Strache: Vom "Neo-Nazi" zum Sportminister?

Neonazi, FPÖ, HC Strache Eine Notlüge ist immer verzeihlich. Wer aber ohne Zwang die Wahrheit sagt, verdient keine Nachsicht. @Karl Kraus
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Bei uns wird der Fasching auf 365 Tage ausgedehnt. Ein eigenes Gesetz brauchen wir dazu nicht, nee.

Preußen - Österrreich

Hugo von Hofmannsthal hat 1917 die Unterschiede zwischen den Preußen und Österreichern bezüglich des Charakters herausgearbeitet. In den vergangenen 100 Jahren hat sich da nichts verändert:

- während die Preußen mehr im JETZT leben (also eher einen esoterischen Zugang pflegen) - haben wir einen historischen "Instinkt",

- ihr da Oben im Norden seid der Ordnung verbunden und handelt gerne nach Vorschrift - wir da unten haben eine raschere Auffassungsgabe und eine besondere Geschicklichkeit (des Durchwurschtelns?)

- den Preußen ordnet Hugo von Hofmannsthal mehr Selbstgefühl und einen großen Anteil in Selbsbehauptung zu - den Österreichern die Selbstironie und den Hang zum Unklaren - die im Norden seien selbstgerecht, schulmeisterlich, anmaßend und krisenanfällig - während wir im Südosten verschämt, eitel, witzig und eine Spezies, die Krisen ausweicht, sind;

- die Preußen kämpfen um ihr Recht, demonstrieren ihren eigenen Charakter und sind unfähig sich in andere hineinzuversetzen - die Österreicher hingegen sind betont lässig, gute Schauspieler, die sich in alle möglichen Charaktere verwandeln können:

so ein kleiner Auszug aus seiner interessanten Typologie.

A.) Die Preußen ... am Beispiel der Anstalt - 2014:

Think_Tank des Josef Joffe (Herausgeber derZEIT)

Kurz zurückerinnert:

Die Anstalt zertrümmerte einige "Starjournalisten" in ihrer vermeintlichen Objektivität, indem sie nachwies, dass sie in einer Doppelrolle als Journalist - wo sie ua. über die Münchner Sicherheitskonferenz berichteten - und als "Experten" in eben der Politik zuarbeitenden Instutitionen agierten:

ein klassischer Fall von Unvereinbarkeit!

Nachdem nun der Herausgeber derZEIT, Dr. Josef Joffe, die "Anstalt" klagte, bekam diese brillante Satire einen hohen Deutungswert.

Joffe und Bittner scheitern mit Klage gegen Die Anstalt (ZDF)

Das Landgereicht Hamburg hat die einstweilige Verfügung (die beiden "Qualitätsjournalisten" fühlten sich in der Ehre gekränkt, weil dieAnstalt ihre Querverbindungen zu ThinkTanks aufzeigte) aufgehoben und befand:

"Bereits in der mündlichen Verhandlung hatte das Gericht jedoch durchscheinen lassen, dass es bei einer satirischen Darbietung keine Haare zu spalten gedenke. Die eigentlich kritisierte Aussage, nämlich die beträchtlichen journalistischen Interessenkonflikte Joffes durch seine unstreitigen Mitgliedschaften in vor allem atlantischen Lobby-Organisationen, stand ohnehin außer Frage.

Ungenauigkeiten und Übertreibung aber wird man Satire durchaus zugestehen müssen, während Leser von Journalisten wie Joffe allerdings durchaus sorgfältige und ausgewogene Recherche erwarten dürfen".

Damit waren die beiden Journalisten derZEIT nicht zufrieden - und sie bekamen eine Instanz höher sogar recht.

Nun ging DieAnstalt (ZDF) zum Bundesgerichtshof - und der entschied für das Satireportal - und gegen die Journalisten:

"Journalisten müssen satirische Kritik an ihren Verbindungen zu angeblichen "Lobbyorganisationen" hinnehmen - und zwar auch dann, wenn die Fakten im Detail nicht ganz stimmen".

Auf einer Schautafel präsentierte von Wagner ein netzartiges Gesamtbild, das die Verbindungen der Journalisten zu Organisationen, wie zB. die Atlantik-Brücke, das Aspen Institute oder die American Academy in Berlin, aber auch die Münchner Sicherheitskonferenz, aufzeigte.

Er sagte zusammenfassend: "Die recherchieren da nicht, die sind da Mitglieder, Beiräte, Vorstände".

In 2. Instanz hatten Joffe und Bittner von derZEIT noch Recht bekommen, weil sie einige "Linien" zu viel sahen.

Der BGH hob diese Entscheidung in letzter Instanz jedoch auf, und meinte: "Man müsse die Äußerung nach ihrem "Gesamtzusammenhang" beurteilen - schon gar, weil es sich um einen satirischen Beitrag handele, dem die "Verfremdung" wesenseigen sei".

