Sozialdemokratie: Bobofeeling vs. Stallgeruch

Sozialdemokratie, Bobos "Aber letzten Endes darf man eins nicht vergessen: dass wir olle a Partie san" (Helmut Qualtinger)
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Der Herr Karl ist längst Kult in Österreich.

Wie Helmut Qualtinger mit seiner zynischen, lamoyanten Art und seinem so verführerisch und eher harmlos daherkommenden „Wiener Schmäh“ ein Sittenbild des devoten, nach oben Buckelnden und nach unten Tretenden Bürgers darstellt – ist unerreicht, Der Inbegriff des Mitläufers, der niemandem eine Angriffsfläche bietet, der geborene Opportunist und korrupte „Bürger“, dessen gnadenloser Rassismus – egal ob gegenüber Juden oder Frauen – so „galant“ über die Rampe kommt,

das ist wirklich einsame Klasse!

zB Minute 5:17 …“dann ist eh schon der Hitler kommen – das war ein Jubel, eine Begeisterung, wie man es sich überhaupt nicht vorstellen kann.

Nach diesen furchtbaren, traurigen Jahren … der Wiener hat endlich einmal wieder eine Freud g`habt…a Hetz … hat was g`sehen. … wir sind gestanden am Heldenplatz, am Ring … unübersehbar … man hat gefühlt: man ist unter sich … und … es war wie bei einem Heurigen (Weinlokal, Buschenschank, wo der „heurige Wein“ ausgeschenkt wird)… war wie ein riesiger Heuriger, aber feierlich … ein Taumel… da sind sie einmarschiert die Deitschen, mit klingendem Spiel…die Polizisten sind gestanden mit den Hakenkreuzbinden … fesch… f u r c h t b a r, furchtbar … ein Verbrechen, wie man diese gutgläubigen Menschen in die Irre geführt hat.

Der Führer hat g`führt … aber eine Persönlichkeit war er. Vielleicht ein Dämon – aber man hat eine gewisse Größe gespürt.

Er war ja nicht groß, ich bin ja vor ihm gestanden. Beim Blockwartetreffen im Rathaus – so wie wir jetzt sitzen, ist er vor mir gestanden. Er hat mich ang`schaut …mit seine blaue Augen … ich hab ihn ang`schaut …dann hat er gesagt: JA – JA … da hab ich alles gewusst.

Wir haben uns verstanden. Jo – so bin ich „Illegaler“ geworden.

Min 7:19: Im Gemeindebau haben wir einen Juden gehabt – einen gewissen Tennenbaum. Sonst ein netter Mensch . . . da haben sie Sachen gegen die Nazis geschmiert gehabt, auf dieTrottoirs, die Gehsteige.

Er hats aufwischen müssen – der Tennenbaum. Na – net er allein, die anderen Juden auch… und ich hab ihn hingeführt, dass er es aufwischt. Der Hausmeister hat halt zug`schaut und hat gelacht – er war immer bei einer Hetz` dabei . . .

No, nach dem Krieg ist er zurückgekommen der Tennenbaum, hab ich ihn begegnet auf der Strass`n und hab gesagt: Habe die Ehre, Herr Tennenbaum . . . schaut er mich nicht an, Ich grüße ihn noch einmal: . . . D`Ehre Herr Tennenbaum. – schaut mich wieder nicht an. Hab ich mir gedacht: siehst es … jetzt ist er bös … daweil: irgendwer hätte es ja wegwischen müss`n . . .

Der Hausmeister war ja auch kein Nazi – er hats nicht selber wegwischen woll`n… Alles was man heute darüber spricht ist ja falsch: es war eine herrliche Zeit… keine schöne – damals – ich möchte diese Erinnerung nicht missen“ . . .

"Geborgenheit braucht Stallgeruch" - Auf der Fährte des Geruchs in den Theorien zur Sozialstruktur, S 188 ff. Die soziale Konstruktion olfaktorischer Wahrnehmung, eine Soziologie des Geruchs, lautet der vielversprechende Titel der Dissertation von Jürgen Raab, Universität Koblenz, 1998.

Seite 161: Die feinen Unterschiede im sozialen Raum – Pierre Bourdieu

"Der Geschmack, die Neigung und Fähigkeit zur (materiellen und/oder symbolischen) Aneignung einer bestimmten Klasse klassifizierter und klassifizierender Gegenstände und Praktiken, ist die Erzeugungsformel, die dem Lebensstil zugrunde liegt".

(Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede, S.17.)

Um es kurz zu machen: seit mehr als 30 Jahren gibt es Studien zu den sozialen Milieus aus denen man Lebensstile ableitet. Es werden vielschichtige Merkmale miteinander in Beziehung gesetzt. Sie gehen vom Einkommen, Bildung. Beruf, Konsum – und Wahl- und Medienverhalten, Wertorientierung, Zukunftsansichten, kulturelle Positionierung, bis hin zu Wohnungsgewohnheiten, Freizeitverhalten und Hedonismus usw.

Bourdieu verband in seinem Konzept die Theorie der sozialen Ungleichheit mit der Lebensstilforschung. Er gilt als der Wegbereiter dieser sehr umfassenden Analysen. .

