren, zu diffamieren.

Die Sachpolitik trat komplett in den Hintergrund, wobei man bei Clinton ziemlich genau weiß, was man bekommt ("just more of the same" ... auch wenn viele Menschen dies entschieden ablehnen) - und bei Trump die Konturen seiner Politik durch starke Parolen bis zur Unkenntlichkeit verwischt wurden, gleichwohl gerade er durch sein eher wüstes Auftreten, viele Konservative gewinnen konnte.

Ich will mich keiner x-ten Analyse widmen – die RWMM haben ihr Geschäft wie die beiden KandidatInnen mit viel Trara und zumeist delegitimierender Wortwahl, auch an Lügen, Unterstellungen im Minutentakt und Achterlwahrheiten dürfte nichts fehlen, professionell erledigt – sondern auf ein paar Kommentare eingehen. Sie können dann selbst diese Gedanken für die Wahl einordnen, sie in Ihr Bild einfließen lassen.

1.) Susan Sarandon: "I don`t vote with my vagina" ...

antwortete sie Evan Davies im Interview mit BBS-Newsnight, dem Nachrichtenformat das sich selbst so beschreibt: "Newsnight is the BBC's flagship news and current affairs TV programme - with analysis, debate, exclusives, and robust interviews." Ja - robust ist das Interview auf alle Fälle und es tut sehr wohl, zu hören/sehen, dass sich ein Weltstar den Fakten stellt und "Tachles" spricht, nichts beschönigt und verniedlicht, so wie man es gemäß der PC (Political Correctness) gewohnt ist. Ich zitiere einige Passagen sinngemäß übersetzt:

- Sarandon: Die meisten Menschen wissen weder bei den Konzernen, noch den Banken was wirklich vor sich geht... viele wussten nicht mal, worum es bei „Fracking“ geht, bis sie selbst davon betroffen waren und sie es bei ihrem schmutzigen Wasser erst merkten – wobei es egal ist, ob es Demokraten oder Republikaner sind.

- Davies, BBC: Viele denken ähnlich, aber es dreht sich doch nur um Clinton versus Trump?

Sarandon: Wieso sollte ich gegen meine eigenen Interessen wählen, zumal es genau die beiden „Evils“ waren, die uns in diese Situation geführt haben ... es ist sehr wichtig, noch eine 3. Partei zu haben (Sarandon unterstützt Jill Stein, Green-Party) und diese über die Hürde von 5% zu bringen; Clinton wird wahrscheinlich gewinnen – sie hat die Neocons, die Presse, das Netzwerk, alle Zeitungen hinter sich ... deshalb braucht es eine dritte Partei, zumal das DNC (Democratic National Committee) derart korrupt ist und die Stimme nichts wert ist ...

- Davies, BBC: Wenn am Mittwoch Morgen der Präsident Trump heißt, würde sie dies bedauern?

Sarandon: Ich habe große Sorgen wegen der Kriege, der Umwelt , TTP und Fracking usw. – aber egal wer gewinnt, sie kümmern sich nicht darum, weil das Geld unser System beherrscht...und das trifft auf beide zu.

- Davies, BBC: Viele meinen, dass es auch um die erste Frau als US-Präsident gehe?

Sarandon: Es geht darum, die richtige Frau, den richtigen Mann dort zu haben – ich wähle nicht mit meiner Vagina, weil es um viel mehr als das geht: um Fracking z.B., wo das Wasser der Menschen verseucht wird, das haben Sie in England auch – und um die Gier und die Korruption, die alles beherrschen.

2.) Slavoj Žižek (dieZEIT, 6. November) – Hillary Clinton: Die schlimme Wohlfühlwahl

„Trump ist abstoßend. Was ist noch abstoßender? Der wirtschaftshörige und aggressive Konsens, für den Hillary Clinton steht“, meint er einleitend.

