Wien/12h-Tag: erzkapitalistische Propaganda!

12h-Tag, Propaganda "Alle Propaganda ist verlogen." Bob Dylan, It's alright, Ma (I'm Only Bleeding)
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Klassenkampf von Oben!

Anders kann man den nun vorliegenden Gesetzesentwurf der Schwarz-Blauen-Regierung nicht nennen. Der Angriff erfolgt massiv:

- so wurde ein beschleunigtes Verfahren organisiert, d.h. es gibt keine parlamentarische Debatte darüber. Das ist ein geplanter Frontalangriff auf die Gewerkschaften und ihre Tarifhoheit!

- es konnte schon bisher, in Ausnahmefällen, 12h am Tag gearbeitet werden, aber höchstens für 24 Wochen und unter strengen Auflagen, wie

a.) Zustimmung eines Betriebsarztes

b.) Zustimmung des Betriebsrates

c.) Zustimmung des Arbeitnehmers.

All dies wird in der Vorlage ausgehebelt, d.h. die Gewerkschaft und Betriebsräte haben nichts mehr zu sagen - es bestimmt allein der Arbeitgeber. Zwar ist eine mehr als scheinheilige "Freiwilligkeit" des Arbeitnehmers angedacht - aber nur auf Druck des ÖGB und mittlerweile auch der Kirche, wird eine Verankerung im Gesetz zugesagt.

Gesagt ist aber noch lange nicht getan.

Arbeitskampf:

Morgen ab 14h gibt es seit langem eine Demonstration die über alle Sektionen des Gewerkschaftsbundes geht. Es werden viele Menschen mit Zügen und Bussen nach Wien kommen. Der ÖGB zahlt auch den weiter entfernten Menschen ein Hotel in Wien - so was gabs schon Jahrzehnte nicht mehr.

SEHR GUT SO!

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1.) Mögliche politische Auswirkungen

Seit Wochen wird von der WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich) und der IV (Industriellenvereinigung - einer puren neoliberalen Propagandainstitution) auf Teufel heraus getrommelt, wie super-toll sich die Welt bei 12h Arbeitszeit täglich "anfühlt" . . .

Auf Heinz-Christian Straches FB-Seite (FPÖ-Chef und Vizekanzler) tut sich einiges und er kommt gewaltig unter Druck: geschätze 70% lassen ihren Unmut über den Wahlbetrug (bei CETA fiel die FPÖ total innerhalb eines Tages um und die von ihr im Wahlkampf landauf/landab getrommelte "verpflichtende Volksabstimmung, so sie denn in die Regierung käme" ..., war am Altar des Futtertroges für alle vergessen und Schnee von vorgestern) an ihm aus.

Es scheint so, dass die "kleine Frau" nun wirklich erwacht ist - der 12h-Tag gibt ihr den Rest. Dies kann rasch zu einem Verlust von bis zur Hälfte der Stimmen führen. Dann bliebe wirklich nur mehr die echte "nazi-affine Kerntruppe" über: so geschätzte 10-15%. Wie in vielen anderen Ländern auch. In Deutschland liegt die AfD in Bayern ja schon bei lockern 15% - mit Potenzial nach oben. Deswegen kopieren Seehofer/Söder einfach unseren "Kurzen" ...

Kurz hat mit einer rein auf das Ausländer und Flüchtlingsthema fokussierten Wahlkampagne - überzogen bis zur primitiven, menschenunwürdigen Hetze - und getragen von den RWMM (RIGHT-WING-MAINSTREAM-MEDIA) die ÖVP vom totalen Absturz bewahrt: deswegen diese völlig unnatürliche Unterwerfung unter den Studienabbrecher.

Die Macht ist alles - der Mensch ist nichts!

2.) Was sagt die Ökonomie?

Um die Lügen der WKÖ/IV an die ökonomische Wand zu nageln, bedarf es nur eines repräsentativen Vergleichs - nämlich mit der deutschen Metall- und Elektroindustrie. Niemand wird ernsthaft bestreiten, dass diese stark exportfokussiert ist und hohe Profite abwirft. Nicht für die Arbeitnehmer, sehr wohl aber für die Unternehmer und Angteilseigner.

