Schulden + noch mehr Schulden = "Rettung" ?!

Geldsystem, Schulden "Some people feel the rain - others just get wet". (Bob Marley)
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Der Mensch ist die intelligenteste Spezies des Planeten - und das einzige Lebewesen, das sich exponentiell seit Jahrhunderten verschuldet:

bei wem . . . stehen wir alle in der Kreide?

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Schulden, nichts als Schulden - schon unsere Kinder werden als "Schuldner" hineingeboren in ein total verkorkstes, nicht nachhaltiges (Geld)-Wirtschaftssystem. In Deutschland sind es so um die 27.000 Euro, womit jedes Neugeborene mit seinem "Schuldrucksack" in das Leben tritt - einfach so!

Gar nicht einfach so: es hat System und wenn man dieses nicht ändert, geht es für die Zinsprofiteure fröhlich so weiter.Oh ja . . . es gibt noch Platz nach oben, wie uns Japan seit 2 Jahrzehnten vorzeigt, wo die Staatsverschuldung über 200% des BIP ausmacht.

„Reicher Mann und armer Mann standen da und sahen sich an. Und der Arme sagte bleich: wär´ ich nicht arm, wärst Du nicht reich“. (Bertold Brecht, Alfabet, 1934.

Das wahre Wesen des Bankgewerbes.

Gerade die letzten Wochen wird uns eine Lehrstunde in Sachen Macht / Geld / Schulden / EZB / Troika und Griechenland vorgeführt und ich wundere mich, dass diese Zusammenhänge nicht tiefer und sachlicher in den Medien dargestellt und debattiert werden. Bevor ich mich aber genau diesem Unterfangen zuwende, noch einer meiner Lieblingszitate aus einem Thriller unter der Regie von Tom Tykwer: „The International“ mit Naomi Watts, Clive Owen und Armin Müller-Stahl. Sicher spannender als jeder James Bond Film und überdies auch noch sehr lehrreich, weil das "Geschäftsmodell - Bank" in nur einigen Minuten erklärt wird - bitteschön:

https://www.youtube.com/watch?v=3iaqn8jycM4

Kurz zur Vorgeschichte: eine Bank spielt 2 Staaten über die Finanzierung von Waffengeschäften gegeneinander aus und die beiden KorruptionsbeamtInnen, Naomi Watts und Clive Owen, befragen den Chef der Bank über diese Deals. Dieser erklärt ihnen, worum es dabei wirklich geht wie folgt:

„Nein – hier geht es doch nicht um Gewinn aus Waffengeschäften. Hier geht es um Kontrolle. . . Kontrolliere die Waffenlieferungen und Du kontrollierst den Konflikt? . . .Nein ... nein, nein. Die IBBC ist eine Bank. Deren Ziel ist es nicht, den Konflikt zu kontrollieren - der wahre Wert eines Konfliktes, liegt in den Schulden, die er verursacht ... wer die kontrolliert..., kontrolliert einfach alles“.

Die neue, mit großer Mehrheit gewählte griechische Regierung pilgert zur nicht demokratisch legitimierten Troika, um genau was zu tun? Korrekt – um Geld zu erbitten, zu betteln!

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Exkurs: Die Wirtschaft ist ein Nullsummenspiel.

Wirtschaftswissenschaftlich nennt man diese elementaren Zusammenhänge „Volkswirtschaftliche Saldenmechanik / sektorale vwl. Gesamtrechnung“ und es gilt:

„Die Primärüberschüsse aller Wirtschaftssektoren ergeben horizontal immer NULL“!

Um das „Nullsummenspiel“ besser analysieren und interpretieren zu können, wende ich mich etwas genauer den bilanziellen Querverbindungen zu - es gilt:

- mein Exportüberschuss = dein Importdefizit (Deutschlands Exportforderungen = Importschulden Südeuropas)

- mein Schuldenzuwachs = deine Vermögenszunahme

- mein Gewinn = dein Verlust.(z.B. Apple`s Quartalsgewinn 4/2014 von 18 Mrd.-$ - Arbeitssklavenbedingungen und Hungerlöhne in Asien).

Ich lege den Fokus auf Schulden / Vermögen und gehe genauer auf das Beispiel der österreichischen Wirtschaft von 2010 ein:

https://lh5.googleusercontent.com/-mQ0Ytdkvnt8/VRc6D7hrXxI/AAAAAAAAAv4/tdYA05nwbmc/w958-h719-no/2015%2B-%2BNULL%2B-%2BSummen%2B-%2BSpiel%2B%2B%C3%96sterreich.jpg

- Alle Schuldens- Vermögensveränderungen ergeben immer NULL, genauso wie die Bestände.

- nur der Staat und die Unternehmen haben Nettoschuldpositionen (Vermögen minus Schulden),

- während der große Vermögenssaldo bei den Konsumenten/Haushalten ausgewiesen wird!

