Was haben Staatsschulden mit dem Euro zu tun?

Euro, Staatsschulden Oh je - Herr Jauch! Erschreckende Unkenntnis verbunden mit herablassenden Kommentaren der politischen "Experten" erklärt den Bauchfleck auf billigem Boulevardniveau.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ich habe es wieder mal getan: mir eine "Talkshow" angesehen... Der Grund war natürlich nicht Herr Jauch - sondern der griechische Finanzminister Varoufakis.

Das Unwort "Lügenpresse"(ich weiß, man hört dies nicht gerne, auch wegen der Historie) wurde auf eindrucksvolle Weise bestätigt, leider. Was hier so den Sehern öffentlich zugemutet wird, hat ein journalistisches Niveau erreicht, das mit schlecht recherchierten Fakten und Untergriffen statt Bezug zu den Fakten und Sachverstand Quote machen will - oder muss?

Wer billige Propaganda in den Fokus einer Sendung stellt, hat sich nicht nur selbst disqualifiziert, sondern verschärft die überwiegend hoch emotionalisiert geführte Debatte nur weiter - statt sie mit sachlich fundierten Argumenten und einer höflichen Kommunikation gegenüber Varoufakis zu entemotionalisieren.

Schon klar - Vertrauen aufzubauen ist ungleich schwieiriger, als mit dem Boulevard-Dampfhammer draufzuhauen.

* ) Wieso wird das Mantra der EU: Staatsschuldenkrise = Eurokrise nicht sachlich hinterfragt?

Statt das Video des Stinkefingers (nicht mal korrekt recherchiert) zu zeigen - wären z.B. die Meinungen jener NobelpreisträgerInnen sehr aufschlussreich gewesen, die in Lindau im vorigen August einstimmig erklärten:

Ohne Austritt aus dem Euro ist eine Verbesserung der südeuropäischen Länder nicht möglich!

Dass sie Merkel ob Ihrer verheerenden Wirtschaftspolitik (Deutschland betreibt einen Wirtschaftsnationalismus, um sich aufkosten der Defizitländer seinen "Wohlstand" zu sichern und die Arbeitslosigkeit zu exportieren) scharf kritisierten, ging an den Jauch`s Deutschlands spurlos vorüber.

Hätte man sich der Mühe unterzogen, den Ursachen und Folgen der Eurokrise auf den Grund zu gehen, wäre man schnell drauf gekommen, dass sowohl das "Griechenbashing" als auch das Hinunterschreiben Frankreichs jeder ökonomischen Grundlage entbehrt.

Nein - die Eurokrise hat seinen Ursprung nicht in den exorbitant angestiegenen Staatschulden - sondern liegt in den Ungleichheiten des Aussenhandels, wo Deutschland mit seiner Politik des Lohndumping, als Verursacher klar festzuzurren ist. Aber dazu später mal.

Ja - dies bringt sicher eine niedrigere Quote, aber sind nicht gerade die QualitätsjournalistInnen der Sache - vor allem aber der Objektivität verpflichtet? Auch klar, damit hätte man ein echtes Thema gehabt, wo die Politiker nicht nur sachlich auf dünnem Eis tanzen sondern auch die Verletzungsgefahr entsprechend hoch ist.

Schade - irgendwie ...

Also - ich unternehme mal einen Versuch, aus meiner Sichtweise DIE entscheidende Frage zu stellen:

was haben die Staatschulden mit dem Euro (der Währung) zu tun?

Die Antwort:(fast) n i x.

* ) Von Korrelation und Kausalität

Jeder der sich - etwas - mit wirtschaftlichen Zusammenhängen und den Sozialwissenschaften beschäftigt, sich einliest, stößt rasch auf die beiden Begriffe. Sie sind die Basis einer schlüssigen und durchdachten Argumentation. Es stellen sich 2 Fragen:

- Gibt es einen Zusammenhang von den 2 Variablen Staatsschulden - Euro?

- Und - wenn JA: ist dieser Ursache-Wirkungs-Zusammenhang kausal, d.h. ursächlich begründbar?

http://www.statistics4u.info/fundstat_germ/cc_corr_causality.html

Wie in der Quelle beschrieben, gibt es einige Wechselwirkungen zwischen 2 Variablen, die man vor allem in den Wirtschaftswissenschaften schwer nachweisen kann. Am häufigsten trifft der Fall 5 zu:

"a und b beeinflussen sich überhaupt nicht, die Korrelation ist nur zufällig bedingt".