Er erweiterte den ökonomischen Kapitalbegriff (Geld, Eigentum) mit dem kulturellen (Bildung), dem sozialen (soziale Netzwerke, - Beziehungen) mit dem symbolischen Kapital (Macht, Prestige), das quasi als Ergebnis der drei zuvor genannten angesehen wird.

Daraus formt er den „sozialem Raum“, innerhalb dessen sich die Welt abbilden lässt.

Die Kapitalarten (wobei die ökonomische und symbolische – Status, Position – die wichtigsten sind) bestimmen die herrschende Politik im Hinblick auf Verteilung und geben über die soziale Struktur – die Positionen und Machtverhältnisse innerhalb von sozialen Gruppen – Auskunft.

"Sozialer Raum: das meint, das man nicht jeden mit jedem zusammenbringen kann – unter Missachtung der grundlegenden, zumal ökonomischen und kulturellen Unterschiede", so Bourdieu.

Daraus formt er 3 Klassen / sozialen Räume:

die Bourgeoisie , das Kleinbürgertum und das Arbeitermilieu.

Entscheidend für die Klassen sind nicht nur das ökonomische Kapital, sondern die täglich erlebbaren Kulturunterschiede, die sich zwischen der Sozialstruktur und dem Lebensstil auftun. Er bezeichnet dies als „sozialen Habitus“, der sich in dauerhaften Dispositionsmustern, basierend auf Denk- Wahrnehmungs- und Handlungsschemata, zeigt.

Diese umfassen das Aussehen, das Auftreten, den Gestus und die Sprachfärbung, die Mentalität und auch Kleidungsstile sowie Geschmackspräferenzen. All diese Parameter bestimmen den sozialen Raum.

Klar ist, dass ein bestimmter Habitus gleichzeitig eine soziale Distanz zu anderen - nicht genehmen – Lebensstilen erzeugt.

Die Häufigkeit der Kommunikation innerhalb einer sozialen Gruppe wird durch Geschmackspräferenzen bestimmt: „Der Geschmack ist die Grundlage all dessen, was man hat – Personen und Sachen –, wie dessen, was man für die anderen ist, dessen, womit man sich selbst einordnet und von den anderen eingeordnet wird". Und: "Der Geschmack (lenkt) die Individuen mit einer jeweiligen sozialen Stellung sowohl auf die auf ihre Eigenschaften zugeschnittenen sozialen Positionen als auch auf die praktischen Handlungen, Aktivitäten und Güter, die ihnen als Inhaber derartiger Positionen entsprechen, zu ihnen »passen«"

Und: „Der Geschmack bewirkt, daß man hat, was man mag, weil man mag, was man hat".

Dieser ist nie angeboren – sondern ist immer in der individuellen Sozialistation erworben, wobei das ökonomische- (Einkommen, Vermögen) und das Bildungskapital den größten Einfluss haben. Erst im Gebrauch, der Wahrnehmung entsteht der soziale Stellenwert und die soziale Identität.

Die 3 sozialen Räume lassen sich mit dem Begriff Geschmack ungefähr so bezeichnen: „Der Geschmack paart die Dinge und Menschen, die zueinander passen, die aufeinander abgestimmt sind, und macht sie einander verwandt".

Bourdieus umfangeiche Beschreibungen, die Räume für Lebensstile und ein Ensemble von Besitzständen, fasse ich sehr kurz zusammen:

- Die Bourgeoisie

Das vermögende Bildungsbürgertum hat den „reinen Geschmack“. Es steht im krassen Gegensatz zum Oberflächlichen, zum Vulgären. Sie sehen sich als kulturelle Elite, die allein die legitimen Werte und Normen vertritt – die anderen werden daher als minderwertig empfunden.

Durch hohen Reichtum abgesichert, leben sie eine demonstrative „Distinktion“ um sich von den anderen klar abzugrenzen. Die Abhebung von den Massen wird im kulturellen- und Freizeitkonsum dokumentiert. Die Höherwertigkeit wird durch Selbstsicherheit, distinguierte Sprache und einem lockeren Umgang mit bestehenden Normen und Gesetzen unterstrichen.

− Das Kleinbürgertum

verfügt über einen Lebensstil, der zwischen den Eliten und den Arbeitern, den Massen liegt. Es erfolgt eine Vermischung von einer edlen Kultur – mit einem Konsumverhalten, das sich am Massenkonsum orientiert.

Der Habitus basiert auf Fleiß, Gehorsam, Sparsamkeit und einer gewissen Bildungsorientierung. Gleichzeitig fehlt es an Geldmittel, Vermögen und kulturellen Ressourcen. Bourdieu trennt zwischen dem aufsteigendem Kleinbürgertum" (Werbefachleute, Selbständige) und dem absteigendem Teil. Letzterer hält sich an alle Normen und pflegt Anstand, Gewissenhaftigkeit und das Pflichtgefühl.

Die Aufsteiger hingegen folgen ihren Idealen, pflegen den Individualismus und richten sich an der Bourgeoisie aus. Sie wollen Spass haben und frönen dem Hedonismus und ihrer eigenen Selbstentfaltung.

Die Grenzen verschwimmen zusehends in beide Richtungen – nach oben wie nach unten. Viele Studien orten eine Erodierung des Mittelstandes.

- Das Arbeitermilieu.