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Anmerkungen: Alle Fakten, vom irren Vermögen der obersten 0,1 – 1 % der superreichen Milliardäre, bei gleichzeitiger Armut der fast 47 Mio. „Food-Stamp-Bezieherinnen“ (SNAP - Supplemental Nutrition Assistance Programm) bis hin zu den Reallohnverlusten der Mittelschicht, die dahin darbt, dem TTP-Vertrag, den Obama noch im Eilverfahren (die Kopie desselben diktatorischen Agierens erinnert an die EU-Kommission, wo auch o h n e demokratischer Teilhabe der CETA-Vertrag durchgeboxt wurde) durchpeitschte und nicht zu vergessen: die Absicherung der Profite von Agrarkonzernen wie Monsanto (wurde kürzlich von Bayer „übernommen“) abschließen will usw., zeigen ein Bild eines Raffgierkapitalismus auf, den beide Parteien zu verantworten haben. Das Monsanto-Schutz-Gesetz verbietet dem Bundesgericht, den Verkauf von gentechnisch veränderten Samen (GE) zu stoppen – ungeachtet welche gesundheitlichen Schäden dies in Zukunft anrichten kann. Monsanto erzielte mit enormen Umsatzzuwächsen in den USA riesige Gewinne.

Obama hat es am Dienstag unterzeichnet.

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Žižek meint, Trump gäbe einen idealen Schurken ab, so wie ihn einst Hitchcock immer brauchte, um einen guten Krimi zu drehen.

Die Heuchelei um Trumps Angeberei bezüglich sexueller Übergriffe (in der Umkleidekabine aufgezeichnet), vergleicht er mit einer gespielten Verwunderung, so wie wenn man Hitler zum Abendessen einlüde und sich danach erstaunt zeige, dass er antisemitische Parolen geschwungen habe. Leute, die in solche charakterlichen Untiefen abgleiten, sollten besser dem Präsidentenamt fernbleiben, meinte er.

Trump sei „ein Exzess an Irrwitz, ein vulgärer Ausbeuter unserer schlimmsten rassistischen und sexistischen Vorurteile, ein Chauvinist ohne den geringsten Anstand, von dem sich selbst namhafte Republikaner in Scharen abwenden“, fuhr er fort.

Angesichts solcher „Wohlfühlwahlen“ sollten wir uns alle zusammenfinden, um die demokratischen Grundwerte als auch den Restbestand an Anstandsgefühl zu verteidigen. Wir sollten uns aber nicht auf einem solchen „bequemen, demokratischen Konsens“ ausruhen, sondern achtsam darauf gucken, welche „Farbe“ diese Einheit der demokratisch Anständigen eigentlich habe.

Die Guten und Anständigen umfassen von der Wall Street, Bernie Sanders, die Überreste von Occupy-Wallstreet, Konzerne und Gewerkschaften, Armeeveteranen bis hin zu Lesben, Homosexuellen, Bisexuellen, Transgenderpersonen und sonstigen sexuellen Minderheiten (LGBT+), Umweltschützer und Feministinnen und den anständigen Vertretern des republikanischen Eliten..., querbeet alle des US-Establishments.

Trump habe sich nach dem Attentat von Orlando gegenüber LGBT-Opfern ganz warmherzig gezeigt – wie dies kein anderer von der GOP jemals gewagt hat. Er vertritt auch in der Abtreibungsfrage eine liberale Position, die dem Gegenteil der Politik der Republikaner entspricht. Trump habe – so Žižek – die Kultur der Republikaner auf den Kopf gestellt: durch seine rassistisch-frauenfeindliche Sprache sei es Trump gelungen, die Partei aus seiner homophoben und fundamentalistischen Zwangsjacke zu befreien.

Dass er damit dem wahren Vertreter eben dieser ideologischen Werte – Ted Cruz – seine Kernkompetenz wegnahm, lässt dessen Hass auf Trump unter einem neuen Licht erscheinen. Weiters folgert Žižek, dass Trump aus diesem Grund für die republikanischen Fundamentalisten eine vielleicht noch größere Bedrohung sei – als für die moderaten Republikaner. Die linksliberale „Dämonisierung“ Trumps messe diesem zerstörerischen Element gegenüber den Fundamentalisten in der eigenen Partei, wenig Bedeutung bei.

Was wird nun in der scheinbaren Geschlossenheit der Demokraten sichtbar?

Žižek sieht den gleichen „Volkszorn“ auch in der Sanders-Bewegung: nämlich eine weitverbreitete Unzufriedenheit mit der sozialen und politischen Situation der Menschen in den USA. Der gleiche Volkszorn, der Trump gebar, beflügelte auch Sanders, aber aus unterschiedlichen Gründen: dem rechten Populismus - „entspricht“ auf der linken Seite die Forderung nach Gerechtigkeit. (Anmerkung: aber wie lange...und wie viele Prasidentschaftskandidatinnen predigten diese Forderung gebetsmühlenartig seit mehr als 2 Dekaden schon herunter? Es blieben nur Worte, denen nie Taten folgten, was den grossen Unmut einerseits und andererseits die immense Unterstützung für Sanders von nicht nur jungen Menschen unter 30 Jahren erklärt).