Wie ist dies zu deuten? Dazu 3 Beispiele:

1.) wenn Konsumenten einen Kredit bei einer Bank für ein Auto aufnehmen, so erhöht sich das Vermögen im Sektor-Banken – und der Haushaltssektor hat eine Schuldenzunahme, einzelwirtschaftlich betrachtet; auf vwl. Ebene ist der Saldo null.

2.) finanziert der Staat sein Defizit, so hat erhöht sich sein Schuldenstand – und dieser entspricht einer gleich hohen Zunahme von Vermögen bei Finanzinstituten. Der makroökonomische Saldo ist wieder null.

3.) Gewinne/Zinsen/Mieterträge stellen beim Empfänger einen Vermögenszzuwachs dar - beim auszahlenden Sektor (Banken / Unternehmen) eine Vermögensabnahme (weniger Gewinn usw.).

Wie kommt es zu dieser großen Netto-Vermögenskonzentration im Sektor Konsumenten/Haushalte?

Ganz einfach:

- letztendlich landen a l l e Vermögenszuwächse bei natürlichen Personen, weil z.B. die ausgeschütteten Dividenden bei den Aktionären landen, genauso wie die Gewinne aus Unternehmensbeteiligungen den Eigentümern zu fließen.

- dasselbe gilt für alle Zins- und Mieteinnahmen, die bei den Kreditgebern / Vermietern / Eigentümern landen.

Dies erklärt auch die irre Ungleichheit der Vermögensverteilung, weil ca. 70-80% der Haushalte keine/wenige Zins- Mieterlöse und/oder Einnahmen aus Dividenden haben.

Anders gesagt:

die große Ungleichheit der Vermögensverteilung beruht auf einem Gläubiger - Schuldnerverhältnis! Hinzu kommt, dass über Dividenden/Zinsen, Mieten usw. eine Umverteilung von unten (den Zinszahlern) nach oben (den Dividenenempfängern) - perfide und subtil - statt findet. Nur sehr wenige, ich glaube so um die 4% der Menschen, besitzen Aktien als auch so um die 80% keine Zinserlöse aus verliehenem Vermögen lukrieren können. Alle Vermögensstudien zeigen diese fatale Entwicklung auf, wobei geringe/keine Vermögenssteuern diesen Effekt noch verstärken!

Exkurs Ende.

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Auf der einen Seite versinkt die Welt in Schulden . . .

Anfang Feber präsentierte das McKinsey Global Institute eine Studie über die Entwicklung der Schulden der Welt seit dem Jahr 2000. Nachdem aber nur 47 Länder untersucht und die Ergebnisse hochgerechnet wurden, sind die Ziffern mit Vorsicht zu betrachten.

Dennoch ist eine Zunahme seit 2007

- von 57.000 Mrd. US-$, also + 40% der gesamten und

- bei den Staatsschulden von ca. 70% erschreckend,

- zumal die Schulden der Banken im selben Zeitraum nur um magere 20% zulegten.

Deutliche zeigt sich, wie sehr sich die „Bankenrettungen“ auf die Staatsschulden auswirkten: diese explodierten förmlich um 9,3 % p.a. (2007 - 14) - das 3-fache des Finanzsektors!

Vergleicht man hingegen den Zeitraum von 2000-07, so schlägt die ungezügelte Kreditexpansion der Banken (+ 9,4% p.a.) durch, die zu vielen Verlusten führte und dann von den SteuerzahlerInnen aufgefangen wurde. Nachdem das Geld ja nur als "Buchungszeile" bei Kreditvergabe entsteht, ist hier der Korruption und dem Betrug Tür und Tor weit geöffnet (Stichwort: Mrd.-Bankenrettungen).

https://lh5.googleusercontent.com/-qKnAWkHVaHQ/VRcnVnWRjFI/AAAAAAAAAvk/-NzOFjvo0DY/w958-h719-no/2015%2B-%2BWelt%2B-%2BSchulden%2B-%2BSektoren.jpg

Die rechte Abbildung wird einige überraschen, denn für die Entwicklung einer Volkswirtschaft spielt die Verschuldung der Haushalte und Nichtbanken (Unternehmen) aufgrund ihres gemeinsamen Beitrages zum BIP-Wachstum von ca. 80-90% (Konsum + Investitionen), eine ungleich wichtigere Rolle, als der Schuldenstand des Staates.

Der Staat trägt nur wenig über den Konsum zum Wachstum bei – und die öffentlichen Investitionen wurden durch die irrwitzige Spardoktrin stark reduziert. (Darin begründet meine Ansicht, dass die Staatsschulden - f a s t nix - mit dem Euro zu tun haben).