Es gilt seit Jahren eine 35h - Woche.

a.) Das deutsche Wunder: Metallbranche führt die 28h-Woche ein

Wieso nun gerade der Paradesektor – die Metallindustrie – eine 28h-Woche einführt, während dem die österreichische Industrie in einem 60h-Tag „ihr Heil“ sucht - ist ökonomisch nicht zu begründen. Dies vor allem deshalb, weil die österreichsichen Exporte wie Importe ca. 35% unseres Aussenhandels mit Deutschland betragen und daher die immer wieder so herbeischwadronierte "Wettbewerbsfähigkeit" annähernd gleich ist.

So meinte der deutsche Arbeitgeberverbandspräsident:

Arbeitnehmer können zudem ab 2019 die Wochenarbeitszeit auf bis zu 28 Stunden verkürzen, die Unternehmen zugleich mehr Beschäftigte als bisher länger als 35 Wochenstunden arbeiten lassen. "Der Kompromiss ist tragbar, enthalte aber schmerzhafte Elemente" sagt der Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Stefan Wolf. https://industriemagazin.at/a/deutsche-metall-und-elektroindustrie-4-3-mehr-lohn-und-28-stunden-woche

Dieser Vergleich reicht alleine locker aus, das Hirngespinst einer 60h - Woche des Industrieadels zu widerlegen!

b.) Volkswirtschaft: keine Notwendigkeit eines 12h - Tages

Ich bin persönlich ob der erschreckenden Unkenntnis der Regierung zu den makroökonomischen Fakten erstaunt.

Dies vor allem deshalb, weil eine Analyse der Kapazitätsauslastung des vwl. Kapitalstocks (vwl. Anlagevermögen) keinerlei Notwendigkeit für eine derart massive Ausweitung der Arbeitszeit erkennen lässt: (siehe hierzu den Monatsbericht der Bundesbank, statistischer Teil, Seite 6,7.)

Die Auslastung der Industrie stieg von 84 % (2015) auf 84,3% ein Jahr später auf 86,7% (2017). Dies entspricht einer Steigerung um 2,7%punkte – oder geringen 3 % in 2 Jahren! Setzt man die Produktivität (reales BIP-Wachstum) von 1,7% (2016) und 2,7% (2017) der Bundesbank dagegen (siehe Seite 7) – so wird die Kapazitätsauslastung locker wettgemacht:

JA - die Gewerkschaft müsste sogar auf einer Arbeitszeitverkürzung bestehen.

Anmerkung: Produktivität ist gleich Output/Input, also produzierte Stück / durch geleistete Arbeitsstunden - ein Beispiel: 2016 - 100/100 = 1; / 2017 - 103/100 = 1,03 oder plus 3%. Dies bedeutet, dass ein Jahr später (2017) m e h r Stück mit demselben Input (Arbeitsstunden) erzeugt wurden. Die Volkswirtschft ist um 3% gewachsen (mehr Output, mehr Stück). Es ist eine reine Quantitätskennziffern und hat mit Geld, Inflation rein gar nichts zu tun.

https://www.bundesbank.de/Redaktion/DE/Downloads/Veroeffentlichungen/Monatsberichte/2018/2018_05_monatsbericht.pdf?__blob=publicationFile

c.) Branchenspezifische Betrachtung:

Unbestritten ist, dass die Baubranche und der Tourismus die größten saisonalen Kapazitätsschwankungen aufweisen.

3.a.) Tourismus / Hotellerie: Auch hier ist kein Bedarf erkennbar, eine 60h – Woche einzuführen, denn die Auslastung der Gewerbebetriebe stieg sehr moderat zum Vorjahr an: von 40.4 auf 41% in der Sommersaison – und im Winter von 39,9 auf 40 Prozent.

Eine Ausweitung der täglichen Arbeitszeit auf 12h ist daher kontraproduktiv, zumal gerade die Arbeitszeiten – neben der chronischen Unterbezahlung! – die wichtigsten Gründe für Arbeitnehmer darstellen, die Tourismusbranche zu verlassen. http://www.statistik.at/web_de/statistiken/wirtschaft/tourismus/beherbergung/betriebe_betten/index.html

3.b.) Bauwirtschaft: hier tritt die Saisonalität nur über den Winter auf, ein Sommerloch ist nicht auszumachen, wo eine geringere Beschäftigung nachgefragt wird. Nach dem Rückgang 2011, 2012 stieg der Produktions- (+ 0,5%) und der Umsatzindex (+ 2%) gegenüber 2016 an. Der Beschäftigung (288.000 im Jahresschnitt 2015) standen ca. 10% Arbeitslose (25.016 – 2016) gegenüber. Interessant ist jedoch, dass das Arbeitsvolumen sank.