Die Täuschung der Menschen und das „strategische Ziel des Clinton-Konsensus“ bestehe laut Žižek darin, den starken Ruf nach Gerechtigkeit – von den damit einhergehenden Kämpfen um die Rechte von Frauen, Homosexuellen, für Multikulturalismus und gegen Rassismus usw.) abzutrennen. Als Symbol dafür dient Tim Cook, der Apple-Chef, der voller Stolz einen Brief gegen die Diskriminierung von LGBT-Personen unterzeichnete, womit man die irre Profitgier Apples und deren unter menschenunwürdigen Bedingungen angestellten 100.000er Foxconn-Arbeiterinnen in China einfach vergessen kann, die aber die Gewinne unter Sklavenbedingungen für Apple erarbeiten. Mit der großen Geste (sich solidarisch mit den Unterprivilegierten zu erklären), stehen die US-Konzerne heroisch vereint mit der politisch korrekten Theorie und Praxis da.

Eine selbsterzeugte WIN – WIN – Situation, so to say?

Die Botschaft der „Anständigen“ lautet daher - ihr könnt alles kriegen, wir jedoch behalten uns das Wesentliche vor: den ungehinderten (Finanz-)Kapitalismus und die Herrschaft der „Corporations“ über die Demokratie (dazu dienen TTP, CETA; TTIP; NAFTA, Tisa usw.).

„Obamas "Yes we can" gewinnt damit eine neue Bedeutung: Ja, wir können alle eure kulturellen Forderungen erfüllen, ohne die globale Marktwirtschaft zu gefährden – also besteht auch keine Notwendigkeit für radikale wirtschaftliche Maßnahmen“, meinte Žižek.

Und was ist mit Frauen- und Menschenrechten?

Žižek verweist auf die "feministische" Clinton-Unterstützerin, Madeleine Albright, die am 12. Mai 1996 in der CBS-Sendung 60 Minutes zu den Irak-Sanktionen befragt wurde. "Wir haben gehört, dass eine halbe Million Kinder gestorben sein sollen. Ich meine, das sind mehr Kinder, als in Hiroshima umgekommen sind. Ist der Preis es wert?" Albright entgegnete in aller Seelenruhe: "Ich glaube, das ist eine sehr harte Entscheidung, aber der Preis, glauben wir, ist es wert."

Und nun stellen wir uns mal vor, Putin hätte eine solche Antwort gegeben, welcher Tsunami an Entrüstung, welcher Medienorkan da wohl über ihn hereingebrochen wäre...

Dieselbe Madame Albright, die sich ganz locker über 100.000e notleidende Kinder ohne mit der Wimper zu zucken hinwegsetzt, meint bezüglich der Unterstützung von Frauen für Hillary Clinton: „Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen, die sich nicht gegenseitig helfen!"

Dazu Žižek resümierend: „Vielleicht sollten wir ergänzen:

Es gibt einen besonderen Platz in der Hölle für Frauen (und Männer), die glauben, eine halbe Million toter Kinder seien ein tragbarer Preis für ein verheerendes Sanktionsregime, während sie gleichzeitig zu Hause von ganzem Herzen Frauen- und Homosexuellenrechte fördern.“

Was ist nun obszöner, menschenverachtender? Albrights menschlich-armseliges Statement - oder Trumps sexistisch-banales Gelabber?

„Trump ist nicht das Schmutzwasser, das man ausschütten sollte, um das gesunde Kind der US-Demokratie zu bewahren, er ist selbst das schmutzige Kind, das mit dem Bade ausgeschüttet werden soll, um das wahre Schmutzwasser der sozialen Beziehungen zu verschleiern, die den Hillary-Konsens tragen“

Nicht nur aus diesem Grund hat Assange mit seiner Attacke auf Hillary Clinton recht – und nicht die „Anständigen, aufrechten Demokraten“, die ihn dafür harsch kritisieren und die überdies bei jeder Gelegenheit die Frauenkarte spielen.

Hillary wandte sich eben nicht nach links (auch nicht, als sie mit ein paar Zugeständnissen die Anhänger Sanders einheimsen wollte), sondern der Mitte zu, um genau jene Stimmen einzusammeln, die Trump verärgert hatte. Nach neuesten Prognosen sieht es allerdings so aus, dass durch die FBI-Analysen (auch wenn sie wiederum revidiert wurden) dieser Stimmenfang nicht so locker einzufahren ist.

