Wien / Fachkräftemangel : eine SURrealsatire.

Fachkräftemangel, Satire Als ich jung war, war die Satire absurder als die Realität! Das war schön ... (Aus der Obersteiermark)
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Fachkräftemangel - eine kapitalistische Rampensau wird durchs Dorf getrieben!

Das Sommerloch war heuer sehr heiß und lang. Die Headlines schafften es kaum über 26 Grad im Schatten. Durchtauchen gabs fast nicht. Wenn da nicht das ewiglaukalte und maue Endlosthema: Ausländer und Flüchtlinge, gewesen wäre.

Wen wunderts, zumal in Bayern die CSU vor der Zerbröselung durch die Rechten - die Alternativlosen fürs Abendland - stehen. Das Herumgesudere - auf bayrisch: söder mich nicht an - Mann..., quillt durch alle Gazetten. Nur im Boulevard dampft die Kacke etwas deftiger. Hat sich der Dampf verzogen, bleibt der Gestank des "Braunen Haufens". (So nannte Wolfgang Ambros, Austro-Pop-Urgestein, die FPÖ in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung)

Und auf einmal tauchte er aus dem Nichts auf: der Fachkräftemangel . . .

Gut, in Deutschland wird dieses Sommerloch so hie & dann aufgeköchelt - kommt aber selten über den Geschmack einer fettig-triefenden Klachl-Suppe hinaus. In der Sache längst entkernt, schwimmen die Propaganda-Fettaugen leicht erkennbar oben auf. Und sie gucken auch so unschuldig.

Sogar das Manager-Magazin hat sich vor mehr als einem Jahr, diesem Thema gewidmet. "Wir finden keine Fachkräfte mehr" - tönt es aus allen Arbeitgeberverbänden und Kegelvereinen. Welches Kraut dort geraucht wurde, ist noch Gegenstand von polizeilichen Ermittlungen. Ob auch gesoffen wurde? Na - was denken Sie denn?

Politiker und Lobbyisten trällern den Sing-Song des Fachkräftemangels wie einen billigen Schlager, der bald Deutschland in den Abgrund führen wird, in die weite Welt hinaus. Den brummigen Unterton liefern anerkannte Ökonomen aus höchst renommierten Instituten, wie zB. dem Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) und dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI).

Sie haben sich 2015 in das Thema verbissen und ihre Schlussfolgerung meiselt das Ende des Deutschen Wirtschaftswunders in die Wand:

- bis 2029 fehlen bis zu 390.000 Ingenieure in Deutschland,

- das Land wäre spätestens 2025 wirtschaftlich dem Untergang geweiht.

Tja, das mit Prognosen über den Tag hinaus, ist so ein Ding. Hätte ich 2007 vorausgesagt, dass der 4-fache Weltmeister Deutschland 2018 schon in der Vorrunde ausscheidet, man hätte mich eingeliefert - in die "Geschlossene" . . .

Bei Ökonomen ist dies völlig anders: da wird endlos über Wettervorhersagen von 10 bis 40 Jahren debattiert. Es spielt auch keine Rolle, dass sich dasselbe Institut bei seinen Ziffern schon 2009 um 140.000 fehlende Fachkräfte verrechnete. Das geht im Bodennebel des Stammtisches, ähm ... der "Wissenschaft", unter. Es wird darüber hinweg gejodelt.

And the Winner is ... ?

Wissenschaft ist keine demokratische Veranstaltung: es gewinnt nicht der, der medial am Lautesten brüllt oder irgendeine Gang hinter sich versammelt! Die so genannte Fachkräfteengpassanalyse der Agentur für Arbeit bringt Aufklärung. Die Information auf Seite 4 ist sehr erstaunlich und bricht mit voller Wucht auf die Politiker und Lobbyisten herein:

"Aktuell zeigt sich nach der Analyse der Bundesagentur für Arbeit kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland."

Den Mythos vom Fachkräftemangel beschreibt auch die Wirtschaftswoche (WiWo) vom 1. November 2017. Wöchentlich werden seit Jahren die Menschen mit dieser dreisten Lüge zugemüllt, stellt die WiWo fest. Das es noch doller ... geht, beweist das Forschungsinstitut Prognos: sie errechnen einen Bedarf an "Fachkräften" von 3 Millionen für das Jahr 2030.

Was sagt uns "The Invisble Hand"?

Na, Sie wissen schon: das allmächtige Credo der freien Märkte.