Zitat: „…während die Arbeitsinputindikatoren (Index der unselbständig Beschäftigten, Index der geleisteten Arbeitsstunden) um -0,4% bzw. -0,4% zurückgingen.“

Daraus eine Notwendigkeit einen 12h-Tag zu „konstruieren“ entbehrt jeder Logik!

http://www.statistik.at/web_de/services/wirtschaftsatlas_oesterreich/bauwesen/index.html

Fazit:

eine ökonomische Begründung für die Einführung des 12h-Tages / der 60h-Woche entbehrt in allen Branchen (Industrie, insbes. Metallindustrie, Bauwirtschaft und Tourismus/Hotellerie) einer sachlichen Fundierung:

eine solche ist nicht erkennbar.

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3.) Arbeitszeit bisher - Zeitwünsche der Menschen

a.) Agenda Austria: (AA)

ein neoliberaler "ThinkTank" der von allen möglichen Banken und Konzeren finanziert wird. Es werden dann die gewünschten GUTachten abgeliefert.

Wie bestellt - eben.

Hier ist ein Beispiel, wo mit einem Arbeitszeiteinbruch von 11% zwischen 2000-16 geworben wird. https://www.facebook.com/AgendaAustria/posts/2134267613459029?comment_id=2134475636771560&notif_id=1530282183198629&notif_t=comment_mention

Siehe vor allem die schöne Grafik von der OECD - angeblich . . .

Österreicher arbeiten also um 10% weniger als im Jahr 2000? Wirklich?

https://www.agenda-austria.at/grafiken/gearbeitete-stunden-pro-erwerbstaetigen/

b.) Einer kurzen Analyse von so 10 - 11,3535 Minuten - höchstens - hält diese Propaganda nicht statt, wie leicht zu beweisen ist:

b.1.) ohne einer Gegenüberstellung mit der Produktivität ist diese Grafik sinnfrei. Das reale Wachstum betrug zwischen 2000-2017 satte 30,7 %. Da die Arbeitszeit aber nur um 10% (laut AA) sank, bedeutet dies, dass die Arbeitnehmer – real – um ca. 20% Lohnsteigerung g e p r e l l t (!) wurden !

https://wko.at/statistik/prognose/bip.pdf

c.) Arbeitszeit: hier dürfte sich die AA wohl verguckt und nur die Teilzeitarbeit in ihre Grafik eingebaut haben.

Die WIFO Studie von 2017 (Zeitraum 2005-2015) zeigt bei Vollzeit fast keine Senkung, der Index ist bei 100 geblieben, für die Teilzeit sank er auf ca. 95 ab - beides für den Zeiteraum 2005-15, siehe Folie 10.

http://www.renner-institut.at/fileadmin/user_upload/images_pdfs/veranstaltungen/veranstaltungen_2017/2017-04-03_Update_Politics_Arbeitszeit_und_Arbeitszeitverteilung/2017-04-03_Praesentation_Mayrhuber_Arbeitszeitverteilung.pdf

d.) Auch die Wünsche der Arbeitnehmer, vielfach in windigen und propagandistisch-eingekauften Tete-Umfragen falsch dargestellt, haben mit der Realität nichs zu tun. Denn jede(r) der/die von Wirtschaft "ein bisserl was" . . . versteht, weiß, dass der Mikrozensus DIE repräsentativste Umfrage über die Haushalte ist und die validesten Ergebnisse bringt, siehe Folie 26:

Wunsch der Männer 39-40h / Woche - - - Frauen 31-35 h Woche:

GENAU DIESE ARBEITSZEIT LÄSST SICH MIT DER FAMILIE AUCH VEREINBAREN !

Conclusio:

was die IV und die AA hier verzapfen, ist inferiore "Propaganda in Reinkultur", nur um die Gewerkschaft total auszuhebeln und alle Arbeitnehmer auszubeuten:

SHAME ON YOU !!!

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Nur wer beim Lügen nicht ROT wird - ist ein echter SCHWARZER . . .

(Volker Pispers, genialer Kabarettist)

02:16 30.06.2018
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Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

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