Trump hatte – und da kann man Slavoj Žižek nur zustimmen – Sanders, als dieser schnell und mutlos ins Clinton Lager wechselte, völlig korrekt eingeschätzt: dies wäre ungefähr so, wie wenn Occupy-Wallstreet-Aktivisten auf einmal Lehman Brothers unterstützen würden!

3.) Christine Abbt: „Authentic is as authentic does."

Ja, wer ist authentischer, echter, wer repräsentiert die Werte seiner Partei – und seine eigenen, seine Persönlichkeit per se - überzeugender?

Wer hat mehr Zugkraft, um auch Rückstände in der Gunst der Wähler innerhalb einiger Tage umzudrehen? Wer ist nur ein diffuses „Authentizitäts-Lämpchen“ im Getriebe des alles beherrschenden Media-Spin, der Imagepolitur und –korrektur?

Wer wird das billige Opfer der eigenen, marketingverordneten Täuschung – und wer strahlt einfach genau das aus, was er/sie seit Jahren lebt?

Echtheit versus (Selbst-)Täuschung:

Die Fragen nach der „Echtheit" als Kriterium für die Legitimation politischer Aktionen/Parteien ist nichts Neues. In der Neuzeit kam es vielfach zu einer grundlegenden Aufwertung des Individuums – und im politischen Umfeld geht damit eine Repräsentation des Einzelnen oft Hand in Hand mit einer Partei, deren Werte und Überzeugungen er/sie vertritt.

Die Anforderungen an die Echtheit führen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen, was man an den grottenschlechten „Imagewerten“ der Politikerinnen ausmachen kann. Schlagworte wie – Führungsqualität, Glaubwürdigkeit, Durchsetzungsstärke u.v.a.m. – sind Bestandteile des veröffentlichten „Vertrauens-Index“, der aus dem Saldo – hab viel/kein Vertrauen – eine Hierarchie der Politikerinnen dokumentiert. Und da landen, egal welche Befragung man zitiert, die Politikerinnen gemeinsam mit den Journalistinnen immer am untersten Ende des Ranking: wieso wohl?

In der klassischen Werbung gibt es das Credo: „was drauf steht – muss auch drin sein“, d.h. wenn ein Produkt das in der Werbung laut hinausposaunte Qualitätsversprechen nicht oder nur mangelhaft einlösen kann, gibt es rasch Akzeptanzprobleme bei allen Kunden. In der Politik ist dies nicht anders. Ich nehme einige Passagen von diesem sehr interessanten Kommentar von Frau Abbt heraus:

- „Die Unterscheidung zwischen "authentisch" und "nicht authentisch" dient in Rousseaus Demokratiekonzeption als Maßstab für den Grad an persönlicher Emanzipation von den Zwängen einer Gesellschaft, in der Rollenspiel, Verstellung und Maskerade an der Tagesordnung sind und nicht selten über Freiheit oder Unfreiheit entscheiden. Alles Gekünstelte, Unechte, Scheinhafte lehnt Rousseau vehement ab. Die eigene, echte, genuine Stimme zu finden und zu erheben gilt ihm umgekehrt als politisches Ideal. Er honorierte daher die Schauspielkunst nicht, sondern stuft diese im Gegenteil sogar als politisch gefährlich ein, denn der Schauspieler beherrscht das Rollenspiel so gut wie kein anderer in der Gesellschaft. Er spricht nicht in seinem eigenen Namen, sondern übernimmt verschiedene Charaktere und neutralisiert im Dienste dieser Profession bewusst die eigene Persönlichkeit,“ so kurz zusammengefasst die klare Ansicht Jaques Rousseaus, wie sie Frau Abbt zitierte.

Dies wirft zur „Authentizität“ u.a. folgende Fragen auf:

Was bedeutet es, wenn ein Schauspieler/eine Schauspielerin eine andere Person so imitieren kann, dass unklar wird, inwieweit er oder sie mit der inszenierten Rolle identisch ist?

Ist der Spielende er selbst oder ein anderer oder beides gleichzeitig?

Das gekonnte Spiel mit verschiedenen Rollen setzt die Kategorien "authentisch" und "nicht authentisch" erkenntnistheoretisch gehörig unter Druck und wirft verschiedene Fragen auf, wie etwa: Wie misst man überhaupt die "Echtheit" einer Person?

Gibt es für die Echtheit in Bezug auf Rollen – auch andere Massstäbe?

Wenn eine misslungene Imitation nicht überzeugend eingestuft wird – dann müsste ja die professionelle Nachahmung als "echt/authentisch" gelten?

Wenn dem so ist, dann wäre ein guter Schauspieler, wo er offensichtlich seine „Rolle“ sehr gut spielt und ausfüllt – wahrhaftig und „echt“: eben authentisch?

Ja, da fällt mir Ronald Reagan als Beispiel ein, der als lausiger Schauspieler galt und oft nur in B-C-Movies spielte - als Präsident jedoch 8 Jahre das Land total unkrempelte und die weltumspannende Umverteilung von den Armen zu den Reichen - genannt Neoliberalismus! - einleitete.

Denis Diderot, ein Zeitgenosse Rousseaus, ging diesen Überlegungen nach, wonach die Authentizität eine Illusion sei und versuchte diesen kaum auflösbaren Widerspruch zwischen authentisch gespielter Rolle und authentischer Person zu ergründen. Wenn ein Schauspieler eine Rolle perfekt spielen kann, dann hat er sich dabei umfassend „im Griff“ und er ist imstande, jemand anderen so zu (schau-)spielen, dass er in der Rolle, der Figur, aufgeht und "derart in Erscheinung tritt".

Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an ein Interview mit Pacido Domingo, wo er zu seiner Rolle als Othello von einer Bühnenzeitung befragt wurde.

Er antwortete: „Ich bin Othello“!

Frau Abbt weist darauf hin, dass Authentizität nach Diderot als eine Form perfekt gelungenen Rollenspiels entwickelt wird. Er bezieht sich auf den griechischen Begriff "authentes", was so viel wie Herr oder Gewalthaber bedeutet. Gemeint ist, dass jemand klarer Urheber seines eigenen Tuns ist und etwas aus "eigener Gewalt vollbringt".

"Authentic is as authentic does."

Nach David Löwenthal ist Authentizität demnach die perfekte gespielte “Rolle” – anders gesagt: “Authentisch ist nicht, wer sich findet, sondern wer sich entwirft und so perfekt spielt, dass es niemand bemerkt“, meinte Frau Abbt.

Authentizität ist nach Rousseau demnach die Übereinstimmung zwischen Sein und Schein - und bei Diderot die virtuose Vervollkommnung des Scheins.

Wem nun Echtheit/Authentizität in hohem Maße zugeordnet wird – der vermittelt nur auf perfekte Weise den Eindruck, er selbst zu sein: echt und unverkennbar. Dass es sich dabei um großes Theater handelt, wird aufgrund der dargebotenen, meisterhaften Schauspielerleistung einfach vergessen.

Übertragen auf Wahlen von politischen Amtsträgerinnen, heißt dies, dass der Wunsch nach Authentizität, aus einer tiefen Sehnsucht nach Natürlichem und Echtem entspringt.

Diesem Wunsch kann aber in unserer digitalen, sehr dynamischen Welt kaum jemand mehr gerecht werden. Im Sinne der zuvor erklärten Zusammenhänge darf nicht ausgeblendet werden, dass gerade diese so stark herbeigewünschte Echtheit genau dort am wirksamsten ist, wo sie „perfekt gespielt ist/wird“.

Die Wunschvorstellungen, die an die Politikerinnen herangetragen werden, begünstigen genau jene Schauspielerinnen, die sehr glaubhaft darstellen können, dass sie so sind, wie viele gerne wären. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass „Normalos“, also echte, untrainierte Menschen, im Schauspiel-Politik-Betrieb kaum bejubelt werden würden.

Sie wären einfach zu "echt" ...

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Was heisst dies nun bezogen auf Clinton und Trump?

Als „echt“ stuft Frau Abbt Verhaltensweisen von Clinton, wie z.B. ihre mangelnde Fähigkeit für „Small-Talk“ ein; auch dass sie nicht eine Person ist, die locker bei Gelegenheiten Anekdoten zum Besten geben kann; sie ist eher bekannt dafür, eine sehr rationale und ernsthafte Politikerin zu sein. Dass sie machtbewusst – auch sehr herrisch – sein kann, ist auch kein Geheimnis. Persönlichkeitsmerkmale, die man sehr schwer überspielen kann – sind wirklich "echt" und daran kann man diese auch festmachen. Sie dürften auch im Privatleben in dieser Ausprägung manifest sein. Frau Abtt meint einschätzend, "dass „diese Form von Authentizität, nicht jene sei, die aktuell gefordert wird. Diese „Echtheit“ erscheint zu gewöhnlich, zu wenig unterhaltsam, zu wenig souverän zu sein."

Trump attestiert Frau Abbt eine über weite Strecken gut gespielte Authentizität. Sein Einbruch kam jedoch, als ein Videomitschnitt seine verwahrloste Sprache im Umgang mit Frauen entlarvend offenbarte. Die Reaktionen darauf waren von allen Seiten heftig und führten zu großer Irritation, was ihn etlichen Punkte in der Gunst der Wähler absacken ließ. Unverzeihlich sei es gewesen, dass er öffentlich „aus der Rolle gefallen“ ist.

Auch seine Aussage „als Star kannst Du Dir alles erlauben“ sei selbstverliebt gewesen und er habe damit offen gezeigt, dass er sehr wohl um seine Machtposition weiß und diese auch gezielt zum persönlichem Vorteil einsetze. Damit entlarve er seine Täuschung und den Menschen würde seine vorgespielte Rolle (er repräsentiere jene, für die er eintrete) klar werden. Er – Trump – mache ihnen was vor. Damit würden all jene die Trump wählen, „sich nach einer absoluten Illusion sehnen und dabei vergessen, dass dies genau eine ist", meinte Frau Abbt.

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Anmerkungen:

Ergänzend zur Meinung von Frau Abbt, ist zu sagen, dass Clinton kein unbeschriebenes Blatt ist, d.h. ihr Eintreten für die Kriege in Irak, Syrien und Libyen sind über die im Internet verbreiteten Mails von Wikileaks weit verbreitet worden – genauso ihre Spitzenhonorare, die sie für kurze „Speeches“ von der Wallstreet erhalten hat. Hier war Clintons gespielte "Authentizität" diametral zur Wahrheit/Echtheit und ob man meint, trotz ihrer klaren Präferenz für die Eliten noch als Kandidatin der Mittelschicht vor allem aber der jungen Menschen unter 30 Jahren gesehen zu werden, ist stark anzuzweifeln. Eine solche Diskrepanz ist längst allen Menschen klar geworden, zumal sich Clinton weigerte, die Reden öffentlich zu machen. Dieser gewaltige Unterschied zwischen Echtheit/Wahrheit - und eben vorgespielter "Authentizität", könnte Clinton noch den Sieg kosten.

Trumps „Ausraster“ kamen im Endspurt des Wahlkampfes und haben ihm sicher sehr geschadet. Seine vorgegaukelte Authentizität hat stark gelitten – auf der anderen Seite ist vielen klar, dass sich „Stars (fast) alles erlauben können“. Gerade in den USA gibt es dafür unzählige Beispiele, was diese Sprüche wieder relativiert, zumal es für viele die Realtität widerspiegelt. Sexismus und Rassismus sind ein absolutes NO GO, das ist allen klar. Ob allerdings seine Ausfälle gegenüber Frauen, die Damen der Republikaner in großer Anzahl zu Clinton treiben wird, ist schwer zu sagen.

Elfriede Bauer-Jelinek, eine Machtforscherin, meinte "imZentrum" des ORF: Clintons Entrüstung sei gespielt und unverständlich, da sie zur Affäre ihres Mannes während seiner Amtszeit sagte: "Es wird der Präsident der Vereinigten Staaten gewählt - nicht der Papst"...

Ich denke, dass beide ihre gespielte „Authentizität“ entlarvend offenbart haben. Die "Echtheit", der Charakterkern, schiesst rasch in Stresssituationen unter dem Nebel der angelernten Media- und NLP-Spins hervor - und auf einmal wird allen Wählern klar, mit welchen "eingelernten Überzeugungen/Werten" sie konfrontiert sind. Man wird sehen, wie viele Menschen sich abwandten, nicht zur Wahl gehen und/oder trotzalledem der eigenen Partei die Treue halten werden.

Diese Wahl ist nicht eine, wo es um das "geringere Übel" geht - sondern es wurde den Menschen selten so klar in einer Wahlauseinandersetzung aufgezeigt, dass beide BewerberInnen für das höchste Amt der USA nicht akzeptabel sind.

In 24 h wissen wir mehr.

11:35 08.11.2016
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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