Unsichtbar, wie von Merlins Zaubertrunk geleitet, werden alle Märkte dieser Welt in ein Gleichgewicht zurück gesteuert. The "Invisible Hand" machte zwar 2008 ff. beim Ausbruch der größten Bankenkrise seit Menschengedenken Urlaub - aber wen kümmert das schon? Die Knappheit treibt den Preis, heißt es. Wenn es einen Nachfrageüberhang gibt (die Unternehmen keine Fachkräfte bekommen) dann müssten die Löhne durch die Decke schießen: tun sie aber nicht?!

Laut einer aktuellen Gehaltsanalyse der Korn Ferry Hay Group stiegen die Löhne 2017 so wenig, wie seit 2011 nicht mehr: um sagenhafte 0,7 Prozent.

Blöd. Dumm gelaufen.

Das in allen Leer-Büchern so oft strapazierte „Gesetz von Angebot und Nachfrage“ wirkt einfach nicht. Selbst das wischen die Politiker nach einigen Maß Bier weg. Weil es nur um die Propaganda und um billige Arbeitskräfte geht, um damit eine Lohnspirale nach unten durchzusetzen. Der Rest ist „Powidl“.(Marmelade / Konfitüre, ins Deutsche übersetzt).

Österreich: „Kommen ohne Zuwanderung nicht aus“ …

sagt der Wunderwuzzi Mahrer, Chef der WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich) in der Krone, dem Boulevardblatt mit der größten Reichweite der Welt. 2,3 Mio. Leser, mehr als 30 Prozent – am Sonntag sogar 2,8 Mio Leser und 38 Prozent Reichweite. Das gibt’s nicht mal in Albanien, sagen wir bei uns in Wien voller Ehrfurcht . . .

Ja, da lässt sich ordentlich Stimmung machen: No doubt about that!

Und Mahrer legt ordentlich los und stellt einen Fachkräftemangel von 162.000 Menschen fest. Österreichs Wirtschaft – wie zuvor die Deutsche auch – ist dem Untergang geweiht. Wenn - ja wenn es nicht zur „organisierten Zuwanderung“ kommt . . .

Basta und Kusch. (Kusch steht für „Hund leg dich nieder“ / österreichische saloppe Aufforderung, ruhig zu sein – zu kuschen).

Einen Zuzug von Menschen außerhalb der EU, der insbesondere auch für Lehrlinge gelten soll, sehe er als „die letzte Möglichkeit“. Der Jobgipfel der Regierung (sie kündigte an, 100000 Jobs für Menschen unter 25 Jahren zu schaffen - ließ aber im Herbst das unter der alten Regierung beschlossene Paket für Arbeitslose über 50 Jahre auslaufen) reiche nicht aus. Auch die Rot-Weiss-Rot-Card für die Zuwanderung aus nicht EU-Staaten sei zu bürokratisch. Das gelte auch für die Mangelberufsliste, die in Windeseile erstellt wurde, damit man schnell ein Zuwanderungspaket beschließen kann.

Den Einwand der Gewerkschaften, dass es in manchen Mangelberufen mehr Bewerber als offene Stellen gäbe, wischt er weg. Dies sei „polemisch“ . . ., weil den Betrieben de facto das Personal fehle.

Tja … so sieht der Wandel, das Neue Regieren, aus:

Basta – und Kusch!

Mahrer: Fake News ohne Realitätsbezug.

Neben dem Messias-Kurz, der sich über eine Prüfung durch die UNO zur Asylpolitik harsch äußerte (tja, Kritik an Gottheiten übt man nicht), ist Mahrer der ökonomische Wunderwuzzi. Zumindest sagen das die Türkisen - also die anderen.

Seit er neben dem WKÖ-Boss auch noch in den Generalrat der Nationalbank einzog (so als wenn der BDI-Chef auch der Oberaufseher der Bundesbank wäre) steht er in der Kritik: aber eh nur ein bisserl … weil die veröffentlichte Meinung bei uns fest in der Hand der Rechten Mainstream-Medien ist. Sie werden von ein paar reichen Familien, ähnlich wie in Deutschland, kontrolliert und sie haben auch Kurz - ihren PR-Mann - über Jahre aufgebaut und in windige Höhen geschrieben.

Die Krone fungiert als Sprachrohr für alle „kleinen Männer“, die zum Kuschen verdammt sind und die durch den Boulevard - Krone und die beiden Gratiszeitungen "Heute und Österreich" - mit Extramüll zugeschaufelt werden. Die Gartiszeitungen, die an allen U-Bahn und Bimstationen öffentlich aufliegen, werden vor allem von der Wiener SPÖ mit Werbung in zig Mio-Höhe am Leben erhalten: vonwegen gratis . . .

Blöd nur, dass das bei der Nationalratswahl so gar nicht geklappt hat mit der "gekauften Meinung". Die beiden Blätter wandten sich Kurz, dem Messias für eh olles..., zu. Kern, der SPÖ-Mann, hat als PR-Magister alles vergeigt was es zu vergeigen gibt - und man will schlussendlich doch bei den Siegern sein.

The winner takes it all...

Die inferiore Propaganda Mahrers hält einer kurzen Prüfung nicht stand:

Die WKÖ (Wirtschaftskammer Österreich) beauftragte das Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) mit dieser Erhebung:

- Es wurden im April 80.000 Betriebe angeschrieben, nur 4.462 antworteten und gaben ihre offenen Stellen bekannt: rund 9.000. Die Ergebnisse rechnete man dann auf alle 180.000 Mitgliedsbetriebe einfach hoch.

Während deutsche Institute immerhin die registrierten Arbeitslosen berücksichtigen, war dies hier nicht der Fall. Die Erklärung des IBW-Experten ist interessant: „Weil es dem Tiroler Betrieb ja nicht hilft, wenn es in Wien noch einen Job suchenden Koch gibt“ . . . Da gehört schon eine große Portion Chuzpe dazu, so einen Sager einfach rauszuschieben. Das können nur wenige, ganz wenige.

- so entstanden die 162.000 Fachkräfte, die angeblich fehlen sollen? Der Mangel betrifft vor allem den Tourismus, das Gewerbe und das Handwerk, wurde konstatiert; Mahrer meinte dazu so lapidar wie intelligenzbefreit: es sei ein „repräsentatives Sample“ - und die Berechnungen seien “konservativ“ angesetzt: Na dann . . .

(Anmerkung: es gibt je nach Monat ca. 340-380.000 Arbeitslose und ungefähr 80.000 offene Stellen. Das ergibt ein Verhältnis von ca. 5 : 1, selbst wenn man die 162.000 der seltsamen Studie heranzieht, ergibt dies 2 Arbeitslose, die sich um 1 freie Stelle bewerben. Selbst in den so definierten Mangelberufen, wie dem Gastgewerbe, gibt es in Tirol einen Überhang: 238 Arbeitslose treffen auf nur 189 offene Stellen. Überdies gab es um 80.000 Menschen mehr in Beschäftigung als im August 2017 – und trotzdem ortet die WKÖ einen steigenden Fachkräftemangel? Die Erhebung der WKÖ dürfte mit der Realität wenig, mit Propaganda aber sehr viel zu tun haben . . .)

- die Industriellenvereinigung (IV) führte auch eine Untersuchung im Mai durch, kam aber nur auf ca. 60.000 fehlende Fachkräfte – also einem Drittel der WKÖ Ziffern. Die Vermutung liegt sehr nahe, dass sich die 2 neoliberalen Think-Tanks nicht genug abgesprochen haben… Da gibt es noch großes Potenzial nach oben.

- Als Fachkräfte gelten in der Umfrage alle Arbeitnehmer, die nicht nur Hilfstätigkeiten verrichten. Ein sehr großer Regenschirm, den man hier aufspannte damit ja viele Leute sich darunter verstecken können...

- Mahrer sieht, wie die Deutschen „Forscher“ auch, den Fachkräftemangel als das größte Problem für die österreichische Wirtschaft. Wer nicht genug Fachkräfte hat, kann nicht entsprechend investieren und wird auf Dauer nicht wettbewerbsfähig bleiben können, sagt er.

- Moniert wurde auch ein Wunsch der WKÖ auf „Teilkrankschreibung“. Neben dem Befund eines Arztes – krank oder nicht – soll es eine dritte Kategorie geben: teilkrank. Arbeitnehmer müssten dann sehr wohl im Betrieb erscheinen, könnten aber nicht alle Arbeiten verrichten. Die Arbeitgeber wollen den totalen Zugriff und Kontrolle über die Arbeitnehmer.

Nur wenn sie noch am Operationstisch liegen, sind sie "entschuldigt" . . . nicht ihre komplette Zeit dem so furchtbar menschenfreundlichen Unternehmer geschenkt zu haben:

tolle Zeiten!

- - -

Der SUR_Realismus der WKÖ (Wirtschaftskammer):

- Was ist der Unterschied zwischen einem Ausländer, der bereits in Lehre ist aber abgeschoben wird, und einem der „händeringend“ gesucht wird, nur weil er billiger als ein Inländer ist? Es ist der Preis, der Lohn. Es geht um den Profit - was sonst?

Oder glauben Sie ermsthaft, dass eine kapitalistische Organisation mit den Menschen auch nur irgendetwas zu tun haben will?

- Könnte es sein, dass man die Ausländer gleich zwei mal ausbeuten will: einmal als Billigsthackler … und als pöses Feindbild? Türkis ist fürs Erstere - der "Braune Haufen" für die Hetze zuständig: so was nennt man Koalition.

- It`s the economy – stupid? Liebe neoliberalen Wirtschaftsversteher: wenn eine Ressource knapp ist, aber die Nachfrage hoch - was bedeutet das für den Preis/Lohn? Nix wissen? Wohl in der 1. Klasse Handelsschule geschlafen, gell...

- If you pay peanuts – you get monkeys! Nein, das übersetze ich jetzt nicht.

- Was ist das eigentliche Ziel? Die Bosse brauchen mehr Leute, die für noch weniger Geld arbeiten sollen. Man will qualifizierte Menschen hereinlassen, nur um sich die Ausbildungskosten zu ersparen. Die Wirtschaft will also ihre Kosten auf andere abwälzen – nur um des Profites willen. Die Unternehmen quasseln seit Jahrzehnten von den "Human Ressources" - nur zahlen soll der Staat, den sie dann so gar nicht mögen tun. Tja ...

- Teilkrank: wunderbare Idee. Bein geprellt – ab in die Küche zum Erdäpfelschälen und Kaffeekochen. Danach kommt ganz- halb- und teilschwanger. Und zum Schluss hirnschwanger. Und wer Krebs hat, soll dann seinen Urlaub im Krankenhaus konsumieren: verstanden?

- Wenn man nur einen Mindest(tarif-)lohn zahlen will ... Hackeln bis zum Umfallen in Aussicht stellt . . . ja, da werden sich die qualifizierten Fachkräfte aus dem Ausland um die tollen Jobs massenweise raufen – nicht wahr?

- Was hat der vorige Wirtschaftsminister, er hieß Mahrer…, eigentlich so beruflich gemacht? War er nicht am eigenen WIFI (Wirtschaftsförderungsinstitut der WKÖ) in einem Kurs: so geht Wirtschaft ... eingeschrieben?

- Ähm – wenn man nicht genug Fachkräfte hat, kann man nicht investieren, so Mahrer. Wie wärs, einfach mal in Fachkräfte, die man bereits hat und die man leicht mit guten Löhnen bekommen kann, zu investieren? Schon mal darüber nachgedacht?

- Wie sieht es eigentlich mit dem offensichtlichen Fachkräftemangel in der Regierung aus? Wurden hier auch genaue Zahlen erhoben? Die Engpässe treten für alle Blinden leicht erkennbar tagtäglich x-mal hervor.

- Zuerst keine Lehrlinge ausbilden wollen – und dann jammern: geht´s noch?

- Wunderbare WKÖ-Welt: Die Wiener Köche ziehen nicht nach Tirol – wieso? Nun, er soll um den Mindesttariflohn arbeiten … freiwillig und mit viel Engagement eine 60h-Woche abspulen . . . gratis Überstunden für den Profit des Bosses machen . . . seine Wohnung in Wien verscherbeln . . . sich mit 3-4 Leuten ein großes Zimmer teilen . . . und bei Teil-Krankheit sich unaufgefordert in der Küche zum Hilfdienst melden, oder die Toiletten des Hotels reinigen!

Aber - die Wiener Köche wollen nicht gegen den Westen ziehen - wieso wohl?

- F a z i t:

eine Ente … ist eine Ente … ist eine .... ist .... .... . .... ... .... .... !

Lohndumping:

- riecht nach Lohndumping …

- schmeckt nach Lohndumping …

- liest sich wie Lohndumping . . .

und ist Lohndumping! Basta - und Kusch.

Die Satire bessert selten. Darum sei sie nicht bloß lächelnd, sondern bitter, um die Toren, die sie nicht bessern kann, wenigstens zu bestrafen.
@ Jean Paul.

02:28 13.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Pregetter Otmar

Prom. Ökonom, Uni-Lektor, Buchautor. Mein Credo: gute Recherche + griffige Kritik = Lesenswert.
Pregetter Otmar

Kommentare 3