Das prägende Kennzeichen sind die ökonomisch begrenzten Möglichkeiten und der geringere (Aus-)Bildungsstand. Der Geschmack ist an Massenvorgaben orientiert, der Konsum basiert auf Zweckmäßigkeit und Funktionalität. Teure und hochtrabende ästhetischer Konsum zeichnet sie nicht aus, das wäre Träumerei. Kant nannte dies „barbarischen Geschmack“, der durch den billigen Ersatz für alle teuren Waren gekennzeichnet ist. (Sekt statt Champagner).

Hinzu kommt ein Konsum von Massenware der Unterhaltungsindustrie, insbesondere des TV-Konsums. Der Lebensstil ist durch Resignation gekennzeichnet – man steht den herrschenden Verhältnissen ohnmächtig gegenüber. Daraus folgt ein Konformitätsverhalten – sie sind sehr leicht manipulierbar. Sie erkennen die Bourgeoisie als „Herrscher“ an und daraus entwickelt sich ein Gefühl der Minderwertigkeit, Inkompetenz und Unwürdigkeit.

"Bürgerlich-konservative Politik" ist ganz einfach: nimm von den Vielen - und gib es den Wenigen!

Distinktion (Absetzung) – Oben / Unten

Der symbolische Klassenkampf, wie in Bourdieu bezeichnet, manifestiert sich in gutem und schlechtem Geschmack. Er ist ein verdeckter Klassenkampf um die Welt zu strukturieren, zu beherrschen und findet in einer permanenten Distinktion (wir da oben – ihr da unten, der „Kleine Mann“, Geringverdiener, „Deplorables“ (Hillary Clinton) usw.) statt.

Die Bourgeoisie bestimmt die Werte, Normen und den „guten Geschmack“.

Die kleinbürgerliche Mittelklasse vollzieht das nach, was ihnen von oben vorgelebt wird – und die Arbeiterklasse stellt den absoluten kulturellen Nullpunkt dar.

Diese Imitation - das Nachahmen – nannte Bourdieu das „Verfolgungsrennen“, dem ein sozialer Wandel innewohnen könnte.

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Exkurs: Eliten bleiben unter sich – Bildung wird vererbt.

Nichts Neues, ich weiß. Obwohl seit vielen Jahren in allen OECD-Berichten zur Bildung festgehalten wird, dass in Deutschland und Österreich Bildung vererbt wird, änderte sich nichts.

Die Durchlässigkeit, die einen Aufstieg der Kinder aus der Arbeiterklasse ermöglichen und ihnen durch ein Studium Chancengleichheit bieten sollte, steht nur auf dem Papier. Auch hier zählt die Ausrede der SPÖ – wir stellen nicht den Bildungsminister – nicht.

Dass gerade das „Bildungskapital“ neben dem Vermögen die sozialen Räume/Klassen bestimmt, hat Bourdieu treffend festgestellt. In Großbritannien sind die Studiengebühren derart hoch, dass sich nur sehr wenige Kinder aus Arbeiterfamilien es sich leisten können, zu studieren.

Bei uns war dies zur Wahl 2006, als Gusenbauer Schüssel schlug, auch ein Thema. Im Wahlkampf wollte er die Studiengebühren abschaffen. Sobald die SPÖ in Regierungsverantwortung war, hatte er darauf „vergessen“. Schüssel brach somit die Kreisky-Doktrin – keine Studiengebühren! – aus der Krone der Sozialdemokratie. Gusenbauer fiel um, bevor er lernte aufrecht zu gehen.

Die Elite stimmt für die Elite.

Michael Hartmann ist der wohl anerkannteste Elitenforscher. Im Interview mit dem Trend sagte er ua,. folgendes. Ich zitiere sinngemäß:

Eliten sind eine Gruppe von Menschen die mit Macht und Geld Politik und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ändern können. Der Kern ist immer gleich und er besteht aus Menschen der Wirtschaft, der Verwaltung und Justiz sowie der Wissenschaft. Die Militärs spielen bei uns keine wesentliche Rolle.

Die Abgehobenheit hat sich in den Letzten 20 Jahren verändert. Dies sieht man an der politischen Elite: bestand diese noch vor 30 Jahren zu zwei Drittel aus der Normalbevölkerung und nur ein Drittel aus den oberen 4-5% der Bevölkerung, so hat sich dies umgekehrt. In Österreich ist der Anteil etwas höher, was auf die institutionelle Sozialpartnerschaft zurückzuführen ist. So kamen zuletzt ein Drittel der Regierungsmitglieder aus der Arbeiterschaft.

Nicht nur durch ihre Herkunft, sondern auch durch ihre Lebenswirklichkeit hat sich die Elite immer weiter von der Normalbevölkerung entfernt“ meinte Hartmann.

Sie rekrutiert sich mit Leuten, die so sind wie sie selbst, die eine ähnliche Sozialisation haben, dieselben Unis besuchten usw. Es ist erwiesen, dass die Elite dann Entscheidungen trifft, von denen wiederum nur sie profitiert.

Das Auseinanderdriften bei Einkommen (Manager verdienen heute teilweise das 500fache eines Arbeiters) vor allem aber beim Vermögen (erst die Deregulierung des Kapitalverkehrs machte es möglich, 100e Mio. in Steueroasen zu verschieben) trieb die Spaltung der Gesellschaft voran.