Bei den Zusehern ginge es nicht darum, dass jeder Strich, jede Linie genau stimme - sondern es gehe lediglich um die Aussage, dass zwischen den Journalisten und diesen Organisationen Verbindungen bestünden.

Mal offen gesagt:

auf die Idee, ein Satiremagazin zu verklagen - noch dazu dieAnstalt, die für ihre gute Recherche bekannt ist - das hat schon ein "sehr eigentümliches Geschmäckle" . . . ! Dass das ZDF, das Zweite Deutsche Fernsehen, nicht klein beigab, mag mit den zuvor von Hugo von Hofmannsthal zitierten "Charaktermerkmalen der Preußen" zu tun haben - irgendwie ... ;)

Andererseits scheint Herrn Kleber mal den Ösi-Charakter (schauspielernd, verschämt und eitel usw.) herausgehängt zu haben, als er anfangs April seine "Utopie mit dem Krieg gegen Russland" in den Äther hinausblies . . . witzig war es aber nicht.

B.) Die Österreicher . . . am Beispiel des ORF.

Wir haben eine gemeinsame, unsägliche Vergangenheit - den Völkermord an den Juden und den 2. Weltkrieg - die uns verbindet. Viele Alt_Nazis schafften es, entgegen der Verfolgung und der Gerichtsurteile, in der Politik, der Justiz und Verwaltung Karriere zu machen.

Unter Jörg Haider, der "Lichtgestalt" aus Kärnten, drangen etliche solcher Figuren, deren Distanzierung zu "Nationalsozialistischem Gedankengut" zu wünschen übrig ließ, an die Oberfläche. Haider selbst wurde sogar als Landeshauptmann, aufgrund seines nazi-affinen Sagers von der "ordentlichen Beschäftigungspolitik Hitlers" ..., abgesetzt.

2005 spaltete Haider das BZÖ, Bündnis Zukunft Österreich, von der FPÖ ab. Ihm wurden wohl die vielen "Alt_Rechten und Burschenschafter" usw. zuviel und er wollte eine neuere, freiheitlichere weniger "national-fokussierte" Bewegung haben, die auch die Regierungsarbeit fortsetzte. Die abgespaltene FPÖ übernahm dann später ein gewisser Heinz-Christian Strache (HC) - nun Vizekanzler und Sportminister.

Seit der Regierungsbildung Ende 2017 gibt es zig - "nazi_affine" Einzelfälle, die so im Wochentakt hochschwappen.

Die Verbindungen sind alt, stabil und nicht wegzuleugnen, dass sogar die Süddeutsche Zeitung eine "Akte Strache" anlegte und dafür seht gut recherchierte.

Die Beweise sind klar und eindeutig, fand die SZ: "Schilderungen von Augenzeugen, Erkenntnisse deutscher Sicherheitsbehörden und Archivmaterial belegen: Strache war über Jahre Bestandteil der Neonazi-Szene und begann parallel dazu seine Karriere in der FPÖ."

Seine Aktivitäten bei der Wiking Jugend - sie stand in der Tradition der Hitler-Jugend, der Verfassungsschutz stufte sie als "neonazistisch" ein, sie wurde 1994 verboten - legt HC als Jugendsünde einfach ab. "Er habe nicht gewusst, worauf er sich einlasse ... und habe nur Brotkörbe verteilt", meinte HC: nur an Brotkörbe kann sich kein Zeuge erinnern . . .

Mit 17 trat er in die deutschnationale Burschenschaft Vandalia ein. HC ist begeistert - es ist ein Bund fürs Leben. Er fungiert als Fechtwart und schlägt Mensuren - 7 sind es bis heute. Die schwarz-weiß-rote Reichskriegsflagge, ein Motiv, das auch Neonazis bei Aufmärschen gerne schwenken, hängt an der Wand. Die Vandalia tickt eindeutig deutschnational!

Über die "Nazi_affine Burschenschaft" bekommt er später Kontakt zum bekannten Rechtsextremen Norbert Burger, in dessen Tochter Gudrun er sich verliebt.

1988 ist sein erster großer Auftritt - im Burgtheater wird die Premiere von Berhards "Heldenplatz", einem kritischen Stück über Österreichs Umgang mit der NS-Zeit, gefeiert - und Strache brüllt mit anderen jungen Männern gegen die Bühne. Natürlich ist auch das nur eine zu vernachlssigende Jugendsünde . . .

Sein neues Hobby sind Kriegsspiele im Wald mit berüchtigten Neonazis. Er ballert mit Soft_Guns im Kärntner Wald herum. Mit dabei der spätere NPD Funktionär Andreas Thierry. 2 davon sind mit dem Holocaust-Leugner Küssel (der auch wegen Wiederbetätigung verurteilt wurde und eine mehrjährige Strafe im Gefängnis verbrachte) über seine VAPO verbunden - für Strache waren das nur "harmlos Paintball-Spiele ...

1990 wird HC erneut von der deutschen Polizei festgenommen.

