Talk-Shows, Wirtschaftspillen, Stresstests...

Wachstum,Stresstest „The further a society drifts from the truth, the more it will hate those that speak it” (George Orwell)
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Was ist der echte (Informations)Nutzen von Talk-Shows?

Ich gebe gerne zu, das ist nicht mein Metier. Ich meine, es ist/war nie Meins - C bis F-Promis und andere "abgenutzte Wanderpokale" aus dem Fundus "pensionierter und gelangweilter Politiker-EX-Wichtigtuer“ - oder den schier unendlichen Vorrat aus der Journaille, der Marke: "Huch - ich bin wichtig, spreche 5 Sätze relativ rund heraus - und ein Buch habe ich auch gelesen" . . . - stundenlang in ihren Zirkelschlüssen und Wortspielereien mit Pfalzgehabe und narzistischem, selbstverliebten Habitus usw. usw., zuzuhören oder sie gar für "Ernst" zu nehmen, nö.

Auch klar: Ausnahmen bestätigen die Regel und ein paar davon gibt es ja auch - irgendwo. Sahra Wagenknecht fällt mir hier spontan ein und bei Männern ... ähm. Hallo - ist da jemand?

Nein, diese Formate werden auch nicht durch "ÖkonomInnen" und PhilosophInnen +++ , egal ob Weiberl oder Manderl, besser oder gar intellekt_ü_ller, nee.

Ich habe mich so zwischen 2008-09, also unmittelbar nach dem Ausbruch der Krise, rasch satt gesehen & gehört (das ewig gleiche Gesichter-Roulette beschleunigte diesen Prozess), wobei der Informationsgewinn meist umgekehrt proportional zum Zeitaufwand stand. Ich hab es dann gelassen, weil mir meine knappe Zeit ungleich wichtiger war, als das Glotze-Gucken. Ja, man kann auch nebenbei ein Backhenderl, ganz oder halb, mit Vogerlsalat und Kürbiskernöl (eine der Standardmenüs der Steirer) essen und sich mit Freunden unterhalten. Wunderbar - wenn nicht das Gerede wäre - dann dreht man schneller ab, als man einschaltete.

Schluss. Aus.

DIE Wirtschaftswunderpille: „Wir müssen Steuern senken, um Wachstum zu schaffen“ ...

Nun, nachdem man ganz Europa - nachweislich - in die Depression „gemanagt“ hat, ist man draufgekommen, die menschenunwürdige Arbeitslosigkeit und sich rasch ausbreitende Armut ganz Südeuropas könne man mit der Senkung der Steuern (nein, nicht die Lohnsteuer ist gemeint, sondern nur die Gewinnsteuern der Konzerne ) bekämpfen. So das überlieferte neoliberale Mantra, das man zu jeder sich bietenden Gelegenheit ausgräbt und dann massenmedial als Wunderpille verkauft. Die GUTachter stehen Schlange, sie gibt es wie Sand am Meer und nichts ist rascher kalkuliert und graphisch schön gezeichnet – als ein paar Kurven, die die Binsenweisheit sichtbar darstellen.

Wachstum rauf = Steuern und Arbeitslosigkeit runter, so das Credo. Die Entscheidung fällt man am besten ganz oben, also im EU-Rat und der Kommission, und schon gibt’s DAS „Rezept“ wie man die sich stark verschlechternde Lage in Frankreich und Italien verbessert.

Gesagt – getan.

Und es hat auch funktioniert. Frankreich senkt die Steuern um 50 Mrd. Euro – weil Wachstum, Wachstum Wachstum – und kürzt die Sozialleistungen etc. und Italien folgt Gewehr bei Fuß und kopiert einfach die Wirtschaftswunderdroge.

Nein, eine Analyse - gar eine empirisch belegte, oder so was in der Art - braucht es nicht: wozu auch? Schade, denn hätte man sich ein bisserl schlau gemacht, wäre man rasch gescheiter geworden und hätte eingestehen müssen: sorry, aber das erhöht nur die Gewinne ohne Wachstum zu erzeugen.