Die politischen Beschlüsse der Regierungen sind dafür verantwortlich.

Vor allem die Lebensstile (Bourdieu) driften immer stärker auseinander. Die Eliten wohnen in abgegrenzten Lebenswelten, sie reisen anders, konsumieren exklusiv und abgehoben: Geld spielt schon lange keine Rolle mehr.

Sie kommen mit dem Rest der Gesellschaft nicht mehr in Berührung. Wieso es für viele ein großes Problem darstellt, eine leistbare Wohnung zu bekommen, ist für sie völlig unverständlich. .

Auf die Frage: Inwiefern gefährdet das die Demokratie? antwortete Hartmann:

Zum einen gehen Teile der Bevölkerung einfach nicht mehr zur Wahl, weil sie das Gefühl haben, dass sich niemand für sie interessiert. . . Die zweite Entwicklung ist das Erstarken des Rechtspopulismus. Beides hängt miteinander zusammen. In Deutschland, zum Beispiel, haben viele, die nun die AfD wählen, zuvor nicht gewählt. Dieses Protestpotenzial, das weit jenseits der maximal zehn Prozent traditionell rechter Wähler liegt, ist neu. . . Erst enttäuschte Wähler vor allem der Linksparteien haben den Aufschwung des Rechtspopulismus möglich gemacht“.

Nun möchte man meinen, dass diese „logischen“ Zusammenhänge allen Sozialdemokraten wohl bekannt sind. Dem ist aber nicht so, sonst hätten sie alleine um des Machterhalts willen ihre Politik längst geändert.

Die einzige Ausnahme ist Jeremy Corbyn. Er fährt eine sozialistische Politik reinsten Wassers und begeistert immer mehr Menschen. Mag sein, dass die konservative Elite den Bogen der Umverteilung von unten nach oben weit überspannt hat und nun das Pendel zurückschlägt.

Die Bilderberger und die SPÖ.

Ich weiß, ein heikles Kapitel für viele, die sich der „Political Correctness“ verpflichtet fühlen. Dass Geheimbünde in der Geschichte immer eine große Rolle spielten, ist unstrittig. So stammt die Hälfte der US-Präsidenten aus dem Stall von „Skull & Bones“ und die meisten waren Mitglieder bei den Freimaurern.

Diesen lockeren Verbindungen der Eliten keine Macht zuzuordnen, hieße doch sich selbst abseits der Realität zu stellen. So ist es kein Geheimnis dass es schon seit der Montan-Union, also seit den 1950er Jahren, den Club des Industrieadels (Thyssen, Krupp, Agnelli usw.) gab. Sie brachten der Politik ihre Vorstellungen von Industrie- und Steuerpolitik „sehr nahe“.

Der Club of 30, der mächtigsten Banker weltweit, ist auch kein Verein, der sich nur zu „Gipferl und Gaggau“ – wie man im strengen wienerisch sagt – trifft.

Vranitzky war ungefähr 18 x bei den Bilderbergen eingeladen, was er mal so nebenbei bestätigte. Natürlich hat die Abschaffung der Vermögenssteuern von ihm 1995 nichts damit zu tun . . .

Gusenbauer war auch zu seiner Blütezeit bei den geheimen Sitzungen, genauso wie Faymann. Auch Bundepräsident Fischer wurde eingeladen.

Überraschend ist dann doch, dass die neue SPÖ-Chefin - Rendi-Wagner - im Juli 2018 auf der Teilnehmerliste stand. Dies deshalb, weil sie als Oppositionspolitikerin und einfache Abgeordnete kaum über Macht verfügte – was sich dann aber vor einigen Wochen änderte.

Das Geheimnis der Wahlsiege der Rechten: Identität und Ausländer

In diesem Zusammenhang passt sehr gut das Rezept der Wahlsiege und der Aufstieg der Rechten, vor allem in Deutschland. Als Österreicher ist mir das nicht neu, denn die AfD ist ein Klon der FPÖ.

Der Erfolg beruht auf der Säule der Schaffung einer gemeinsamen Identität: Wir sind das Volk, Wir sind die Heimatpartei, Deutschland gehört den Deutschen usw.

Mit banalen Worthülsen werden die von den Linken ausgestoßenen Arbeiter aufgefangen. Die FPÖ ist die neue Arbeiterpartei die mit 56% Stimmenanteil der Arbeiter die SPÖ (18%) weit übertraf. Es ist unbestritten, dass genau dies ihre Wahlerfolge quer durch alle Bundesländer ausmacht.

Der äußere Feind, die Sündenböcke - Ausländer und Flüchtlinge – sind das zweite Standbein aller rechtsradikalen Bewegungen. Gnadenlos und menschenunwürdig ziehen sie alle Register der Hetze.

Der Erfolg von Kurz beruht überwiegend auf seinem Schwenk, die FPÖ rechts zu überholen – dies vermittelte er aber mit einem lächelnden Bubengesicht. Die Katholen hielten alle still. Es ging darum, endlich wieder den Kanzler zu stellen und dazu war jedes Mittel recht.