In Passau besuchte er eine Veranstaltung zum Thema: "Wiedervereinigung sofort" der rechtsextremen Deutschen Volksunion (DVU), die später mit der NPD fusioniert. 11 Personen von den 4000 Teilnehmern werden festgenommen - unter ihnen Strache. Er soll eine "Schreckschusspistole" bei sich gehabt haben.

1989 tritt er in die FPÖ ein - er findet Haiders Sager, der Österreich eine "ideologische Mistgeburt" nennt, toll.

Später wollte er den RFJ, Ring Freiheitlicher Jugend, übernehmen und Scheibner, Verteidigungsminister unter Haider meinte: "Strache war uns damals zu rechts und hat zu sehr gepoltert." Auch der verstorbene FPÖ-Veteran Otto Scrinzi (Scrinzi war vor 1945 SA-Sturmführer und Mitarbeiter des Innsbrucker Rasse-Instituts der Nazis.) sagt für die Biografie "HC Strache" 2008: "Vom Strache glaube ich, dass er im Grunde ein Nationaler aus Überzeugung ist."

Ich war nie ein Neo_Nazi ... !

2005 übernahm Strache die FPÖ und richtet sie streng und weit rechts aus. Später - 2007 - taucht in der österreichischen Presse ein Foto auf, wo er mutmaßlich den neonazistischen Drei-Finger-Gruß zeigt - den sogenannten Kühnen-Gruß, der in Deutschland verboten ist.

Strache beteuert, er habe lediglich drei Bier bestellt. Vor laufenden Kameras sagt der FPÖ-Vorsitzende: "Ich war nie ein Neonazi und ich bin kein Neonazi."

Sang HC Strache das "SS-Treuelied"?

In der Wiener Hofburg hing vor wenigen Wochen eine riesige Deutschlandfahne - ein Zeichen der deutschnationalen Burschenschaften- HC Strache war auch zugegen - ein Foto das der FPÖ-Landtagsabgeordneten Udo Guggenbichler auf Facebook postete, bestätigt dies. Zusatz: „Diese Freiheit lassen wir uns nicht nehmen.“

Er übernahm den Ehrenschutz (?) - obwohl er kurz nach Regierungsantritt vor der Presse verkündete - er habe mit den Burschenschaften nichts zu tun ...

Am Rande sei erwähnt, dass dort auch das frühere SS-"Treuelied“ gesungen wurde. Das Lied „Was ist des Deutschen Vaterland?“ und „Wenn alle untreu werden“. Ob er auch mitsang - ist nicht überliefert . . .

O R F: HC - vom Neonazi zum Sportminister ... ?!

Ob der unterschiedliche Umgang der Politik und Medien mit satirischen Beiträgen auf die große Bandbreite zwischen den preußischen und österreichischen Charakteren zurückzuführen ist - mag jeder für sich entscheiden.

Maschek & Maschek sind brillant in ihrer "DE_Montage" der Dialoge und ihren sarkastisch-brillanten und bissigen Wortunterlegungen, die oft zu Lachstürmen ausufern.

Dieser Beitrag wurde im Rahmen einer ORF-Sendung vor 2 Tagen ausgestrahlt - und unmittelbar danach wieder storniert ... ???

Wenn schon die ZEIT-Journalisten so "zart beseitet" sind, dass sie nicht mal eine überwiegend der Wahrheit entsprechenden Aufklärung über ihre "korrupte Doppelrolle" aushalten - dann ist der devote, vorauseilende Kadergehorsam gegenüber der neuen, rechtsradikalen Regierung - JA! - des ORF genau wie ... zu bewerten?!

Sind wir schon wieder soweit, dass sich der Staatsfunk und seine verantwortlichen Akteure derart unterwürfig geben, nur damit sie ihre Jobängste befrieden und alles was man an Aufrichtigkeit sich so in einem Leben aneignet - oder eben nicht ... - so mir nix - dir nix - am Altar der Hörigkeit geopfert wird ?

Das nenne ich Charakter !

Aber es gibt auch Hoffnung, dass im Ösi-Land der aufrechte Gang nicht total verlernt wird:

"Wo die Bastis, die Kickls, die HC’s, die Sellners in den Logen hausen – dort treten wir nicht auf!"

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Juristische Anmerkung:

- Dass Strache als Junger Mann in der Neonazi-Szene unterwegs war - ist eine belegbare Tatsache! (siehe ua. den Akt der Süddeutschen Zeitung)

- "Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut": "profil" gewann Prozess gegen Strache - (vom 7. Dezember 2004, 14:19)

Eine Klage Straches wurde in zweiter Instanz vom Oberlandesgericht Wien abgewiesen; das Urteil ist rechtskräftig. In der Urteilsbegründung wird festgehalten, dass die in dem Artikel "Deutsch, treu und ohne Scheu" getroffene Wertung, Strache habe "eine Nähe zu nationalsozialistischem Gedankengut", zulässig sei.

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23:27 13.04.2019
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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