In den hinteren, billigeren Plätzen tönt es vorlaut: aber genau das ... wollten wir doch alle so!

https://lh5.googleusercontent.com/-JYKyhQEn-hM/VE_qDbM-U9I/AAAAAAAAAdA/qNQc_TBcCL0/w958-h719-no/USA%2B-%2BTax%2BRate%2B-%2BGDP%2B-%2BChange%2B1930-2009.jpg

Quelle: http://www.slate.com/articles/news_and_politics/the_best_policy/2010/02/tax_fraud.html

Dass Wachstum keine SO einfach Sache ist, dürfte allen Menschen klar sein. Die Steigerung hängt von vielen Faktoren ab und einen empirischer Nachweis dieser (für die Politik extra formulierten?) „Daumen x großer Zehe – Formel“ ist nirgends auszumachen, wie man am Beispiel der USA von 1930-2009 sieht:

- die Wirtschaft wuchs zwischen 1951-1963 um jährlich ca. 3,7 % als die Grenzsteuersätze auf ihrem Höhepunkt über 90 % (!) lagen. Ob sich Hollande daran an Beispiel nahm, als er solche um 75% festschreiben wollte, kann ich nicht sagen. Wenn man heute ein bürgerliches Regierungsmitglied an solche Zeiten erinnert, wird man a) geköpft ... oder b) in die Anstalt, ja die geschlossene..., eingewiesen.

- nach Herabsetzung des Grenzsteuersatzes auf 35% vor ca. 10 Jahren wurde gerade mal ein Wachstumsschub von 1,7 % erreicht. Schöne Bescherung.

Also – es darf, ernsthaft und mit einfachem Hausverstand, angenommen werden, dass das mit dem Wachstumsschub nur ein „wirtschaftsreligiöses Mantra“ ist, wofür man auch eine Wahrsagerin auf irgendeiner Kirmes hätte befragen können. Wenn man den, zugegeben einfachen Versuch, unternimmt, und nach Norden gegen Schweden guckt – dann hätte man feststellen müssen, dass man mit den höchsten Stundenlöhnen das doppelte Wachstum von Deutschland (der Eurozone sowieso) ab 1999 erzielte.

Also - der an ökonomischer Einfältigkeit kaum zu toppende Schluss: Gewinnsteuern runter = Wachstum rauf, ist in der Wirtschaftsgeschichte nicht als bahnbrechender Erfolg auszumachen. Deshalb sucht man gleich gar nicht, behaupten einige spitze, bitterpöse Zungen.

Der Stresstest ist vorbei – die Karawane zieht weiter.

Was nicht sein darf, wird auch nicht herauskommen – oder so könnte man das Ergebnis beschreiben. Die Anforderungen waren nicht wirklich „stressig“, denn dazu hätte man schon ein 2. Waterloo a la 2008-09 mit einem großen realen Wirtschaftseinbruch modellieren müssen. Das Stressniveau war aber nicht so angelegt, sodass auch nur ca. 20% - die üblichen Verdächtigen - nicht bestanden: immerhin jede 5. Systembank!

Die EZB durfte ja angesichts der allseits bekannten fragilen Verfassung vieler Banken, nicht alle „durchwinken“ ohne sich selbst zu disqualifizieren. Andererseits hätte sie bei einer größeren Durchfallsrate eine Unruhe unter Kunden - Sie wissen, der Horror aller Banker und Politiker ist das Wort: BANKRUN – ausgelöst. Deswegen das allseits erwartete Ergebnis.

Die Abbildung zeigt die Struktur der Banken klar auf:

https://lh4.googleusercontent.com/-wapmMOotRnk/VFAQD47Wu8I/AAAAAAAAAdU/RfslIm9_ITs/w958-h719-no/Europa%2B-%2BBankensysteme.jpg

* Anforderungsniveau: Beim Zinsanstieg betrug die Latte nur eine Verdoppelung des derzeitig historischen Tiefs, was bei deutschen Anleihen gerade mal + 0,75-1% entsprach. Bei Spanien waren es so um die + 3-4% was niedriger war als vor 2 Jahren angenommen wurde und damals gab es auch keinen Zusammenbruch – auf dem Papier.

Die Vorgabe der EZB: die absolute Solvenz aller Euroländer (?) schloss ein „Encore“ der größten Rezession von vornherein rechnerisch aus, was angesichts der nicht wirklich rosigen Aussichten erstaunlich ist. Eine Rezession von um die 2%, eine Zunahme der Arbeitslosigkeit auf 13% (von beinahe 11% derzeit) vor allem aber die 100%ige Sicherheit der Staatsanleihen, sind kein Maßstab, der den derzeitigen Aussichten gerecht wird.

** Sinnlose Fehler: Es ist verwunderlich, dass die großen Target2-Salden der souveränen Notenbanken gegen die EZB nicht berücksichtigt wurden, zumal diese fast 2/3 der Bundesbankforderungen ausmachen. Klar ist, dass bei den hohen Außenhandelsbilanzüberschüssen Deutschlands die Forderungen gegenüber den Importdefizitländern steigen werden, d.h. das Risiko diese nie einbringen zu können, steigt stetig an. Unverständlich ist auch, wenn man sich die Lage Griechenlands und anderer Staaten vor Auge führt, dass diese Salden nicht abgeschrieben werden und man so tut, als sei alles „in bester Ordnung“.

Grob fahrlässig ist jedoch die völlig Ausblendung des derzeit größten Risikos: die Depression/Deflation in Südeuropa – die auch nicht durchgespielt wurde. Hier negiert man einfach die allseits längst bekannten Fakten und die Realität wird eher früher als später mit einem großen Knall hereinbrechen . http://www.agenda2020.at/a20_joomla25/index.php?option=com_content&view=article&id=280:europa-ist-in-einer-groesseren-depression-als-1929-gelandet-dank-merkel&catid=34&Itemid=160#.VFAWyceOTXg

*** Eigenkapital / Hebel (Leverage Ratio): was so „wissenschaftlich“ klingt, ist ganz einfach und eigentlich DER Indikator für das Risiko: er drückt das Verhältnis von Eigenkapital zur Bilanzsumme aus. Dieser Hebel beträgt bei der Deutschen Bank (DB) ca. 44 und dies bedeutet, dass das Eigenkapital nur ca. 2.2% der Bilanzsumme beträgt – oder anders gesagt: muss die DB nur 3% Kreditausfälle als Verlust abschreiben, ist das Eigenkapital weg und die Bank insolvent.

Und 3% sind eher die Regel, als die Ausnahme. Während die USA hier ungleich schärfer rechnen und den Banken mindestens ein Eigenkapital von 4-5 und teilweise sogar 8 % vorschreiben – liegt der Basel III Vorschlag für die europäischen Banken bei 3% (also einem Hebel von ca. 33!).

Jeder österreichische Gewerbetreibende/Selbständige reibt sich nach diesen neuen "Anforderungen an die Banken" die Augen, denn im Insolvenzrecht gilt eine Eigenkapitalquote von 15% als "insolvenzgefährdet" . . .

F a z i t : Dass damit selbst 6 Jahre nach der Krise alles andere als eine Verbesserung der Krisenanfälligkeit eingeplant wird, ist eine Frechheit und Zumutung für alle Steuerzahlern, zumal die bisherigen Kosten der Bankenrettungen bei ca. 5.100 Mrd. liegen (Stand Ende 2011 und inklusive der Grantien) und die Banken seit 2010 wieder fröhlich ihre Gewinne ausschütteten und kaum Teile davon zur Eigenkapitalserhöhung reservierten.

Auch hier gehen die USA ungleich „restriktiver“ gegen ihre Banken vor: es kam nicht selten vor, dass die US-Aufsichtsbehörden Dividendenerhöhungen einfach verboten haben (wie bei der Citigroup z.B.) eben damit das Eigenkapital gestärkt und das Risiko nach dem Desaster 2008-09 für die Steuerzahler vermindert wird.

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Nein, das ist keine Satire - geht nicht, weil sie von der Realität permanent überholt wird.

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Die Lüge ist wie ein Schneeball: Je länger man ihn wälzt, desto größer wird er. (Martin Luther)

23:40 28.10.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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