Ich greife ein paar interessante Zusammenhänge heraus:

- auffallend ist, dass der mit „pleite“ massenmedial gescholtene griechische Staat in Summe über alle Wirtschaftssektoren eine geringere Verschuldung aufweist, als die USA und GB, selbst die klassische „schwäbische Hausfrau“ - Deutschland – ist nicht brüllend besser,

- die Banken sind in Frankreich, Großbritannien und Japan mit ihrem Verschuldungsgrad ein ungleich größeres Problem, als in Griechenland, den USA und Deutschland,

- während die große Staatsverschuldung bei Griechenland/Japan nicht überraschend ist, sticht die

- Schuldenquote der Unternehmen (Nicht-Finanzsektor) in Belgien, Frankreich und Japan ins Auge.

. . . auf der anderen Seite explodiert das Vermögen der Reichen!

JA – das Nullsummenspiel funktioniert prächtig . . . aber nur für die „vermögende Klasse“, also die obersten Superreichen (0,1% - 1% der Bevölkerung) bis hinunter zu den obersten 10% der Vermögenden.

Dass mit zunehmender Verschuldung - vor allem der Staaten, die über Massensteuern und die „kalte Progression“ den Großteil der Erwerbstätigen seit Jahrzehnten abzockt – auch die eh schon hohen Vermögen noch weiter steigen, ist klar.

2016 ist es soweit: wir haben die 1%-Gesellschaft!

http://www.theguardian.com/business/2015/jan/19/global-wealth-oxfam-inequality-davos-economic-summit-switzerland?CMP=share_btn_fb

Die Studie von Oxfam prognostizierte für das Jahr 2016, dass mehr als die Hälfte des Weltvermögens auf das oberste 1% der Vermögenden entfallen wird, d.h. sie werden über mehr Reichtum verfügen als die restlichen 99% der Menschen!

Dieser unsoziale und gesellschaftssprengende Trend ist auch völlig losgelöst von der größten Finanzkrise aller Zeiten zu sehen, denn die Vermögenskonzentration lag 2009 noch bei 44% für das oberste ein Prozent der Superreichen – stieg dann auf 48% per 2014.

Dass die „Bankenrettungen“ nicht gerade wenig zu dieser Entwicklung beitrugen (siehe die zuvor erwähnten Schuldexplosion der Staaten zu Gunsten der Banken!), ist allen klar.

Die Überschwemmung mit zusätzlichem „Geld aus dem Nichts“ der Zentralbanken weltweit (Stichwort: QE – Quantitative Easing) trieb die Börsenkurse zu „All-time-Highs“, wovon genau welche BürgerInnen profitierten? Richtig – es sind nicht die normalen ArbeitnehmerInnen, die sich mit 2-3 Jobs durchschlagen müssen um sich ein halbwegs angenehmes Leben leisten zu können.

https://lh6.googleusercontent.com/-n_QnonqtYLM/VRdHXHhQS8I/AAAAAAAAAwk/RtWFNWIXovk/w958-h719-no/2015%2B-%2B1%2B%25%2BSuperreiche%2B-%2BO%2BX%2BF%2BA%2BM.jpg

Die 80 reichsten Milliardäre konnten ihr Vermögen seit 2009 fast verdoppeln – und haben mehr Vermögen als die 3,5 Mrd. ärmsten Menschen dieses Planeten. Selbstredend werden sie ihren Reichtum dazu benutzen, auch weiterhin über Lobbygruppen ihre Interessen durchzusetzen!

That`s for sure ...

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Die Fragen lauteten:

a.) Wenn Schulden das Problem sind - wieso sind mehr Schulden die Lösung?

b.) Bei wem ... sind wir alle SO verschuldet?

Die Antworten:

zu a.) Wir leben in einem 100%igen Schuldgeldsystem,d.h. alles Geld entsteht NUR als Kredit/Schuld und dies bedeutet, dass sich die (Staats-)schulden und das private Vermögen immer deckungslgeich entwickeln. Neues Geld - ohne dass ein Schuldverhältnis entsteht - gibt es nicht. Eine Lösung ist daher nur in einem neuen Geldsystem möglich!

zu b.) In unserem 2-stufigem Geldsystem, erzeugt NUR der Banksektor, also Zentral- (ZB) und Geschäftsbanken (GB), das Geld. Während die ZB dazu gesetzlich ermächtigt sind - gibt es für die Erfindung "des Geldes aus dem Nichts" der GB k e i n e gesetzliche Basis.

Wir alle sind also (direkt oder indirekt) i m m e r bei Banken verschuldet!

"Hier in Frankreich herscht gegenwärtig die größte Ruhe. Ruhe. Nur ein leiser, monotoner Tropfenhall. Das sind die Zinsen, die fortlaufend hinabträufeln in die Kapitalien, welche beständig anschwellen. Man hört ordentlich, wie sie wachsen, die Reichtümer der Reichen. Dazwischen das leise Schluchzen der Armut. Manchmal klirrt etwas wie ein Messer, das gewetzt wird“.

(Heinrich Heine, 1842)
17:22 29.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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