Nun - wenn sich kein Zusammenhang zwischen den Staatschulden und dem Euro (dem Kurs der Währung als Preis) feststellen lässt, dann braucht man nach der Kausalität, also einer "sachlich begründ- und verifizierbaren Argumentationskette", nicht mehr zu forschen.

Klar ist: kein Zusammenhang - keine Kausalität!

* ) Politisch-bequeme Mono-Kausalität.

Nachdem es kaum PolitikerInnen gibt, die als Minister auch über Grundkenntnis der Ökonomie verfügen (Varoufakis ist sicher ein guter Ökonom!) sind die ExpertInnen gefordert, komplizierte Zusammenhänge einfach und leicht verständlich zu erklären. Daher kommt es - bewusst oder unbewusst - zu "simplen Erklärungsversuchen/-modellen“.

Dazu ein Beispiel - Deutschland:

Steuersenkungen fördern das Wirtschaftswachstum?

https://lh6.googleusercontent.com/-Bg335lVqT00/VQc6WxK3gSI/AAAAAAAAAts/y9e4gxHZfF4/w958-h719-no/2015%2B-%2BGewinne%2B-%2BInvestitionen%2Bbis%2B2013.jpg

Die marktliberale These, dass niedrige Steuern für Unternehmensgewinne volkswirtschaftlich notwendig seien, um die Investitionen anzukurbeln was in weiterer Folge zu mehr Arbeitsplätzen führt, entspricht nicht den Tatsachen.

Dies zeigt eine 22jährige Entwicklung deutlich auf:

- während sich die Gewinne seit 1991 von 200 Mrd. auf 500 Mrd. 2010 erhöhten – sanken die Investitionen in Relation zum Gewinn von fast 50% (1999) auf magere 10% (2010) und nochmals weiter auf unter 5%.

Vor allem die Gewinnexplosion in Deutschland seit 2003/04 führte zusammen mit der Senkung der Körperschaftssteuer und des Höchststeuersatzes für Einkommen zu irr hohen Ausschüttungen – die Investitionen stiegen langfristig nicht. Dass die Globalisierung und das Auslagern von Güterprduktionen nach Asien dabei eine Rolle spielte, ist auch klar.

Erinnern Sie sich noch?

Gerade diese total vereinfachten - vermeintlich kausalen – „Argumentationshilfen“ (?) für die Politik, sind auf keinem ökonomischen Fundament gebaut.

Sie dienen nur dazu, Wirtschaftsinteressen gewisser Machtgruppen durchzusetzen und werden - monokausal - „begründet“. Simple Stehsätze kann man eben in jedem Wahlkampf gebrauchen – hinterfragt werden die ökonomischen Zusammenhänge eh (fast) nie.

Und die PolitikerInnen tun sich auch leichter beim Phrasendreschen . . .

Schlüssig-logisch aufgebaute und jederzeit überprüfbare wirtschaftswissenschafltiche "Thesen" sind u.a. deshalb so schwierig zu erforschen und begründen - weil es (fast) immer multikausale Gründe für ökonomische Phänomene/Zusammenhänge gibt. Und diese schießt man man nicht so locker aus der Hüfte" wie Phrasen,

- Stirbt der Euro - stirbt die EU",

- wir brauchen Wachstum, Wachstum, Wachstum - deshalb müssen die Steuern runter,

- Griechenland muss sparen - damit es "wettbewerbsfähig" wird.

* ) Und – gibt es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Staatsschulden und dem Euro?

Eine grafische Darstellung hilft Arbeit zu sparen. Lässt sich ein Zusammenhang nicht mal anhand der Gegenüberstellung von 2 Variablen in ihrer mehrjährigen Betrachtung anhand einer Grafik ausmachen, dann sind weitere mathematische Analysen wenig sinnvoll.

Sie können kaum andere Resultate liefern und errechnete Korrelationen die nicht signifikant sind, sind für eine nähere ökonomische Betrachtung nicht relevant.

https://lh3.googleusercontent.com/-FZ1dJy0X2uE/VQc6LbywwCI/AAAAAAAAAtc/kMrv5iWSNlo/w958-h719-no/2015%2B-%2BEurokurs%2B%2B-%2B%2BEuroschulden.jpg

Vergleicht man die Entwicklung des Eurokurses seit 1999 mit der Kurve der Staatsschulden der Eurozone, so kann ich beim besten Willen keinen Zusammenhang erkennen.