Die Sozialdemokraten wurden auf beiden Füßen falsch erwischt:

zum Einen ging ihrer Bewegung diese „Identität“ verloren, sie ließen viele Menschen einfach zurück, die sie immer wählten. Die SPÖ/SPD usw. haben kein Narrativ, keine Geschichte mehr, die sie den Menschen glaubwürdig verkaufen können.

Zu lange und in zu vielen Bereichen hat sich die Elite der SPÖ von der Basis entfernt – die letzten Ereignisse als auch der Putsch gegen Faymann (Kern wurde ja nicht durch die Mitglieder gewählt) bestätigen dies auf eindrucksvolle Weise.

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Wird die Sozialdemokratie von „Bobos“ regiert?

Wie sind die „Bobos“ den Lebensstilmilieus zuzuordnen? Ich weiß, es gibt mittlerweile viele ergänzende Studien zu Bourdieus Ansichten. Es würde aber den Rahmen meiner Gedanken bei weitem sprengen.

Bobo steht für „bourgeois“ und „bohémien“.

Ich beschrieb die Bourgeoisie zuvor kurz. Man könnte sie vereinfacht als großbürgerlich, angepasst, konservativ und luxusorientiert beschreiben.

Der Bohemien wäre ein leichtlebiger, unbekümmerter und nicht den Konventionen verbundener Künstler, zum Beispiel. So bezeichnet David Brooks in seinem Buch „Bobos in Paradise" die US-Oberschicht der 1990er Jahre.

Der Bobo ist sowohl – als auch. Also reich und (ein kleiner) Rebell / beruflich erfolgreich und unkonventionell / Hippie und Yuppie zugleich.

Heute dürften sich viele aus der Start_Up Szene und dem Silicon-Valley dazu zählen. Sie orientieren sich weniger an der oberen Bourgeoisie – im Gegenteil: ihr Konsumverhalten grenzt sich davon ab, sie ahmen niemand nach und sind sich selbst genug – sie empfinden sich als innovativ und Trendsetter. Sie haben kein Problem mit dem SUV 200 km zum exklusiven Golfclub zu fahren – und am Abend in illustrer Runde bei den „Grünen“ über den Klimawandel zu philosophieren.

In Wien flogen die Grünen 2017 aus dem Parlament.

Die Homebase waren die Bezirke 4-9, wo sich viele kleine Firmen tummeln und sich reichere, junge Leute die letzten Jahre ansiedelten. Ja, so nebenbei machte man auch „auf Politik“, wobei man – Gott bewahre! – nichts mit den Arbeitermilieus zu tun haben wollte: man empfand sich als neu-bürgerlich, man war der Inbegriff des „Bobo“.

Der Aufprall in der Realität war laut und hält immer noch an: sie flogen aus dem Parlament, nach 30 Jahren.

Die Demokratie hat man in Wien auch sehr weit ausgelegt: so wurde ein Beschluss gegen ein Hotelprojekt in einer Denkmalzone von der Basis abgelehnt, aber von den grünen Gemeinderäten dann durchgezogen. Bei den Wahlen 2020 dürften sie viele Haare lassen, zumal wieder nur die alten Bobos antreten. . .

SPÖ und Bobos – das geht nicht zusammen!

Mal von Kern abgesehen, dessen Abgang einem sauren „Roten“ entsprach, löste die Personalentscheidung der designierten Parteichefin – Pamela Rendi-Wagner, ex-Gesundheitsministerin – großen Wirbel in der Steiermark aus.

Sie ersetze den allseits beliebten Steirer Lercher (der alle Sympathien der Bundesländer auf seiner Seite hatte) durch den „Theatermacher“ Drozda. Rendi-Wagners Stehsatz – ich will Leute haben, denen ich vertraue – war gleichzeitig ein Misstrauensvotum gegen Lercher. Dass sie diese brisante Entscheidung alleine und ohne sich vorher mit dem Betroffenen abzustimmen traf, goss noch mehr Unmut und Zorn ins Feuer.

Die Kritik war laut und klar: Drozda ist ein „Bobo“ – wir aber wollen einen Bundesgeschäftsführer mit dem wir Eisstockschießen und auf den Fußballplatz gehen können.

Der Ärger war wohl auch dem Umstand geschuldet, dass sich Kern quasi selbst als Spitzenkandidat für die EU-Wahl vor laufenden Kameras ernannte und man „die da oben“ ordentlich satt hat.

Drozda sei ein „Akademiker im Anzug“, ein Karrierist, der keine Hausmacht in der Partei hat und daher sich nicht als Bundesgeschäftsführer eignet. Auch Vorwürfe des Feudalismus wurden lanciert, weil der Mann von Rendi-Wagner unter Drozda in der Regierung tätig war – und die Frau von ihm Rendi-Wagners Brautführerin war.

Gleich und gleich gesellt sich gern – und so rückte Androsch, einst Finanzminister unter Kreisky, aus, um dagegen zu halten. Er monierte, dass auch Viktor Adler genauso wie Rendi-Wagner Arzt war, Adolf Schärf Jurist und Bruno Kreisky ebenfalls Akademiker. Sein Stern ist längst ohne Glanz, zumal er vor Jahren – Kreisky hatte ihn wohl zu spät entlassen – rechtskräftig wegen Steuerhinterziehung verurteilt wurde. . .

Waren die Parteichefs der SPÖ alle Bobos?

Denkt man an die Analysen Bourdieus dann muss man dies bejahen.

Vranitzky, Banker:

Er folgte auf Sinowatz als Kanzler (1986-1997) und war auch Parteichef. Er „führte“ Österreich in die EU (1995) und sanierte mit großen Arbeitsplatzverlusten die staatliche Stahlindustrie.

1995 schaffte er die Vermögenssteuern ab und zusammen mit Lacina, dam. Finanzminister, wurde auch das Perpetuum Mobile für alle Reichen kreiert:

das Privat_Stiftungs_gesetz.

Einbehaltene Gewinne unterlagen nicht der KÖST, was die Vermögen der Reichen explodieren ließ. Heute rennt die Gewerkschaft gegen die gleichen Anliegen der Regierung Sturm: sehr seltsam. Als er dann für ein paar Telefonberatungen für den Bankdirektor der Gewerkschaftsbank BAWAG in einem Plastiksackerl 1 Mio Schilling erhielt (damals entsprach das ca. einem 3-fachen Jahresnettolohn eines Stahlarbeiters) wussten auch die letzten Erzroten, mit wem sie es in Wirklichkeit zu tun hatten . . .

Klimas Intermezzo.

Auf Vranitzky folgte für ein kurzes Zwischenspiel von nur 3 Jahren, Klima – ein Manager aus der ÖMV, dem in Mehrheitsbesitz des Staates stehenden Mineralölkonzern. Schüssel trickste ihn 2000 aus – er wurde als Dritter Bundeskanzler – und Klima vertschüsste sich Richtung Argentinien, wo er Landeschef von VW wurde. Schröder soll etwas nachgeholfen haben, sagt man.

Gusenbauer, der ex-Kommunist?

Er küsste einst als Jungsozi den Boden Moskaus. Er schlug 2006 Schüssel knapp in der Wahl. Alle waren überrascht. Es war wohl zu viel des Guten, was die FPÖ sich alles erlaubte. Parallelen zu heute sind nicht von der Hand zu weisen.

Die SPÖ ließ sich total über den Tisch ziehen – alle Schlüsselresorts besetzte die ÖVP. Nach seinem Abgang 2008 verdingte er sich als Berater „für eh olles“ – er machte keine Unterschiede zwischen Despoten, so lange die Kohle stimmte. Er beriet sogar die Hypo-Kärnten, für was auch immer, und kassierte für ein Kamingespräch 18.000 Euro.

Faymann – der große Verlierer.

Gusenbauer wurde kalt weggeputscht, seine Allüren wurden der Basis zu viel. Dann kam Faymann aus Wien, dem man mehr Draht nach unten zutraute.

Er verschanzte sich in der Parteizentrale, war sehr beratungsresistent und verlor mehr als 20 Wahlen in 8 Jahren. Ein neuer Putsch, am 1. Mai 2016 wurde er mit lautem Geschrei vor dem Parlament in die Pension geschickt, brachte dann Kern an die Macht.

Kern: weder links - noch rechts - sondern modern?

Das war sein Credo und viele alten Roten mögen sich gefragt haben: wenn er kein „Linker“ ist, wieso ist er dann Chef der SPÖ?

Seine mit naiv wohlwollend umschriebener EU_phorismus lebte er voll aus: 88% der Mitglieder waren gegen CETA - er entschied sich dafür! Dies verkündete er auch noch vollmundige als Entscheidung der SPÖ - nicht der Gewerkschaft.

Ein grobes Faul!

Zuvor bestand seine 1. Amtshandlung darin, den Banken 650 Mio. Euro zu schenken (die Bankenabgabe wurde von Faymann eingeführt) , was 2016 der Mindestsicherung von Wien entsprach. Da staunten viele Sozialdemokraten mit dem ihnen anhaftenden „Stallgeruch“ nicht schlecht …

Sein narzisstisches, dünnhäutiges Verhalten ließ immer wieder viele Parteimitglieder ratlos zurück.

Im selben Stil inszenierte er, durch Indiskretion gegenüber der Presse eingeleitet, seinen Abgang um sich gleich selbst vor laufenden Kameras und ohne auf einen Parteibeschluss zu warten, als Spitzenkandidat der europäischen Sozialdemokratie (ohne sich vorweg mit irgendwem abgestimmt zu haben) v0rzuschlagen.

Frau Rendi-Wagner, die erste Frau an der Spitze!

Sie war ungefähr die 4-6. Wahl, was aber nichts über ihre Qualifikationen aussagt.

Drei Landeschefs – Wien, Burgenland und Kärnten – sagten rasch ab. Ludwig wurde erst im Mai als Parteiobmann in Wien gewählt, der Burgenländer erst vor einigen Tagen und Kaiser aus Kärnten gewann bravourös die Landtagswahl. Frau Bures – die Geheimfavoritin – wollte partout nicht, obwohl sie Ludwig sehr bedrängt haben soll. Sie spitzt auf die Bundespräsidentenwahlen 2022.

Rendi-Wagner wurde dann schnell, wieder durch lancierte Pressemeldungen vorbereitet, als neue Parteichefin designiert. Eine Revolution? Ja, ein bisserl. Es ergab sich situativ. Früher gab es auch starke Frauen, aber da gab es Kreisky und Vranitzky.

Ist sie (auch) ein Bobo?

Nun, sie ist sicher eine Top-Ausgebildete Ärztin und leitete einige Monate das Gesundheitsministerium. Sie ist, so wie Kern, eine Quereinsteigerin und trat nur einen Tag vor der Angelobung der Partei bei.

Sie vermasselte Ihren Einstieg ziemlich und ihre "Dialogfähigkeit" scheint bei Personalentscheidungen sehr begrenzt zu sein - kein gutes Zeichen. Sie verfügt über keine Hausmacht und hat es nun noch schwerer.

Will die SPÖ Erbschafts- und Vermögenssteuern: ja - oder nein?

Einen größeren Fehler leistete sie sich im Interview im ORF, der ZiB2. Armin Wolf fragte sie konkret, ob sie für Erbschafts - und Vermögenssteuern sei - oder nicht?

Ihre Antwort war sehr dünn und einer Sozialdemokratin unwürdig:

"So kurz kann man das nicht beantworten, weil man muss schon vor dem Hintergrund des Wirtschaftsaufschwungs von drei Prozent die Frage beantworten. Und hier ist die Frage: wo setzen wir mit der Entlastung an in der Steuerstruktur? Und da sehe ich eine überproportionale Belastung bei den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Und die sollen etwas haben vom Wirtschaftsaufschwung. Und ich fordere die Regierung hier auf, hier ehest eine Entlastung anzusetzen. Das ist die Schraube die zu drehen ist. Aus meiner Sicht. Jetzt“

War die Frage so schwer gestellt?

Nein, natürlich nicht. Mal davon abgesehen, dass sie Einkommen mit Vermögen verwechselt – beides ist ja nicht dasselbe – ist ihr Herumgeeiere um die Besteuerung der Reichen ein Fiasko.

Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass Österreich mit Deutschland nur ca. 0,5 % der Wirtschaftsleistung an vermögensbezogenen Steuern einhebt – die USA und Großbritannien aber ca. das 7-9 fache. Auch ist mir nicht bekannt, dass eine internationale Fluchtbewegung der Ultrareichen von den USA oder der Schweiz, die auch 2,4 % an Vermögenssteuern berechnen, eingetreten ist.

Treichl – Chef der 1. Bank: Erben ist keine Leistung!

Fast zur gleichen Zeit bekannte sich der bestverdienendste Banker Österreichs zu Erbschafts- und Vermögenssteuern. Er macht eine klare Ansage und konterkariert damit die neue SPÖ-Chefin in Grund und Boden.

Es ist nicht nur mir völlig unverständlich, wieso man hier im SPÖ-Vorstand nicht schon längst eine klare Position hat. Das „Wähler_ich_pflanz_Dich_Spiel“ ist immer dasselbe: wenn man in der Regierung ist – geht’s nicht, weil der Koalitionspartner dagegen ist. Ist man in der Opposition, ist es auch schwierig eine klare Linie zu haben?

Wo sind die deutschen SPD-Bobos?

Mit Verlaub: die Herrschaftsallüren von Schröder, Müntefering, Gabriel, Schulz und nun eben Nahles und Scholz, möchte ich nicht kommentieren. Dies wurde zur Genüge in den deutschen Medien getan.

Dass die Groko bei ca. 46% und die SPD bei so 15-17 Prozent liegt hat einen wichtigen Grund: "Der Fisch stinkt bekanntlich immer vom Kopf" . . .

ad) Scholz: wessen Geistes Kind er wirklich ist, sei dennoch kurz erwähnt.

Fabio de Masi, Linker Abgeordneter im EU-Parlament, wies auf einen sehr eigentümliche Zugang des deutschen Finanzministers zur Finanztransaktionssteuer hin. Scholz, der sich bei der Einführung auf die Seite von Macron (der immer dagegen war) schlug, meinte:

„Eine Forderung nach einer Finanztransaktionssteuer sei „nationalistisch und anti_europäisch, weil nicht europäisch durchsetzbar“.

Nur ein tiefroter Stallgeruch führt zum Erfolg!

Wie erwähnt leitete eigentlich Vranitzky mit dem Abschaffen der Vermögenssteuern den neoliberalen Schwenk der SPÖ ein. Blair und Schröder folgten später und ihr Weg der Mitte, wurde zum Fiasko.

Viele sozialdemokratische Parteien starben den leisen Tod und sind heute marginalisiert: in Frankreich ist die PS kaum mehr vorhanden, in Griechenland schon lange, in Italien liegt sie unter ferner liefen und in Schweden, Österreich und Spanien tümpelt sie bei 20 – 29 Prozent herum.

In Deutschland ist die SPD nach dem kindlichen Hype um Schulz auf dem Weg in die Bedeutungslosigkeit. Ob sie sich unter dem Duo Nahles-Scholz jemals erholen wird, darf stark bezweifelt werden. Es gibt viele Ursachen – aber eines ist gewiss: es liegt zu einem großen Teil am Führungspersonal!

Das bringt mich zurück zum Anfang und zu den sozialen Räumen, wie sie Bourdieu sah.

Gerhard Schulze und das Sinus-Institut haben ihn in einigen Passagen ergänzt. Es scheint gerade die Sozialdemokratien zu zerreißen, wenn sie von „Eliten“ regiert werden, die sich schon lange von der Basis abgekoppelt haben.

Ich möchte andererseits bezweifeln, dass dies vorwiegend mit „Akademikern“ zu tun hat, weil das eine nicht das andere – eine empathische Hinwendung zu den Arbeitern, den Schwächeren im Staat – bedingt. Das sich viele, die aus armen Verhältnissen stammen, zum Parvenü entwickeln, hat mit Machtgeilheit, Arroganz verbunden mit einem übergroßen Ego, zu tun. Auch die Bestätigung – endlich oben angekommen zu sein – hat sicher einen größeren Einfluss.

Der „Geschmack der Bourgeoisie“, das permanente Bewegen in einer total abeschoteten Parallelwelt, beschleunigt sicher die Entfernung von den Werten, für die die Sozialdemokratien einst standen.

Jeremy Corbyn: for the many – not the few.

Ja – es ist möglich: so gewinnt man Wahlen !

Vielen politischen Beobachtern, mich inklusive, ist es völlig unverständlich, dass die Sozialdemokratien in Deutschland und Österreich zB., nicht imstande sind, von anderen zu lernen. Sicher sind nicht alle politischen Vorschläge, Aktionen aus Großbritannien 1 : 1 mit unseren Rahmenbedingungen vergleichbar: dennoch gäbe es vieles, was man von Labour und Corbyn kopieren könnte.

Sozi-Bashing hat das Banken-Bashing abgelöst. Der Witz: „Was ist der Unterschied zwischen einem Theater und dem SPD-Parteivorstand? Im Theater werden gute Schauspieler schlecht bezahlt“, ist allseits bekannt.

Klassenkampf von unten.

Dass der Neoliberalismus von den Sozialdemokratien inhaliert wurde, ist evident. Sie haben den Klassenkampf von oben gegen das eigene Klientel viel zu lange mitgetragen. Deshalb sind sie dort, wo sie heute sind. Das Führungspersonal ist saturiert und nicht für einen Klassenkampf gerüstet. Ja, man muss feststellen: sie wissen nicht mehr, wie das geht . . .

Die Orientierung in „die Mitte“ geht ins Leere.

In Österreich gibt es keine „bürgerliche Mitte“, weil ca. 54 Prozent der Menschen unter 25000 Euro brutto im Jahr verdienen. Das entspricht ca. 1760,- brutto im Monat, bei 14 Gehältern. Wo soll da der Mittelstand sein, von dem alle Experten so viele reden? Hinzu kommt die Tatsache, dass es bei uns 1,6 Mio Menschen gibt, die an der Armutsgrenze leben müssen! Keinen Sozialdemokraten kümmerte dies, zumal diese Zahl vor einigen Jahren noch bei 1,4 Mio. lag.

Jeremy Corbyn greift die Bourgeoisie, die Reichen, direkt an

- Das ist wohl der wesentliche Unterschied zu ihm, dass er nicht nur weiß, wie Klassenkampf geht, sondern er die Reichen, die ihr Geld in Steueroasen bunkern, scharf kritisiert und ihnen in Aussicht stellt, dass sie unter einer Labour Regierung endlich ihre Steuern korrekt zahlen müssen.

Er tritt dafür ein, dass

- Firmen 10 % ihres Eigentums den Arbeitnehmern zur Verfügung stellen,

- Unternehmen, wie die Bahn, re_verstaatlicht werden müssen und damit legt er sich mit Milliardären wie Branson an,

- alle Studiengebühren fallen müssen, damit Arbeiterkinder es sich wieder leisten können, zu studieren,

- Großbritannien eine pazifistische Außenpolitik verfolgt und damit liegt er diametral zu den Militärinterventionen in Syrien und dem Irak; dass er gegen alle Kriege, die Blair initiierte, stimmte, sei nur am Rande erwähnt;

- die Dogmen des Neoliberalismus niedergerissen werden; er tut dies seit mehr als 30 Jahren wo er immer gegen „New Labour“ unter Blair stimmte, wenn es gegen die Schwachen und Arbeitnehmer ging.

Jeremy Corbyn ist ein charismatischer Mensch, der eines hat, was allen anderen fehlt: eine große soziale Glaubwürdigkeit !

Nur eine totale Schubumkehr und ein strategischer Personalwechsel – weg von den Bobos und hin zu Menschen mit Stallgeruch – kann die Roten Europas noch retten!

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Hier schließt sich der Kreis zu Helmut Qualtingern: "Das wir olle a Partie san" traf in den 1960er und 70er Jahren zu. Genosse, Freundschaft waren keine hohlen Worte. Heute sind die roten Eliten nicht von den konservativen zu unterscheiden - weder im Lebensstil, noch weniger in den politischen Inhalten.

Nichts bestätigt dies mehr, als die neoliberale Haltung zu Vermögens- und Erbschaftssteuern - wo aber seit Jahren eine klare Haltung gefragt wäre.

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Dent Coad said: “We are not here to manage capitalism”

- signaling the party’s break with a neoliberal consensus that has dominated politics for the past 30 years.

(Parteitag von Labour in Liverpool, 2018)

04:12 04.10.2018
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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