Sep/11/1973 - Chile: Militär- und CIA-Putsch.

Chile, SEP-11, CIA,Putsch Wenn irgendwo zwischen zwei Mächten ein noch so harmlos aussehender Pakt geschlossen wird, muss man sich sofort fragen, wer hier umgebracht werden soll. (Bismarck)
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"Der 11. September ... ja auch ein Dienstag - am 11. Sep. 1973 wurde, der im Gegensatz zu Bush (jun.) demokratisch gewählte Präsident Chiles ... mit Hilfe einer amerikansichen Terrororganisation, namens CIA, aus dem Amt geputscht. 3000 ermordete chilenische Demokraten. Den Mordbefehl gab der damalige Osama bin Laden - Henry Kissinger - bis heute nicht ergriffen...außer vor sich selber."

selber."

Volker Pispers: "USA and Terrorism" - 1-5 ).

In nur 45 Minuten gelingt es dem genialen Kabarettisten, Pispers, alle Regime-Changes der USA seit dem Schah in Persien bis zu Saddam Hussein faktengetreu und mit viel satirischer Brillanz aufzurollen - A MUST!

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Die letzte Rede Salvador Allendes:

„Mitbürger:

Dies wird höchstwahrscheinlich die letzte Möglichkeit sein, dass ich mich an sie wenden kann. Meine Worte enthalten keine Bitterkeit, jedoch Enttäuschung.

Sie werden die moralische Strafe sein für diejenigen, die ihren Schwur verraten haben. Soldaten Chiles: der Oberbefehlshaber, Admiral Merino, der sich selbst ernannt hat, der Herr Mendoza, dieser niederträchtige General der noch gestern der Regierung seine Treue und Ergebenheit bekundete und sich heute zum Generaldirektor der Carabineros ernannt hat.

Angesichts dieser Tatsachen, bleibt mir nichts anderes als vor den Werktätigen zu bekräftigen:

ICH WERDE NICHT ZURÜCKTRETEN!

In eine Periode historischen Übergangs gestellt, werde ich die Treue des Volkes mit meinem Leben entgelten. Und ich sage Ihnen: ich habe die Gewissheit, dass die Saat, die wir in das Bewusstsein 1000er und abertausender Chilenen gepflanzt haben, nicht herausgerissen werden kann.

Sie haben die Gewalt – sie können uns unterjochen – aber die sozialen Prozesse kann man weder durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten.

Die Geschichte ist unser! Sie wird von den Völkern geschrieben.

Werktätige meines Vaterlandes!

Ich danke Ihnen, für die stets bekundete Treue, für das Vertrauen, dass sie in einen Mann gesetzt haben, der nur die Verkörperung der Sehnsucht nach Gerechtigkeit war – und der sein Wort gab, Verfassung und Gesetze zu achten und der dies tat.

In diesem entscheidenden Moment – dem letzten in dem ich mich an sie wenden kann – mögen sie diese Lehre beherzigen.

Das Auslandskapital, der Imperialismus vereint mit der Reaktion schufen das Klima, damit die Streitkräfte mit ihrer Tradition brachen.

Wie sie General Schneider lehrte, und Kommandant Herrera bekräftigte. Sie wurden Opfer des gleichen sozialen Sektors, der heute darauf lauert, mit fremder Hilfe die Macht zurück zu erobern, um so seinen Besitz und seine Privilegien zu verteidigen.

Ich wende mich vor allem an die einfache Frau unseres Landes - an die Bäuerin, die an uns glaubte - an die Arbeiterin, die noch mehr schuf – an die Mutter, die um die Sorge um unsere Kinder wusste - ich wende mich an die Vertreter der technischen Intelligenz unseres Landes – an all die Patrioten unter Ihnen, die gegen die Verschwörung der Berufsverbände arbeiten, jener Klassenverbände, die nur die Vorteile jener kapitalistischen Gesellschaft einigen wenigen einräumt, verteidigen.

Ich wende mich an die Jugend, an die, die sangen – die sich mit Fröhlichkeit im Kampfgeist einsetzten.

Ich wende mich an die Männer Chiles, die Arbeiter, Bauern, Intellektuellen, an diejenigen, die verfolgt sein werden, den in unserem Lande wütet der Faschismus schon seit vielen Stunden mit Terroranschlägen, sprengt Brücken, blockiert Eisenbahnlinien und zerstört Öl- und Gasleitungen.

Demgegenüber steht das Schweigen derjenigen, die die Verpflichtung gehabt hätten, dagegen vorzugehen. Die Geschichte wird sie richten!

Sicherlich wird Radio Magallan zum Schweigen gebracht und der ruhige Klang meiner Stimme wird nicht zu Ihnen gelangen.

Das macht nichts – sie werden mich weiter hören. Ich werde immer unter ihnen sein.

Zumindest die Erinnerung an mich – an einen würdigen Menschen, der der Sache der werktätigen Menschen die Treue hielt.

Das Volk soll sich verteidigen – aber es soll sich nicht opfern.

Das Volk darf sich nicht unterjochen und quälen lassen!

Aber es kann sich auch nicht erniedrigen lassen!

Werktätige meines Vaterlandes,

ich glaube an Chile und seine Zukunft. Andere nach mir werden auch diese bitteren und dunklen Augenblicke überwinden, in denen der Verrat versucht sich durchzusetzen.

Sie sollen wissen, dass eher früher als später, wahre Menschen auf breiten Strassen marschieren werden, um eine bessere Gesellschaft aufzubauen!

Es lebe Chile!

Es lebe das Volk!

Es leben die Werktätigen – dies sind meine letzten Worte!

Ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht umsonst sein wird. Ich habe die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die die Feigheit und den Verrat strafen wird"!

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Chile: Ein Land als Labor für Milton Friedmans krude Thesen

Abrupt und mit brutaler Gewalt endete der dreijährige sozialistische Aufbruch des Salvador Allende. Die ganze Bevölkerung stand unter Schock, als Menschen auf Metallgestellen von Betten „gebrochen“ wurden, indem die Putschisten Strom durchleiteten um jegliche Gegenwehr im Keim zu ersticken.

„Die Menschen saßen im Gefängnis, damit die Preise frei sein konnten“, kommentierte dies später der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano.

Unter der Anleitung Friedmans wurde eine neoliberale Wirtschaftspolitik eingeleitet. Obwohl er sich selbst nie als Neoliberaler bezeichnete, wurden seine Thesen (Nachtwächterstaat – die Märkte regeln alles von selbst, eben durch die „Invisible hand“ - mehr Wettbewerb, deshalb auch der Vorrang von Privatisierungen – mehr individuelle Freiheit usw.) radikal umgesetzt.

Später - 1992 - anlässlich einer Drogendebatte äußerte sich Friedman zu Chile wie folgt:

„The real miracle is that a military junta was willing to let them do it. As I said to begin with, the principle of the military is from the top down. The principle of a market is from the bottom up. It's a real miracle that a military group was willing to let a bottom-up approach take over. Chile is by all odds the best economic success story in Latin America today.”

Und weiter: ”There is as yet no similar example from the world of entirely socialist states.”

Sein Beraterverhältnis zur Militärdiktatur sah er so: "I do not consider it as evil for an economist to render technical economic advice to the Chilean Government, any more than I would regard it as evil for a physician to give technical medical advice to the Chilean Government to help end a medical plague."[Newsweek, 14th, June 1976]

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Das klägliche Scheitern der „Chicago-Boys“

Worauf der Ruf Chiles vom „Tiger Lateinamerikas“ beruht, ist mir ein Rätsel, denn

- das durchschnittliche Wachstum zwischen 1973-1990 lag bei mageren 2,9 %, nicht besser als de weltweite Durchschnitt,

- der Durchschnittslohn s a n k - allein von 1973-1980 um 17 %

dafür stieg der Anteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze von 22 auf 44% an.

- Bereits 1975 (nur 2 Jahre nach dem gewaltsamen Putsch) „wirkte“ sich die neoliberale Rezeptur (viele Staatsbetriebe und Banken wurden privatisiert...der Finanzsektor dereguliert...die Importzölle auf 33% halbiert und später auf 10% gesenkt...der staatliche Etat wurde gleich im ersten Jahr um 10% gekürzt...nur das Budget des Militärs wurde erhöht) fatal aus:

- das BIP (1973: 18 Mrd. US-Dollar) sackte um mehr als 50% ab und betrug 1975 magere 7,9 Mrd.,

- die Inflation (1973: 508 %) reduzierte sich lediglich auf 340%

und die Arbeitslosigkeit explodierte von 3 % (1973) auf über 15%!

Selbst der damalige Industriellenboss Sáenz erklärte die »Schocktherapie« zu einem »der größten Misserfolge unserer Wirtschaftsgeschichte«.

Ab 1980: Pinochet/Friedman: „Orgie der Selbstverstümmelung“ (The Economist)

Griechenland von heute - sieht ungefähr so aus, wie Chile zu Beginn der 1980er Jahre! 1982 war der Diktator am Ende seines Lateins angelangt:

- die Wirtschaft brach um 19% ein und

- die Arbeitslosigkeit schnellte auf 30% hoch.

- Die Inflation stieg binnen eines Jahres von 9 auf 21% an, ein Jahr später landete diese sogar bei 23%.

- Die unregulierten Finanzinstitute (auch nix Neues!) waren mit 14 Mrd. US-Dollar verschuldet – mehr als die Hälfte des BIP des Landes. In Folge führte dies auch zum Konkurs von 16 von 50 Instituten – „to big to fail“ war damals noch nicht en vogue …

Ungeachtet davon schrieb Friedman am 25. Januar desselben Jahres in seiner Newsweek-Kolumne noch vom „Wunder Chiles“, wobei es nicht überliefert ist, ob er die verheerenden Ergebnisse seiner Schocktherapie vorsätzlich verschwieg oder (Sigmund Freud lässt grüßen) verdrängte.

Die Budgetpolitik war von einem sozialen Kahlschlag sondergleichen (auch hier drängt sich das Beispiel Griechenland auf) geprägt:

- 1976 wurden die öffentlichen Ausgaben um 27 % gekürzt

1980 hatten diese nur mehr die Hälfte des Volumens von der Regierung Allende;

- wurden 1975 noch ca. 50% für Soziales ausgegeben - sank diese Quote 1980 auf 32% ab. Und das bei einem total geschrumpften Staatshaushalt

Sogar der „Economist“ sprach 1982 in Hinblick auf die Lebensumstände der chilenischen Bevölkerung von einer »Orgie der Selbstverstümmelung«.

Ab 1982 ging also nichts mehr! Ähnlichkeiten mit der Entwicklung Griechenlands, Spaniens sind reine Zufälle...nicht vergleichbar... muss ne Verschwörungstheorie sein...

Bizarrerweise waren es gerade die Einnahmen aus der staatlichen Kupfergewinnung (Chile ist das Land mit der weltweit höchsten Förderung), die das Land vor dem Staatsbankrott retteten. Die »Chicago Boys« waren verjagt worden und der neue Finanzminister, Hernán Büchi, bekannte sich zu einem »pragmatischen Neoliberalismus« (was immer das sein soll).

- Es wurden die 7 größten Banken und einige ehemalige Staatsbetriebe RE-verstaatlicht, natürlich bei voller Entschädigung der Gläubiger (nein, ich will sie nicht an die x-Bankenrettungspakete erinnern, die auch nur das Vermögen/das Eigentum der vermögenden Schicht sicherten).

- Weiters wurden Agrarsubventionen und Importzölle wieder eingeführt.

- Die Staatsquote stieg noch unter dem Diktator Pinochet auf 34% - ein Wert, den die Allende-Regierung nie erreicht hatte!

F a z i t:

das vom Nobelpreisträger Friedman so vollmundig verkaufte Wunder von Chile gab es schlicht und einfach nicht!

- Der Anteil des Landes am Welt-BIP war trotz Terror und „Chicago-Boys“ in der Zeit Pinochet`s (1973-1990) von 3,54 % auf 1,53% gesunken!

- Für Pinochets Günstlinge, in Chile »Piranhas« genannt, haben sich die 17 Jahre freilich gelohnt.

- Als Pinochets Regentschaft 1990 endete, lebten 45 Prozent der Chilenen unter der Armutsgrenze, die reichsten 10% hingegen, konnten ihr Vermögen fast verdoppeln!

Zu dieser in der Weltgeschichte wohl einmaligen Verelendung der Menschen eines ganzen Landes, schrieb der Ökonom André Gunder Frank von der Universität in Santiago: „Ohne militärische Gewalt und politischen Terror hätten diese Maßnahmen nicht durchgesetzt werden können“!

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NO - V O T E!

1988 wurde ein Referendum abgehalten, dass dazu gedacht war, Pinochets Diktatur weiter zuverlängern. Der Druck vieler Staaten und Demokratien war zu gross geworden. Obwohl die Opposition auf verlorenem Posten stand (ua. wurden ihr nur wenige Sendeminuten im TV zur Verfügung gestellt) gewann sie mit 56% und dem Slogan:

NO (zu Pinochet)!

Es wurde ein sehr interessanter Film über die Bewegung und die Kreation der Wahlwerbung - eben NEIN zu Pinochet zu sagen und nicht JA zur Demokratie! - die zum Erfolg führte, gedreht. Ich habe ihn gesehen, aber leider sind nur mehr Ausschnitte öffentlich verfügbar. Obwohl er fast 30 Jahre alt ist, ist er im Vergleich zu heute und den sehr diffusen "Positionierungen" der Parteien, alle scheinen in einem Einheitsbrei zu verbrühen..., ein Meisterstück für gelungen Wahlwerbung.

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Nach 1990 - Pinochet war abgewählt worden - verlief die Entwicklung unter demokratischen Verhältnissen:

- von 1990-1997 wuchs die Wirtschaft um durchschnittlich 7 %

- nach der Asienkrise sank diese auf da. 2,5 % - immer noch das Doppelte anderer Staaten Südamerikas.

- 2012 betrug der Anteil von Chile am Welt BIP ca. 3,8 % . Dieser hat nach 40 Jahren (!) den Wert, der unter Salvador Allende (1973) mit 3,54% erreicht wurde, überschritten.

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Es ist so erschütternd wie unfassbar, dass eine ganze Zunft der ÖkonomInnen derart - scientology_mässig - der neoliberalen Abenda verfallen ist, dass sie ihre Augen vor der für alle sichtbaren Realität, verschliesst.

Dass Regierungschefs so gut wie nichts von ökonomischen Zusammenhängen kapieren, bestätigte Helmut Schmidt, der als studierter Volkswirt meinte: "Es hat keinen Sinn mit Premiers über Wirtschaft zu debattieren, weil sie davon nichts verstehen".

Helmut Schmidt wurde darin kürzlich von der Griss-Kommission bestätigt, die auch die völlige Unfähigkeit und Ahnungslosigkeit der politischen Elite Österreichs, amtlich verifizierte.

Und wie eingangs erwähnt, versagt auch die 4. Gewalt - also die Medien - im Staat auf armselige Weise.

P.S

Es ist - so wie es ist. Oder es ist nichts so - wie es scheint?

Eines aber ist gewiss: die Menschen lernen aus der Geschichte und Empirie so gut wie nichts!

Einige selbsterklärende Grafiken:

- Anzahl der Erwerbslosen von 15-74 Jahren (2003 = 100)

- Griechenland: Prognosen der EU-Kommission

- Austerity: Vergleich Argentinien - Griechenland

- Vergleich: Deutschland (1913-1920) / Griechenland (2007-2014)

- Europa größte Depression aller Zeiten !

22:49 11.09.2017
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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