1999 wurde der Euro mit einem Kurs von 1,17 zum US-Dollar eingeführt und sank auf 0,85 $ per Oktober 2000. Die EZB intervenierte mit Unterstützung der nationalen Zentralbanken, weil man befürchtete, dass sich die Weltwirtschaft destabilisieren könnte. Die Wirkung verpuffte - und der Kurs rutsche auf das Rekordtief von 0,8225 Dollar: ein Einbruch von rund 30% seit 1999!

2008-09 wurde der Höchstwert mit 1,60 zum Dollar erklommen. Er sank dann kontinuierlich mit einigen Auf- und Abbewegungen auf das heutige Niveau von 1,06, was einem Verlust von ca. 30% ausmacht. Ob Draghis 1,140 Mrd. Anleihenankaufprogramm auf einen derarteigen Einbruch abzielte um damit stimmulierend auf die Exporte einzuwirken - steht in den Sternen.

Zwar s a n k e n die Staatsschulden der Euroländer um ca. 5.6%punkte bis 2003-04, aber hier einen Zusammenhang mit dem Kurs herzustellen, halte ich für sehr kühn.

Von 2005-07 sank die Schuldenquote wieder um 4-5%punkte - der Eurokurs hingegen stieg an.

Ab 2007 stiegen die Staatschulden an und explodierten ab dem Jahr 2009 um ca. 25%! 2014 liegen sie um die 95% der Wirtschaftsleistung. Im Gegensatz hierzu sank der Eurokurs mit einigen Schwingungen auf den Wert von ca. 1,25 - also ein Einbruch um 25% - um dann auf eine neues Langzeittief von 1,05 abzuschmieren.

* ) Fazit:

Bei aller Mühe kann ich keinen elementaren und signifikanten Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Währung - also dem Devisenkurs zum US-Dollar als Massstab - und der Explosion der Staatsschulden der Euroländer erkennen. Eine mathematische Berechnung verspricht wenig Erhellendes, zumal einmal die Schulden und der Kurs steigen - dann wieder sinkt der Kurs bei starkem Anstieg der Schulden?

Nachdem - offensichtlich - k e i n e Korrelation gegeben ist, stellen sich folgende Fragen:

- wieso wird uns von der Politk und denn ExpertInnen pausenlos und massenmedial das Lied von der "Eurorettung" und den Staatsschulden verklickert?

- wozu haben all die Rettungspakete gedient, außer zur Vermögenssicherung der Bankeigentümer, die sich in dem exorbitanten Anstieg der Staatsschulden niederschlugen - für die alle SteuerzahlerInnen haften?

- wieso wird in den Talkshows mit billigen und absurden "Argumenten" eine Geschichte erzählt, die mit den ökonomischen Fakten nichts zu tun hat und wieso wird an Griechenland ein Beispiel vorexerziert, von Leuten, die nicht imstande sind, diese Zusammenhänge zu begreifen?

* ) Staatschulden - einfach erklärt.

Staaten sind "Einnahmen / Ausgabenrechner", so wie viele Freiberufler auch, die Steuern nach diesem Schema bezahlen.

Ein Defizit bedeutet also, dass die Ausgaben größer als die Steuereinnahmen sind - bei einem Überschüss (den die letzten 30 Jahre die USA, Schweden und Norwegen z.B. erreichten) ist es umgekehrt; die Einnahmen übersteigen die Ausgaben.

Die Abgabenquote gibt im Verhälntis zum BIP an, wieviel der Staat an Steuern und Sozialabgaben einnimmt. Diese lag bei Deutschland und Österreich so um die 44-46% die letzten Jahre. Bei Griechenland macht der Wert ca. 34-36% aus - ebenso wie bei Irland und Spanien.

Kurz zusammengefasst:

hätte Griechenland seit 1999 diegleiche Abgabenquote im Staat durchgesetzt wie Deutschland z.B. dann hätten sie große Ü b e r s ch ü s s e erzielt und ihre Staatschuldenquote läge ca. auf dem Niveau von Schweden - also so um die 35-40%! Es mangelt - und dass sieht jeder außer den EU-BürokratInnen - einfach an Einnahmen um die Ausgaben zu finanzieren. Dies hat hautpsächlich mit der Steuerhinterziehung der Vermögenden, die zig. Mrd. in die Schweiz unversteuert transferierten und der kaum gegebenen Steuermoral zu tun.

Dass die Troika dies n i e ansprach oder einforderte und im Gegensatz dazu eine menschenverachtende Sparpolitik mit erpresserischen Mitteln (sieh die Doku: Troika - Macht ohne Kontrolle) dem griechischen Volk aufzwang, offenbart alle Phrasen der "Eurorettung", als naive und billige Propaganda.

00:42 17.03.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

Kommentare 65

Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar